Crysella und der Schwarze Mond/Kapitel 17   70

Romane/Serien · Spannendes

Von:    rosmarin      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 10. März 2010
Bei Webstories eingestellt: 10. März 2010
Anzahl gesehen: 1592
Seiten: 9

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Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


17. Kapitel

________________

„Hier ist noch was zu essen.“ Margaretha kam wieder mit dem Riesentopf aus der Küche. „Milchnudeln.“

„Iiihhh“, lallte Crysella. „Milchnudejnn. Wo ist denn hier das Telefonn. Meine Batterie ist hin.“



Am nächsten Tag wusste Crysella nicht mehr, wie sie nach Hause gekommen war. Will hatte sie irgendwie und irgendwann ins Auto gepackt und zu Hause schlafen gelegt. Als sie mitten in der Nacht aufwachte, war ihr kotzübel. Und das Bett schlingerte unangenehm durch das Zimmer. Nirgends konnte sie sich festhalten. Und sehen konnte sie auch nichts. Sie war einfach nicht fähig, die Augen zu öffnen, so sehr sie sich auch bemühte. Also versuchte sie wieder einzuschlafen. Zumal das Bett ja gar kein Bett war. Sie befand sich auf einem Piratenschiff. Gekidnappt. Gefangen. Verschleppt. Reglos stand sie vor einem Marterfahl. Mit verbundenen Augen. Deshalb konnte sie nichts sehen. Und übel war ihr, weil sie einen Knebel im Mund hatte. Gefesselt war sie auch. Vorsichtig versuchte sie, ihre Arme und Beine zu bewegen, zerrte an den Stricken. Vergeblich. Keinen Zentimeter bewegte sie sich von der Stelle. Bestimmt würden gleich so ein paar wilde Kerle auftauchen und sie vergewaltigen. Oder bei lebendigem Leibe verspeisen. Oder den Möwen zum Fraß hinwerfen. Möglich war ja alles. Auf so einem Piratenschiff. Angstvoll lauschte sie dem immer mehr anschwellenden Rauschen der Wellen, dem Möwengekreisch über sich und versuchte, zu schreien. Doch kein Ton kam aus ihr. Der Knebel war wohl zu groß.

Es dauerte einige Zeit, ehe Crysella realisierte, dass sie tatsächlich im Bett lag und ihr schrecklich übel war. Sie musste sofort ins Bad und sich übergeben. Endlich schaffte sie es, aus dem Bett zu steigen, machte einige Schritte und brach zusammen. Ihre Beine waren eingeknickt. Einfach so.

„Will!“ Wo war Will? „Schnell, schnell“, rief sie. „Will! Hol einen Eimer! Ich muss kotzen.“

Hilflos lag sie auf dem Boden. Im Hirn tausend spukhafte Höllenbilder, wüste Traumszenen, Vollmondsexgeschichten, Mordblitze, die sich in immer wiederkehrenden Fetzen beängstigend vor ihr inneres Auge drängten.

Nach Stunden, wie ihr schien, tauchte Will mit einem Eimer auf. Fürsorglich nahm er sie auf seine Arme, brachte sie ins Bett, hielt ihr den Kopf, wenn sie sich übergeben musste.
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Ihr Herz raste wie verrückt. Bestimmt war sie dem Tode näher als dem Leben.

„Ich sterbe den Drogentod“, wimmerte sie, während die Angst ihr Herz zusammen presste, Panik ihr ganzes Sein erfasste.

„So schnell stirbt sich‘s nicht“, sagte Will ruhig.

„Doch, doch aber ich. Hol einen Arzt. Will. Bitte. Oder einen Priester, bitte, Will.“

Doch Will, dieser seelenlose Klotz, blieb stur.

„Dein Puls ist in Ordnung“, sagte er kalt.“ Fast jedenfalls. Nur etwas erhöht.“

Der spinnt doch. Puls in Ordnung. Nur etwas erhöht. Der rast doch. Crysella war tieftraurig. Und wütend. Ja, auch wütend. Will hatte gut reden. Der hatte ja keine Drogen genommen. Wie konnte er nur so unemotional reagieren. Auf ihren Jammer.

