Die Kinder von Brühl 18/ Teil 3/ Die Russen und die Neue Zeit/Episode 10/ Der Ritt auf den Schweinen der Abschiedsbirnbaum und andere Geschichten    344

Romane/Serien · Erinnerungen

Von:    rosmarin      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 16. Juni 2023
Bei Webstories eingestellt: 16. Juni 2023
Anzahl gesehen: 1236
Seiten: 9

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Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Episode 10



Der Ritt auf den Schweinen der Abschiedsbirnbaum und andere Geschichten



Die Ferien in Ziegelroda neigten sich allmählich dem Ende entgegen. Das Leben auf dem Bauernhof war den Kindern wie ein einziges Abenteuer erschienen. Fast jeden Tag hatten sie etwas Neues erlebt. Etwas Neues entdeckt. Nach der Enge und dem Zwang in Brühl 18 hatten sie endlich ein Gefühl von Freiheit erfahren. Der Unbeschwertheit. Trotz der vielen Arbeit, die auf einem Bauernhof unvermeidlich ist. Das Seltsame war jedoch, dass die Kinder die Arbeit nicht als Arbeit empfanden. Irgendwie verstanden Karl, Helene, und sogar Wally in ihrer direkten Art, die Kinder spielerisch an die täglichen Dinge des Lebens heranzuführen. Es gab selten Tadel. Aber oft Lob. Sogar die Dummheiten der Kinder nahmen sie mit selbstverständlichem Humor. „Na, hast du wieder Dummheiten gemacht?“, war schon ein geflügelter Satz. Allerdings konnte Rosi den sogenannten Dummheiten nicht zustimmen. Für sie waren es eher Unfälle. Oder Missgeschicke. Sie passierten einfach. Ohne ihr bewusstes Zutun. Eine Dummheit war etwas, dass man bewusst tut, also mit Absicht, und es hinterher manchmal bereut. Weil die Sache anders gelaufen ist, als man eigentlich beabsichtigte. Sonst wäre ja ihre Geburt auf dem Plumpsklo in Brühl 18 auch eine Dummheit von Else gewesen. Sie hätte ja nicht auf das Plumpsklo gehen müssen. Aber wo sollte sie sonst hingehen. Wenn sie so nötig musste. Und so könnte es ewig weiter gehen. Wenn sie das nicht gemacht hätte, wäre jenes nicht geschehen. Und so weiter. Außerdem haben Erwachsene eine andere Sicht auf die Dinge als Kinder. Davon war Rosi überzeugt.



Im Großen und Ganzen war der Tagesrhythmus immer gleich. Frühmorgens sechs Uhr weckte Wally die Kinder. Zu dieser frühen Stunde hatten Karl und Helene schon Einiges getan. Den Kuhstall und den Schweinestall ausgemistet. Den Tieren frisches Heu und Stroh auf den Boden gelegt, damit es für sie nicht zu hart war auf dem steinernen Boden. Die sechs Kühe getränkt. Jede Kuh hatte ihren Eimer, aus dem nur sie trank. Kühe müssen viel trinken. So sechzig Liter am Tag. An sehr heißen Tagen sogar bis hundertfünfzig Liter. Hatte Karl gesagt. Deswegen musste auch immer wieder Wasser von der Dorfpumpe geholt werden.

Die Schweine hatten auch großen Durst.
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Für sie gab es den Schweinestall. In dem lebten der Eber Franz und die drei Säue Lisa, Herta und Minna. Vor dem Schweinestall, an der Längswand, stand ein niedriger Trog, der so lang war, wie die Stallwand. Der Trog musste immer mit Wasser gefüllt sein. Damit die Schweine nach Herzenslust saufen konnten. Wenn zwei oder alle drei Säue und gar noch der Eber, gleichzeitig tranken und grunzten, schwappte das Wasser manchmal über und es bildete sich ein kleiner Tümpel neben der Tränke. Darin suhlten sich die Schweine. Sie wälzten sich von einer Seite zur anderen und quietschten und grunzten quietschvergnügt.

Zweimal im Jahr bekamen die Säue Junge. Eine Sau konnte zehn bis vierzehn Ferkel bekommen. Also werfen. So heißt das bei den Schweinen. Bestimmt, weil sie so viele Ferkel werfen können. Eine Kuh dagegen kalbt nur einmal im Jahr. Und nur ein Junges. Ein Kälbchen.

