Die Kinder von Brühl 18/ Teil 3/ Die Russen und die Neue Zeit/Episode 14/ Der süße Rausch und das Große Indianerehrenwort   370

Romane/Serien · Erinnerungen

Von:    rosmarin      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 6. Juli 2023
Bei Webstories eingestellt: 6. Juli 2023
Anzahl gesehen: 1299
Seiten: 5

Diese Story ist Teil einer Reihe.

Verfügbarkeit: Die Verfügbarkeit ist eine Angabe die nur im Prologteil der Reihe zur Verfügung steht.

Diese Story wurde zwar als Teil einer Reihe definiert, eine entsprechende Prologangabe fehlt allerdings noch.

   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Episode 14



Der süße Rausch und das Große Indianerehrenwort



Kurz vor der Sperrstunde, bevor es ganz dunkel war, kam Rosi in Brühl 18 an. Sie war noch ganz erfüllt von dem Erlebnis mit Pawel auf dem Schwarzmarkt. Doch auch etwas wehmütig. Jetzt, wo Pawel nach Berlin gereist war, würde sie ihn vielleicht niemals wiedersehen. Irgendwie fühlte sie: Die Tafel Schokolade war sein Abschiedsgeschenk. Am liebsten würde sie dieses Abschiedsgeschenk in das Kästchen mit den Erinnerungen unter ihre Matratze legen. Aber sie wollte die Schokolade ja mit ihren Geschwistern teilen. Dann wäre sie allerdings weg. Und damit vielleicht die Erinnerung an Pawel. Wenn sie das Kohlestückchen damals von dem Flüchtlingsjungen Walter nicht aufgehoben hätte, hätte sie ihn bestimmt auch vergessen.

Unschlüssig stand Rosi in ihrer Schlafkammer vor dem Bett. Traurig schauten die zwei Pferdeköpfe hinter Glas auf sie herab. Sie konnten ihr auch nicht helfen. Haben sie noch nie gekonnt. Gefangen und verstümmelt. Wie sie waren.

Nach einer Weile stand Rosis Entschluss fest. Die Schokolade gehört zu den Erinnerungen. Auch, wenn ihr noch so sehr das Wasser im Mund zusammen lief. Um dem entgegenzuwirken, hatte sie eine flammende Idee. „Wieder eine“, würden Jutta und Karlchen sagen. Bei Lichte betrachtet, wie man so sagt, war ihre Idee wirklich etwas ungewöhnlich. Mal sehen, was Jutta und Karlchen dazu sagen würden. Bertraud Johanna würde sie natürlich ausschließen. Sie würde nur wieder petzen. Margitta war noch zu klein. Und Walti erst recht.



Mit einem Ruck schmiss Rosi das Bettzeug auf die Dielen. Sie holte die Schokoladentafel aus ihrem alten Ranzen und roch genüsslich daran. „Wunderbar“, flüsterte sie. „Wunderbar. Aber jetzt kommst du dahin, wohin du gehörst.“ Rosi suchte die aufgerissene Naht in ihrem Strohsack. Vorsichtig tastete sie nach dem Kästchen. Das Kästchen war nicht viel größer als die Schokoladentafel.

„Hier bleibst du jetzt“, sagte Rosi zu der Tafel Schokolade. „Ich muss wieder nach unten.“

Behutsam klappte Rosi den Deckel über das Erinnerungskästchen. Dann versteckte sie es wieder in dem Strohsack. Der wie eh und je auf den rohen Brettern lag. „Neu aufgefüllt müsste der auch mal werden“, dachte Rosi laut.
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„Der ist ja ganz verklumpt.“

Rosi legte das Bettzeug wieder über den verklumpten Strohsack. Sorgsam strich sie es glatt und hüpfte dann fröhlich die Treppen hinunter.



Im Wohnzimmer saß die ganze Familie beim Abendessen. Das Licht war angeknipst. Die blaue Lampe mit den gelben Blumen schwankte leicht im leisen Luftzug hin und her.

„Schön, dass du auch endlich da bist“, sagte Else sarkastisch. „Warst wohl wieder auf dem Feld. „Um dich vor der Arbeit zu drücken?“

Rosi sagte dazu nichts. Was sollte sie auch sagen? Else hatte ja recht. Und von Pawel und dem Schwarzmarkt und den Schiebern durfte sie kein Wort erfahren.

„Ich habe schon alles gemacht“, sagte Jutta. „Wir haben doch ausgemacht, dass ich die Arbeiten im Haushalt mache.“

Das hatten sie tatsächlich. Jutta wollte im Haushalt helfen und auf die Kleinen aufpassen. Rosi sollte die Aufgaben außerhalb des Hauses erledigen. Also die Ziegen ausführen. Das Gras zwischen dem Kopfsteinpflaster auszupfen. Auf dem Feld helfen.