„Ich sterbe“, jammerte sie. „Und hör doch endlich auf, immer an das Bett zu stoßen. Das tut doch weh“, fauchte sie wütend.

„Niemand stößt ans Bett.“ Will nahm Crysella fest in seine Arme. „Komm, schlaf deinen Rausch aus.“



*

„Crysella fiel und fiel. Um sie herum war undurchdringliche Dunkelheit. Es war, als würde sie in sich hinein fallen, tiefer und tiefer. Ganz tief in ihr innerstes Ich. Als es nicht mehr weiter ging, war da nur Leere. Trostlose, unerbittliche Leere. Und bei dieser Vorstellung, der Vorstellung, ja fast schon Gewissheit, dass im Inneren eines Menschen nur Leere ist, Leere sein könnte, geriet sie wieder in Panik. Sie wollte nur noch eines. Flüchten. Dieser entsetzlichen Leere entfliehen.

Plötzlich stand sie auf einer endlos langen Straße. Allein. Keine Menschenseele war zu sehen. Eine verrückte Unruhe überfiel sie. In ihrem Kopf spukten Ricardo, Seth, Horus, Otto, der Mann, Luzifer, der Vollmond. Lilith. Immer aufdringlicher verfolgten sie die Bilder, intensiver. Ihr Kopf drohte, zu platzen.

Unglücklich lag sie in ihrem wie für die Liebe geschaffenen blauen Metallbett und dachte an Luzifer, an die Nacht in diesem Bett. Ihre entfesselte Fesselnacht. In der sie sich mit dem Teufel vereinigt hatte. Wieder fühlte sie seine langen schwarzen Haare sie warm umhüllen, spürte seine gierigen Teufelskrallen in ihrem Fleisch, roch den fast unerträglich erotischen Schwefelatem und erlag des Teufels bestialischer Männlichkeit, dem Albtraum seines Phallus.
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Und in dieses gespenstische Bild tauchte die blutige Vollmondnacht mit dem Mann. Seine Wohnung, in der sie sich wie selbstverständlich nackt ausgezogen, der Mann sie von hinten mit beiden Armen umschlungen und sie anerkennend im Spiegel betrachtet hatte.

„Du siehst toll aus.“

Wieder glitten seine Finger über ihren Körper. Sie stöhnte leise auf. Der Mann nahm sie auf seine Arme, trug sie zu einem Bett. Darauf lag nicht mal ein Kopfkissen. Nur eine dünne Decke. Der Mann zog sich ebenfalls nackt aus und sie starrte gebannt auf seinen erigierten Penis. Sie wollte sein Gesicht sehen. Doch der Mann hatte kein Gesicht. Auch keinen greifbaren Körper. Nur diesen übergroßen, erigierten Penis. Und doch wusste sie, dass er ihre Lust sah, ihr entfesseltes Verlangen und es ihm Genuss bereitete, dieses frenetisch zu steigern.

„Wir machen es mit Gummi“, keuchte er. „Wir kennen uns noch nicht.“

Der Mann ließ abrupt von ihr. Es störte ihn nicht im geringsten, dass sie hungrig und geöffnet auf dem harten Bett lag und nach ihm schmachtete. Das heißt, nach diesem übergroßen Ding, das der Mann ohne Kopf und ohne greifbaren Körper wie eine Trophäe vor sich her trug. Er rollte ein Kondom darüber, war sofort wieder bei ihr und drang ungestüm in sie ein. Im selben Augenblick schien ihr, als würde sie zerreißen und schrie. Und schrie.

„Öffne es“, verlangte der Mann. „Ganz weit. Ja. So. Das macht mich an.“

Und in diesem Augenblick wusste sie, dass sie ihn umbringen würde. Bestialisch morden. Zerstückeln. Und tanzen. Tanzen im Schein des Vollmonds. Im Blut des Ermordeten. In der verhängnisvollen Vollmondnacht. In der sie Thoth begegnet war und sich in die ägyptische Wildkatze verwandelt und zu ihrer Sethmusik getanzt hatte.

