Memoiren eines Schriftstellers - 1. Kapitel   135

Fantastisches · Romane/Serien

Von:    Francis Dille      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 15. November 2015
Bei Webstories eingestellt: 15. November 2015
Anzahl gesehen: 1173
Kapitel: 26, Seiten: 415

Diese Story ist die Beschreibung und Inhaltsverzeichnis einer Reihe.

Verfügbarkeit:    Die Einzelteile der Reihe werden nach und nach bei Webstories veröffentlicht.

Kapitel 1



New York City, Freitag 20. April 1923



Es war wiedermal spät geworden. Der Schriftsteller Jacob L. Stanwick saß immer noch hinter seinem Schreibtisch, lediglich eine Kerzenflamme erhellte seinen Arbeitsplatz. Mr. Stanwick war eine hochgeschätzte und angesehene Persönlichkeit in der Gesellschaft. Er pflegte sogar Kontakte im Weißen Haus und wurde vor einigen Jahren vom Bürgermeister von New York, John Francis Hylan, zum Ehrenbürger ernannt. Selbst Winfield Woolworth, der Erbauer des zurzeit größten Wolkenkratzers in New York und Gründer der zukünftigen Supermarktkette Woolworth, war stolz darauf, den berühmten Schriftsteller als einen Freund nennen zu dürfen.

Mr. Stanwick legte die Schreibfeder nieder, zog seine Brille ab und massierte seine Augen, als die Wanduhr das zwölfte Mal gongte.

Heute war sein Geburtstag, heute war er neunundfünfzig Jahre alt geworden. Die Eiswürfel klimperten im Glas, als Mr. Stanwick seinen Scotch erhob, sich selbst gratulierte und austrank. Eine Pfeife lag rauchend im Aschenbecher.

Draußen regnete es in Strömen, die Regentropfen prasselten gegen die Fensterscheiben seines Büros in der 53. Etage des Woolworth Building. Mr. Stanwick kraulte sich nachdenklich seinen ergrauten Rauschebart und starrte auf sein Manuskript. Zweifelsohne würde diese Lektüre wiedermal ein Bestseller werden. Das erste Kapitel seines neusten Romans hatte er bereits niedergeschrieben, doch nun stockte er, weil seine Geschichte, die er zuvor noch klar und deutlich gedanklich ablesen konnte, plötzlich aus seinem Kopf verschwunden war. Mr. Stanwick setzte die Schreibfeder wieder an und versuchte einfach weiter zu schreiben, selbst das funktionierte nicht mehr. Die Schreibfeder kratzte nur über das Papier, wie ein leerer Füllfederhalter. Der Neunundfünfzigjährige runzelte die Stirn. „Sie schreibt nicht mehr“, brummelte er vor sich her und schüttelte die weiße Feder.

Jacob Stanwick war irritiert. Der integrierte Tintenbestand war doch eigentlich unerschöpflich, hatte man ihm damals vor vierzig Jahren versichert. Die Tatsache, dass die Schreibfeder, die sogar etwas länger als eine Schwanenfeder war, nicht mehr schrieb, beunruhigte ihn sogar mehr als seine plötzliche Schreibblockade. Dies hatte er ebenso nie zuvor erlebt.
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Bestimmt würde es nur daran liegen, dachte er, weil er bereits vor Stunden eine Müdigkeit empfunden hatte. Aber selbst das war völlig ungewöhnlich. Nie zuvor war der Schriftsteller müde geworden, sobald er seine Schreibfeder zwischen seinen Fingern gehalten hatte.

