Auf der Heide liegt ein Fluch   270

Kurzgeschichten · Spannendes

Von:    Frank Bao Carter      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 14. August 2020
Bei Webstories eingestellt: 14. August 2020
Anzahl gesehen: 1019
Seiten: 9

Ein Fluch liegt auf der Heide. Frauen sowie Männer, ob jung oder alt, werden gefressen. Die Leichenspürhunde finden nur ihre von der Sonne ausgeblichenen Knochen und vom Wind verwehten Haare. Nach dem Bericht eines zu tief ins Glas geschauten Schäfers soll eine riesige Echse sich durch das Heidekraut schleichen. Der Alte schwört Stein auf Bein, dieses Untier würde das Unheil stiften. Gesehen haben will dieses grausame Verschlingens eines Menschen aber weder der dem Alkohol Zugeneigte, noch einer der vielen Spaziergänger oder einer der Kutscher, die mit ihren Planwagen die Touristen auf den hellbeigen Sandpisten durch das violette Meer der Erika schaukeln.

So bleibt alles ein Phänomen im Range von Loch Ness. Jener siebenunddreißig Kilometer lange und bis zu zweihundertdreißig Meter tiefe See, der aufgrund seiner besonderen Beschaffenheit eigenartige Wellenformationen erschafft, die besonders bei glatter See auffallen. Diese entstehen in den tiefen, langen Canons, wo Wassermengen von der einen Wand zur anderen schwappen. Wenn sie sich in der Mitte treffen, wölben sie sich zu einem oder mehreren Buckeln auf, die bis zur Oberfläche des Sees wachsen können. Vom Land aus gesehen kann der einsame Wanderer schnell den Eindruck gewinnen, ein Relikt der Dinosaurierzeit würde knapp unter der Oberfläche schwimmen. Wissenschaftlich unmöglich, für den Tourismus hingegen lebensnotwendig.

In diesen Kontext wird jetzt die Beobachtung des Schäfers eingeordnet. Eine angebliche, schaurige Echse aus der Urzeit soll zum Magneten werden, noch mehr Besucher zu den violetten Ebenen mit ihren Wachholderbäumen, Birken und Kiefern zu lotsen. Ortsansässige Fuhrparkunternehmer haben sich schon Angebote eingeholt, ihre Planwagenflotte um das Dreifache aufzustocken.

*

Petru Seizew schleicht seit der Morgendämmerung durch die Heidewälder. Weil er sich sehr langsam bewegt, nimmt man ihn in seinem matt-grünen Anzug kaum wahr. Kein einziger trockener Kiefernast knackt unter seinen Stiefeln, mit seinem Körper weiß er stets, die Bäume und Büsche nicht zu berühren, wenn er querwaldein auf der Pirsch ist.

Jetzt ist es eine Stunde nach Sonnenaufgang. Der Fixstern ist schon gelb, steht aber noch nicht allzu hoch am hellblauen Himmel. Petru Seizew mag diese Zeit des Spätsommers besonders. Mit Freude im Herzen hält er inne, als er aus dem Wald in die violette Ebene tritt.
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Blühende Besenheide, wohin das Auge blickt. Und schaut er gegen das Licht, sieht er abertausende Spinnennetze im Gegenlicht, die sich auf die violetten Büschel der Calluna Vulgaris gelegt haben. Aufgrund des Morgentaus, der sich in Form winziger Tropfen auf den Fäden der Spinnen gebildet hat, wird das Licht gebrochen und erzeugt dieses silbrige Strahlen, das die Netze der kleinen Achtbeiner verrät.

Von dem Farbenspiel gefangen, lässt er den Blick über die hügelige Fläche schweifen. Vorbei an einer Gruppe kleinerer Wachholderbäume, entlang der weißen Stämme einiger junger Birken, bis seine ganze Aufmerksamkeit von einer wunderbar kräftigen Kiefer in Anspruch genommen wird. Fasziniert betrachtet der Waidmann die weit ausladende Krone. Ohne Konkurrenz mit seinen Artgenossen, wie es im Wald hinter dem morgendlichen Heidebesucher ist, entfalten die Bäume erst ihre ganze Pracht. Leise flüstert Petru Seizew ein Dankgebet an die Schäfer und Förster, die vor unzähligen Jahren beschlossen haben, diese Kiefer zugunsten des Erhaltens der Heidefläche nicht zu roden.