„Und nicht nur auf der Bank sitzen. Und vor dich hinträumen“, hatte Else gesagt, als sie über diese Arbeitsteilung gesprochen hatten.

„Ist ja schon gut“, sagte Else. „Jetzt beten. Abendessen. Und dann ab ins Bett mit euch. Aber leise. Gitti und Walti schlafen schon in ihrer Kammer.“

Nach dem Abendessen nahm Richard sein „Thüringer Volk“ aus dem Zeitungsständer mit Elses Groschenheftliteratur neben dem Sofa und setzte sich in die äußerste Ecke. Else begann den Tisch abzuräumen. Die Kinder wollten helfen. „Nix da“, sagte Else. „Habt ihr nicht gehört, was ich gesagt habe? Ab mit euch. Morgen gibt es noch genug zu tun.“

Ab mit euch. Nichts lieber als das. Schnell sprangen die Kinder die Treppen hinauf. Vor Karlchens Verschlag blieb Rosi stehen.

„Ist was?“, fragte Karlchen.

„Und ob“, flüsterte Rosi.

„Was denn?“, fragten Jutta und Karlchen fast gleichzeitig.

„Ich hab eine Idee.“

„Dann raus damit“, freute sich Karlchen. „Mir ist heute auch nach Ideen. Aber mir fällt nichts ein.“

Rosi, Jutta und Karlchen setzten sich verschwörerisch auf Karlchens Bett, das sogleich hin und her wippte.
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Weil das Bettgestell fast auseinander brach.

Rosi erzählte Jutta und Karlchen von ihrem Erlebnis im Loh und der Tafel Schokolade von Pawel. „Mir läuft immer noch das Wasser im Mund zusammen“, sagte sie. „Ich kann an nichts anderes mehr denken.“

„Mir auch. Mir auch.“

Jutta und Karlchen schluckten verdächtig. „Und was ist nun mit deiner Idee“, wollte Karlchen wissen.

„Gleich“, vertröstete ihn Rosi. „Ich will nur schnell nachschauen, ob Berti schon schläft. Nicht, dass sie noch hier antanzt.“

Rosi eilte in ihre Schlafkammer. Betraud war auch ohne Jutta eingeschlafen. „Sie schläft", sagte sie. "Tief und fest.“

„Und nun die Idee“, war Jutta ungeduldig.

„Ihr erinnert euch doch noch an das Schokoladenpaket“, begann Rosi.

„Klar.“ Jutta und Karlchen nickten geflissentlich.

„Das hat Mama bestimmt vergessen“, sagte Jutta.

„Das denke ich auch“, stimmte Rosi zu. „Und weil wir so einen Appetit auf die Schokolade haben, so einen schrecklichen Heißhunger, habe ich mir gedacht, wir suchen das Päckchen."

"Und dann?", fragte Karlchen.

"Dann naschen wir etwas daraus.“

„Tolle Idee. Aber wenn Mama das merkt, ist der Teufel los.“ Jutta schüttelte nachdenklich ihren Kopf.

„Aber nur ganz wenig“, war Karlchen dabei. „Damit unser Appetit gestillt wird.“

„Ich habe schon überall gesucht“, sagte Rosi. „Nichts gefunden. Das Päckchen kann nur auf dem Boden sein. Wir müssen zusammen die Leiter aufstellen.“

Rosi, Jutta und Karlchen holten die schwere Leiter aus der Ecke unter dem Boden und stellten sie vor die Bodenklappe. Rosi kletterte als erste hoch und öffnete die Klappe. „Ich krabbele auf den Boden“, sagte sie leise. "Ihr kommt nach. Ich warte auf euch.“

*

Der Boden war das schräg abfallende Dach. Der Boden war groß und geräumig. Gehalten von dicken Bohlen und Brettern. Und, wie das ganze Haus, im Fachwerkbau gearbeitet. Die Außenwände waren zwischen den dicken Bohlen mit Lehm und Stroh gefüllt. „So ist es im Sommer schön kühl. Und im Winter hält es die Kälte ab“, hatte Richard gesagt.
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„Eine gute Art, zu bauen.“



Im Sommer war das Haus wirklich angenehm kühl. Doch im Winter war es kalt. Bestimmt lag das an den Eisblumen an den Fenstern, die ja nicht mehr richtig dicht waren. Das Dach und die Hälfte der Vorderfront hatte der Urgroßvater, der mit der Schuppenflechte, mit Schieferschindeln decken lassen. So dass von dem Fachwerkbau nicht mehr viel zu sehen war. Doch der Boden machte alles wieder wett. Er war noch im Originalzustand. An den Wänden standen mehrere alte Kisten und Koffer herum. Mit Eisenbeschlägen und verschnörkelten Schlössern.

