Memoiren eines Schriftstellers - 6. Kapitel   398

Romane/Serien · Fantastisches

Von:    Francis Dille      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 23. März 2016
Bei Webstories eingestellt: 23. März 2016
Anzahl gesehen: 2382
Seiten: 12

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Kapitel 6



William Carter heuerte auf dem Containerschiff Destiny an. Dort hatte er wenigstens eine warme Unterkunft, musste nicht mehr hungern und auch nicht mehr befürchten, zusammengeschlagen oder gar umgebracht zu werden. Obendrein verdiente er zum ersten Mal sein eigenes Geld. Vielleicht wäre seine Mutter jetzt stolz auf ihn wenn sie erfahren würde, dass ihr Sohn endlich einer geregelten Arbeit nachging. Die Destiny steuerte die südliche Route an und durchquerte den Panamakanal. Wenn das Schiff in den Hafenstädten ankerte, begann für die Matrosen die kräftezehrende Arbeit. Die riesigen Überseecontainer mussten mit Stahlketten verzurrt werden, damit die Portalkräne diese vom Bootsdeck hieven konnten. Danach wurden neue Container verschifft. In den unteren Decks befanden sich zusätzliche Frachträume, darin sich hauptsächlich sperriges Postgut befand, welches die Mannschaft mit bloßen Händen hoch hinauf auf das Bootsdeck tragen musste. Dabei wurden sie pausenlos von der Besatzung überwacht. Die Destiny schien William bald wie ein Sklavenschiff zu sein, und die Schikanen die er über sich ergehen lassen musste, war die Peitsche. Er musste sehr bald bitter erfahren, dass auf dem Schiff ein strenger militärischer Ton herrschte. Ein Lob für die tüchtige Arbeit wurde niemals ausgesprochen, dafür aber selbst für den geringsten Fehler ein mächtiger Tadel, anschließend wurde ein Ausgangsverbot verhängt. Als er am ersten Tag, als die Destiny vor New York ankerte, an Bord ging und seinen Arbeitsvertrag unterzeichnet hatte, musste er sogleich seinen Personalausweis abgeben. Eine Vertragsklausel besagte, die er aber erst viel später beim genauen Durchlesen wahrgenommen hatte, dass er sich für fünf lange Jahre Dienst auf der Destiny verpflichtet hatte. Und obwohl man ihn nicht daraufhin gewiesen und ihn somit hintergangen hatte, nahm er sein Schicksal anstandslos hin. Fünf Jahre als Matrose hart zu arbeiten war für ihn allemal attraktiver, als eingezogen zu werden und für ein einziges Jahr in Vietnam um sein Leben zu kämpfen, obendrein Menschen zu töten. Manchmal lag das Containerschiff tagelang an der Pier eines Hafens, jedoch war der Landgang für die Mannschaft sowie Besatzung nur mit einer schriftlichen Genehmigung seitens des Kapitäns gestattet. Aber eigentlich schien es so, dass der muskelöse Skipper, der William in New York angeheuert hatte, die Destiny insgeheim kommandierte.
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Dieser bullige, kahlköpfige Mann verfügte über eine gewisse Macht, denn ihm folgten genügend Handlanger, sodass selbst der Kapitän sich ihm unterordnete. Der Skipper, wie man ihn nur abfällig nannte, entpuppte sich alsbald als ein wahrer Tyrann.

William Carter stand jeden Morgen um 4:00 Uhr auf, blickte in den Spiegel und sah praktisch täglich zu, wie sein Haar und Bart wuchsen. Pünktlich um 4:30 Uhr musste er, wie auch die anderen Matrosen, vor seiner Kajüte antreten, um seine Arbeitsanweisungen zu erhalten. In seiner Freizeit joggte er täglich zwei Stunden lang durch die Korridore sowie auf dem Oberdeck, und stählte im Kraftraum seine Muskeln. William veränderte sich; er versuchte jeglichen Kontakt mit seinen Kameraden zu meiden als er bemerkte, dass er scheinbar der einzige Amerikaner an Bord war. Die Einsamkeit war ihm nur recht und wurde sein Verbündeter – aus dem einst lebenslustigen Bursche wurde im Laufe der Zeit, während das Containerschiff den Südpazifik ansteuerte, ein zutiefst ernster junger Mann, der selten lächelte und der allmählich seinen Humor sowie seine Kreativität verlor.