Wie seine Augen von der Krone am Stamm entlang nach unten schweifen, verharrt er mitten in der Bewegung, als hätte ihm eine Hexe ins Kreuz geschossen. Es ist aber nicht ihr Pfeil, der ihn lähmt; es ist das Trugbild, das die böse Zauberin ihn vorgaukelt. Höchstens zwei Handbreit rechts vom Stamm des mächtigen Baumes. Handbreit aus seiner Position gemessen. In Wahrheit liegt das Trugbild mitten in der Erika.

Der Jäger kneift die Augen zu, um das ungewöhnliche Bild zu verscheuchen. Vergeblich, als er die Lider wieder hebt, ist die Erscheinung noch da. Magisch wird sein Blick angezogen von zwei wunderschön gemalten F-Löchern. Jene Schalllöcher in Form eines kursiven und kleingeschriebenen f, die bei einem Cello rechts und links vom Steg angebracht sind. Jedoch ist es kein Musikinstrument, das etwa hundert Meter von ihm entfernt in die sandige Erde der Heide gesteckt ist.

Fassungslos starrt er die Erscheinung an. Als wären die Hände nicht mehr mit der Schaltzentrale seines Gehirns verbunden, verscharren sie sein Gewehr am Westende einer Gruppe von drei Wachholderbäumen in dem hohen Büscheln der blühenden Besenheide.
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Vergeblich mahnen die Torwächter am Anfang der Wirbelsäule den Fuhrwerke, die den Befehl „Gehen“ tragen, die Stadt nicht zu verlassen. So kommt es, dass sich Petru Seizew in Bewegung setzt. Seinem Untergang entgegen.

*

Spiegel, Spiegel,

Tor zur Welt,

Zeige mir dein Bild.

Hüter der Sieben Zonen,

Priester der dunklen Geister,

Erhöret mich!

Lasset meine Kinder durchschreiten

Das Meer der Sphären,

Dass sie erklimmen mögen

Die Leiter des Lichts.

Hüter der Sieben Zonen,

Öffne das Tor!

Priester der dunklen Geister,

Öffne das Tor!

Wächter der kalten Sphären,

Öffne das Tor!



Spiegel, Spiegel,

Macht der Dunkelheit,

Unbezwingbarer Dämon,

Pate des sechs Mal Verdammten,

Urahn des Todes,

Zeige mir,

Der Tochter in Not,

den Sitz der Kinder.



Das Glas wölbt sich nach außen und innen, als würde ein Herz zu schlagen beginnen, wandert nach oben, nach unten, gleitet nach links und nach rechts, um letztendlich wieder in der Mitte zur Ruhe zu kommen.

Wald löst sich auf in Nebel, Nacht verliert jegliches Licht, der Umhang des Todes wird über die Welt gebreitet. Aus dem Zentrum heraus ein Strudel. Schnell treiben seine Wellen nach außen, gebären sieben schwarze Raben, die das Glas durchstoßen. Sie setzen sich auf Stuhllehnen, an den Rahmen des Spiegels, auf die Schulter der Herrin. Gebannt schauen sie alle in das wabernde Zauberglas.

Dort zieht sich der Strudel zurück, wird zur schummrigen Windhose, flitzt durch die vollmonddurchtränkten Wälder, hastet über blühende Wiesen, stakst durch die Pfade schwarzer Moore, schlägt sich durch einen unerbittlichen Dornenwald, bis hin zur Lichtung. Hell. Heilig. Ein Kleinod im Reich der Finsternis.

Genefe Tervoort, die alte Kräuterfrau aus der Hütte am Rand der Heide, Vasallin des mächtigsten aller gefallenen Engel, Kundige der Beschwörungen, Zauberin und Hexe, tanzt ehrfürchtig mitten im Schlafgemach ihres kleinen Häuschens. Sie dreht sich um sich selber, ihr weißes Festtagskleid umweht ihren Leib, schlohweiß ihr langes, glattes Haar, aschfahl das Gesicht, daraus leuchtet kirschrot ihr Mund.
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Die Raben erheben sich. Sie schwirren um die Tanzende herum. Kleid baut sich auf zu einem weißen Turm. Sieben schwarze Schatten begleiten sie, als sie hinein gesogen wird in das Zauberglas.