Kurz vor der Geburt der Ferkel musste Franz den Stall verlassen. „Es könnte sonst sein“, hatte Karl gesagt, „dass der Eber ein Ferkel frisst. Oder die Sau verletzt. Deshalb hat der Eber einen eigenen Stall. Dort bleibt er so lange, bis er den Ferkeln und der Sau nicht mehr gefährlich werden kann.“

Der Stall für den Eber war ein Bretterverschlag, über den Karl ein breites Brett genagelt hatte. So etwas Ähnliches wie ein Dach. Als Schutz vor dem Regen. So gemütlich war das für den Eber bestimmt nicht. So lief er meistens im Hof herum und wartete, bis er wieder in den gemeinsamen Stall durfte.

Die Enten und Gänse und Hühner mussten auch versorgt werden. Gleich in der Früh. Sie bekamen ihr Futter und waren erstmal zufrieden. Die Hühner mit ihren zwei Hähnen auf dem Mist. Die Enten und Gänse im vorderen Teil des Gartens hinter dem Haus. Dort hatten sie auch einen kleinen Tümpel zum Baden. Das taten sie ausgiebig, wenn sie nicht zum Dorfteich mit den Trauerweiden durften. Meistens fraßen sie dann. Gras gab es genug hinter dem Haus. Hinter dem Tabakfeld. Nur Wallys Gemüseblumengarten war für sie tabu und durch einen hohen Zaum vor ihrer Grasgefräsigkeit geschützt.



*



An einem der letzten Ferientage stürmten die Kinder, gleich, nachdem Wally sie geweckt hatte, so wie sie waren, die Treppen hinunter.
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„Wachet auf!

Wachet auf!

Es krähte der Hahn.

Die Sonne betritt ihre goldene Bahn“, trällerten sie fröhlich.

Elses Morgenlied. Die zwei Hähne auf dem Mist krähten fröhlich mit.

„Ihr könnt mal gleich die Eier zum Frühstück einsammeln“, rief Wally aus der Küche.

Die Hennen hatten keinen festen Platz für ihre Eiablage. Sie ließen die Eier fallen, wo sie sich gerade aufhielten. Unter dem riesigen Birnbaum, links neben der Toreinfahrt; auf der Kartoffelmiete vor dem Birnbaum, in dem kleinen Schuppen daneben, in Körben und Eimern. Sogar zwischen alten Säcken und Lappen in der Scheune neben dem Kuhstall. Oder im Plumpsklo.

„Machen wir“, rief Jutta. „Wir beeilen uns.“

Nachdem die Kinder die Eier eingesammelt hatten, stellten sie den Korb mit den Eiern vor den Schweinestall. „Ein bisschen Zeit haben wir ja noch“, sagte Karlchen. „Opa ist ja noch im Kuhstall.“

„Und Oma auch“, sagte Jutta. „Die melkt noch die Kühe.“

„Da werde ich mal helfen“, sagte Karlchen. „Die brauchen bestimmt noch einen richtigen Mann.“

„Hahaha“, lachte Rosi. „Dann mal ab mit dir. Du bist genau der Richtige.“

Schnell lief Karlchen Richtung Kuhstall, während Rosi die Tür zum Schweinestall öffnete. Und, als hätten die Schweine nur darauf gewartet, stürmten Franz, Lisa, Minna und Herta hinaus ins Freie und soffen laut grunzend das Wasser aus der Tränke.

Interessiert schauten Jutta und Rosi zu. Es war doch sehr interessant, zu beobachten, wie bei jedem Schluck, das die Schweine nahmen, etwas Wasser über die Tränke schwappte und eine schlammige Pfütze auf dem Boden bildete, in der die Schweine mit ihren geringeltem Schwänzchen herumplantschten.

Ob man auf den Schweinen reiten kann?, hatte Rosi plötzlich einen Einfall. Das wäre doch mal was.

„Jutta?“

„Ja? Was ist?“

„Ich habe eine Idee“, sagte Rosi zu Jutta.

„Hahaha“, lachte Jutta. „Schon wieder eine?“

„Ja“, erwiderte Rosi, „Das wird lustig. Das heißt, wenn es klappt.“

„Und was für eine tolle Idee soll das sein?“, wurde Jutta neugierig.
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Rosi holte tief Luft und sagte dann: „Wir reiten auf den Schweinen.“

„Du spinnst“, weigerte sich Jutta. „Das ist ja mal wieder eine Schnapsidee. Die sind doch viel zu wild. Die werfen uns ab.“

„Versuch macht klug.“

„Aber du zuerst.“

„Klar.“

„Lisa! Steh auf“, sagte Rosi zu Lisa, die sich vor der Tränke suhlte.

