Crysella und der Schwarze Mond/ Kapitel 5   73

Romane/Serien · Spannendes

Von:    rosmarin      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 31. Januar 2010
Bei Webstories eingestellt: 31. Januar 2010
Anzahl gesehen: 1591
Seiten: 8

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Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


5. Kapitel

_______________

Crysella stand auf ihrer geliebten Jannowitzbrücke und schaute den vorbeifahrenden Schiffen nach.

Eine tolle Brücke. Mit einer sehr wechselhaften Geschichte. Bautechnisch gehört sie noch immer zu den interessantesten Brücken Berlins. Hier kreuzen sich vier Verkehrswege auf unterschiedlichem Niveau: Die Untergrundbahn der Linie 8, die Wasserstraße Spree, der Auto- und Fußgängerverkehr im Zuge der Brückenstraße zur Alexanderstraße und die Ost-West-Verbindung der Stadt- und Fernbahn.



Seltsam. Es war noch gar nicht so lange her, da hätte sie keinen Gedanken daran verschwendet, dass man mit der U – und S-Bahn auch in den Westteil der Stadt gelangen konnte. Nein, diese Möglichkeit war unmöglich gewesen. Die Mauer hatte alle Überlegungen im Keime erstickt. Doch halt. Einmal hatte sie doch geträumt. Und zwar mit Gabi, als sie wieder mal in der Nähe des grauen Gesteinsriesen vor dem Todesstreifen dahin schlenderten und die Wachposten auf ihren Türmen beobachteten.

„Alles grau“, hatte Gabi gemurrt. „Steine. Beschützer. Menschen. Himmel. Leben. Alles.“

„Man sieht die Dinge, wie man sie sehen will“, hatte sie erwidert. „Stell dir einmal vor, die Mauer würde verschwinden. Simsalabim. Schwuppdiwupp. Akabrakadabra. Der Weg ist frei. Wir sind drüben.“

„Das ist mein Traum.“

„Meinst du, im Westen ist alles Gold, was glänzt? Da habe ich schon anderes gehört.“

„Das schon. Aber jedenfalls glänzt die Verpackung.“

„Und der Haifisch, der hat Zähne...“

„Ach, hör schon auf. Du mit deinem Brecht.“

„Aber Recht hat er. Und die im Schatten sieht man wirklich nicht. Oder will sie nicht sehen.“

„Und wo sind wir? Im Schatte oder in der Sonne?“

„Hm, hm“, hatte sie gebrummt, „lass mich mal nachdenken. Also, ich glaube, mal so mal so. Sag mal, was würdest du machen, wenn wir wieder ein Deutschland wären?“

„Ich würde in alle Kneipen taumeln, die es gibt. Und dann würde ich reisen, reisen, reisen. Die ganze Welt würde ich unsicher machen. Und zwar mit dir.“

Gabi hatte sie bei den Händen genommen und mit ihr den Schwesterntanz getanzt.
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Den Windmühlentanz.



- Schwesterchen, komm, tanz mit mir/ Beide Hände reich ich dir/ Einmal hin, einmal her /Rundherum, das ist nicht schwer.



„Das werden wir wohl nicht mehr erleben.“

„Aber vielleicht unsere Enkel. Wer weiß.“

"Weiß der Teufel". hatte sie gesagt und wie immer dem Wachposten Kusshände zugeworfen. „Erst mal welche bekommen.“

„Nur woher.“

Sie hatten laut gelacht und waren weiter gegangen. Kurze Zeit danach wurden die Träume Realität. Die Mauer verschwand. Das Schicksal bewies seine Macht. Und Gabi war in keine Kneipen getaumelt und hatte nicht die Welt bereist. Noch nicht.

