Die Frauen von Kampodia/Kapitel 9 – STREITGESPRÄCHE   106

Amüsantes/Satirisches · Romane/Serien

Von:    Ingrid Alias I      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 17. Juni 2013
Bei Webstories eingestellt: 17. Juni 2013
Anzahl gesehen: 1762
Seiten: 6

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Ungefähr zur gleichen Zeit, als die Baronin ihren kranken Sohn nach Hause brachte, erreichte die Hanna Kampodia. Die Dämmerung hatte schon eingesetzt, und sie wollte endlich nach Hause.

Sie kam aus dem Nachbarort. und ihr Schubkarren wog schwer. Darauf befand sich nämlich eine Lage Eisenstäbe für den Nagelschmied im Dorf.

Sie hatte gerade den Hügel vor dem Wagenrad erreicht, als ihr ein wüstes Gebrüll entgegen schall. Mehrere schrille Stimmen fochten miteinander und waren kaum auseinanderzuhalten:

„Ja, der Karl, das ist aber auch einer...“

„Das ist der stärkste Hund hier!“

„Jo, die haben wir aber auseinandergenommen!“

„Aber nur, weil der der Karl da war...“

„Die sind gelaufen wie die Hasen!“

„Ja, der Karl, das ist aber auch einer...“

„Das ist der stärkste Hund hier!“

„Ja, der Karl, der ist stark wie keiner!“

Oh nein, nicht dies! Die Hanna schaute dem schrillen Gebrüll misstrauisch entgegen und suchte nach Möglichkeiten, ihm aus dem Weg zu gehen, aber es gab keinen anderen Weg. Und umkehren konnte sie auch nicht wegen des großen unhandlichen Schubkarrens. Also entschloss sie sich mutig, dem Gebrüll entgegenzutreten. Was anderes blieb ihr leider auch nicht übrig.

Wie sie schon geahnt hatte, stand sie der Meute vom Karl Heuer gegenüber, alle Teilnehmer schienen mehr oder minder schwer berauscht zu sein, manche wankten mehr, manche etwas weniger, aber alle hechelten wie kleine verspielte Hündchen dem Leitwolf hinterher.

Die Hanna blickte mit Abscheu auf ihn. Sie verachtete diesen faulen Burschen! Alt genug und immer noch nicht gescheit. Vor allem in den letzten Wochen war er ganz unausstehlich geworden, nur noch Besäufnisse und Raufereien von einem Dorf zum anderen...

Und wie er sie mit seinen grauen Augen musterte! Da wurde ihr ganz anders zumute, das Blut schoss ihr in die Wangen, und sie ließ den Schubkarren zu Boden fallen, mit einem lauten klirrenden Geräusch antworteten die schweren Eisenstangen darauf.

Vor sich erblickte die Hanna einen stattlichen Mann mit zu langem Haar, eigentlich hatte er schönes Haar... Er trug keine Weste, wie es sich gehörte, sondern nur ein Hemd, das nicht in der Hose steckte, sondern einfach darüber hing.
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Er sah unrasiert aus, doch das stand ihm seltsamerweise.

Mein Gott Hanna, was denkst du denn da? Es sieht furchtbar aus! Und seine Augen auch, die sind ja blutunterlaufen vom Saufen... Und was will er bloß mit all den Jünglingen, er ist doch fast doppelt so alt wie der jüngste unter denen. Aber er versucht sein Bestes, sich ihnen anzupassen, zumindest vom Aussehen her. Ein Jammer, wirklich ein Jammer!

Um ihn herum standen seine Jünger – die Hanna musste auflachen, jünger waren sie alle als er... – und wuselten um ihn herum, als würden Spitze an einem mächtigen Fleischerhund empor springen, eifrig und bewundernd kläffend. Aber auch fordernd...

Und der Karl fühlte sich bestimmt wie ein König, ein König unter kleinen Hunden, dieser Saufbold und Unruhestifter.

Bei jedem anderen wäre ihr das egal gewesen, aber bei dem regte sie alles auf, egal was er machte.