Zu Rosis eigenem Erstaunen stand Lisa tatsächlich auf und blinzelte listig aus ihren Schweinsäuglein. Als wolle sie sagen: „Und nun?“

Vorsichtig packte Rosi Lisa an ihren kleine Ohren. Lisa stand ganz still. Rosi konnte ohne Probleme aufsitzen. „Du auch“, forderte sie Jutta auf. „Schnapp dir die Minna.“

Jutta schnappte sich die Minna. Herta und Franz spielten weiter im Schlamm.

„Lauf Lisa. Lauf Minna. “



Lisa und Minna drehten mit Jutta und Rosi auf ihren borstigen Schweinerücken ihre Runden im Hof. Wie im Zirkus die Pferde in der Manege. Die Kinder hielten die Schweine, die immer lauter quietschten und grunzten, an den Ohren. Plötzlich blieben sie, wie auf Befehl, stehen.

„Lauf Lisa!“

„Lauf Minna!“

Doch es half nichts. Die Schweine rührten sich nicht mehr vom Fleck.

„Wie ein störrischer Esel“, wunderte sich Jutta.

„Da müssen wir wohl runter von den Schweinen“, sagte Rosi und ließ Lisas Ohren los.

In diesem Moment machte Lisa einen Satz nach vorn. Sie duckte sich und warf ihr Hinterteil mit dem niedlichen Ringelschwänzchen in die Höhe. Rosi plumpste unsanft auf die Erde. Laut quietschend rannte Lisa ziellos durch den ganzen Hof.

„Aua, auwa,“ jammerte Rosi. „Lisa! Bleib stehen.“

Doch Lisa gehorchte nicht. Sie rannte weiter wie ein aufgescheuchtes Huhn auf dem Hof herum. Vor dem Misthaufen machte sie endlich Halt. Grunzend warf sie sich vor den aufgeregten Hühnern auf den Mist. Wütend warf sie mit ihren Vorderbeinen die Miststücke nach allen Seiten und versuchte, sich tiefer in den Mist zu graben. Bello stand am Rand und kläffte wie wild. Die Hähne und die Hennen hatten vor Schreck das Weite gesucht und waren panisch nach allen Seiten geflüchtet.

Angelockt von dem Lärm, stand plötzlich Wally in der Tür.
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„Runter mit dir Verrückten“, schrie sie Jutta, die noch immer krampfhaft Minnas Ohren festhielt, an: „Aber schnell! Die Schweine sind doch kein Spielzeug.“



*

Mit dieser Schweinegeschichte fing dieser verrückte Tag an. Doch das war noch nicht alles, was an diesem verrückten Tag passiert ist.

Nach dem Ritt auf den Schweinen war Helene doch etwas sauer. „Das hätte böse ausgehen können“, sagte sie. „Ihr hattet Glück, dass die Schweine satt und friedlich waren. Wenn sie nämlich Hunger haben, können sie ganz schön aggressiv werden. Auch wenn sie ihre Jungen verteidigen.“

Schuldbewusst sahen sich Rosi und Jutta an. Helene hatte ja recht. Sie hatten wirklich nur Flausen im Kopf.

„Ist jetzt Schluss mit solchen Spielchen?“, wollte Helene wissen.

„Ja“, sagten Rosi und Jutta, wie aus einem Munde. "Das mit den Schweinen war wirklich keine gute Idee."

„Na gut“, sagte Helene versöhnlich. „Im Flur den Nasskuchen mit euren Lieblingskirschen und einer schönen Grießdecke, könnt ihr in die Bäckerei bringen.“

Abwechselnd trugen Rosi und Jutta das große, runde Kuchenblech auf ihren Köpfen.

Vor der Gaststätte „Zur guten Quelle", der Bäckerei gegenüber, wollten sie wieder wechseln.