Sie tanzte zu der ungewöhnlich geheimnisvollen Musik. Ihr Körper schien sich ohne ihr Zutun zu bewegen, zu verschmelzen im Rhythmus dieser lieblichen Töne. Immer machtvoller erklang die Musik, mysteriöser, magischer. Wie von selbst glitten ihre Hände über ihren Körper. Berührten ihre Brüste. Verharrten an den sich immer mehr erigierenden rosigen Warzen.
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Streichelten langsam über ihren Bauch. Verharrten zwischen den leicht geöffneten Schenkeln. Streiften ihr kurzes rotes Hemd herunter, griffen wieder in ihr volles, braunes Haar. Berührten sanft ihr Ohr. Anmutig neigte sie ihren Kopf und tanzte einen imaginären Schleiertanz. Immer schneller drehte sie sich im Kreis. Schneller. Wilder. Sehnsüchtiger. Bald hatte sie alles um sich herum vergessen, ergab sich willig der Musik. Zärtlich und leidenschaftlich. Und ihr Körper, dessen Bewegungen mit den lieblichen Tönen zu verschmelzen schienen, wand sich schlangengleich. Ihr schien, als tanze sie zu den im Nebel der Zeit verborgenen Inseln des Glücks und ein süßes Ziehen erfasste all ihre Sinne.

Plötzlich erstarrte sie in der Bewegung. Will lag über ihr und sah sie mit seinen schönen braunen Augen besorgt an.

„Ich hatte einen schrecklichen Traum“, sagte sie. „Ich…“

Doch bevor sie weiter sprechen konnte, tauchte ein anderes Bild auf. Die Spiele mit Otto. Sein Röcheln. Der selige letzte Augenblick. Dazwischen Matthias, den sie vor Lilith schützen musste. Dann wieder Ricardo, der all diese Männer in sich vereinigte. Ricardo, der größte Lump aller Zeiten, der aus der liebenswürdigen Crysella einen Männer hassenden Vamp gemacht hatte, eine Männer tötende LilithHorusSethCrysella, eine Vampirin, eine Verrückte. Eine Verrückte, die einen Ricardo im Mond liebte.



komm Ricardo komm lieb mich Ricardo lieb mich ich will deine Kälte in mir spüren komm komm ich will verbrennen in deiner Kälte komm zu mir deiner Crysella deiner Goldblume nimm mich mit in den Himmel oder in die Hölle nimm mich mit lass uns tanzen auf den weißen Wattewolkenbergen lass uns diese wahnsinnige engelsgleiche Teufelsmusik hören komm Ricardo komm fessle mich mit Goldfunken an den goldenen Sonnenstrahl die weiß gleißenden Wattewolken komm komm Ricardo



Und Ricardo kam. Und Crysella ertrank in seinen eiskalten Feuerküssen.

Gegen Morgen wachte sie wieder auf. Ihr Magen hatte sich etwas beruhigt, doch der Nachgeschmack dieses schrecklichen Albtraumes erfüllte sie mit Angst und Schrecken. Und sie wusste plötzlich ganz sicher. Sie hatte sie Beide umgebracht. Otto und Manfred. Es machte keinen Sinn, diese schreckliche Tat ins Reich der Träume verbannen zu wollen.
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Sie war eine Möderin. Sie war es. Sie. Und nicht Lilith. Ein Dämon. Wie Seth.

„Räche dich. Du musst Ricardo töten.“

Hirngespinste.

Wo war Ricardo. Musste sie jeden Mann, der ihr zu nahe kam, töten? Sah sie in jedem Mann, der ihr zu nahe kam, Ricardo?

Mit wackligen Beinen rappelte sie sich aus dem Bett. Ihr Körper schien durchsichtig und zerbrechlich wie dünnes Glas. Sie presste ihr heißes Gesicht an die kühle Fensterscheibe.