Sie trat einen Schritt vor und schaute ihn ihrerseits trotzig an. Er schwieg und sagte nichts dazu, was sie noch mehr in Rage brachte.

„Willst du was von mir?“, fragte sie ihn schließlich und blitzte ihn aus funkelnden braungrün gesprenkelten Augen an.

„Hast du denn was, was ich will?“

„Was DU willst, kann nix Gescheites sein!“

„Hmm“, der Karl sah nachdenklich aus, und dann sagte er: „Vielleicht will ich eine gute Frau, das ist doch was Gescheites...“

Seine Jünger fingen leise an zu lachen und harrten voller Vorfreude der Dinge, die da noch kommen würden. Der Karl war aber auch einer...

„Glaub schon, dass du eine willst, aber wer würde dich schon nehmen?“

„Du selber vielleicht“, grinste der Karl, „aber ich will eine andere, eine Schöne, eine Reiche... Kannst du mir eine empfehlen? Du kommst doch immer weit herum.“

Aus unbekannten Gründen heizte diese Rede den Zorn der Hanna furchtbar an, aber sie beherrschte sich und sagte ganz ruhig: „Ich könnte dir dazu einiges sagen“, wobei sie ihn verächtlich anblickte, diesen Wurm.

Leider überragte der Wurm sie, die doch eigentlich recht hochgewachsen war, noch um ein gutes Stück. Sie musste tatsächlich den Kopf in den Nacken legen, um zu ihm aufzublicken. Und das machte sie noch etwas zorniger.

„Tue dir keinen Zwang an, sag es mir einfach“, grinste der Karl sie von oben herab an, währenddessen sie Auge in Auge standen, es hatte den Anschein, als würde nichts von der Außenwelt mehr zu ihnen durchdringen.
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„Dazu habe ich leider nicht das Recht!“ Die Hanna atmete mühsam ein, am liebsten hätte sie diesen unverschämten Kerl erwürgt, hmm, nein, besser nicht. Aus irgendeinem Grund schreckte sie der Gedanke daran ab, denn dafür hätte sie ihn ja berühren müssen. Nein, fürs Erwürgen war der doch viel zu unnütz!

„Gut, dann machen wir es mal anders...“ Wieder schaute er sie so heimtückisch an, so dass ihr Blut in Wallung kam und sie ihm am liebsten an die Gurgel... – doch schon fuhr er fort: „Tu doch einfach mal so, als wäre ich dein Mann – und du wärst meine Frau. Dann könntest du mir mal so richtig die Meinung sagen...“

„Wenn ich auch arm bin, so lasse ich mich nicht verspotten. Und wenn du denkst, ich möchte dich, dann hast du dich getäuscht! Auch wenn du eine Jacke anhättest, die mit Silbertalern gespickt ist, würde ich dich nicht nehmen, der ärmste Bettler wäre mir lieber als du, denn der ist kein Hampelmann...“

Sie sah, dass der Karl sie sprachlos anglotzte und geriet nun richtig in Fahrt: „Gut, du willst es wissen! Wenn du mein Mann wärst, dann würde ich dir erzählen: Lass erst einmal ab von deinen Gefährten“, bei dem Wort Gefährten schaute sie verächtlich in die Runde von Spitzen, die alle sehr gespannt ihren Worten lauschten und gar nicht mehr lachten. „Die sind doch alle wie Spitze, die dir im Nacken hängen. Die wollen nicht dein Bestes, ganz im Gegenteil. Die hetzen dich doch nur auf. Komm Karl, geh Karl, prügel dich Karl, zahl uns unser Bier, Karl, mach dich lächerlich, Karl...“ Die Hanna musste tief einatmen, bevor sie weitersprach: „Wäre es denn so schlimm, wenn jemand den Meister Heuer um Rat fragen würde? Wenn der Meister gescheit und zuverlässig wäre? Wenn es sogar hieße, er wäre der geschickteste Handwerker im ganzen Landkreis? Aber nein, du bist ja Knecht der Spitze, und wahrscheinlich werden sie, wenn ich weg bin, dir so richtig Bescheid geben, Spitz fang, Spitz fang!“