Das Herz pochte wild in seinem Brustkorb und er fühlte sich augenblicklich wach und nüchtern. Mr. Stanwick konnte und wollte es nicht wahrhaben, dass keine schwarze Tinte mehr aus der Schreibfeder floss. Hecktisch nahm er ein leeres Blatt Papier und kritzelte darauf, aber sie schrieb einfach nicht mehr. Verzweifelt suchte er nach verschiedenen Zetteln in seiner Schublade und versuchte erneut seinen eigenen Namen darauf zu schreiben, doch auch dies blieb ergebnislos. Nun wurde ihm der Ernst der Lage langsam bewusst, weil er sich noch genau an die Worte des alten Mannes damals in Argentinien erinnerte, als er ihn fragte was passieren würde, falls die Schreibfeder eines Tages doch nicht mehr schreiben würde: „Dann, mein Freund … Ja, dann ist es vollbracht. Dann wirst du nie wieder schreiben. Nie wieder“, lauteten damals die Worte des alten Argentiniers.



Plötzlich hörte der Herr ein lautes, schabendes Geräusch. Mr. Stanwick – seine Nerven waren ohnehin strapaziert – sah aufgeschreckt über seine Schulter und überblickte sein dunkles Apartment. Es hatte sich angehört, als hätte irgendetwas an einer der Fensterscheiben gekratzt. Mit einer Gabel vielleicht, oder waren es gar Fingernägel? Von draußen sicherlich, aber er befand sich doch im 53. Stockwerk, zweihundert Meter über Manhattan und außerdem regnete es in Strömen. Ein Vogel war es doch sicherlich nicht, oder? in dieser Höhe und bei diesem stürmischen Regen etwa? Sein Mund zitterte vor Aufregung.

Jacob Stanwick schnappte sich eine Kerze, hielt diese in die Höhe und sah angestrengt in die Dunkelheit. Er kniff seine Augen zusammen. Ein Grollen rumpelte durch den Himmel und ließ die Fensterscheiben leicht vibrieren. Die Schränke und die Couchgarnitur warfen ihre Schatten, als ein zuckender Blitz kurzzeitig die Räumlichkeit erhellte.

„Hallo, ist da jemand?“ Doch niemand antwortete oder war zu sehen, selbst als ein erneuter Blitzt kurz weißes Licht spendete. Mr. Stanwick atmete erleichtert auf. Er stellte die Kerze wieder ab und betätigte den Lichtschalter.
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Doch die Lampen leuchteten nicht, der Raum blieb dunkel. Dann hörte er wieder dieses grässliche Kratzen, diesmal viel länger und als er zum Fenster blickte, entdeckte er eine schattige Gestalt. Sie hockte auf der breiten Fensterbank und umklammerte seine angewinkelten Beine. Stanwicks erster Gedanke war, dies ist ein Einbrecher. Nur wie ist er in sein Büro hineingelangt?

„Wer zum Teufel ist da?!“, wiederholte er diesmal energisch, weil er nun Angst hatte.

„Hallo, Mister Jacob Lorenz Stanwick. Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir“, antwortete eine ausgeprägte raue Stimme.

Mr. Stanwick hielt die Kerze in die Höhe, aber erst als ein erneuter, gewaltiger Blitz aufzuckte und sein Apartment sekundenlang erhellte, erkannte er einen jungen Mann, der mit einem dunklen Herrenanzug und Krawatte bekleidet war. Dieser lächelte verschmitzt und blieb einfach hocken, wobei er seine Beine umklammerte.

„Wer-wer sind Sie und wie sind Sie in mein Büro reingekommen?“, fragte Mr. Stanwick völlig überrascht und aufgebracht zugleich. Seine Augen waren weit geöffnet und er blickte verängstigt aus seiner Nickelbrille. Er zitterte sachte, denn dieser junge Mann hatte ihm einen mächtigen Schrecken eingejagt. Wie war es diesem Fremden nur gelungen, unbemerkt in sein Büro einzudringen? Die Tür seines Apartments hatte Mr. Stanwick immer verriegelt, sobald er sein Büro betrat, denn er wollte niemals gestört werden wenn er schrieb, und den Fahrstuhl draußen im Korridor hatte er auch nicht gehört.