Und sie, Crysella, war auch nicht gereist. Sie musste ja das Haus hüten, wenn Ricardo auf Reisen war. Seine zweite Heimat war Afrika. Er forschte an einem Impfstoff gegen eine heimtückische Krankheit. Und das sei nicht ihre Welt, war seine unumstößliche Meinung. Wenn sie etwas Näheres darüber erfahren wollte, sagte er immer:

„Es ist noch nicht spruchreif. Ich darf nicht darüber reden.“

Mit dieser Antwort musste sie sich zufrieden geben. Und auch mit seiner ständigen Abwesenheit. Aber diese hatte auch ihr Gutes. So konnte sie sich ungestört ihrem Studium widmen. Und vor allem ihrer Doktorarbeit:

Lilith – Mythos oder Trauma.

Sie seufzte tief auf, schaute dann wieder in das vom Sonnenlicht silbern funkelnde Wasser.



Und es ist auch noch nicht allzu lange her, überlegte sie weiter, als hier Anfang des 19. Jahrhunderts zwischen den Holzplätzen an beiden Spreeufern, nur Segel- und Lastkähne dahin zogen. Und nur eine Kahnfähre.

Erst 1822 ließ der Baumwollfabrikanten und Kaufmann Jannowitz eine hölzerne Jochbrücke bauen.

Darüber gibt es sogar eine Sage, von welcher sie ihre eigene Version hat.



Der Kaufmann Jannowitz war arm. Das wurmte ihn sehr. Also suchte er nach einem Ausweg und fand ihn auch bald. Er heiratete die viele Jahre ältere Krämertochter Gutlinde aus der Poststraße. Dank seines Fleißes und der Umsichtigkeit seiner Frau ging der Laden immer besser. Die Eheleute gelangten schnell zu Ansehen und Reichtum.

Um seine Waren besser transportieren und absetzen zu können, baute Jannowitz eine Brücke über die Spree.
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Worauf sein Geschäft sich noch mehr lohnte. Doch wie es so ist im Leben – wenn es dem Menschen zu gut geht, geht er auf das Eis tanzen. So auch der liebe Jannowitz. Der nämlich wollte sich von seiner Frau, die ihm mit den Jahren immer älter und hässlicher erschien, scheiden lassen, um seine junge und schöne Geliebte zu heiraten.

Gutlinde aber, der er ja seinen Reichtum und sein Ansehen zu verdanken hatte, und die ihn von ganzem Herzen liebte, stürzte sich aus Gram und Verzweiflung von der neuen Brücke hinunter in das gurgelnde Wasser der Spree.

Und zum Andenken an dieses Unglück und zur ewigen Erinnerung an die Untreue des Kaufmanns wurde die Brücke Jannowitzbrücke genannt.

Doch Gutlinde herrscht noch immer als Wassergeist unter der Brücke und bestraft die untreuen Geliebten, indem sie die Brücke wanken lässt und schon so Manchen verschlungen hat, wenn er darüber gegangen ist.

Der Kaufmann Jannowitz aber tauchte unter. Alle Nachforschungen konnten seinen Aufenthalt nicht ausfindig machen.

Bestimmt hat ihn Gutlinde zu sich unter das Wasser gezogen. Crysella ließ ihren Blick unruhig über das Wasser schweifen, bis zur nächsten Brücke, der Michaelbrücke, dann weiter zur Oderbaumbrücke.



Wie es aussieht, scheint wohl ein Fluch über der Brücke zu liegen. Sie wurde oft zerstört und notdürftig wieder aufgebaut, bis sie dann in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges von einem Sprengkommando der Russen völlig zerstört und erst in den Jahren 1952 bis 1954 wieder aufgebaut wurde. Und im Jahre 2007 wurde sie vollständig restauriert und erblühte schöner denn je.

„Vielleicht geht ja mein Ricardo auch eines Tages darüber.“ Crysella spuckte übermütig in das Wasser. „Und Gutlinde holt ihn zu sich. Das heißt, wenn er mir untreu geworden sein sollte.“

Jetzt fuhr ein Transportkahn nach dem anderen über das Wasser. An der Anlegestelle standen die Menschen oder saßen an den kleinen Tischen vor einem Imbissstand, genossen die letzten Sonnenstrahlen des beginnenden Herbstes und warteten auf die Brückenfahrtdampfer.



Crysellas lange Haare flatterten im Wind.
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Der Kapitän auf seinem Frachtdampfer winkte ihr fröhlich zu. Sie winkte fröhlich zurück.