„Schön vorsichtig“, sagte Rosi zu Jutta. „Halt den Kopf gerade. Damit der Kuchen nicht runter rutscht.“

„Her damit.“

Jutta reckte ihre Arme in die Höhe. Und zwar in dem Moment, in dem das Blech mit dem schönen Nasskuchen die Köpfe wechseln sollte. Das Blech geriet in Schieflage. Der Kuchen rutschte herunter. Das Blech schlug mit einem blechernen Ton auf der Erde auf. Genau vor der Tür „Zur guten Quelle.“

"Ein Glück nur", sagte Rosi, "dass es noch so früh ist. Und die Kneipe noch nicht geöffnet hat. Sonst würde es gleich wieder das ganze Dorf wissen."

„Bestimmt ist es nur passiert", sagte Jutta, "weil Oma das Blech so gut eingebuttert hat. Was nun?“

„Wir klauben den Teig einfach von der Erde", schlug Rosi vor. "Und kleben ihn wieder aufs Blech.“

„Gute Idee“, war Jutta einverstanden.
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Gesagt getan. Rosi und Jutta klaubten den Teig, die Kirschen und die schöne Grießdecke, die natürlich keine Decke mehr war, vom Bürgersteig und verteilten sie auf dem Blech. Zum Schluss klopften und strichen sie sie mit ihren flachen Händen glatt.

„Sieht doch gut aus“, sagte Jutta nach getaner Arbeit. „Und nun her mit dem Blech. Auf meinen Kopf.“

Diesmal klappte es.

„Was ist denn mit dem Kuchen passiert“, wunderte sich die Bäckerin, die Jutta das Blech vom Kopf nahm. „Da war wohl die Helene nicht so gut drauf.“

„Kann schon sein“, erwiderte Rosi. „Auf Wiedersehen.“

Nur schnell weg hier. Sonst verplappern sie sich noch.

Die Kinder waren schneller draußen als drinnen in der Bäckerei.

„In zwei Stunden könnt ihr den Kuchen wieder abholen“, rief ihnen die Bäckerin nach.



Doch den Kuchen holten Erich und Sibylle ab. Und weil ihnen der Kuchen doch recht seltsam vorkam, machten sie einen kleinen Ausflug auf die Obststreuwiese und aßen den Kuchen im Laufe des Tages auf. Abends erzählten sie dann eine abenteuerliche Geschichte von einem Kirschnasskuchen mit einer schönen Grießdecke, der ein anderer Kuchen sein wollte. Sozusagen ein gescheckter. Kein geschichteter. Und weil Wally und Helene damit bestimmt nicht einverstanden sein würden, hätten sie sich erbarmt und den Kuchen unter den Bäumen mit den schönen Knupperkirschen verspeist. Und, weil sie natürlich so einen großen Kuchen nicht aufessen konnten, und sie schon nach nicht mal der Hälfte des Kuchens knüppeldicke satt waren, hätten sie großzügiger Weise den Rest für die Vögel oder anderes Getier, das des Nachts bestimmt kommen würde, auf der Wiese liegen lassen. Mit samt dem Blech.

Erst zwei Tage später klärten die Kinder die Geschichte unter großem Gelächter auf.

„Wenn jemand Flausen im Kopf hat, ist es der Erich“, lachte Wally und zu Rosi gewandt: „Und du hast es geerbt.“



Da war schon etwas Wahres dran. Doch Erichs Scherze waren ziemlich makaber.

Neulich hatte sich Erich beim Versteckspiel auf die Futterkiste gesetzt, in der Rosi sich versteckt hatte. „Wo bist du? Wo bist du“, hatte er gerufen und den Deckel erst geöffnet, als sie schon bald keine Luft mehr bekommen hatte.
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Dieser Scherz war ganz schön schlimm. Aber nicht so schlimm, wie der Scherz, den sich Erich vor einigen Wochen erlaubt hatte. Und der für Rosi lebenslange Folgen haben sollte.



Es war wieder ein wunderschöner Tag gewesen. Diesmal ohne Zwischenfälle. Karl hatte den letzten Weizen gemäht. Die Kinder, wie immer, die Puppen aufgestellt und anschließend von den Streuobstwiesen das Heu eingefahren.