Bei diesen Worten hob sie den Schubkarren auf und lief mit ihm los. Der Karl war darauf völlig unvorbereitet, machte aber instinktiv einen Satz zur Seite, die Hälfte seines Gefolges wurde allerdings schwer an den Schienbeinen getroffen, denn der Karren war hart und sperrig.
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Alle blickten dem Mädchen nach, als es mit dem Schubkarren um die Ecke verschwand. Und jetzt ging ein großes Geschimpfe los. Alle lästerten über die Hanna, über das unverschämte Lügenmaul, und die Empörung war groß.

„Warum lässt du dir das gefallen?“, fragten sie den Karl, „los wir gehen ihr hinterher und schmeißen ihren Schubkarren in den Graben.“

Alle waren laut und streitlustig und versuchten den Karl zu einem Rachefeldzug motivieren, doch der Karl verhielt sich seltsam still und machte einen furchterregenden Eindruck.

Rot geworden im Gesicht schickte er dem Mädchen einen wilden Blick nach, vor dem die anderen Burschen erschraken, dieser Blick ließ sie verstummten. Keiner von ihnen wollte den Unwillen des Meisters auf sich lenken.

Der Karl fühlte sich so zornig wie nie zuvor, niemand hatte ihm jemals so etwas gesagt – und dann noch vor all seinen Anhängern! Wie hatte er nur jemals glauben können, dass er und sie... Dabei war sie wirklich hübsch, nein nicht hübsch, sie war eine Schönheit. Wieso hatte er das nie vorher gesehen?

Da hatte die Baronin sich bestimmt vertan. Oh verdammt, geliebte Morgan! Jetzt hatte er sie endlich aufgegeben, wenn auch unter Schmerzen und großen Nachwehen, und dann kam das!

„Wart’s ab, Meeken, dir werde ich schon...“ er zerbiss den Rest der Rede zwischen seinen Zähnen und richtete sich trotzig auf. „Heute gehen wir nicht nach Hause! Heute ist Schützenfest in Schießheim! Heute werden wir den Schießheimern mal so richtig zeigen, wer den Vogel abschießt!“

„Der Meister ist wieder da“, jubelten seine jungen Spitz – oder anders gesagt Spießgesellen.

Alle machten sich scherzend auf den Weg, und der Meister ging mitten unter ihnen. Es würde bestimmt ein grandioser Abend werden.



~*~*~



Sie hatten recht, die kläffenden Spitze: Es wurde ein grandioser Abend.

Zuerst hielt der Karl sie frei, er bezahlte praktisch alles an Zeche. Großartig war das, einfach grandios.

„Ja, der Karl, das ist aber auch einer.
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..“

„So was von großzügig!“

„Ja der Karl, der lässt sich nicht lumpen!“

Während sie ihn rühmten, richtete er sich auf einmal auf und schaute sie seltsam an, doch das ignorierten sie. Der Karl war doch der Karl, der war jung, obwohl er schon älter war, der Karl war einfach große Klasse.

Und wie er sich als erster in das Gewühl begab und alle anderen aufmischte! Da flogen die Fäuste, da klapperten die Zähne, die Luft war erfüllt mit Schmerzensschreien...

„Das ist der stärkste Hund hier!“

„Die werden wir jetzt aber auseinander nehmen!

„Aber nur, weil der der Karl hier ist....“

„Die laufen ja wie die Hasen!“

„Ja, der Karl, das ist aber auch einer...“

Sie folgten dem Karl nach ins Getümmel, teilten ihrerseits ordentlich aus, natürlich nicht so wie der Karl, der wie ein Berserker die anderen Burschen aufmischte ohne Rücksicht auf Verluste. Aber der Karl war eben ihr Vorbild, ohne den würden sie gar nix schaffen, der Karl, der Karl, was für ein Kerl!