„Du hast keine Macht mehr über mich“, flüsterte sie, während die Tränen über ihr Gesicht rannen. „Du hängst da oben. Für alle Zeiten. Lass mich endlich in Ruhe.“

Doch kein Vollmond war am Himmel zu sehen. Die Nacht war dunkel und ohne Sterne.

Crysella gab Will einen Kuss und verkroch sich wieder in ihr Bett.



Plötzlich stand sie im übernatürlich hellen Schein des Vollmonds, geriet wieder in Panik, begann zu laufen. Schneller. Immer schneller. Völlig außer Atem machte sie Halt vor einer Straßenlaterne, umklammerte sie, spürte das Leben in dem Holz, holte tief Luft und im selben Augenblick löste sich ihr Körper von ihrem Ich. Ihr Gehirn lag vor ihren Füßen, die Windungen geschlungen um Ricardos Hals. Ihre Augen quollen aus den Höhlen, rollten auf den verschlungenen Windungen ihres Gehirns entlang, während sich ihr Körper dehnte und dehnte und einer Schlange gleich die endlose Straße entlang schlängelte.

Der Laternenpfahl verwandelte sich in das umgedrehte schwarze Kreuz auf dem Friedhof. Der Hohepriester lachte schallend:

„Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihnen ist das ewige Leben der Hölle.“

Und die Kinder schwammen hilflos in ihren Tränen.



Crysella glaubte sich dem Wahnsinn nahe. Sie wollte schreien. Um Hilfe rufen. Doch sie hatte keinen Körper. Keinen Kopf. War nicht mehr. Sie war tot. Gestorben an den Drogen, die ihr Carlos verabreicht hatte. Und Will hatte sie nicht gerettet.

Plötzlich erschien Lilith im Glanz des Mondes. Wiegte sich verführerisch in seinem Schein. Das rote Haar hob und senkte sich auf ihrem Rücken im Takt ihrer obszönen Bewegungen.
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Und die durchsichtigen blauen Flügel schienen sie über der Erde schweben zu lassen.

„Ich symbolisiere den Schwarzen Mond“, hauchte sie mit ihrer süßen Stimme. „Ich entspreche dem Prinzip der unerfüllten Wünsche, die nach der Vertreibung aus dem Paradies in uns allen zurückgeblieben sind. Durch die Begegnung mit dem Schmerz will ich euch zur Selbsterkenntnis führen.“

Selbsterkenntnis. Sie würde sich wohl nie selbst erkennen können, wenn es Tag und Nacht um sie spukte. Auch wenn der Schmerz noch so groß war. Der Schmerz über ihr verlorenes Leben. Das Leben mit Ricardo.

Sehnsüchtig streckte Crysella die Hände nach Lilith aus. Sie wollte sie festhalten, mit ihr reden. Trost finden in ihrer archaischen Weisheit. Wie sehr brauchte sie sie jetzt. Jetzt. In diesem Augenblick. Dieser verzweifelten Situation.

„Hilf mir“, flehte sie. „Hilf mir.“

Doch Lilith verschwand. Und mit ihr der Glanz des Mondes. Und die Nacht war wieder schwarz.

Irgendwann war sie wieder in ihren Körper geschlüpft, klammerte sich verzweifelt an den Laternenfahl.

„Ich bin verrückt!“, schrie sie in die Nacht. „ Ich bin verrückt!“

Völlig irr rannte sie zu ihrer Wohnung. Schloss die Haustür auf, stolperte zum Fahrstuhl. Der kam nicht schnell genug; sie lief die Treppen hinauf, kramte hektisch in ihrer Handtasche. Der Schlüsselbund fiel heraus, sie fand nicht gleich den richtigen Schlüssel. Dann doch. Hastig öffnete sie die Tür, flüchtete zu ihrem Geliebten, öffnete Die andere Frau, druckte eilig die Seiten aus.