*

Ein Rehkitz steht auf einer blühenden Wiese. Eine helle, heilige Lichtung im schwarzen Wald der Verdammten. Es erkennt nicht die Gefahr.

Zwei junge Echsen, einen Meter in der Länge, mit Zungen, die aus dem Maul schnellen, um Witterung aufzunehmen. Deutlich fangen die Geschmacksnerven das Aroma der Beute ein, bestimmen die Echsen den Standort ihrer Nahrung.

Näher und näher pirschen sie durch das hohe Gras. Bedächtig, dass es aussähe, die langen Halme würden vom Wind bewegt. Doch die Rehmutter erkennt die Gefahr rechtzeitig. Ein Warnruf, und das Kitz hechtet der Mutter hinterher, hinein in den Wald, hinauf zu langgezogene Höhen. Die Echsen scheinen verärgert. Abermals ging eine Jagd daneben, seitdem die Mutter sie verlassen hat. Deutlich ist ihnen die Enttäuschung anzusehen sowie die Angst, verhungern zu müssen. In diesem Moment horchen sie auf, als hätten sie einen Ruf vernommen.

„Spiegel, Spiegel, Tor zur Welt . . .“

Ihre Gesichter klaren auf, mit neuem Tatendrang schreiten sie zu einem nahegelegenen Tümpel. Glasklar das Wasser, ihre Spiegelbilder sind fast so scharf wie der Anblick des Originals. Doch da erhebt sich ein weißer Strudel, umweht von schwarzen Flecken. Ihm entwachsen zwei Hände. Sie dehnen sich aus, schieben sich zu den Tieren, die seit Urzeiten das Reich bewohnen: Varaner.

Geschmeidig gleiten sie kopfüber in den Teich.



Echsen wachsen zusammen mit einem dichten Nebel aus dem Spiegel in der Hütte der alten Genefe Tervoort. Die Vasallin tanzt mitten im Zimmer. Weiß strahlt ihr Festtagskleid, schlohweiß ist ihr langes, glattes Haar, aschfahl das Gesicht, daraus leuchtet kirschrot ihr Mund.

Mit einer gebieterischen Handbewegung zwingt sie die Echsen, sich platt auf den Boden zu legen.

Der Nebel streicht über den Boden, zurück zum Spiegel, zurück in die andere Welt. Wo eben noch Echsen lagen, liegen zwei Kinder. Ein Mädchen und ein Junge.
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Einfache, grüne Gewänder bedecken ihre schlanken, zehnjährigen Körper.

Kaum erwacht, krabbeln sie zu der Truhe unterm Fenster. Die Knie auf dem Holz abgelegt, die Ellenbogen auf die Fensterbank gestützt, schauen sie hinaus in die Heide. Nicht weit entfernt sitzt eine Frau im Heidegras. Nackt. Unaufmerksam. Wehrlos.

Bettelnde Augen schauen die alte Zauberin an. Die Mägen der kleinen Kinder knurren. Mit der Fresslust, die in den Augen des Geschwisterpaares steht, wirken sie nicht mehr unschuldig.

„Wartet noch. Seht ihr am Waldrand, was ich sehe? Gönnen wir ihr noch ein kleines Techtelmechtel. Ihre ganz persönliche Henkersmahlzeit.“ Liebevoll streicht die Alte den beiden Kindern über den Kopf.

*

Petru Seizew, der Jäger, schreitet langsam auf die sitzende, nackte Frau zu. Dabei achtet er darauf, den mächtigen Stamm der Kiefer in einer Linie zwischen sich und dem holden Wesen zu haben. So könnte er sich schnell aus ihrem Sichtfeld entziehen, würde sie einen Blick über ihre Schulter werfen.