Chapter 30-36 aus meinen Memoiren: Das Geisterschiff



564. Tag auf hoher See …



Mein Tagesablauf war immer derselbe. Morgens um 4:00 Uhr aufstehen damit ich pünktlich um 4:30 Uhr vor meiner Kajüte antreten konnte. Verschlafen war ein schlimmes Vergehen und wurde stets mit harter Arbeit, ohne Bezahlung und tagsüber nur mit Butterbrot bestraft. Meistens wurde ich dazu verdonnert, wenn wir wiedermal wochenlang durch die Weltmeere fuhren, bis wir in einer Hafenstadt endlich ankerten, die unzähligen Dusch- und Toilettenkabinen des kompletten Schiffes zu reinigen. Dann zog ich meinen Regenponcho und Gummistiefel an und machte mich mit dem Hochdruckreiniger an die Arbeit. Und wenn ich nach einigen Tagen damit fertig war, musste ich die undankbare Prozedur von vorne beginnen. Tag für Tag. Sobald ich Dienstschluss hatte, joggte ich durch das Schiff. Mir war dann aufgefallen, wenn ich an den geöffneten Kabinen vorbei gelaufen war, dass etliche Ausländer an Bord waren, bis mir eines Tages bewusst wurde, dass ich eigentlich der Ausländer war. Hauptsächlich waren Chinesen (vielleicht waren sie auch Japaner oder Koreaner), irgendwelche Osteuropäer und sogar Russen auf der Destiny.
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Ich war sozusagen von Kommunisten umgeben und da fühlte ich mich ehrlich gesagt ziemlich bedroht. Eigentlich konnte ich insbesondere gegen die russischen Kameraden nichts Negatives sagen, denn sie waren sehr nett und sogar lustig. Da war ich sehr überrascht gewesen. Die Russen hatten mich ständig hereingewinkt, wenn ich an ihren geöffneten Kajüten vorbei gejoggt war, und obwohl auch sie mich sprachlich nicht verstanden hatten, versuchten sie ständig mit mir zu plaudern. Aber es lief meistens darauf hinaus, dass sie mich zum Wodkatrinken animieren wollten, diese Angebote ich aber stets dankend ablehnte. Ohnehin wollte ich nur meine Ruhe haben und konnte auf diese dämliche, sinnlose Sauferei gut und gerne verzichten.

Es hatte sich rasch herumgesprochen, welcher Landsmann ich war und wurde Folge dessen von vielen bloß abfällig der Amerikaner genannt. Ich war also wiedermal jemand, jemand den alle kannten. Der Amerikaner. Doch diesmal empfand ich diese Bekanntheit als äußerst unangenehm und wünschte mir, dass ich unscheinbar, ja, sogar unsichtbar gewesen wäre. Wenn nämlich jemand gerufen hatte: „Hey du, Amerikaner, komm mal zu mir her!“, dann wusste jeder wer gemeint war und ich wusste, dass mir wiedermal eine tagelange, wenn nicht gar wochenlange unangenehme Beschäftigung bevorstand.

