Aktuelles und Alltägliches · Kurzgeschichten

Von:    Lena N.      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 20. Juli 2006
Bei Webstories eingestellt: 20. Juli 2006
Anzahl gesehen: 1329
Seiten: 3

Corinna war frisch verliebt. Ihr Auserwählter, Anton, hätte nicht besser zu ihr passen können. Beide waren sie groß, nicht dünn, nicht dick, sie arbeiteten im selben Verlag (aber nicht in der gleichen Abteilung, was auch besser so war), gingen beide gerne ins Theater, mochten Schmidt lieber als Raab, fuhren am liebsten an die Côte D'Azur, und sie liebte nichts mehr als den Anblick, wenn sich abends, nach einem Theaterbesuch oder einem Sterne-Menu, ihre langen, glatten, dunkelbraunen Haare auf dem Kopfkissen mit seinen süßen blonden Strubbellöckchen mischten. Kein Regiesseur, kein Maler, keine noch so ambitionierte Mutter eines Junggesellen, hätte sich ein schöneres Paar ausdenken können, als sie es waren.

Nach drei Monaten, die sie mittlerweile zusammen waren, hatten sie sich gegenseitig ihre Eltern vorgestellt (alle waren begeistert), waren über ein verlängertes Wochenende nach Paris geflogen und sahen sich nach wie vor mindestens dreimal die Woche.

Corinna fand es nur schade, dass sie tagsüber beide zu beschäftigt waren, um ihre Mittagspausen gemeinsam zu verbringen. So schickte sie ihm stattdessen tagtäglich eine SMS, wenn sie in die Mittagspause ging, um ihn wissen zu lassen, dass er ihr fehle. War er abends zu müde um sie zu sehen oder hatte er anderweitige Verpflichtungen, so verstand sie das völlig. Er bekam an solchen Abenden einfach eine weitere SMS, er sollte schließlich wissen, wie wchtig er ihr war. Wenn sie davon ausging, dass er zu Hause war, versuchte sie ihn ein, zwei Mal anzurufen, dann ein weiteres Mal am Handy, wenn sie ihn nicht erreichte, bekam er eben eine Gute-Nacht-SMS, auch kein Problem, sie war ja eine moderne Frau und konnte ihre Abende auch ohne ich verbringen.

Anton freute sich über die SMS, auch wenn es ihm auf Dauer so vorkam, als verfahre sie nach einem festen Plan. Etwas zu geschäftlich, organisiert, um romantisch zu sein. Sein Telefon zu Hause stand im Arbeitszimmer, er hörte es nicht, wenn er sich im Wohnzimmer oder in der Küche aufhielt.

Corinna gefiel sich immer mehr in der Rolle der werbenden Geliebten, die ihren Traummann mit liebevollen Botschaften nur so überhäufte. Wenn sie sich sahen, freute sie sich am meisten, aber sie konnte auch drei, vier Abende am Stück ohne ihn problemlos verbringen, und eine SMS hier und da war in gewisserweise sowieso netter, sie konnte Dinge schreiben, die sie nie sagen würde, ja, sie fand sich niedlich mit ihren regelmäßigen SMS und auch den Anrufen.
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Wenn er nicht dranging, so störte ihn das Klingeln ja nicht, sagte sie sich, und sie konnte es getrost noch einmal probieren.

Anton fragte sie nach einem Abendessen zu ihrem halbjährigen Jubiläum - er hatte sie ins beste Lokal am Platz ausgeführt! - ob bei ihr alles in Ordnung sei, sie sähe in letzter Zeit oft so unausgeschlafen aus. Corinna versicherte ihm, es gehe ihre bestens, nie sei sie so glücklich gewesen, wie jetzt mit ihm. Sie verlebten einen so schönen Abend (es war Freitag), dass sie sich bis Montag früh vor der Arbeit nicht mehr trennten. Nur am Samstag ging Anton morgens kurz zum Bäcker, Corinna überbrückte die Zeit jedoch, indem sie ihm - im Spaß, natürlich - eine SMS schickte, wie sehr sie ihn jetzt schon vermisse.

Die Monate gingen ins Land, bald waren sie ein Jahr zusammen, und Corinna fand langsam, dass es an der Zeit sei, ernst zu machen. Sie rief ihn immer öfter an, um ihn dezent darauf hinzuweisen, dass manche Leute sich innerhalb eines Jahres verlobten… Sie sahen sich nach wie vor spätestens alle drei Tage. An freien Tagen ging Corinna manchmal zu seiner Wohnung, um wenigstens durch den Spalt zwischen den Vorhängen einen Blick auf ihn zu erhaschen. Wenn sie nachts nicht schlafen konnte, rief sie ihn ein ums andere Mal an, er fühlte sich sicher geschmeichelt von soviel Aufmerksamkeit, diese seltsame Bemerkung über Telefonterror konnte er wohl kaum ernst gemeint haben.