Beim Anpirschen hält er den Kopf schief nach rechts, um am Stamm vorbei zu schauen. Denn das Bild, das er sieht, ist unglaublich schön. Die etwa vierzigjährige Frau sitzt mit dem Rücken zu ihm im Gras. Ihr schulterlanges, dunkelblondes Haar hat sie am Schopf mit einem Haarband zu einem weit oben beginnenden, kurzen Pferdeschwanz gebunden. Dadurch kommt ihr langer Hals gut zur Wirkung. Weil sie den Kopf leicht nach links gedreht hat, könnte er ihr freigelegtes Ohr bewundern und ihren nachdenklichen Blick erkennen, der schräg nach unten das violette Blütenmeer abzumessen scheint.



Aber all das nimmt der morgendliche Jäger nicht wahr. Er ist von den großen f-Löchern gefangen, die ein Viertel ihrer Rückenpartie ausmachen. Ein Rücken mit den wunderbarsten, weiblichen Rundungen, die er je gesehen hat. Perfekt geformt, wie ein Cello. Der Künstler, der diese Tattoos geschaffen hat, gehört in den Himmel, schmunzelt der reife Mann, als er eine Hand an den Stamm der Kiefer legt.

Ganz klein wenig wackelt die einsame Sitzende mit dem Ohr. Sie hat den Anschleichenden schon längst wahrgenommen. Einen Anlass zur Flucht verspürt sie nicht. Sie ist neugierig, wie der Mann auf ihre Reize reagieren wird. Fragt sich, ob der Bursche hinter dem Stamm stehen bleiben oder den Mut finden würde, zu ihr zu kommen.
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Sinniert darüber nach, ob seine Fingerspitzen zuerst ihren Nacken oder ihre Zeichnungen berühren werden; ob er zart genug wäre, ihre innere Musik zum Schwingen zu bringen.

Als sie die feinen Äste der niedrigen Heidebüsche knacken hört, gleitet ein flüchtiges Lächeln über ihr Gesicht. Der Morgen scheint es gut mit ihr zu meinen. Das letzte Liebesabenteuer liegt schon einige Zeit zurück.

Um den Mann noch mehr in Entzücken zu versetzen, legt die zauberhaft schöne Frau sich auf die Seite und winkelt die Arme an. Aus dieser Position sieht ihr Becken wie eine reife Birne aus, präsentiert sie ihr schmuckes Gesäß freizügig und weckt gleichzeitig den Eindruck, zu schlafen. Ein Umstand, wie es sich ein Jäger nicht besser wünschen kann, der sich an seine Beute anschleicht.



Hinter der Frau geht Petru Seizew in die Knie. Mittel- und Zeigefinger aneinandergelegt, fährt er sie Konturen des aufgemalten Schalllochs ab. Es ist magisch schön, über diese glatte, weiche Haut zu streichen. Von der Zeichnung entlang der Wirbelsäule bis zur Schulter, auf der Seite zurück bis er das pralle, runde Becken erreicht. Jetzt nimmt er die ganze Hand, um zu streicheln.

Die Frau stößt ein verträumtes Summen aus, das Wohlwollen bekundet. Gemächlich dreht sie sich auf den Rücken und schaut ihren heimlichen Besucher an. Verlangend streckt sie beide Arme aus. Ihre Hände legen sich um den Hals des Mannes, ziehen seinen Mund auf ihre Lippen.

Der Kuss ist zart und zurückhaltend, setzt den Jäger in ein Verzücken. Mit Widerstand hat er gerechnet, einem Aufschrei, einem Schimpfen. Jetzt ist alles anders. Die uneingeschränkte Bereitschaft der Frau schaltet all seine Alarmsinne aus. Folglich schließt er die Augen, um das Spiel mit ihren Lippen und ihrer Zunge besser genießen zu können.

Vor seinem inneren Auge hat er dabei nur ein einziges Bild: Der unendliche Teppich der violetten Heide, der beige Körper in Form eines Cellos, die verzaubernden, spiegelverkehrt gegenüber gesetzten Fs. Willenlos lässt er sich von der attraktiven Frau entkleiden. Das Vereinen der Körper geschieht mit einer Selbstverständlichkeit, wie an jedem Morgen die Sonne aufgeht.
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Mal ist er über ihr in Liegestütz, mal liegt er unten und genießt das Kreisen ihres Beckens auf seinem Schoß. Seine Bitte kommt ihm selber albern vor, dennoch ringt er sich durch. Seine Partnerin versteht sein Verlangen, belächelt ihn nicht. Artig wendet sie sich, um von da an verkehrt herum auf dem Schoß des Jägers zu reiten.