Abends ging ich dann immer um Punkt 20:30 ins Bett (insofern ich nicht wiedermal für den Nachtdienst eingeteilt wurde) und schlief sofort ein. Ich versuchte die Zeit in New York hinter mir zu lassen. Zwar dachte ich anfangs täglich an Gary und wünschte mir, dass er bei mir wäre, aber ich sah der bitteren Realität ins Auge und fand mich irgendwann damit ab, alleine zu sein. Ich musste vorwärts schauen und auch handeln. Aus dem Auge, aus dem Sinn … diese Redensart wurde mein Motto, daran ich mich verbissen hielt, anders hätte ich damals den Verlust meines besten Freundes niemals verschmerzen können. Sogar das Schreiben war für mich unwichtig geworden. Manchmal setzte ich mich zwar am Tisch hin, welcher direkt unter einem Bullauge stand, um meine Nachtigall Story weiterzuschreiben, aber letztendlich hielt ich nur den Bleistift in meiner Hand und starrte stundenlang auf das endlose Meer hinaus, bis ich meinen Notizblock samt Bleistift frustriert in die Ecke warf.
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Der kahlköpfige tätowierte Kerl, der mich anfangs freundlich angeheuert hatte, war unser Skipper und entpuppte sich rasch zu einem Riesenarschloch. Man muss sich das mal vorstellen, der war sogar im Gesicht tätowiert und sah wie ein Walfänger aus dem 17. Jahrhundert aus. Richtig unheimlich. Der war ein Tyrann wie er im Buche steht, kann ich sagen. Er erteilte seine Befehle ausschließlich brüllend und falls ihm jemand widersprach oder gar die Arbeit verweigerte, dann wurde dieser Mistkerl handgreiflich oder wendete andere Methoden an, um die Mannschaft gefügig zu machen. Besonders war die Ausgangssperre gefürchtet, denn jedermann freute sich wenn wir in einem Hafen anlegten und endlich mal an Land gehen durften. Ja natürlich, nicht nur wegen der wunderschönen Gegend, sondern auch, weil wir schöne Frauen begegnen wollten. Okay, okay, ich gebe es ja zu … Hauptsächlich wegen den Frauen und diese mussten nicht einmal unbedingt hübsch sein. Und ausgerechnet wurde mir der Ausgang ständig mit einer banalen Ausrede verwehrt.



Es gab nur wenige Kollegen, mit denen ich flüchtigen Kontakt pflegte, aber komischerweise hatte ich sie eines Tages nie mehr wiedergesehen. Ich meine, die Destiny war zwar wirklich ein gigantischer Kahn, auf dem man sich anfangs schnell verlaufen konnte, aber trotzdem müsste man sich hin und wieder Mal auf dem Oberdeck oder wenigstens in der Mannschaftsunterkunft wiedersehen. Dort wurde immerhin für verschiedene Freizeitbeschäftigungen gesorgt, wie beispielsweise eine Turnhalle oder Brettspiele und sonstiges, was die Langeweile an Bord vertreiben vermochten. Spätestens in der Kantine hätte ich meine Kollegen täglich treffen müssen, aber sie waren irgendwann einfach spurlos verschwunden, und wir fuhren jetzt seit über vier Wochen konstant über den Pazifik. Ich vermutete ernsthaft, dass sie eines Nachts über Bord geworfen wurden. Anders konnte ich es mir nicht erklären und nachfragen hielt ich für äußerst töricht. Vielleicht war ich aber auch nur paranoid geworden, denn die konstante Einsamkeit verändert irgendwann jeden Menschen.

Letztens, das war irgendwann Mal (keine Ahnung wann, mein Zeitgefühl war längst verflossen), joggte ich wieder durch das Unterdeck und fand eine Zeitschrift auf dem Boden, ein Live Magazin.
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Das war wohl das einzige Mal nach meiner Zeit in New York, dass ich gelächelt hatte. Zum einen, weil es eine amerikanische Zeitschrift war und zum anderen, weil auf der Titelseite Shirley Temple abgebildet war und darin ein Interview plus wundervollen Fotografien von ihr enthalten waren. Ein kleines, schwarz-weißes Porträt von ihr, da war sie ungefähr Mitte Zwanzig, hatte ich ausgeschnitten und auf den Spiegel meiner Kajüte geklebt. Wenn ich dann meine Traumfrau jeden Morgen ansah, munterte sie mich wenigstens etwas auf. Das musste doch Liebe sein, oder? Irgendwie schon, denn sie gab mir die Kraft, dass ich positiv dachte und den Tag überstand. Daran hielt ich mich jedenfalls täglich fest und redete mir ein, dass ich auch diese finstere Zeit irgendwann überstehen werde. Und Shirley Temple war immer bei mir, nur so kam ich mit der Einsamkeit zurecht.



