Die Frauen von Kampodia/Kapitel 3 – HANNA   145

Nachdenkliches · Romane/Serien

Von:    Ingrid Alias I      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 6. Mai 2013
Bei Webstories eingestellt: 6. Mai 2013
Anzahl gesehen: 1373
Seiten: 6

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Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Hanna hatte den Markt im Nachbarsort besucht, und nun war sie auf dem Weg heim zu ihrem Häuschen. Eine schwere Schubkarre musste sie vor sich herschieben, sie nahm halt alle Arbeiten an, vor allem solche, die ihre ganze Kraft erforderten. Sie verrichtete alle nur denkbaren Transporte von einem Dorf ins andere, denn sie war kräftig, und außerdem musste sie für den Winter vorsorgen, wenn es nichts mehr auf den Feldern zu arbeiten gab und vielleicht auch weniger Schubkarrentransporte von einem Dorf ins andere.

Vielleicht hatte sie ja Glück im Winter und konnte für die Baronin Bettzeug oder gar Kleidungsstücke ausbessern. Wenn dieses flachfiel, könnte es enge werden. Allein das Holz zu sammeln, um über den Winter nicht zu erfrieren und um ein paar karge, aber warme Mahlzeiten zu bereiten, das war so anstrengend. Manchmal wusste sie nicht, wo sie anfangen sollte, und die wenigen Scheidemünzen, die sie angespart hatte, die würden über kurz oder lang weg sein. Aber sie war kräftig, und ihre Arbeit wurde geschätzt, egal ob auf den Feldern oder in irgendwelchen Hausstätten.

Und ihr Leben war so schön, sie könnte schier platzen vor Freude. Sie hatte ihr Häuschen, und vor allem brauchte sie keinen Mann. Sie konnte alles selbst erarbeiten! Sie hätte sich fast vor Freude in das Gras neben der Straße geworfen, aber da stand noch Regenwasser drauf. Also ließ sie sich einfach auf ihre Fersen nieder und umschlang mit beiden Armen ihre Knie. Sie fühlte sich wie berauscht, und in diesem Augenblick hätte sie mit niemanden auf der Welt getauscht. Aber das würde sie auch sonst nicht tun, denn niemand konnte sich wohler in seiner Haut fühlen als die Hanna. Sie war so vollkommen eins mit sich selber, so bewusst ihrer Kraft und ihrer körperlichen Stärke, und vor allem war sie unabhängig, frei...

Sie erhob sich langsam, atmete tief durch und ging dann gelassen weiter, natürlich war die Schubkarre schwer, aber ihre gute Laune erleichterte die Last doch erheblich.

Sie erreichte ihren Heimatort Kampodia, Kampodia war ein großes Dorf, und so sah man Fachwerkgehöfte, in denen die Besitzer mit ihren Tieren unter einem Dach lebten – und neuere Häuser, in denen das Handwerk blühte. Sattler, Schuster, Schmiede, Stellmacher, Bäcker und Metzger, und fast in der Mitte des Dorfes, nein, eher ein wenig zur Rechten erhob sich das Herrenhaus derer von Kampes hinter dem Oberen Teich.
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Es war ein stattliches Gebäude, es maß sicherlich fünfundzwanzig Meter in der Länge, fünfzehn in der Breite, und es hatte drei Stockwerke. Zu seiner Seite standen die Stallungen mit den Pferden, den Rindern, den Schweinen und dem Federvieh. Im Augenblick sahen sie aber leer aus, die meisten ihrer Insassen befanden sich wohl auf den Sommerweiden, bis auf das Federvieh, das stolz über den riesigen Hof schritt.

Hanna musste eigentlich nicht dorthin, trotzdem schob sie die schwere Karre vor die Eingangstüre des Herrenhauses, natürlich war es ein Umweg, aber es könnte ja sein, dass die Baronin Arbeit für sie hatte. Sie brauchte jeden Gutegroschen, jeden Pfennig, um über den Winter zu kommen. Sie hätte liebend gerne einmal gewusst, wie wohl ein Silbertaler aussah, doch so einen würde sie wohl nie zu Gesichte bekommen. Doch das fand sie nicht schlimm, sie konnte jederzeit Arbeit kriegen. Warum sich Sorgen machen?