Petru Seizew umgreift ihre Hüfte und reibt die ganze Zeit mit seinen Daumen über die fein gemalten Schalllöcher seines Musikinstrumentes aus Fleisch und Blut.

*

Zwei Kinder in grüner Kleidung schleichen wie Indianer durch die Heide. Sie profitieren von der Unachtsamkeit der sich liebenden Menschen. Dieses Mal soll ihnen das Frühstück nicht im letzten Moment entwischen. Das ist nicht nur wichtig wegen des unschlagbar leckeren Geschmacks der Homo Sapiens, sie benötigen dringend Nahrung, um nicht so schwach zu werden, dass sie nicht mehr auf Jagd gehen können und elendig verhungern müssten. Von dem Körnerbrei, den ihnen die Hexe mit dem Spiegel vorsetzt, kriegen sie lediglich Magenkrämpfe.

Sie sind Varaner. Eine uralte Reptilienspezies, die sich in eine Parallelwelt zurückgezogen hat, um nicht direkt mit den Menschen konkurrieren zu müssen, der einzigen Gattung auf der Welt, die es mit der Intelligenz der Varaner aufnehmen kann.

Folgerichtig lernten diese Reptilien im Laufe der Evolution, menschliche Formen annehmen zu können, wenn sie durch das Tor im Spiegel die Erde betreten.

Genau diese Erscheinungsform wird ihnen hinderlich sein, sollten die beiden gefräßigen Kinder ihre Beute erreicht haben. Aus diesem Grund legen sie ihre Kleidung ab, damit sie nicht zerreißt, wenn sie sich zu Echsen wandeln.

Sekunden später schieben sich die Urtiere durch die knöchelhohen Büsche der Heide. An ihren Körpern rauscht das Geäst, ihre Zungen erfüllen die Luft mit einem leisen Zischen. Das Liebespaar vernimmt es nicht. Meter für Meter schieben sich die Hungrigen an ihre Beute heran.

*

Nachdem der Mann gekommen ist, bleibt die Frau aufrecht auf dem Erschöpften sitzen. Ein wenig vermisst sie das wonnespendende Gefühl der sie streichelnden Hände. Doch Zeit für Wehmut bleibt ihr nicht. Als Mutter hat sie Sorge zu tragen.
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Eine Pflicht gegenüber den Kindern, die schon ganz nah herangepirscht sind.

Kurzentschlossen setzt sie sich vor die Füße des Jägers und hebt einen an ihren Mund. Zärtlich leckt sie die Zehen des Mannes, der sich jetzt lang auf den Rücken hinlegt und seine Hände hinter seinem Kopf verschränkt. Diese Liebesgabe will er einfach genießen. Mit geschlossenen Augen.

Doch mit der Zärtlichkeit ist es im nächsten Moment vorbei. Eine schuppige Kralle setzt sich auf seinen Hals, etwas Raues mit den Maßen eines Feuerwehrschlauches umschlingt seinen Oberkörper mitsamt den Armen, und seine Zehen knacken laut, als sie abgebissen werden.



Weit reißt Petru Seizew die Augen auf. Die attraktive Frau ist verschwunden. Ihren Platz hat ein riesiges Reptil eingenommen. Mindestens drei Meter lang.

Der schuppige Schwanz hat sich um seinen Körper gelegt, mit einer ungeahnten Muskelkraft hält er den Mann bewegungsunfähig. Zeitgleich schürt ihm die Echsenklaue an seinem Hals die Luft ab. Wehrlos muss er zusehen, wie dieses Biest ihn bei lebendigem Leibe frisst. Dem Fuß folgt das Schienbein, das Knie, der Oberschenkel. Es knirscht und knackt herzergreifend, als die Varanerin die Knochen mit ihren Zähnen zermalmt.