In ihrem Bett ist Rosi dann sofort eingeschlafen. Mitten in der Nacht wurde sie wach. Es war stockdunkel. Durch das kleine Fenster an der schrägen Wand fiel kein Lichtstrahl. Rosis Herz begann laut zu klopfen. Irgendetwas stimmte nicht. Ganz steif lag sie in ihrem Bett. Das Bett hatte sich bewegt. Ganz wenig hatte es sich in die Höhe erhoben. Kurz darauf wieder gesenkt. Danach wieder erhoben. Das konnte doch nicht sein! War Rosi in einem Albtraum gefangen? Ganz sicher nicht. Sie wusste, es war Realität. Langsam kroch die Angst von ihrem Herzen zur Kehle. Sie wollte schreien. Doch sie brachte keinen Ton heraus. Das Bett hob und senkte sich weiter. Rosi schrie innerlich: „Hilfe! Hilfe!“ Doch sie hörte ihren Angstschrei nicht. Aber Wally hörte ihn. Sie schlief ja unter ihr. „Was ist denn los Rosi?“, fragte sie besorgt. „Hast du schlecht geträumt? Oder Fieber?“ Mitfühlend legte Wally ihre Hand auf Rosis Stirn. „Fieber hast du nicht“, stellte sie fest. „Sag endlich, was los ist.“

Rosi konnte sich noch immer nicht bewegen. Sie zitterte am ganzen Körper. „Da, da“, stotterte sie. „Das Bett.“

Wally schaute unter das Bett. „Verdammt nochmal", schrie sie: „Was machst du denn hier? Du kannst doch dem Kind nicht so einen Schrecken einjagen.“

Unter dem Bett kroch der Erich hervor. „Es war nur Spaß“, sagte er.

Nur Spaß. Ja. Doch seit diesem Tag und dem Tag in der Futterkiste, konnte Rosi in keinem abgeschlossenen oder engen Raum mehr sein. Sie bekam sofort Panik. Platzangst. Herzklopfen. Doch das war ihr damals natürlich noch nicht bewusst.

Und jetzt erzählte Erich die Geschichte von dem Kuchen, der ein anderer Kuchen sein wollte, während Sybille sich fest an ihn schmiegte und aus seinen Augen der Schelm blitzte.



*



Der Tag des Abschieds rückte immer näher.
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Nach dem Kaffee trinken saßen alle beisammen. Sie wollten den Tag gemütlich ausklingen lassen. Doch die rechte Stimmung wollte nicht aufkommen. Karl griff nach seiner Zeitung. Er hatte die Fortsetzungsgeschichte noch nicht zu Ende gelesen. So las er sie jetzt und rauchte dabei seine Pfeife.

Bello lag, wie immer, zu seinen Füßen. Helene machte sich am Herd zu schaffen. Wally stellte das gebrauchte Geschirr in die Schüsseln unter dem Tisch.

Erich und Sybille saßen in ihrer Ecke auf dem blauen Plüschsofa. Die alte graue Katze trieb sich irgendwo herum. Von draußen vernahm man die beruhigenden Laute der Tiere. Die Gespräche waren vollends verstummt. Auch Rosi, Jutta und Karlchen sagten kein Wort. Jeder hing so seinen Gedanken nach. Seinen Abschiedsgedanken. Nach einer Weile blickte Karl von seiner Zeitung auf. Seine wasserblauen Augen sahen die Kinder etwas traurig an. „So“, brach er endlich das Schweigen, „Else kommt ja in zwei Tagen und holt euch ab.“

„Schade“, sagte Karlchen. „Aber wir kommen ja nächstes Jahr wieder.“

„Schade“, sagte auch Rosi. „So müssen wir uns jetzt mal verabschieden.“

„Wie verabschieden?“, fragte Jutta.

„Na, von den Tieren und Bäumen. Wir müssen ihnen doch sagen, dass wir nächstes Jahr wieder kommen. Damit sie nicht traurig sind.“

„Du spinnst“, sagte Karlchen überzeugt. „Bäume können doch nicht traurig sein.“

„Können sie doch“, sagte Rosi. „Kommt mit. Wir verabschieden uns von dem Birnbaum. Da werden wir ja sehen, ob er traurig ist.“

Rosi rannte los. Jutta und Karlchen hinterher.

„Wir klettern bis in die Spitze“, schlug Rosi vor. „Von da oben sieht die Welt ganz anders aus. Bestimmt wie vom Kirchturm in Buttstädt. Und die Luft ist auch anders. Und der Himmel auch.“



Flink, wie die Eichhörnchen auf den Streuobstwiesen, kletterten die Kinder auf den uralten Birnbaum, der voller, noch nicht ganz reifer, Birnen prangte.