Hanna ließ die Schubkarre vor der großen dreiflügeligen Eingangstür des Herrenhauses stehen, ging die Stufen hinauf und bewegte tapfer den großen Türklopfer, der die Form eines Bärenkopfes hatte.

Bald darauf öffnete Lena ihr die Tür, Lena war zwar keine Freundin von ihr, aber sie waren zusammen zur Schule gegangen. Ihr Ursprung vereinte sie, denn sie kamen beide aus dem Unteren Dorf, dem Armenhaus von Kampodia. Die Lena war wirklich noch ärmer als sie, sie selber hatte immerhin ihr eigenes Häuschen, auch wenn es noch so baufällig war, und sie hatte ihre Freiheit, sie fühlte sich frei wie ein Vogel, fühlte sich stark und mächtig, und sie würde nie als Magd arbeiten können wie die Lena.

„Ist die Frau Baronin da?“, fragte sie die Lena.

„Sie ist da“, die Lena verzog bei diesen Worten ihr hübsches Gesicht und schaute zerstreut an ihr vorbei.

Hanna wunderte sich ein wenig. Was hatte die Lena denn? Sonst war sie doch immer so selbstsicher gewesen, aber in der letzten Zeit schien sie vollkommen verändert zu sein. Seltsam...

„Ich wollte nur fragen, ob irgendwas zum Ausbessern da ist“, sie schürzte ihre schönen, nicht zu vollen roten Lippen. „Ich will mich natürlich nicht aufdrängen.
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..“ Nein, aufdrängen wollte sie sich wirklich nicht, und wenn die Baronin sie nicht sehen wollte, gut, dann würde sie sofort wieder gehen, sie wollte keinem zur Last fallen.

„Doch, sie ist da. Ich werde dich anmelden bei ihr.“ Mit diesen Worten ließ die Lena das Hannele stehen und verschwand im Herrenhaus.

Hanna wartete geduldig, ihr Rücken tat ein bisschen weh, und sie streckte sich in die Höhe. Das half, und der Schmerz ging vorbei.

Geistesabwesend betrachtete sie die Eingangstür zum Herrenhaus. Sie sah prächtig aus mit ihren Messingbeschlägen und dem dunklen Holz, an ihr vorbei konnte man in den großen Saal sehen, dort hatten früher wunderbare Bälle stattgefunden, als der Baron noch lebte, und Hanna neigte sich vor, um ein paar Einzelheiten zu erkennen. Sie konnte einen riesigen Kristalllüster sehen, der an der Decke hing, ansonsten waren alle Möbel mit weißem Stoff zugedeckt, kein Wunder, sie hatte gehört, dass die Baronin nur noch den ersten Stock bewohnte, und das leuchtete ihr ein. Der erste Stock war bestimmt immer noch groß genug...

„Hannele, das ist aber eine Freude, dich zu sehen!“ Die Baronin war gerade an die Tür getreten.

Hanna lachte. Sie mochte die Baronin sehr, obwohl sie natürlich weit über ihr stand, dennoch hatte diese große Dame ein so natürliches Wesen, und sie war auch sehr schön.

„Ich wollte die Frau Baronin nur fragen, ob sie etwas für mich zu nähen hat“, sagte sie und fuhr dann locker fort: „Nicht, dass ich es nötig hätte...“

„Aber ICH habe es nötig“, die Baronin lächelte sie an, und mit diesem Lächeln sah sie noch schöner und gütiger aus. „Liebe Hanna, du bist wirklich die geschickteste Näherin, die ich kenne, manchmal glaube ich sogar, der Schnieder künnt sich noch eine Scheibe davon abschnieden...“

Die Hanna senkte bescheiden den Kopf. Natürlich hatte sie immer schon davon geträumt, eine Schneiderin zu sein, doch das war vollkommen unmöglich.