Der Schock des Jägers sitzt so tief, dass er nicht einmal in Panik verfällt, als zwei kleinere Echsen sich an seinen Seiten bequem machen und ihn von den Händen an aufzufressen beginnen.

Als das große Wesen, das vor kurzem noch eine Frau gewesen ist, mit der er sich geliebt hat, sich seinen zweiten Fuß in den Rachen schiebt, verliert er das Bewusstsein. So kriegt er nicht mehr mit, dass er von diesen Urzeitviechern bis auf die Knochen und Haare verspeist wird. Knochen, die in der Sonne verbleichen werden, Haare, die der Wind weit weg von dem Tatort tragen wird.



Nach dem Mahl verwandeln sich die drei Varaner wieder zu Menschen. Jedes der Kinder klammert sich an eine Seite der Mutter. Sie freuen sich riesig, wieder beisammen zu sein.

„Habt ihr noch mehr Hunger.“ Die Mutter richtet sich ihr Haar neu, greift sich einige Äste der Heide und benutzt diese als Stäbchen, um sich ihre mittelblonde Pracht hochzustecken.

Der Junge bejaht die Frage, das Mädchen hebt das durch die Wandlung zerrissene Haarband vom Boden auf und wickelt es sich um das Handgelenk.
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Dann rennt es mit seinem Bruder zurück zu den grünen Gewändern. Angekleidet hüpfen beide zurück in die Hütte der Zauberin. Erneut auf der Truhe kniend schauen sie zu, wie sich ihre Mutter etwa einen Kilometer entfernt von der ersten Futterstelle wieder in das Heidegras setzt. Den Rücken zum Weg am Waldrand ausgerichtet.

*

Hartmut Bantelmann tritt aus dem Kiefernwald. Früh am Morgen war er zusammen mit seinem Kollegen Petru Seizew aufgebrochen, das berüchtigte Echsenwesen zu jagen und zu erlegen. Bisher verlief die Suche ergebnislos.

Nachdenklich schweift sein Blick über die Landschaft. Blühende Besenheide, wohin das Auge blickt. Schaut er gegen das Licht, sieht er abertausende Spinnennetze im Gegenlicht, die sich auf die violetten Büschel der Calluna Vulgaris gelegt haben. Aufgrund des Morgentaus, der sich in Form winziger Tropfen auf den Fäden der Spinnen gebildet hat, wird das Licht gebrochen und erzeugt dieses silbrige Strahlen, das die Netze der kleinen Achtbeiner verrät.

Von dem Farbenspiel gefangen, lässt er den Blick über die hügelige Fläche schweifen. Vorbei an einer Gruppe kleinerer Wachholderbäume, entlang der weißen Stämme einiger junger Birken, bis seine ganze Aufmerksamkeit von einer wunderbaren Erscheinung gefesselt wird. Ein Cello aus Fleisch und Blut. Ein weibliches Cello, vollkommen nackt.



Diesem verzauberten Musikinstrument will er nicht mit einer Waffe in der Hand gegenübertreten. Deshalb versteckt er sein Jagdgewehr in dem struppigen Heidegras, etwa auf acht Uhr von einer kleinen Birk entfernt, wenn er seinen Körper direkt zwischen diesen weißen Stamm und den hellen Sandweg in seinem Rücken stellt.

Die Augen nicht von den wundersam auf den Rücken aufgemalten f-Löchern nehmend, pirscht er sich an die hoch attraktive und arglose Frau heran. Was für ein Augenschmaus. Unmöglich darf er sie am Wege liegen lassen.
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Punktestand der Geschichte:   270
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Kommentare zur Story:

  Vielen Dank, Irmgard.  
   Frank Bao Carter  -  07.11.20 13:09

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Ich rede kein Blech, wenn ich sage: Schöne schaurig-erotische Geschichte. Wirklich gelungen.

l.g.  
   Irmgard Blech  -  15.08.20 12:45

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Interessante Kommentare

Kommentar von "Nausicaä" zu "frühling z2"

einfach toll, dieses frühlingsgedicht. du findest in deinen gedichten häufig ganz eigene, besondere bilder. wunderschön, ohne kitschig zu sein.

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