„Schade“, sagte Jutta, „dass die Birnen erst reif sind, wenn wir weg sind.“

„Dafür haben wir dann die Zwetschgen“, tröstete Rosi Jutta. „Die sind ja nun auch bald reif.
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Als die Kinder die Hälfte des Birnbaums erreicht hatten, wollten Karlchen und Jutta nicht weiter klettern.

„Mir ist komisch“, sagte Jutta. „Ich klettere wieder runter.“

„Mensch Jutta“, wollte Rosi Jutta aufhalten, „du kletterst doch sonst auf die höchsten Bäume. Da war dir auch nie komisch.“

„Aber jetzt doch", ließ Jutta sich nicht überreden.

„Ich klettere auch wieder runter“, sagte Karlchen. „Irgendwas ist wirklich komisch.“

„Komisch, komisch“, äffte Rosi. "Feiglinge. Da klettere ich eben allein weiter.“

Jutta und Karlchen standen wieder auf der Erde und schauten von unten zu, wie Rosi in die Spitze des Birnbaumes kletterte.

Plötzlich kam, sprichwörtlich, wie aus heiterem Himmel, ein Wind auf. Der Himmel verdunkelte sich. Eine dunstige Schwüle breitete sich gespenstig aus und einige Tropfen fielen vom Himmel.

„Rosi, komm runter“, sagten Jutta und Karlchen. "Es gibt bestimmt ein Gewitter.“

„Erst muss ich in die Spitze“, blieb Rosi störrisch. Doch der Wind wurde stärker. Die Zweige bewegten sich immer heftiger in die windige Richtung. „Na gut“, sagte Rosi. „Ich komme runter. Nicht, dass hier noch die Äste abbrechen.“

Rosi kletterte eine Etage tiefer. Das wars dann. Sie traute sich nicht weiter. Der Wind wurde immer bedrohlicher. Ihr wurde schwummrig. Krampfhaft umklammerte sie hoch oben den Stamm des Birnbaums. „Holt den Opa“, schrie sie. „Er soll die lange Leiter mitbringen.“

Karl kam mit der langen Leiter. Doch die reichte nicht. Der Birnbaum war viel zu hoch. Ich muss ins Spritzenhaus“, sagte Karl. „Die Feuerwehrleiter holen.“



Karl lief schnell zum Spritzenhaus. Helene, Wally, Erich und Sybille, Jutta und Karlchen standen unter dem Birnbaum und guckten in die Höhe. Bello bellte wie verrückt und versuchte vergeblich, auf den Birnbaum zu springen. Die Schweine waren in ihren Stall geflüchtet. Das Federvieh war auch verschwunden.

Rosi umklammerte noch immer den dicken Stamm.

Endlich kam Karl mit zwei Männern von der Feuerwache, die die Feuerwehrleiter trugen, zurück. Alle atmeten erleichtert auf.

Die Männer lehnten die Leiter an den Birnbaum. Einer hielt sie zur Sicherheit fest, der andere stieg bedächtig hinauf.
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„Na, du Wildfang“, sagte er und nahm Rosi auf seinen Arm. Unten angekommen, stellte er sie schmunzelnd neben Jutta und Karlchen. „Da habt ihr eure Abenteurerin wohlbehalten zurück“, sagte er. „Wir müssen auch wieder los."

Die Feuerwehrmänner nahmen ihre Leiter und verschwanden durch das grüne Tor.

Kaum, dass die Familie wieder im Haus war, ging ein heftiges Sommergewitter los.

*

Das waren die vorerst letzten Geschichten von Ziegelroda. Denn nun waren die Ferien zu Ende. Und das Leben in Brühl 18 fing wieder an. Besonders das Schulleben.



***



Fortsetzung folgt
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Kommentare zur Story:

  Danke für Deinen ausführlichen Kommentar, liebe
Else. Es freut mich, dass Dir die Geschichten aus
einer fast vergessenen Zeit, gefallen.
Gruß von  
   rosmarin  -  19.06.23 10:37

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  Wieder ein wunderschönes Kapitel. Du schreibst so schön detailliert, als würde man das selber hautnah erleben. Eine ganz andere Zeit damals als heute. Ich finde es toll, dass du dich noch so weit zurück entsinnen und den Leser in diese Zeit zurück entführen kannst. Lesenswert und sehr lebendig.  
   Else08  -  17.06.23 21:55

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Kommentar von "Sabine Müller" zu "Die Lebenswippe"

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