Da stand plötzlich ein junger Mann neben ihr. Er winkte auch.

„Möchten Sie gerne Dampfer fahren?“, fragte er.

„Ja.“ Crysella schaute dem jungen Mann neugierig ins Gesicht.

„Das wäre schön. Und Sie?“

„Ich auch. Doch heute geht es nicht. Ich muss leider zum Dienst.“

„Ach.“

„Aber vielleicht könnten wir ein andermal fahren?“ Die Augen des Fremden funkelten im hellsten Blau hinter blanken Brillengläsern. „Sie würden mich sehr glücklich machen.“

Sie würden mich sehr glücklich machen, äffte Crysella in Gedanken den Mann nach. Sie lachte amüsiert. Wie ist der denn drauf. Quasselt so geschraubt.

„Warum nicht“, erwiderte sie. “ Es wäre auch mir eine Freude.“

„Matthias. Matthias Flegel.“ Der Mann machte eine kleine Verbeugung, reichte ihr dann die Hand. „Wissen Sie, wo hier in der Nähe ein Geldautomat ist?“

Matthias Flegel. Der macht seinem Namen aber keine Ehre. Crysella lächelte amüsiert. Matthias Gentleman, würde eher passen. Laut sagte sie:

„Am Alex. Da ist eine Sparkasse. Gleich an der Ecke.“

„Ich habe noch nie so eine riesige Geldautomatenhalle gesehen“, staunte Matthias, als sie in der Halle standen. „Ist schon toll. Diese Sparkasse.“



Vor dem Kaufhof setzten sie sich in den Biergarten, tranken ein Wasser, erzählten. Und waren schon bald beim vertrauten Du angelangt.

Crysella erzählte begeistert über ihre Arbeit in der Bibliothek, schwärmte von interessanten Leute, die sie kennen lernte. Maler, Schriftsteller. Musiker. Und natürlich sprach sie über ihre Doktorarbeit.

„Lilith-Mythos oder Trauma“, sagte Matthias. „Ich habe noch nie etwas über diese Frau, diese seltsame Lilith, gehört.“

„Das ist ein höchst interessantes Thema.“ Crysella sah tief in Matthias helle Auge. „Völlig verrückt. Musst du mal lesen.“

„Vielleicht. Mein Thema ist ein anderes. Ich schreibe

übrigens auch gerade meine Doktorarbeit.“



Matthias war dreiunddreißig Jahre alt.
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Er arbeitete als Assistenzarzt in einem Krankenhaus in Steglitz. In diesem Stadtteil lebte er mit seiner Freundin.

„Sie ist fünfzig Jahre alt“, sagte er jetzt. „Mit ihr klappt es nicht mehr so richtig.“

Wieso erzählte er ihr das. Crysella lächelte belustigt. Männer lügen immer. Sie hatte ja so ihre Erfahrungen. Trau schau wem. Sollte dieser Matthias doch seinen Stuss ablassen. Dieses eitle Männergeschwätz. Sie war eine gute Zuhörerin. Gabi in ihrer unverblümt burschikosen Art würde jetzt sagen:

„Hast du keinen Friseur.“

Sie jedoch hörte geduldig zu.

„Wir sind jetzt zehn Jahre zusammen“, sagte Matthias. „Und seit sie wieder arbeitet, seit neunzig, fühle ich mich vernachlässigt.“

„Aha.“

Jetzt wurde ihr aber doch etwas unbehaglich zumute. Der Kerl spielte den streunenden Kater.

Matthias trank schmatzend einen Schluck Weizenbier, leckte sich genüsslich den Schaum von den Lippen, sah tief in Crysellas Augen.