Die Blätter wirbelten auf die Dielen. Breiteten sich aus gleich einem Fächer, rollten sich zu einem wirren Knäuel zischender Schlangen. Wanden sich um einen dicken Baumstamm, dessen mächtiges Blätterdach in allen Farben des Frühlings und des Herbstes leuchtete, funkelte, sprühte, während aus dem Feuerwerk der Farben und Formen die verzerrten Köpfe der fünf Ungestalten wuchsen.

„Verschwindet. Verschwindet endlich! Ihr Ungeheuer.“

Erschöpft sank sie auf den Boden, schlug die Hände vors Gesicht, schluchzte verzweifelt.

Endlich stand sie auf, wankte zum Fenster, starrte lange in die Nacht, die jetzt voller Sterne war, und allmählich beruhigten sie die Stille und die Schönheit des Himmels.
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Sie schloss das Fenster, zog die Vorhänge zu, setzte sich im Schlafzimmer auf den roten Hocker und wartete auf Lilith.

Lange brauchte sie nicht zu warten. Kaum, dass sie saß, erschien Lilith wie auf heimlichen Befehl.

„Da bist du ja. Meine Schöne. Meine Liebe. Meine Göttin", flüsterte sie und drückte ihr Gesicht zärtlich an das Glas. Da vervielfältigte sich Lilith auf groteske Weise im Kaleidoskop der tausend Scherben. Ihre langen Locken waren zerzaust. Die Wangen gerötet. Und in der Tiefe der hellen Augen schlummerte das unergründliche jahrtausende alte Geheimnis.

War es diese unerklärliche Sehnsucht, die sie selbst so schmerzhaft empfand? Erinnerung an nie gelebte Leben. Zu oft gelebte Leben. Sehnsucht nach dem Paradies vielleicht. Dem unwiederbringlich verlorenen.

‚Vielleicht müssen wir tatsächlich alle Ablehnung und Leid erfahren‘‚ dachte sie schaudernd, ‚so wie Lilith und Eva, um uns selbst zu erkennen.‘

Lilith sah jetzt aus wie ein Mensch. Nichts Göttliches, nichts Dämonisches mehr war an ihr. Sie sah aus, wie ein Mensch, eine Frau, die ständig versucht, ihre wirren Gefühle zurückzudrängen, ihre undurchschaubaren Erregungen. Eine Frau, die zuviel an die Liebe denkt, ehe sie sie lebt. Sich ihr hingibt. Eine Frau, die sich im entscheidenden Augenblick wie eine Schnecke in sich selbst zurückzieht. In ihr Haus. Um ihre Bürde ein Leben lang mit sich herumzutragen. Gefangen in sich selbst.

Erschrocken sprang Crysella auf. Das war nicht Lilith. Das war sie! Ihre Angst spiegelte sich in dem Meer der tausend Scherben.

„Ich sterbe. Ich sterbe. Willll!“

Die Frau im Spiegel verschwand.

Der Spiegel verlor sein Licht. Schluckte den Schmerz. Die Sehnsucht. Die Liebe.

Schweißnass erwachte Crysella in Wills Armen.

„Ruhig, ruhig“, sagte er. „Ich bin ja da. Du hast nur geträumt.“



*



Als Crysella so gegen Mittag erwachte, hatte Will schon das Frühstück in der Küche bereitet.

„Ich hatte einen schrecklichen Traum“, sagte sie und streckte sich. „Ach, was, viele Träume. Alle durcheinander.
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„Du hattest einen schrecklichen Drogenrausch“, sagte Will und goss den Kaffee in die Tassen. „Ich habe Eier gebraten.“

„Ich habe keinen Hunger.“

„Du musst aber essen. Du siehst völlig entkräftet aus.“

„Ja. Papa.“

„Und danach erzählst du mir deinen Traum.“



Crysella erzählte Will das Erlebnis mit Manfred. Das dramatische Ende aber verschwieg sie. Sie konnte es ihm ebenso wenig erzählen wie Gabi. Nicht, dass er auch an ihren Worten gezweifelt hätte. Nein. Er würde ihr vielleicht sogar glauben. Aber wie würde er sich verhalten. Sollte er sich verhalten. Würde er zur Polizei gehen? Sie zu einem Psychiater bringen? Was könnte er tun, ohne sich und sie in große Schwierigkeiten zu bringen, so grundehrlich wie er war. Er würde in unvorstellbare Gewissenskonflikte geraten. Das konnte sie ihm unmöglich zumuten. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als mit diesen absonderlichen Geheimnissen zu leben.