Der Karl wandte sich nun ihnen zu. Seine Augen sahen irgendwie grauslich aus, wie gut zu wissen, dass der Karl einer der ihren war. Aber das schien er selber nicht mehr zu wissen, denn er haute sie genauso um wie alle anderen.

Es gab eine Menge Kleinholz an diesem Abend und eine Menge zerbrochener Krüge, dem Himmel sei Dank geschah niemand etwas Ernstes, die Kampodia-Schädel waren hart im Nehmen – und die Schädel der Rauflustigen in den Nachbarsdörfern auch.

Als sich schließlich der ganze Tanzsaal in ein Krankenlager verwandelt hatte, voll von stöhnenden, mehr oder weniger schwer blutenden Feinden und Exkumpanen, da wandte sich der Karl zum Gehen.

Er verließ den Saal, ohne seinen Spitzen einen Blick zu gönnen.



~*~*~



Seitdem machten die seltsamsten Gerüchte Umlauf im Dorf. Der Karl sollte nicht mehr ausgehen, sondern nur noch in seiner Werkstatt sitzen, um dort verbissen zu arbeiten. Wer sich aber dennoch Einlass dort verschaffen konnte, der wurde von ihm abgefertigt mit düsteren Sprüchen, in der Art von: „Ihr werdet schon noch von mir hören.“ Oder: „Und zur Not geh ich nach Amerika.
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..“ Das verunsicherte seinen alten Meister sehr, der war nämlich einer der wenigen, die sich zu ihm in die Werkstatt getraut hatten, um ihm ins Gewissen zu reden.

Auch im Wagenrad, dem großen Gasthof des Dorfes schäumte die Luft über vor Vermutungen. Einer seiner Gesellen, der auch zu den „Spitzen“ gehört hatte, war vom Karl nämlich hinaus geworfen worden, der Karl hatte tatsächlich behauptet, er hätte Werkzeug gestohlen...

Und just dieser Geselle verbreitete nun üble Gerüchte: Dass der Karl sich an der Hanna rächen wollte. Und dass keiner von seinen alten Freunden mehr was mit ihm zu tun haben wollte.

Die erstere Behauptung stieß auf allgemeine Besorgnis, vor allem bei der Maladessin, der Wirtin des Wagenrads. Ihre Tochter, die Eve-Marie konnte die Mutter kaum zurückhalten, noch am gleichen Abend zu der Hanna zu eilen, um diese zu warnen.

Die zweitere wurde allerdings von den Leuten nicht für ganz voll genommen, es war wohl eher umgekehrt: Der Karl ließ seine ehemaligen Kumpels nicht mehr zu sich, weil er die Nase voll von ihnen hatte.

Trotzdem war er wohl verrückt geworden, doch ab jetzt stand er unter der Bobachtung des ganzen Dorfes, und alle harrten gespannt der Dinge, die noch geschehen würden.



~*~*~~*~*~~*~*~
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Kommentare zur Story:

  hast recht doska, es scheint bedrohlich zu sein. ich hoffe aber immer noch, dass der karl mit sich kämpft und versucht aus diesem Teufelskreis herauszukommen, und sei es auch nur durch eine allerletzte schlägerei. natürlich sieht das dorf - und ich und du - das anders... ;-)
danke schön doska fürs lesen und kommentieren. ich schick dir einen lieben gruß.  
   Ingrid Alias I  -  19.06.13 16:57

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Sehr lebensecht. Karl imponiert Hannas forsche Art keinem Streitgespräch auszuweichen. Du beschreibst das indirekte Interesse der beiden aneinander sehr gut. Mir persönlich würde allerdings der aufbrausende Karl Angst machen und die Gerüchte, dass er schnell in Schlägereien verwickelt ist, noch mehr. Wieder sehr lebendig und unterhaltsam geschrieben.  
   doska  -  18.06.13 21:30

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Interessante Kommentare

Kommentar von "Sabine Müller" zu "finn"

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