Kurzgeschichten · Erinnerungen

Von:    Waldkind      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 19. September 2018
Bei Webstories eingestellt: 19. September 2018
Anzahl gesehen: 2406
Seiten: 2

Und da war sie weg.

Diese schützende Generation ist einfach komplett weggebrochen vor zwei Tagen.

Ohne Wiederkehr bin ich jetzt kein Enkelkind mehr. Mit meinen Erinnerungen darf ich mich noch kindlich und schutzsuchend an Schürzen kuscheln oder über Omas Kopftuch lächeln, das sie immer beim Heu machen trug. Ich sehe sie singen. Sie steht mit meinem Opa Arm in Arm vor dem Mikrophon. Das runde silberne Medaillon prangt stolz über ihrem Atombusen. Irgendein männliches Antlitz ist darauf und außenherum sind silberne kleine Perlchen. Ich sehe sie so stehen und dabei kann ich sie auch hören. Sie singen 'nach meiner Heimat ziehts mich wieder' und dabei sind sie sehr harmonisch. Wenn ich es recht bedenke, war es für mich immer schön bei ihr. Ich schlief einmal bei ihr, in dem Jahr, nachdem mein Opa gestorben war. Ich war siebzehn und aus gewesen. Sonntags musste ich dann dennoch mit ihr in die Kirche gehen. Früh. Und zähneknirschend. Danach weinte sie. Obwohl sie sozial immer mehr als gut eingebunden und glücklich war, vermisste sie ihren Mann. Und das wohl irgendwie ihr ganzes restliches Leben. Ich rieche die ersten Königsberger Klopse meines Lebens und sehe, wie sie mir Tartar zurecht macht. Die besten Kokosmakronen, weiß wie unschuldig frischer Schnee und so fragil- knusprig wie eine dünne Eisschicht, verließen ihren Backofen. Sie holte die immer aus ihrer Speiß. Genau wie ihren Zimtkuchen, den ihr (ich habe es selbst mehrere Male probiert) niemand wirklich nachbacken kann. Meine letzte Oma. Die Oma, bei der ich nicht täglich war und zu der ich kein enges Verhältnis hatte. Aber meine Oma. Ein Mensch aus einer anderen Zeit. Schwer arbeitend aber feiernd und singend. Ich glaube, sie hat ihr Leben genossen und es trotz des nicht reichlich vorhandenen Geldes sehr reich gehabt. Meine Erinnerungen an sie sind immer auch verknüpft mit Bauerei. Handlungen und Gerüche, die ich genoss und die mir vertraut waren und im Herzen beständig sind. Der vom Fingerfett blankpolierte Handlauf des Kellerabgangs und die zu hohen und steilen Treppenstufen. Der Stall. Das eine Kälbchen, das ich liebte und das dann im Fieber starb. Die Teiche. Fischköpfe in der Wurstküche. Geräucherte Forellen. Die Luke, durch die duftendes Heu in den Stall geworfen wurde. Und diese kleinen Bänkchen vor ihrem Haus, auf denen wir die dreckigen Schuhe auszogen und etwas tranken, nachdem wir gearbeitet hatten. Ich liebte es dort und immer sind wir meiner Meinung nach zu früh gegangen.
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Jetzt ist sie gegangen. Nicht zu früh. Sie war stolze neunzig geworden und hatte das letzte Ständchen mit wippendem Rock genossen. Aber so sehe ich sie nicht, obgleich die Erinnerung die frischeste ist.

Ich sehe sie singend und ich sehe sie mit ihrem Kopftuch oben auf dem Heuwagen.

Sie winkt glücklich lachend mit einem weißen Taschentuch von dort herunter.



"Nach meiner Heimat, da ziehts mich wieder.

Es ist die alte Heimat noch.

Die selbe Lust, die selben frohen Lieder,

und alles ist ein andres doch......"
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Kommentar von "Nathanahel Compte de Lampeé" zu "Manchesmal"

... welch ein wunderschöner text ! lg nathan

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