„Was hast du nur für schreckliche Träume.“ Will streichelte zärtlich Crysellas Wangen. „Du beschäftigst dich zuviel mit deinem Buch.“



War es ein Traum?

Realität?

Fiktion?



„Der Traum ist die Freiheit der Fantasie“, philosophierte sie nachdenklich, „und die Fantasie die Erholung der Sinne.“

„Und ein Drogenrausch gefährlich.“ Will stand auf und nahm Crysella in seine Arme. „Versprich mir, dass das erste Mal auch das letzte Mal gewesen ist.“

„Versprochen.“ Ganz sanft löste sich Crysella von Will, schaute dann tief in seine Augen und sagte: „Will, ich will mit dir schlafen.“

Natürlich war Will fassungslos. Nie und nimmer hätte er mit diesem Angebot gerechnet. Und so, wie Crysella ihn ansah, war ihm auch klar, dass sie es nicht rhetorisch meinte.

„Wie kommst du denn darauf?“, fragte er irritiert.

„Nur so“, druckste Crysella.

„Nein komm, sag schon.“

„Willst du nicht?“

„Doch, schon, aber wir hatten doch ausgemacht...“

„Ich habe es mir anders überlegt.“ Crysella schmiegte sich wieder fest in Wills Arm. „Ich brauche auch mal wieder einen Mann.
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Nach Monaten der Enthaltsamkeit. Ich bin doch keine Nonne.“

„Sieh einer an“, scherzte Will, „du bist also eine Frau.“ Er tippte ganz leicht mit seiner Fingerspitze auf Crysellas Nasenspitze. „Und was für eine.“

„Ich möchte ein Kind.“

„Aber Crysella. Wir sind geschieden.“

„Gabi ist auch schwanger. Und sie ist auch nicht verheiratet mit ihrem Sklaven.“

„Aber ich liebe dich. Du hast mich verlassen. Wegen Ricardo.“

„Und er mich. Was liegt also näher, als uns wieder zu nehmen.“

„So geht das nicht, Crysella“, sträubte sich Will. „Ich bin doch kein Lückenbüßer. Es müssen doch echte Gefühle dabei sein. Die habe ich für dich. Noch immer. Aber das geht ja nun doch zu weit.“

„Iwo“, lachte Crysella leichthin.

„Hast du überhaupt Gefühle für mich?“

„Natürlich.“

„Dann hast du dich aber gut verstellen können.“

„Ich will es wirklich“, sagte Crysella. „Und um es dir zu beweisen, können wir ja auch Kondome benutzen. Und das mit dem Kind verschieben.“ So, das musste Will überzeugen. „Ich weiß, wo es welche geben könnte“, drängte sie, „am Alex, in der Öffentlichen.“



Crysella hatte plötzlich große Lust, Wills Nähe zu spüren. Nach all den Jahren, in denen sie kaum noch an ihn gedacht hatte. Aber nun war sie ja wieder frei. Ricardo war verschwunden. Also machten sie sich einen gemütlichen Tag in der Wohnung und fuhren dann am Abend zum Alex. Es war schon dunkel. Aber kein Mond war zu sehen. Nur das Meer der Sterne glitzerte geheimnisvoll auf sie herab.



Crysella stieg die gewendelten Stufen der Toilette hinab.

„Haben Sie vielleicht Kondome?“, fragte sie die dicke Toilettenfrau, weil sie keine in den Automaten erblicken konnte. Vielleicht hatte die Frau ja ein Geheimfach dafür. „Ich sehe hier keine.“

Geringschätzig musterte die Frau Crysella von oben nach unten.