Ich selbst hatte mich letztens auch das erste Mal beschwert, weil der Skipper wieder von mir verlangt hatte, dass ich die unzähligen Kupferrohre im Maschinenraum nochmal lackieren sollte. Ich hatte bereits zuvor über sieben Wochen täglich ausschließlich im Maschinenraum verbracht, dort herrschte ein Höllenlärm und hatte jede Nacht Schwierigkeiten gehabt einzuschlafen, weil ich ständig einen hellen Ton gehört hatte, und ich war heilfroh gewesen als ich endlich fertig gewesen war. Und dann sollte ich wieder von vorne anfangen, also weitere sieben Wochen, dreizehn Stunden pro Tag dort sinnlos ausharren? (Samstag und Sonntag zählten zu gewöhnliche Arbeitstagen) Die bescheuerten Rohre wurden doch von mir bereits frisch lackiert! Das war offensichtlich reine Schikane also hatte ich dem Skipper geantwortet, dass ich mich weigere und sofort den Kapitän sprechen wöllte. Aber der Skipper hatte nur gelacht und etwas geäußert, dass mir zu denken gab: „Wenn dir das nicht passt, wie Dinge hier ablaufen, Amerikaner, dann schlage ich vor, dass du dir deine Badehose anziehst und ab nach Hause schwimmst. Du wärst nicht der Erste, es hatten sich schon einige vor deiner Reklamation dazu entschlossen, baden zu gehen“, hatte er gegrinst.

Außerdem war ich äußerst frustriert, weil der Skipper mir wiedermal den Landgang verwehrte, als wir in Hongkong angelegt hatten. Ich war nun über eineinhalb Jahre konstant auf hoher See gewesen, also ausschließlich auf der Destiny, und durfte bislang nie den Boden eines Hafens betreten.
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Immer wieder wurde ich mit einer banalen Ausrede vertröstet und man machte mir Hoffnung, dass ich im nächsten Hafen endlich Ausgang bekommen würde.

Damals in San Antonio (Chile) durfte ich nicht an Land, weil ich noch neu war und die anderen bereits seit über einem halben Jahr auf hoher See waren. Das hatte ich damals eingesehen und aufgrund meiner bescheuerten Feinfühligkeit sogar befürwortet, es dann später in meiner Kajüte jedoch tagelang bitter bereut, dass ich nicht maßgebend protestiert hatte. Wie dem auch sei …