„Alles verschlossen“, sagte Rosi. „Keine Schlüssel in Sicht. Da kann die Schokolade nicht drin sein.“

„Vielleicht hier“, sagte Jutta. Emsig wühlte Jutta in einem altertümlichen Nähkorb mit nur einem Henkel herum. „Zwischen den ganzen Tüchern ist auch nichts“, fügte sie enttäuscht hinzu.

Karlchen hatte ein völlig verstaubtes, bunt bemaltes Steckenpferd mit echten Mähnenhaaren entdeckt. Übermütig ritt er damit durch den ganzen Boden. „Hü!“, rief er begeistert. Hü! Hot!“

„Dein Pferd findet die Schokolade bestimmt nicht“, frotzelte Rosi. „Oder es hat sie schon aufgefressen. Hahaha.“

Nach einiger Zeit vergeblichen Suchens setzten sich die Kinder in die Mitte des aufgeräumten Bodens. „Kein Krimskrams da“, sagte Rosi. „Was nun? Irgendwo muss das blöde Päckchen doch sein.“

„Vielleicht zwischen den Büchern“, sagte Jutta.

„Welchen Büchern?“, fragte Rosi. „Ich sehe keine.“

„Aber ich.“ Abrupt sprang Karlchen auf. Flugs lief er zu einer dunklen Nische. Unweit der Treppe. Aufgeregt warf er die wenigen Bücher, die in einem niedrigen Regal standen, auf den Boden.

„Pass auf“, sagte Jutta, „dass die Bücher nicht die Treppe runter purzeln. Dann hört es Mama. Und es gibt wieder Theater.“

„Ich pass schon auf“, sagte Karlchen. „Noch das letzte Buch.“ Karlchen schob das letzte Buch beiseite und bekam einen freudigen Schreck. Hinter dem letzten Buch hatte Else das Schokoladenpäckchen versteckt. Bestimmt, damit sie es gleich findet, wenn sie die Treppe hochgestiegen war. Also, gleich rechts in dem Bücherregal.

Jetzt war die Freude und die Begierde natürlich riesengroß.
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Karlchen stellte das Päckchen in die Mitte ihres kleinen Kreises und wollte es sofort öffnen.

„Erst schnuppern“, sagte Rosi. „Vorfreude ist die schönste Freude.“

„Noch größer ist die Freude“, sagte Jutta, „wenn ich endlich naschen könnte. Mein Mund ist schon voller Speichel.“

„Meiner auch.“

„Meiner auch.“



Else hatte das Päckchen nicht wieder ordentlich verpackt. Die Pappe lag locker obenauf, so dass der verführerische Duft der Schokolade den Kindern fast den Verstand raubte, und sie an nichts anderes mehr denken konnten. Fast gleichzeitig griffen sie in das Päckchen. Ein Schokoladenstück nach dem anderen wanderte schokoladenweichsahnig in ihren Mund. Sie schlossen die Augen und schmatzten genüsslich vor sich hin.

„Nichts mehr da“, stellte Rosi nach einer Weile fest.

Plötzlich kamen die Kinder zur Besinnung. Was hatten sie getan? Es war, als sei ein Rausch über sie gekommen. Ein wunderbarer märchenhafter Schokoladenrausch. Der nun, so plötzlich, wie er gekommen war, endete. Ziemlich ruhig geworden, leckten sich die Kinder die letzten süßen Reste mit der Zunge vom Mund. Dann sammelten sie das Einwickelschokoladenpapier vom Boden und knüllten es in das nun leere, aber noch immer verführerisch duftende Päckchen.

„Kein Wort zu Mama, dass wir es waren“, sagte Rosi. „Also, wenn sie das Päckchen holt und merkt, dass die Schokolade weg ist, sagen wir: ‚Wir waren es nicht'.“

„Und wer soll es dann gewesen sein?“, zweifelte Jutta.

„Na, die Mäuse. Oder die Ratten. Oder das Pferdchen“, amüsierte sich Karlchen.

„Genau“, sagte Rosi. Sie nahm das nun leere Päckchen und stellte es wieder in das Regal. Hinter das letzte Buch. „Wir jedenfalls nicht“, sagte sie bestimmt. „Großes Indianerehrenwort?“

Rosi, Jutta und Karlchen steckten die Köpfe zusammen. Sie hielten sich fest an den Händen und schworen:



„Wir waren es nicht. Großes Indianerehrenwort.“



***

Fortsetzung folgt
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Kommentar von "Sabine Müller" zu "verkaufte Seele"

Hallo, sehr berührend. Gefällt mir gut, auch wenn es sehr traurig ist. Gruß Sabine

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