„Alles hat sich so eingespielt“, sagte er, als wäre sie Schuld an seiner Misere. „Aber ich will endlich ausbrechen. Ich habe ja noch nichts erlebt.“

„Nein?“

„Nein. Und das muss ich ändern. Sonst werde ich in einem Jahr nur noch eine leblose Hülle sein. Funktionieren. Leblos. Tot.“

„Oh. Das wäre aber jammerschade.“

„Allerdings suche ich eine nur erotische Beziehung.“ Matthias durchbohrte Crysella fast mit seinem Eisblick. „Eine Frau für den Sex.“

„Nein.“

„Doch. Und zwar dich. Du hast so eine unwahrscheinlich erotische Ausstrahlung“, sprach er dreist weiter. „Alles in mir gerät bei deinem Anblick in Aufruhr.“

„Matthias.“

„Bist du frei?“

„Ja.“

„Wir könnten herrliche Stunden verleben. Bitte sag ja. Deine Augen haben es schon.“

„Nur Sex?“

„Alles andere bekomme ich ja von Brigittchen.“



Brigittchen. Igitt. Crysella war amüsiert, gleichzeitig jedoch schockiert und langsam erfasste sie auch eine Art Empörung. Nur Sex. Das schlug ihr dieser Mann nach einer ersten kurzen Bekanntschaft vor. Der spinnt doch. Sie, Crysella, wollte der als Sexobjekt.
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Also doch der passende Name. Flegel. Als ob man sie einfach so wollen und haben könnte. Ihre Augen sagten ja. Vielleicht brauchte der eine neue Brille. Und keine neue Frau. Männer. Erdenmänner. Götter. Erdenfrau.

Plötzlich verspürte Crysella ein lustvolles Gefühl, das von ihrem Kopf nach unten prickelte und sich in ihrem Leib mehr und mehr ausbreitete.

‚Was soll das‘, dachte sie erschrocken. ‚Doch nicht mit ihm. Einem wildfremden Mann.‘

Gewaltsam versuchte sie, dieses erotische Gefühl zu unterdrücken. Ihre Nächte gehörten Seth. Er war ihr Nachtgemahl. Er befriedigte all ihre Sinne. Er war in die Tiefe gedrungen, hatte ihre dunkle Seite zum Klingen gebracht. Ihren Leib zum Glühen. Nein, sie brauchte keinen Erdenmann für den Sex.

Etwas irritiert öffnete sie ihre Handtasche, um sich die Lippen nachzuschminken. Sie nahm das pinkfarbene Täschchen, in dem an der Innenseite ein Spiegel befestigt war, und traute ihren Augen nicht.

Die Frau, die den Lippenstift an ihre leicht geöffneten Lippen führte, war Lilith.

„Nein.“ Schnell legte sie den Stift zurück in das Täschchen. „Ich bin nicht du.“

„Noch nicht.“

Lilith spitzte, wie immer, wenn es zwischen ihnen zum Zwiegespräch kam, geheimnisvoll ihre Lippen, so als wolle sie sagen: ‚Warts nur ab, du wirst schon sehen.‘

„Du bist auf dem besten Wege“, sagte sie jetzt.

„Du bist die Göttin der Dunkelheit. Es ist Tag.“

„Sträube dich nicht gegen Eros. Wer Lebendiges zeugen will, muss in Urtiefen tauchen. Dort wohnen die Gewalten des Lebens.“

„Das ist Wahnsinn.“

„Ohne Wahnsinn entsteht nichts Großes. Wenn du das Licht der Sonne erblickst, wirst du einen Glanz von Wahnsinn in deinen Augen haben. Denn dort unten haben sich Tod und Leben vereinigt. Liebe und Tod sind sich von je her schwärmerisch begegnet. Und Eros kann nicht wachsen, solange ihm die Leidenschaft fehlt.“

„So ist es. Du hast Recht. Wie immer.“



Der Liebe mit Will fehlte die Leidenschaft. Alles war so selbstverständlich. So verständnisvoll und harmonisch. Nie gab es Streit. Mit Ricardo war das anders. Da prallten schon eher Welten aufeinander. Aber Ricardo war weg.
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Hatte sie verlassen. Dieser Schweinekerl. Oh, sorry. Ist doch aber wahr.