„Ich bin erschienen“, antwortete der Eindringling mit seiner rauen Stimme lächelnd. „Erschienen bin ich – er schnalzte mit seinen Fingern –, einfach so … Jacob.“

Das Blitzlicht erlosch, es wurde wieder düster in seinem Apartment und ein mächtiger Donnerschlag ertönte.



Lächelnd ging der schmächtige Mann auf ihn zu. Seine Statue war knabenhaft, er wirkte völlig harmlos; dieser junge Kerl wirkte zart und zerbrechlich, wie eine Porzellanpuppe. Seine Aura strahlte sogar positiv aus – die pur Liebe vermittelte sein Erscheinen. Nun erkannte der Schriftsteller sein Gesicht im Kerzenschein.

Lange kupferrote Haarsträhnen, die ihm bis zum Kinn reichten, verbargen etwas von seinem wunderschönen Gesicht.
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Trotzdem, seine wundervollen blauen Augen strahlten förmlich durch seine roten Haarsträhnen hervor. Sein Hinterkopf, sowie seitlich seines Hauptes, waren kurz geschoren. Was für eine merkwürdige Frisur, dachte sich Mr. Stanwick, als er in sein Gesicht schaute. Merkwürdiger jedoch empfand er seine Stimme, die sich wie eine Raucherstimme, wie die eines alten Mannes oder vielleicht gar einer uralten Frau anhörte.

Der Schriftsteller runzelte seine Stirn. Diese Stimme passte ganz und gar nicht zu der Person des jungen Burschen. Ist dieser Kerl überhaupt eine männliche Person, fragte er sich schließlich?

„Ich habe eine erfreuliche Nachricht für dich“, sagte der Fremde mit seiner ausgeprägten Raucherstimme freundlich, wobei er seinen Kopf leicht zur Seite neigte. In dieser Pose wirkte der Fremde sehr vertraulich. Mr. Stanwick verlor augenblicklich seine Ängste, wie dieser es schon sagte, fürchtete er sich gar nicht mehr sondern fühlte sich in seiner Gegenwart plötzlich geborgen und er hätte ihn am liebsten umarmen wollen.

„Sei erfreut, denn du gehörst jetzt dazu“, fuhr er fort.

„Wozu gehöre ich?“, fragte der berühmte Schriftsteller wie verzaubert, wobei er sein wunderschönes Gesicht betrachtete.

Mr. Stanwick sah ihn mit leicht geöffnetem Mund an. Sein makelloses Gesicht ohne eine einzige Falte; seine wohlgeformte Nase, seine hellblauen Augen, erregten und erinnerten ihn an ein blutjunges Mädchen, an ein rothaariges Mädchen. Wenn er seine Lippen bewegte, spürte er sie förmlich und träumte unweigerlich davon, wie sie an seine nackte Brust entlang glitten, bis hinunter zwischen seinen Beinen. Mr. Stanwick war sexuell erregt, er keuchte und versuchte zwanghaft seine plötzliche unbändige Lust zu kontrollieren. Jetzt zitterte er vor Begierde. Das Kerlchen sah ihn lächelnd an.

„Das gefällt dir, nicht wahr, Jacob?“, hörte Mr. Stanwick ihn reden, obwohl er gar nicht seine Lippen bewegte. Jacob Stanwick hatte die Stimme in seinen Gedanken gehört.

„Du gehörst ab sofort zu den legendären Schriftstellern des Teufels“, antwortete der Rothaarige. „Du wirst eine Legende werden, genauso wie ich es dir vor vierzig Jahren in Argentinien versprochen habe“, hörte Stanwick ihn reden, obwohl der junge Bursche ihn nur regungslos anstarrte.
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„W-was? Wovon reden Sie?“, fragte Mr. Stanwick stotternd, zugleich entschwand seine Erregung und wandelte sich plötzlich in Ehrfurcht um. Die Aura des jungen Burschen – oder war er etwa eine junge Frau? – war überirdisch und es schien, als könnte dieser mental seine Gedanken kontrollieren. Er sah zwar wie ein Mensch aus, aber war er auch menschlich? War er etwa ein Magier? Mr. Stanwick blickte kurz auf seinen Schreibtisch, weil plötzlich die Eiswürfel im Scotch klimperten, obwohl niemand das Glas berührte. Seine gestapelten Manuskripte flogen plötzlich in die Luft und lagen sogleich wieder geordnet auf dem Schreibtisch.