Wir ankerten sogar vor Tahiti und vor der Osterinsel, ich hätte also niemals flüchten können, aber ich wurde immer wieder für den Wachdienst eingeteilt. Und in Honkong sagte mir der Skipper, dass die Besatzung sich mit chinesischen Nutten vergnügen müsste und die Mannschaft an Bord bleiben sollte. Eventuell könnte er es einrichten, dass ich in Europa Landgang genehmigt bekäme, vertröstete mich der Skipper. Von diesem Augenblick war ich happy gewesen und freute mich ungemein darauf endlich mal was anderes zu sehen, als eine endlose See und wollte endlich einen festen Boden unter meinen Füßen spüren, obwohl unsere nächste Station Europa noch weitere zwei Monate andauern würde. Wenn ich abends in meiner Freizeit durch das Schiff joggte, träumte ich davon abzuhauen. Ich hatte es nämlich unsäglich satt und weigerte mich innerlich, noch weitere drei Jahre auf diesem verdammten Pott zu verweilen. Mittlerweile war ich sogar davon überzeugt, dass es absolut lehrreicher gewesen wäre, wenn man mich in den Dschungel von Saigon geschickt hätte. Und wenn ich dabei drauf gegangen wäre, was soll`s? Das Leben, welches ich gerade ausharren musste, war absolut für die Tonne. Wenn ich Vietnam überlebt hätte, wäre ich wenigstens nach einem Jahr wieder frei gewesen. Scheiße, Mann! Die Arbeit auf der Destiny war mir unsäglich zuwider geworden und nach meiner Rechnung, abzüglich der Verköstigungen und sonstiges, standen mir bislang sage und schreibe ungefähr 2000 Dollar zu, die ich mir selbstverständlich komplett ausbezahlen lassen würde. Danach würde ich von diesem verfluchten Kahn verschwinden, lautete mein aktueller Plan.
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In der Nacht, am Freitag des 11. August 1967, war ich für meine Flucht bestens vorbereitet gewesen. Ich beabsichtigte nur das Wichtigste in meinen Rucksack mitzunehmen: Meine Notizblöcke und ein Handtuch, schließlich sollte der Skipper keinen Verdacht schöpfen.

Ich war frohen Mutes und joggte wiedermal durch die Korridore. Das ganze Eisen, die Rohre, die Stahlluken und die Lichtröhren an den Decken des Schiffes erinnerten mich an ein Gefängnis. Ich fühlte mich wie in einer Sardinenbüchse gefangen.

Ich war topfit geworden und konnte absolut klar denken; meine Albträume hatten sich auch verflüchtigt. Doch plötzlich verlangsamte ich keuchend mein Tempo, als ich am besagten Tag wiedermal joggte, bis zum Stillstand, weil aus der untersten Ritze einer Toilettenkabine merkwürdiger weißer Dampf hervorquoll. Ich erstarrte, denn es war der gleiche weiße Dampf wie damals, als Howard Robinson ermordet wurde und der mich stets in meinen Träumen verfolgte. Zudem zuckten die Lichtröhren an den Decken plötzlich. Dreimal kurz, dreimal lang. Dann wieder … Dreimal kurz, dreimal lang. Ich beobachtete schwer atmend die Lampenröhren, wie sie aufblinkten. Das war eindeutig der Morsecode S.O.S. Dann öffnete sich langsam, wie von Geisterhand geführt, die Kabinenluke und der weiße, wölbende Nebel kroch am Boden, bis hin zu meinen Füßen entlang. Mir war zwar mulmig zumute, aber meine Neugier bezwang meine Furcht und so betrat ich den hellen, gefliesten Toilettenraum.

Der Nebel strömte regelrecht unter einer geschlossenen Toilettenkabine hervor, das war offensichtlich das Zentrum des Übels, zudem leuchtete dieser grell. Es war zwar sehr unheimlich, aber ich beschloss endlich herauszufinden, was mich in meinen Träumen und nun auch in der Realität verfolgte. Es sollte endlich aufhören! Und nur wenn man sich seiner Angst stellt, wird diese für immer verschwinden, hatte ich in einem Bericht meines gefundenen Live Magazins gelesen.

Leicht zitternd öffnete ich also die Toilettenkabine und sah erschrocken, wie der eigentlich tote Schriftsteller Howard Robinson mit heruntergelassener Hose auf dem Klosett hockte. Ich erstarrte vor Schreck. Ein grelles Licht umhüllte ihn und der weiße Nebel strömte zischend heraus.
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Der Kahlkopf blickte mich mit seiner großen Hornbrille lächelnd an und spreizte seine Beine, sodass ich seinen strammen Penis erblickte. Es war widerlich.

„Na Junge, magst du dir ein paar Dollars verdienen?“, fragte er grinsend.