„Nur Liebe und Gegenliebe können miteinander wachsen und reifen. Deshalb bestrich Eros seine Pfeile mit Honig und Galle, damit die Süße auch Leid über die Liebenden bringen sollte, fuhr Lilith fort. „Und nun höre die Geschichte von Eros:

„Ich bin ganz Ohr“, sagte Crysella, nicht gerade freundlich. Ausgerechnet jetzt musste diese Lilith auftauchen. Jetzt, wo sie endlich mal wieder mit einem Erdenmann flirtete. Und das am helllichten Tage. Nicht mal auf Gottheiten war Verlass.



„Am Beginn der Schöpfung“, begann Lilith, „entschlüpfte Eros dem Weltei. Es wird allerdings auch berichtet, die Mutter des Eros sei Aphrodite und der Vater Ares. Seis drum. Jedenfalls ging aus dieser Vereinigung der ungestüme Liebesgott Eros hervor. Doch er konnte nicht wachsen, weil ihm die Leidenschaft fehlte. So zeugte Aphrodite mit Ares Anteros. Die Gegenliebe. Und Eros entbrannte in Liebe und Leidenschaft. Er pflanzte das Erbe seiner Eltern den Menschen ein. Somit stachelte er sie zu immer neuer Vereinigung an. Doch so wie Eros für sein Wachsen Anteros brauchte, brauchen die Menschen andere Menschen, um nicht im Stadium des Kindseins zu verharren. Denn wenn Eros von Ares getrennt war, nahm er sofort wieder seine kindliche Gestalt an. Das heißt, Eros kränkelte. So wie die Liebe ohne Leidenschaft kraftlos und krank wird. Banal. Und die Faszination verschwindet. Manchmal wird sie auch ersetzt durch irgendwelche Rituale. Doch dann gibt es nur eine lustlose Entleerung ohne Erfüllung.“

„Kann schon sein. Aber was hat das mit mir und Matthias zu tun?“

„Der Spiegel muss randvoll sein.“



Aus dem Spiegel blickte Crysellas Gesicht.



„Hast du mir zugehört, Crysella?“ Matthias nahm wieder einen Schluck Bier. „Du guckst so abwesend.“

„Natürlich.“ Sie steckte ihr Schminktäschchen in ihre Handtasche, ohne den Lippenstift benutzt zu haben. „Sie heißt Brigittchen. Schöner Name.“

„Wie ist es nun mit Sex?“ Matthias trank sein Glas leer. „Meine Zeit drängt. Leider.“



Crysellas Zeit drängte nicht. Sie hatte genug davon. Unnötig lange nippte sie an ihrem Glas Wasser.
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Wenn schon einen Erdenmenschen, dann sollte er kein leichtes Spiel mit ihr haben. Besser wäre es aber bestimmt, Matthias ließe die Finger und noch anderes von ihr. Sie hatte sich verändert. Nie wieder einen Ricardo. Nie wieder die alte Crysella. Die gutgläubige. Dumme. Zu allem Bereite.

Matthias macht nicht den Eindruck, überlegte sie, als wolle er sich die Finger verbrennen. Er riecht nach Vergnügen. Zerstreuung. Sex. Und zwar ohne Probleme.

„Doch diese wirst du mit der neuen Crysella unweigerlich bekommen“, murmelte sie, „der Spiegel muss randvoll sein.“

„Bitte?“

„Ach, nichts.“

Dieser Matthias war ein Traumtänzer. Doch er gefiel ihr. Hatte sie neugierig gemacht mit seiner direkten Art. Und das ausgesprochene Wort Sex, von ihm ausgesprochene Wort Sex, verstärkte das Kribbeln in ihrem Unterleib. Und ihr war bewusst: Sie wollte das Spiel. Das Tagespiel mit Sex und Leidenschaft. Mit Erfüllung. Ohne Rituale. Und doch randvoll. Und diese Erkenntnis deutete sie als Herausforderung. Als unerhörte Herausforderung. Wieso begegnete sie diesem Matthias denn sonst.

Nach ihrer Überzeugung hatte alles im Leben einen Sinn, eine Tiefe, die nicht an der Oberfläche schwimmt. Ihr Erlebnishunger war erwacht. Ihre Neugier, ihre Leidenschaft. Ihre Lust sollte neue Nahrung erfahren. Doch von nun an wollte sie das Sagen haben.