Der fremde Kerl schnappte sich die Schreibmaschinenblätter seines ersten Kapitels vom Schreibtisch, zerknüllte diese und hielt sie über die Kerzenflamme. Er ließ das Manuskript einfach in seiner Hand verbrennen.

„Dieses Buch wird nicht mehr vonnöten sein“, sagte er. „Du wirst eine Legende werden, sei stolz darauf, Jacob. Nicht jetzt und auch nicht in ein paar Jahren, sondern sehr viel später wirst du unvergesslich sein. Wisse, die Menschen werden euch vergöttern, euch für immer beachten und euch somit niemals vergessen, ob ihr nun schlecht ward oder nicht. Dreck am Stecken zu haben, ist charismatisch. Du weißt doch, wovon ich spreche?“, fragte er vorwitzig.

Mr. Stanwick schaute ihn nur mit weit geöffneten Augen wortlos an, zuckte mit seinen Schultern und wankte mit dem Kopf. Der Rothaarige grinste.

„Selbstverständlich weißt du, was ich meine. Lügen ist zwecklos. Du hast Dreck am Stecken, und zwar mächtig. Dein Schicksal hatte dich dazu auserkoren, ein Puzzleteil einer unsterblichen Legende zu werden. Und du hast es tatkräftig unterstützt, indem du diese Schreibfeder benutzt hast. Nun sei stolz darauf und trete deinem Schafott mit erhobenem Haupt entgegen. Deine glorreiche Zeit ist nämlich abgelaufen. Die Schreibfeder gehört dir nicht mehr, wir haben sie dir nur ausgeliehen und dir damit ein Paradies geschenkt. Reichtum und Ruhm ist einem Paradies ebenbürtig. Ist es nicht so? Erinnere dich. Damals, als du in Argentinien warst. Vertrag unterzeichnet bedeutet: Vertrag erfüllen“, lächelte er augenklimpernd.
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„Dafür verlangt der Herr nun Rechenschaft. Pay the price for your paradies, Jacob.“

Wieder erhellte ein Blitz das Apartment in der 53. Etage.

„Was für ein Paradies? Was für ein Herr? Meinen Sie etwa … den Herrgott? Was wollen Sie überhaupt von mir? Ich weiß absolut nicht, wovon Sie reden!“

„Dein persönliches Paradies auf Erden, meine ich natürlich. Die Schreibfeder hat dir ermöglicht, ein berühmter Schriftsteller zu werden. Dadurch bist du reich geworden und konntest dir stets das gesetzliche Recht auf der Welt erkaufen, wenn du wiedermal etwas Abscheuliches getan hast. Immer bist du davon gekommen, weil ich es so arrangiert habe. Nur mir hast du es zu verdanken. Zudem habe ich dich jederzeit vor Krankheit und Unheil beschützt, habe stets dafür gesorgt, dass deine düsteren Begierden befriedigt wurden und du stets ungeschoren davon kamst. Muss ich deutlicher werden?“

„Ja, das wäre wünschenswert, denn ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen!“, empörte sich Jacob Stanwick hartnäckig. Jedoch war dies eine Lüge, denn er wusste ganz genau, worauf dieser Fremde anspielte. Aber wer hatte diesem gutgekleideten Bengel über seine Schandtaten aufgeklärt? Etwa einer seiner Rechtsanwälte, nur die alleine seine dunklen Wahrheiten wussten?