Mit weit geöffneten Augen ging ich schreiend ein paar Schritte zurück, stolperte und fiel zu Boden, weil mich ein Rollstuhl umstieß.

Und da war sie wieder, dieses Mädchen, diese Puppe mit den verdrehten Gelenken und dem zugenähten Mund. Jeweils seitlich hatte sie Zöpfe und ihre Augen blickten mich traurig an.

Panisch kroch ich auf allen Vieren rücklings davon, denn diesmal war es kein Traum, sondern real. Noch bevor ich mich selbst fragen konnte, was hier gerade geschah, hörte ich ein Quietschen und sah zum beschlagenen Spiegel. Eine unsichtbare Geisterhand schrieb mit dem Finger: Hallo Willie … Fürchte dich nicht.

Als dann zusätzlich eine Lache ertönte, die im Toilettenraum hallte, flüchtete ich hinaus. Draußen im Korridor beobachtete ich, wie sich die Luke von alleine ruckartig schloss, als hätte sie jemand von Innen fest zugezogen. Der weiße Nebel zog sich ebenso ruckartig durch die Ritzen zurück und die Lichtröhren leuchteten wieder normal. Das zuckende S.O.S Lichtsignal hatte aufgehört.



„Hey, du! Ja, dich meine ich. Hast du mal ne Minute Zeit?“, hörte ich plötzlich eine Stimme sprechen. Ich blickte keuchend in dessen Richtung und sah dort jemand sitzen. Das schruppende Geräusch der Schiffsschrauben nahm ich wieder wahr.

Weit hinten im Gang hockte ein Kerl mit einem Cowboyhut, der sein Bein lässig angewinkelt hatte. In seinem Mundwinkel steckte eine Zigarette und in seinen Händen hielt er ein Buch. Es wäre sicherlich totenstill gewesen, aber die permanenten Maschinengeräusche der Destiny waren, wenn man jahrelang über die Meere fuhr, wo auch immer man sich auf dem Schiff aufhielt, stets zu hören. Aber dieses Geräusch nahm man schon gar nicht mehr bewusst wahr, man würde sich eher wundern, wenn die Schiffsschrauben auf hoher See plötzlich verstummen würden.

Langsam ging ich auf den unbekannten Mann zu. Er schob seinen Cowboyhut etwas zurück, sodass ich sein Gesicht sehen konnte. Irgendwie kam er mir bekannt vor – diesen Typ hatte ich schon einmal gesehen.
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Aber wo? Ein waschechter Cowboy war mir allerdings zuvor nie begegnet. Um ein Gespräch mit ihm anzufangen, fragte ich ihn nach dem Buch.

„Hi, wie geht`s? Was liest du denn da? Ernest Hemingway, H. G. Wells oder …“

„Chester Winstor, mein Lieblingsschriftsteller. Ich vergöttere ihn“, antwortete er. „Vergötterst du nicht auch einen Schriftsteller? Vielleicht Howard Robinson?“

Er zog plötzlich einen Revolver aus dem Halfter, welcher an seinem Gürtel befestigt war, ließ diesen geschickt an seinem Finger kreisen und schwupp, war die Pistole wieder im Halfter verschwunden. Mit einer unglaublichen Schnelligkeit, die mir wie ein Zaubertrick vorkam, wiederholte er sein Kunststück und hielt mir abermals seine Knarre entgegen. Dann ließ er den Revolver erneut an seinem Finger kreisen und war wieder ruckzuck im Halfter verschwunden. Völlig verblüfft starrte ich den Cowboy an. Dann breitete er seine Arme auseinander, spuckte seine Zigarette weg und grinste dabei.

„Mit dir sollte man sich besser nicht duellieren. Selbst Clint Eastwood hätte keinerlei Chance gegen dich“, meinte ich daraufhin scherzhaft.