Es war makaber. Sie hatte einen Liebhaber für die Nächte. Einen Gott, den Wüstengott, Seth, der sie mit seiner glühenden Leidenschaft in unsagbare Höhen und Tiefen trieb. Und das jede Nacht aufs Neue. Und nun bot sich ein Erdenmann für den Tag an. Nur Sex. Überaus prickelnd. Der Spiegel muss randvoll sein.

Hastig stand sie auf, so, als könnte sie ihren eben gefassten Entschluss wieder verwerfen. Auch Matthias erhob sich. Sie tauschten ihre Visitenkarten und Handynummern und Matthias versprach, schon morgen anzurufen.



Sollte das Schicksal also seinen Lauf nehmen. Crysella lächelte Matthias verheißungsvoll an.



***



Fortsetzung folgt
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Punktestand der Geschichte:   73
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Kommentare zur Story:

  Interessant, die Beschreibung der Jannowitzbrücke und deren Entstehungsgeschichte und dann kommt auch noch dieser Mathias und macht Crysella ein Angebot. Wird es mit den beiden klappen? Da muss ich doch gleich weiterlesen.  
   doska  -  07.02.10 12:50

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  hallo, michael, danke für deinen kommentar. du vermutest richtig, ab dem 7. kapitel wird es so richtig heiß und manchmal auch ziemlich makaber.
grüß dich  
   rosmarin  -  02.02.10 22:17

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Wieder eine tolle Geschichte.
Prima fand ich, dass Du in dieser Story die bewegende Geschichte dieser Stadt geschildert hast und auch auf die Schattenseiten dieser Glitzerwelt (die Zähne des Haifischs) eingegangen bist.
Was die Fortsetzung Deiner Geschichte angeht, dürfte es sicher nicht mehr allzu lange dauern, bis es so richtig heiß wird.  
   Michael Brushwood  -  02.02.10 12:36

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  hallo, jochen, jepp, in den nächsten kapiteln wird es tatsächlich heiß zugehen. und crysella übernimmt sich bestimmt nicht, sie ist doch auf dem wege zur unsterblichkeit.
grüß dich  
   rosmarin  -  01.02.10 22:45

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  Wow, da geht es aber bald sehr heiß zu. Nachts Seth und tagsüber Mathias. Wird sich Crysella da nicht ganz verausgaben? Und Brigittchen, wenn die nun "ihren" Mathias erwischt? Sehr spannend das Ganze.  
   Jochen  -  01.02.10 17:25

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  hallo, ingrid, danke für den kommi. anteros ist laut wikipedia - der Gott der Gegenliebe, der verschmähte Liebe rächt. Sein Bruder ist Eros, der Gott der zeugenden Liebe. Nach einer vom Rhetor Themistios wiedergegebenen Legende war Venus besorgt, dass ihr Sohn Eros nicht wachsen wolle. Auf den Spruch hin, Eros könne erst wachsen, wenn er Bruder und damit Gegenstück habe, gebar sie den Anteros.-
crysella wird noch so einiges anstellen, aber noch kann sie sich nicht so recht entscheiden - angepasste eva oder aufmüpfige lilith.
grüß dich  
   rosmarin  -  31.01.10 19:04

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  brecht hat natürlich recht, und man siehet die im lichte, die im dunkeln sieht man nicht
sehr schön finde ich auch die berliner geschichten, die du eingebaut hast, die jannowitz-sage , gutlinde und die untreuen männer ergeben seltsame parallelen zu matthias und seiner älteren freundin, die jetzt arbeitet und ihn somit vernachlässigt. tsssssss...
anteros, hab' ich noch nie gehört, müsste ich mal nachlesen. eros fand ich ja nie so überzeugend, ein kind mit flügelchen.
jedenfalls bin ich gespannt was sie mit matthias anstellen wird. ;))
liebsten gruß  
   Ingrid Alias I  -  31.01.10 17:35

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