„Wir sind doch hier kein Puff“, sagte sie dann böse. „So etwas führen wir nicht.“

„Auch nicht auf der Herrentoilette?“

„Auch da nicht.“

Enttäuscht stieg Crysella die Treppe wieder hinauf.
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Die dicke Toilettenfrau schimpfte:

„Die verdorbene Jugend von heute. Kondome. Nein. Unter Hitler hätte man die alle vergast.“

„Es gibt keine Kondome“, sagte Crysella zu Will.

„Na, dann suchen wir weiter.“

Hand in Hand schlenderten sie durch die Rathauspassagen dem nahen Fernsehturm entgegen und entdeckten endlich auch einen Automaten mit dem Objekt ihrer Begierde.

Wieder im Auto, schmiegte sich Crysella eng an Will. Erwartungsvoll legte sie eine Hand auf seine Hose, in der Hoffnung, an einer gewissen Stelle etwas ganz Bestimmtes zu spüren.

„Hier in der Nähe ist ein kleiner Parkplatz“, flüsterte sie zärtlich.



In dieser Nacht blieb Will bei Crysella. Der neue Morgen ließ nichts mehr ahnen von der vergangenen sternenklaren Liebesnacht. Es regnete und stürmte, und der Tag wollte sich lange nicht von der Nacht trennen.



***



Fortsetzung folgt in diesem Theater
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Kommentare zur Story:

  hallo, jochen, danke für den kommentar und besonders für den hinweis. liebesnacht muss es natürlich heißen. oweh, ich schussel. in einer vollmondnacht wäre das treffen bestimmt anders verlaufen. deshalb befürchteten doska und ingrid auch, dass will etwas zugestoßen sein könnte.
grüß dich  
   rosmarin  -  11.03.10 18:04

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  Ich kann den anderen nur zustimmen, netter Kerl dieser Will. Ach, Männer sind eigentlich immer nett, wir werden nur von den Frauen verkannt. Die vorletzten beiden Sätze irritieren übrigens etwas:
' In dieser Nacht blieb Will bei Crysella. Der neue Morgen ließ nichts mehr ahnen von der vergangenen sternenklaren Vollmondnacht.`
Da nimmt man doch an, dass Will in dieser (gefährlichen) Vollmondnacht bei ihr geblieben ist.
Ansonsten sehr plastisch und lebensecht und sehr spannend geschrieben. Ein sehr gutes Kapitel.  
   Jochen  -  11.03.10 17:32

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  hallo, ingrid und doska, natürlich ist will kein seelenloser klotz. ganz im gegenteil. nur crysella hat es in dem moment so empfunden. keine angst, ihm ist nichts passiert. er ist der beschützer in dieser verrückten geschichte. und die schrecklichen dinge passieren doch "nur" in den vollmondnächten. im nächsten kapitel spielt der vollmond wieder eine rolle. und danke für die golblume, liebe ingrid. ist schon verbessert.
hier kommen liebe grüße an euch.  
   rosmarin  -  10.03.10 22:00

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  Der Drogenrausch war wirklich schrecklich, aber ich empfinde Will nicht als seelenlosen Klotz - im Gegenteil. Er kümmert sich doch rührend um Crysella und er liebt sie noch immer, obwohl sie ihm einst wegen Ricardo davongelaufen ist. Da kann man nur hoffen, dass ihm in dieser Vollmondnacht nichts passiert ist.  
   doska  -  10.03.10 21:28

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  der rausch, er war so furchtbar, er hat mich selber fertig gemacht. ;)
jedenfalls hat will, dieser seelenlose klotz sich aufopfernd um crysella gekümmert. fragt sich nur, was sie mit IHM gemacht hat? ehrlich gesagt, fürchte ich es...
sehr aufwühlendes kapitel, lieben gruß von mir. ps: golblume?  
   Ingrid Alias I  -  10.03.10 17:44

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