Der Kerl entlockte mir ein Lächeln, denn ich war fasziniert. Das war wie ein Zaubertrick; wie ein waschechter Cowboy sah er aus und genauso konnte er mit dem Revolver umgehen. Zudem schien er ebenfalls ein Amerikaner zu sein, sein Slang verriet es. Allerdings klang er wie ein Texaner aus dem Wilden Westen.

„An deiner Stelle würde ich mich schleunigst vom Acker machen. Dieses Schiff ist nichts für dich, Carter“, sagte er und reichte mir zur Begrüßung die Hand. Klatschend trafen sie aufeinander.

„Ich weiß“, seufzte ich, „aber der verdammte Skipper lässt mich nicht von Bord. Was soll ich machen? Wie komme ich von hier weg? Kannst du mir vielleicht helfen?“

Ich ging in die Hocke und blickte in sein Gesicht. Er kam mir irgendwie bekannt vor, so wie er verschmitzt lächelte.

„Sag mal, woher kennst du eigentlich meinen Namen? Alle nennen mich doch nur den Amerikaner.“

Als ich ihn fasziniert musterte, zog er plötzlich wieder seinen Revolver, hielt mir diesen direkt an die Stirn und sah mich einen Augenblick todernst an. Als ich dann erschrocken aufblickte und schluckte, grinste er wie ein Spitzbube.
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Ich spürte den kalten Revolverlauf zwischen meinen Augen. Genauso schnell verschwand der Revolver wieder in seinem Halfter. Der Schiffskorridor war verlassen, nur der merkwürdige Typ und ich waren anwesend. Unsere Worte hallten sachte, während wir uns unterhielten. Von irgendwoher tropfte permanent ein Wassertropfen.

„Buh! Hoffentlich hast du dir jetzt nicht in die Hose geschissen, Carter. Übrigens, ich heiße William Bonney.“

„Ach, du heißt auch William? Was für ein Zufall, ich nämlich auch“, erwiderte ich fröhlich und lachte.

„Ja, ist wirklich zum Todlachen“, antwortete er mit einem sarkastischen Unterton. „Der da hinten heißt übrigens auch William“, sagte er gelangweilt und deutete mit dem Daumen den Gang entlang, ohne dabei hinzuschauen. „Das ist Willam Wallace. Was sagst du dazu?“

Ich sah nur ein paar Meter von mir entfernt einen Mann mit langem Haar, der ein verschmutztes Hemd und einen Schottenrock trug. Dieser starrte mich grinsend an und schwang dabei elegant ein Schwert.

„Hör auf Bonney, auch wenn er ein Riesenarschloch war. Scheiß auf die Heuer und verschwinde schleunigst von diesem Schiff. Noch bist du jung und unschuldig, noch kann deine Seele gerettet werden“, lächelte er.

„Hey, Wallace, mach mich nicht vor unserem neugewonnenen Freund so schlecht. Wenn man`s genau nimmt, warst du ebenso ein Arschloch, wie ich. Nur ein viel, viel älteres Arschloch.“

Der Cowboy grinste, nun war mir die Gegenwart von beiden Williams nicht mehr geheuer. Der bärtige Langhaarige mit dem Schottenrock schwang erneut sein Schwert und zwinkerte mir lächelnd zu. Plötzlich stand ein ominöser Herr, mit einem Zylinderhut und durchlöcherten Frack hinter mir. Er grinste, wobei sich sein gezwirbelter Schnauzbart verzog, und er begrüßte mich, indem er seinen Zylinderhut abnahm und sich vor mir sogar verbeugte.

„Gestatten, mein Name ist William Cutting. Ich bin aus New York, aber alle nennen mich Bill the butcher. Ich bin der Herrscher über die Five Points. Nun ja, ich war es einst gewesen“, grinste er.