Nach anderthalb Jahren war Corinna sicher: noch in der nächsten Woche würde ihr einen Antrag machen! Und tatsächlich klingelte es an einem Donnerstagabend überraschend an ihrer Türe - nur zehn Minuten, nachdem sie zuletzt versucht hatte, ihn anzurufen. Schnell frischte sie ihr Make-up auf, schlüpfte in ein sexy Kleid, dimmte das Licht und öffnete erwartungsvoll die Tür. Zwei Männer standen da, in Uniform. Was mochte Anton sich wohl besonderes für seinen Antrag haben einfallen lassen? Ihr Herz schlug vor Aufregung bis zum Hals, se konnte es kaum erwarten, morgen ihren Freundinnen den Ring zu zeigen!

Der eine Mann jedoch stieß plötzlich und unwiderruflich eine Nadel in ihren Luftballon der Phantasien: "Polizei, Frau Haffer, wir haben hier eine einstweilige Verfügung.
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Herr Anton Stegner hat Sie wegen Stalking und Belästigung angezeigt, Sie dürfen sich ihm künftig nicht auf mehr als 200 Meter nähern!"
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Punktestand der Geschichte:   47
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Kommentare zur Story:

  Mit dieser Geschichte geht es mir auch so... Mag deine Texte. Lg Sabine  
Sabine Müller  -  02.04.07 12:23

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  Hallo, das altbekannte Stalking... So kanns' kommen... Gruß Boris  
Boris  -  02.02.07 11:42

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  So weit kann es kommen in der liebe, eine sehr realistische situation mit traurigem ende. Ich find auch, er hätte vorher mit ihr darüber reden können. Auf jeden fall eine sehr gute geschichte, gut dargestellt.

lg Holger  
Homo Faber  -  28.07.06 13:08

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  Wie du schon sagst, rosmarin, sie hätte es nicht verstanden. Und ich habe versucht, mehr Andeutungen einzubauen, aber das würde die Geschichte stören. Ich will es ja aus ihrer Sicht schildern - und sie hört und sieht eben nicht, was er tut und empfindet.
Deshalb ist auch das Ende "dünn". Ich überlege aber immer noch, ob ich es doch umschreibe.
Freut mich jedenfalls, dass die Geschichte gut ankommt.
LG Lena  
Lena N.  -  24.07.06 12:29

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  hi, lena, ja, zu solchen "empfindungsstörungen" kann es durchaus kommen. aber er hätte ja wirlkich vorher mal was sagen können. aber hätte sie es verstanden? glaube nicht.
lg
rosmarin  
rosmarin  -  24.07.06 12:19

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  flüssig geschrieben und gut erzählt.
nee, stolperstellen müssen nicht eingebaut werden, dass sie täglich anruft, genügt, um darauf zu kommen, dass er sich nach einiger zeit belästigt fühlt.  
holdriander  -  24.07.06 11:08

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  Na ja man könnte das Ende geschickter einfädeln, zwischendurch dezente "Fallen" legen für den Leser, etwas weniger das Wort SMS verwenden und den Schluss härter/ überraschender rüberkommen lassen ...  
Middel  -  23.07.06 21:39

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  Die Geschichte ist sehr gut aufgebaut, die Atmosphäre, sowie die Protagonisten ebenfalls gut beschrieben. An Stil und Form gibt es auch nix zu meckern.
Lediglich das Ende war etwas "dünn" und nicht besonders logisch.
Eine amüsante Geschichte, die natürlich auch zum Nachdenken anregt, Satire konnte ich darin kaum erkennen.  
Minotaurus  -  23.07.06 21:04

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  Danke für eure Kommentare!
Middel, was genau meinst du denn? Wo könnte man noch mehr rausholen?
LG Lena  
Lena N.  -  23.07.06 20:25

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  Ich find die Geschichte von der Idee her gut. Nur wirkt sie in meinen Augen noch nicht vollends durchdacht. Man könnte da noch mehr rausholen an einigen Stellen.  
Middel  -  22.07.06 16:01

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  Was für eine bizarre Geschichte. Aber soll es ja wirklich geben. Da hätte der Herr ja auch mal eher was sagen können. Darf gar nicht an SMS Bomben und Telefonterror denken. Da sträuben sich die Nackenhaare bei mir. Ich hatte auch mal so einen Verrückten am Start. Sind nicht immer nur die Frauen ;-) Die Geschichte gefällt mir gut, sie ist klasse geschrieben. LG Sabine  
Sabine Müller  -  20.07.06 12:32

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Interessante Kommentare

Kommentar von "Juria" zu "Cáriallá - Kapitel 6"

Sehr tolle Geschichte, ich bin gespannt, wies weitergeht. :>

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