Mr. Stanwick geriet in Panik. Noch nie zuvor hatte er dermaßen Angst verspürt, wie in jenem Augenblick, obwohl er ausschließlich Gruselromane schrieb. Kurzentschlossen eilte er zur Tür, wobei er seinen Ledersessel am Schreibtisch umstieß, rüttelte panisch daran und rief laut um Hilfe. Verzweifelt trommelte er mit seinen Händen gegen die verschlossene Tür, doch sogleich umfasste die Hand des Fremden seinen Mund. Jacob Stanwick blickte mit weit geöffneten Augen ängstlich aus seinen Brillengläsern. Er spürte, dass dessen Hände in Handschuhen steckten. Das war nun wirklich kein gutes Zeichen, denn Mörder trugen gewöhnlich Handschuhe, dachte er. Aber der unheimliche Fremde ließ ihn wieder los, blickte ihn sanftmütig an, lächelte und streichelte seine Wange.

„Junge Weibchen, ausgesprochene junge Weibchen sogar, mit kindlicher Stimme und ihre Brüste waren noch kleine Knospen … Das betört dich immer noch“, sprach er mit seiner rauen Stimme.
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„Du hast sie genossen und dich befriedigt. Heute sind sie kranke und gestörte Frauen, jedenfalls die, die sich nicht umgebracht haben. Freitod, deinetwegen. Was sagst du dazu, mein Freund?“

Einen Augenblick schaute der neunundfünfzigjährige Schriftsteller mit dem ergrauten Rauschebart nur verdutzt drein. Der Rothaarige faltete seine Hände, wie zu einem katholischen Gebet, und führte sie langsam zu seinem Mund, während er lächelnd fortfuhr und weiterhin sanft auf ihn einsprach.

„Diese armen weiblichen Geschöpfe fühlten sich unermesslich erniedrigt und sich von der Welt verlassen, nachdem du sie schamlos missbraucht hattest. Selbst eure Justiz konnte keine Gerechtigkeit walten lassen, auch nicht als sie dich später im Frauenalter erneut anklagten. Denn du bist vermögend und einflussreich, hattest stets die fähigsten Rechtsanwälte angeheuert. Wer glaubt schon einem Kind aus der Arbeiterschicht wenn es behauptet, dass der böse Onkel es geküsst und gestreichelt hat? Zumal dieser böser Onkel obendrein der weltbekannte Jacob Lorenz Stanwick ist!“, fauchte der Rothaarige ihn plötzlich bösartig an.

Der Kerl griff an seinen Rauschebart, zog ihn nahe an sich heran, bis sich ihre Nasenspitzen berührten, sah ihn zähnefletschend in die Augen und packte ihm zwischen die Beine, bis Mr. Stanwick schmerzvoll aufstöhnte.

„Es hatte dir doch Spaß gemacht, dein Schwanz in sie hinein zu stecken, nicht wahr? Aber der eigentliche Grund, weshalb du, der berühmte und angesehene Schriftsteller Mister Jacob Lorenz Stanwick, immer schuldfrei gesprochen wurde war, weil ich stets meine schützende Hand über dich gehalten hatte. Ich stand immer loyal hinter dir, egal, was du getan hattest!“

„Die-die Geschworenen hatten mich immer freigesprochen. I-ich bin unschuldig, ich wusste doch nie, wie alt diese Mädchen waren. Sie-sie hatten mich belogen und mich verführt, weil diese kleinen Biester es nur auf mein Geld abgesehen hatten. Allein nur deswegen wurde ich stets angeklagt. Wer zum Teufel sind Sie überhaupt? Einer dieser miesen Staatsanwälte schon wieder, die mich erneut einzulochen versuchen?“

Eine teuflische Lache schallte aus dem Rothaarigen plötzlich heraus, sodass der Schriftsteller zusammenzuckte.