Die Baronin schaute mitleidig herab auf das hübsche Mädchen, das auf der unteren Stufe der Treppe stand, es tat ihr in der Seele weh, denn sie hatte sich immer eine Tochter gewünscht, so hübsch, so talentiert und vor allem so gut.
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.. Ihre eigene Tochter war kurz nach der Geburt gestorben, und danach kam kein Kind mehr. Sie hatte sich mit ihren Söhnen getröstet, sich dennoch immer vorgestellt, wie ihr kleines Mädchen wohl gewesen wäre, hätte es die Möglichkeit gehabt, zu überleben. Und immer war ihr dabei die Hanna in den Sinn gekommen.

Doch dieses arme Kind hatte nicht viele Möglichkeiten, seine Träume zu verwirklichen. Nicht hier im Königreich Hannover mit seinen wechselnden Verfassungen, mal waren diese ein bisschen liberaler zu Gunsten der kleinen Leute, aber jetzt... Sie schüttelte unwillig den Kopf. Warum geschah so etwas? Dieser... Verbrecher hätte nie König werden dürfen. Andererseits hatte Großbritannien noch Glück gehabt, denn er war nur König in Hannover und nicht dort...

Sie fasste sich und sagte: „Komm doch herein, Hanna, ich habe da etwas für dich.“

Die Hanna folgte der Baronin verlegen ins Haus. Sie kannte den Herrensitz zwar schon, dennoch war sie immer wieder erstaunt, wenn sie die große gewundene Treppe sah, die in die oberen Stockwerke führte.

So eine Pracht! Und diese wunderschönen Ahnenbilder, die zu beiden Seiten des Treppenaufgangs hingen. Sie sahen streng aus, diese Leute, aber auch heiter und manchmal sogar leichtfertig. Sie erkannte Frederic, den verstorbenen Gemahl der Baronin, er sah gut aus mit seinem kurz geschorenen Haar und seinem markanten Gesicht. Auch ein Portrait der jetzigen Herrin hing dort. Die Baronin trug ein glänzendes graues, üppig gerüschtes Kleid mit hellblauen Stickereien, ihr blondes Haar war zu vielen kleinen Zöpfen geflochten, die sich in einer prächtigen Frisur zusammenfügten. Sie sah wunderschön aus, und auch jetzt wirkte sie nicht viel älter, obwohl seitdem viele Jahre vergangen sein mussten.

Versonnen ging Hanna hinter der Baronin her, bis sie schließlich den ersten Stock erreichten. Ein langer Korridor erstreckte sich vor ihr, links und rechts gingen Türen davon ab.

Die Baronin öffnete die letzte zur linken Seite, und sie traten ein in den Raum, der angefüllt war mit Kleidungsstücken, manche hingen an Bügeln auf Stangen, manche lagen auf stoffbezogenen Hockern, andere lagen wüst auf dem Boden, aber allen war anzusehen, dass sie aus ganz vorzüglichen Stoffen bestanden.
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Auch die eingewebten Muster waren wunderschön. Es gab leuchtende, dunkle Samtgewänder und welche aus zart glänzendem dicken Taft, alle unvorstellbar großzügig im Stoff geschnitten, wie sie feststellte. Da könnte man was daraus schneidern!

Doch am schönsten fand sie die dünnen Seidenkleider, die in allen nur erdenklichen Farbtönen schimmerten und wahrscheinlich aus fernen Ländern stammten.

„Das ist ja alles wunderbar“, sagte sie schließlich überwältigt.

„Ja, wirklich wunderbar“, die Baronin verzog das Gesicht, „aber auch furchtbar altmodisch.“

„Na und, man kann sie doch ändern...“

„Genau“, lächelte die Baronin, „und damit komme ich zu dir. Du bist doch so geschickt mit der Nadel, kannst du dir vorstellen, ein paar von diesen furchtbar altmodischen“, die Baron verzog wieder ihr schönes Gesicht, „Kleidern so umzuändern, dass sie hinterher ein bisschen aussehen wie up to date?“

Die Hanna schaute sie verständnislos an.