„Die-die Five Points in Manhattan? “, fragte ich ungläubig. „Die gibt es doch längst nicht mehr. Meinen Sie etwa den Columbus Park?“

Mittlerweile kannte ich mich in New York ziemlich gut aus.
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Die Five Points waren einst im 19. Jahrhundert ein Armenviertel gewesen – die Five Points waren längst Geschichte. Meine Fröhlichkeit, endlich unter Landmänner zu sein, verging mir allmählich als ich überall Stimmen hörte, die meinen Namen riefen. In verschiedenen Stimmlagen hörte ich plötzlich meinen eigenen Namen rufen: William … Willlliam … Will-liam. Es war unheimlich.

Dieser Cowboy, der Typ mit dem Schwert und der stets grinsende Mann mit dem gezwirbelten Schnauzer und Zylinder, behagten mir nicht. Wortlos joggte ich an ihnen vorbei.

„Hey, was ist los mit dir, Willie? Wo willst du denn hin? Wir sind doch unter Freunde!“, rief der Cowboy mir hinterher. „Du … Du willst berühmt und eine Legende werden? Dann lungre nicht sinnlos auf einem Schiff rum, sondern tu was. Tu gefälligst was dafür! Das hatten wir auch getan!“



Ich ignorierte diese merkwürdigen Käuze und joggte einfach wortlos davon. „Tu was dafür, tu was!“, hörte ich sie ständig gleichzeitig rufen. Ich fühlte mich ziemlich veräppelt. Jeden den ich antraf hieß also zufälligerweise auch William? Das war doch nicht normal. Als ich dann später wieder in meiner Kajüte lag und noch bevor ich einschlief im Live Magazin rumblätterte, schreckte ich hoch, als ich ein kleines Sepiaporträt erblickte darauf ein Cowboy, mit einem Gewehr in seiner Hand haltend, zu sehen war. Dieses Foto war im Jahre 1878 fotografiert worden. Es war dieselbe Kleidung, derselbe Cowboyhut und dasselbe Gesicht, wie dessen Kerl ich am Abend im Korridor kennen gelernt und dieser sich als William Bonney mir vorgestellt hatte. Auf dieser Fotografie war ein gewisser William H. Bonney abgelichtet worden, auch Henry Antrim oder auch Kid Antrim genannt, aber eher weltweit bekannt als Billy the Kid.

Hastig blätterte ich die Zeitschrift durch und entdeckte einen Artikel über William Wallace, der im Jahre 1200 ein schottischer Freiheitskämpfer gewesen war. Schließlich entdeckte ich ein verschwommenes, schwarz-weiß Porträt aus dem Jahre 1855, darauf ein grinsender Mann mit einem Frack und Zylinder abgebildet war. Das war William Cutting, ein amerikanischer Mobster, der seinerzeit über die berühmte Five Points in New York herrschte.

Erschöpft legte ich mich zurück ins Kopfkissen, starrte die Decke an und hörte den schruppenden Maschinengeräuschen zu.
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Ich hatte diese Leute allesamt real getroffen, obwohl sie bereits seit langer, langer Zeit tot waren. Sie waren keine Träume sondern tatsächlich Realität gewesen. Zumindest hatte ich ihre Anwesenheit real wahrgenommen. Besaß ich nun ebenfalls, wie Big Martha, die Fähigkeit mit Toten zu kommunizieren? Darauf konnte ich aber gut und gerne verzichten.



William Carter blätterte einige Seiten seines Live Magazins zurück, bis zu den wundervollen Porträts von Shirley Temple. Er seufzte. Einen Augenblick betrachtete er ihr hübsches Gesicht und hielt inne, bevor er auf ihren Mund küsste und die Zeitschrift an seine Brust drückte. Dann schaltete er seine Taschenlampe aus, hörte das schruppende Geräusch der Schiffsschrauben zu und schlief erschöpft ein. Der nächste Tag war der geplante Tag, indem er von diesem unheimlichen Schiff flüchten wollte. Der nächste Hafen, welcher die Destiny ansteuerte und anlegen würde, war Constanta. Eine Hafenstadt in Rumänien.
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