„Ein zehnjähriges Mädchen träumt höchstens von Bonbons und Puppen, aber doch nicht von Dollars.
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„Die Eltern waren es, die ihre eigenen Töchter auf mich angesetzt hatten, um mich zu verführen und auszunehmen. Ja, diese verdammten Luder werden doch von ihren Eltern absichtlich zu Huren ausgebildet, nur um den berühmten, genialen Schriftsteller wie mich, zu verführen. Dann wollten sie mich erpressen, jawohl, mich erpressen, um an meine Millionen zu gelangen“, fauchte er und stieß ihn mit dem Finger an. „Aber meine Rechtsanwälte konnten meine Unschuld stets beweisen! Ich habe niemals Unrechtes getan, ich habe niemals diese Mädchen verführt, sondern sie haben mich verführt. DAS ist die Wahrheit!“

Der fremde Bursche mit dem Herrenanzug packte ihn freundschaftlich an die Schulter, lächelte und sah ihn an. Seine blauen Augen verzauberten den Schriftsteller erneut.

„Jacob“, sagte der Rothaarige mit seiner rauen Stimme, „du versuchst mich zwar zu verarschen, aber ich verstehe das, weil ich in deiner Situation genauso handeln würde. Aber erkenne es endlich: Ich bin nicht gegen dich, sondern für dich. Ich bin dein Freund, dein bester Rechtsanwalt und ich bin dein Richter. Ich bin … Ich bin dein Schutzengel, verstehst du endlich?“, sprach er beruhigend auf ihn ein.



Der Rothaarige hielt sich kurz die Faust, diese mit einem schwarzen Handschuh verhüllt war, auf seinen Mund, räusperte sich, fasste mit seiner anderen Hand sachte auf Mr. Stanwicks Schulter und führte ihn gemächlich zu einem der großen Fenster. Der Regen prasselte unermüdlich gegen die Fensterscheiben.

„Schau nur, was für ein wundervoller Ausblick auf die Stadt“, fuhr er fort, als beide auf die Lichter hinabschauten. Der Hudson River schimmerte wie eine schwarze, wellige Masse. Dieser Anblick wirkte beruhigend. Nie zuvor hatte Mr. Stanwick dermaßen intensiv aus dem Fenster geschaut, wie in jenem Augenblick. Er nickte kurz.

„New York City ist eine gebeutelte Stadt. Sie hat sich schon immer beweisen und Unheil ertragen müssen, wie keine andere Stadt auf dieser Welt zuvor. Anno 1664 des Herrn, ergaben sich die Holländer den Engländern nach einem blutigen Kampf um ihr Städtchen Nieuw Amsterdam, und so wurde dieses Städtchen unbenannt und als New York geboren.
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Unbarmherzige Bandenkriege um die Herrschaft der Five Points 1820 folgten, dass damals nur ein Armenviertel war und heute Manhattan ist. Die Krawalle von 1863 stürzten die Stadt dann in Zerstörung und New York versank im völligen Chaos. Und heute ist New York die sagenumwobene Stadt, die von Auswanderer überrannt wird. Doch schon bald, sehr bald sogar, wird hier Armut und Obdachlosigkeit herrschen wie nie zuvor, und jeder wird wegschauen. Und weiteres Unheil wird New York in ferner Zukunft ertragen müssen … Großes Unheil, wie es seit dem zweiten Weltkrieg nicht geschehen wird. Vorerst jedenfalls nicht“, grinste er.“

„Zweiter Weltkrieg? Momentmal … der Krieg um Europa ist doch schon längst Geschichte“, antwortete Jacob Stanwick verwundert, doch der Fremde ignorierte dessen Erstaunen.