„Der Mode angepasst, wollte ich damit sagen.“

„Frau Baronin, ich weiß nicht, wie die Mode im Augenblick ist, aber wenn Ihr mir dies sagt, werde ich es schon vermögen...“

„Es tut mir leid, mein Kind“, die Baronin schüttelte den Kopf, „ich bin wohl etwas zerstreut, natürlich kannst du nicht wissen, wie die Mode heutzutage ist. Wie auch? Aber ich habe da ein paar Journale parat...“

Sie verließen das Zimmer, und die Baronin ging mit der Hanna in einen anderen Raum, einen kleinen Salon, der sehr weiblich eingerichtet war. Bequeme Sessel standen dort mit niedrigen Tischen, die Klauenfüße hatten und glänzend rot lackiert waren. Hanna, die als Kind des Volkes einen praktischen Sinn hatte, fand diese kleinen Tischchen zwar schön, aber essen konnte man daran wohl nicht. Höchstens den richtigen Kaffee oder süßen Likör trinken...

Währenddessen unterhielten sich die beiden Frauen. „Hast du denn schon einen Freier, liebe Hanna?“, fragte die Baronin sie.

Die Hanna verneinte dies empört. Sie und ein Mann? Nein danke! Aber es gäbe da jemanden, der sie wohl zur Frau wollte. Aber er wäre ihr ekelhaft und sie bräuchte auch keinen Mann, sie könne alles selber verrichten.
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„Sei dir mal nicht so sicher, mein Kind. Ohne Mann ist das Leben sehr unsicher. Wenn du aber den Richtigen findest, dann wird dein Leben vollkommen sein...“

Die Hanna schaute die Baronin misstrauisch von der Seite her an. Den Richtigen finden? Wo sollte der wohl herkommen, der musste erst noch gebacken werden. Nein, sie brauchte keinen Mann, sie war ohne einen viel besser dran.

Die Baronin fand schließlich das Modejournal und gab es der Hanna mit den Worten: „Schau es dir an, und wenn du denkst, du könntest so etwas nähen, dann gib mir Bescheid!“

Die Hanna sah flüchtig auf das Titelbild des Journals und erkannte eine wunderschön gemalte Frau in einem eleganten schwarzen Kleid.

Sie verabschiedete sich von der Baronin mit den Worten: „Ich hoffe, ich kann es, liebe Frau Baronin!“ Sie lief so schnell sie konnte die Treppe hinunter und hielt währenddessen das Journal eng an sich gepresst, als wäre es ein großer Schatz.

Ich schaffe das, dachte sie enthusiastisch – und wenn ich’s nicht schaffe, und wenn’s wirklich schlimm kommt, dann bleibt mir immer noch das Bürstenbinden in der kalten Jahreszeit...

Aber soweit wird’s bestimmt nicht kommen! Sie legte das Journal auf den Schubkarren, hob diesen mit Leichtigkeit auf, und fröhlich vor sich hinlachend verließ sie das Rittergut.



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Kommentare zur Story:

  Sehr schön lebendig geschrieben. Man rutscht immer mehr in die Vergangenheit rein.Nicht nur die Baronin, auch das junge Mädchen Hanna scheint eine starke Persönlichkeit zu sein.  
   doska  -  16.05.13 21:15

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  danke schön liebe rosmarin,
freut mich, dass meine verfahrensweise mit den vorfahren dir gefallen hat. ;-)
lieben gruß von mir  
   Ingrid Alias I  -  11.05.13 18:59

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  wunderschön bildlich geschrieben kann ich nur sagen. ich bin schon mittendrin in der vorfahrensgeschichte.
lieben gruß an dich.  
   rosmarin  -  10.05.13 18:11

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Interessante Kommentare

Kommentar von "Tintenkleckschen" zu "Bitte bitte"

Ja, gefällt mir ganz gut. P.S.: Relaxen schreibt man mit a.

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