„Anderseits sind in New York City schon immer Legenden geboren worden, insbesondere künstlerische Legenden. Zukünftig wird es so bleiben“, versicherte er. „Du kennst sicherlich Chester Winstor? Ist schon eine Weile her.“

„Chester Winstor, der Schriftsteller?“, fragte Mr. Stanwick und blickte apathisch auf die beleuchtete Stadt hinunter. Er seufzte „Ich habe ihn mal getroffen, da war ich noch ein kleiner Junge. Das muss im Jahre 1876 gewesen sein, ein Jahr vor seinem plötzlichen Tod. Chester Winstor war der Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts schlechthin. Er hatte die Leute unterhalten und sie zum Fürchten gebracht. Werwölfe, Vampire … Mein Gott, er war mein Vorbild. Leider hatte er sich damals erhängt. Man behauptet sogar, Billy the Kid sei ein Fan von ihm gewesen. William Bonney, wie er eigentlich hieß, hatte seine Romane regelrecht verschlungen. Dieser geniale Schriftsteller wurde nur neunundfünfzig Jahre alt …“

„Ja, er hatte sich erhängt. Der gute alte Chester hatte Dreck am Stecken gehabt, genauso wie du, und hatte sich erhängt“, antwortete der Bursche. „Was für ein tragisches Dilemma“, fügte er zynisch hinzu.

Die wasserblauen Augen des Rothaarigen funkelten, er war fasziniert, als er über zweihundert Meter in die Tiefe hinab schaute. Freundschaftlich tätschelte er auf Stanwicks Schulter. Die Lichter dort unten wirkten beinahe so klein, wie hoch oben die Sterne am Nachthimmel. Mr. Stanwick kraulte sich seinen Rauschebart und spürte die Hand des jungen Burschen auf seiner Schulter.
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Es regnete in Strömen und diese Nacht war besonders dunkel. Wiedermal zuckte ein Blitz durch die Dunkelheit und ließ sogar weit unten den Broadway sowie die Wall Street in Manhattan kurzzeitig erhellen. Überhaupt ließ es sich von dieser atemberaubenden Höhe über die ganze Stadt gut blicken, sogar bis über das Ufer des Hudson Rivers, bis hinüber nach New Jersey sah man winzige Lichter leuchten. Deutlich war zu erkennen, dass sogenannte Oldtimer überall die Straßen überquerten.

„Nun sagen Sie schon, wer Sie sind“, sprach Mr. Stanwick mit nüchterner Stimme. „Sie sagten, meine Zeit wäre abgelaufen. Sie sind kein Mensch, nicht wahr?“ Er schaute ihn seitlich mit einem besorgten Blick an. „Ich erinnere mich noch an damals in Argentinien, damals vor vierzig Jahren, als mir dieser alte Mann ein großes Buch präsentierte und etwas von Engeln schwafelte. Er überreichte mir diese Schreibfeder und meinte, dass ich damit Bücher schreiben sollte und dann berühmt und reich werden würde.“

Der Kerl zog seine schwarzen Handschuhe aus – spitze, lange silberne Fingernägel kamen zum Vorschein – und tippte sachte gegen die Fensterscheibe. Das starke Glas zerbärste, es explodierte regelrecht und schoss in tausende Scherben in die Dunkelheit. Stanwick erschrak und weitete erschrocken seine Augen. Der plötzliche Windzug drohte beide hinaus zu saugen. Der Schriftsteller hielt sich verzweifelt am Fensterrahmen fest – sein Jackett flatterte aufgrund des heftigen Sturmes – und sah verdutzt zu, wie ein grelles Licht den rothaarigen jungen Mann mit dem dunklen Herrenanzug umgab. Dieses Licht war zwar äußerst grell, so wie er es noch nie zuvor gesehen hatte, dennoch war es ihm möglich, genau hinzuschauen. Der Wind heulte, eine Regengischt preschte in das Apartment hinein und wirbelte alle Papierblätter von dem Schreibtisch. Selbst sein Schreibtischstuhl flog umher. Das grelle Licht hatte jetzt den ganzen Raum erfüllt und der jugendliche Mann stand nun mit nacktem Oberkörper dar. Sein verschmitztes Lächeln entschwand aus seinem makellosen Gesicht und seine wasserblauen Augen, starrten ihn unheilvoll an. Ehrfürchtig sank Mr. Stanwick auf die Knie, als plötzlich mächtige ausgespreizte, schneeweiße Schwanenflügel aus seinen Schultern schlugen, die den kompletten Raum erfüllten, und nur schemenhaft in dem grellen Licht zu erkennen waren.
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„Ich bin … Javael. Ich bin ein Engel der Finsternis!“, erklang seine ausgeprägte raue Stimme, ohne dass er seinen Mund bewegte. Obwohl der hereinströmende Wind mächtig heulte, hörte Mr. Stanwick seine Worte. Ein regelrechter Hurrikan wirbelte durch sein Apartment und Jacob L. Stanwick wusste nun genau, dass seine Zeit jetzt abgelaufen war.

„Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jacob“, zitierte er aus der Bibel. „Und der dich gemacht hat. Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist Mein! Buch Jesaja, Kapitel … Verzeihe, weiß ich nicht mehr weiter, hab’s doch glatt vergessen. Du verfluchter Scheißkerl!“, fauchte er, wobei seine wasserblauen Augen plötzlich rot leuchteten. Eine teuflische Lache ertönte und als der Engel der Finsternis seine Fäuste ballte und seine Flügel kraftvoll spreizte, wurde Mr. Stanwick augenblicklich aus dem Fenster hinaus katapultiert.

Der berühmte Schriftsteller Jacob Stanwick ruderte verzweifelt mit den Armen; seine Augen waren weit aufgerissen, als er kopfüber zweihundert Meter hinab stürzte und schließlich auf einem Autodach mächtig einschlug, wobei Glas zersplitterte, das Blechdach des Automobils beinahe die Karosserie bis auf den Boden einknicken ließ und der Wagen dabei schunkelte. Der Aufprall war so heftig, dass sogar die Motorhaube abgerissen wurde, durch die Luft wirbelte und schließlich scheppernd auf der Straße entlang schlitterte.

Das grelle Licht war erloschen und der Sturm im Büro hatte sich gelegt. Der rothaarige Engel war wieder mit einem dunklen Herrenanzug bekleidet und blickte hinunter. Er nickte wortlos. Seine Haarsträhnen lagen klatschend in seinem wunderschönen Gesicht an, weil der Regenguss ihm entgegen peitschte.

„Der Herr hat`s gegeben, der Herr hat`s genommen. Lang lebe die Legende“, kicherte er.



Am nächsten Tag stand eine unfassbare Schlagzeile in der Tageszeitung New York Times geschrieben, welche die Welt jener Zeit erschüttert hatte:

Der Schriftsteller Jacob L. Stanwick sprang in den Tod. Ein Abschiedsbrief bezeugt, dass er mindestens dreizehn minderjährige Mädchen missbrauchte.
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Er gibt in seinem Schreiben überdies zu, dass er das Gericht immerzu getäuscht hatte. Unser intellektuelles Vorbild hat Amerika erschüttert. Schande über ihn, möge er in der Hölle schmoren!

Jeder Verlag weltweit, sogar die kleinsten Buchläden, boykottierten daraufhin Mr. Jacob Stanwicks Bücher und verbrannten sie demonstrativ vor ihren Gebäuden. Dasselbe Szenario ereignete sich damals im Jahre 1876, nachdem sich der Schriftsteller Chester Winstor aufgrund eines ähnlichen Deliktes erhängt hatte. Diese Gedanken, von einem Perversen niedergeschrieben, sollten sich niemals verbreiten dürfen, war die Meinung der Gesellschaft. Somit wurden die letzten verbliebenen Bücher des verpönten Mr. Jacob L. Stanwick zur Rarität und Sammler waren noch in den 2000er Jahren dazu bereit, ein wahres Vermögen für seine geschriebenen Schmöker zu bezahlen. Aufgrund der Tatsache, dass nun Jacob Stanwick, genauso wie einst Chester Winstor, an seinem 59. Geburtstag sein Leben ein Ende gesetzt hatte, wurden beide berühmten Männer zum ersten Mal als die Schriftsteller des Teufels bezeichnet. Eine Legende war geboren. Eine verpönte und dunkle Legende.
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