Mein Weg zum akademischen Versager - Teil 9   46

Erinnerungen · Romane/Serien

Von:    Homo Faber      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 25. Februar 2013
Bei Webstories eingestellt: 25. Februar 2013
Anzahl gesehen: 1293
Seiten: 5

Etwa eine Woche, bevor die Prüfungsergebnisse kommen sollten, lag, als ich nach Hause kam, ein Brief auf dem Wohnzimmertisch. Er war von der IHK. Ich bekam einen Schreck, damit hätte ich gar nicht gerechnet. Ich war nach der Arbeit noch in aller Ruhe einkaufen gewesen, ohne zu ahnen, dass meine Ergebnisse schon zu Hause lagen.

„Hast du ihn noch nicht geöffnet?“, fragte ich meinen Vater.

„Ist der Brief für mich oder für dich?“, fragte er. „Außerdem sollen wir doch keine Post für dich öffnen.“ Das war auch richtig, aber in diesem Fall wäre mir lieber gewesen, wenn er es doch gemacht hätte, dann müsste ich es nicht mehr tun. Ich traute mich einfach nicht, diesen Brief zu öffnen. Ich wusste ja, dass ich durchgefallen war, aber trotzdem empfand ich es als demütigend, es dann noch schwarz auf weiß zu sehen. Zögernd öffnete ich den Brief, holte im Schneckentempo das Schreiben heraus und faltete es langsam auseinander.

„Jetzt mach es doch nicht so spannend“, meinte mein Vater. Schließlich begann ich zu lesen. Die Ergebnisse waren in Punktzahlen angegeben. 50 Punkte entsprachen der Note 4.

In allgemeiner Wirtschaftslehre hatte ich genau 50 Punkte. In Betriebswirtschaftslehre hatte ich sogar mehr als 50 Punkte, obwohl ich da auf ein schlechteres Ergebnis eingestellt war. Und zu meinem großen Erstaunen entsprach mein Ergebnis in Rechnungswesen einer 3. Dann hatte ich ja bestanden?

„Und wie sieht ´s aus?“, fragte mein Vater.

„Ich hab´ doch bestanden“, meinte ich verwundert. Ich war immer noch zu verblüfft über das Ergebnis, dass ich wohl vergaß, mich zu freuen.

„Wie? Echt?“ Jetzt las er auch.

„Ja, aber trotzdem nur mit einer 4 insgesamt.“

„Hauptsache, erstmal bestanden. Jetzt musst du dann nur noch die Mündliche bestehen.“

Ja, die Mündliche. Diese machte mir nicht weniger Sorgen. Ich kannte einige, die bei uns ihre Ausbildung gemacht hatten und in der mündlichen Prüfung durchgefallen waren. Und einen davon hielt ich für sehr kompetent. Aber bis dahin hatte ich ja noch eine Galgenfrist von zwei Wochen. Jetzt sollte ich mich erst einmal freuen, dass ich die Schriftliche in der Tasche hatte, die ich auch nicht noch einmal wiederholen musste, auch wenn ich die Mündliche total verhauen würde.
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Am nächsten Morgen ging ich direkt zu meinem Ausbilder, um ihn die Ergebnisse zu verkünden. Es kam natürlich kein Lob von ihm, da die Ergebnisse ja keiner Meisterleistung entsprachen, aber er hatte auch nichts auszusetzen, da wir ihn vorher drauf eingestellt hatten. Er bat mich, um 14 Uhr mit Jennifer und Monika zusammen noch mal zu ihm zu kommen.



Ich war gerade wieder zurück an meinem Arbeitsplatz, als die beiden auch schon zu mir kamen. Auch sie hatten die Prüfungen bestanden. Monikas Ergebnis entsprach etwa meinem, Jennifers war ein wenig besser.

„Also, eure Ergebnisse sind zwar wirklich nicht berauschend“, sprach Herr Rahneberg zu uns, als wir ihn um 14 Uhr wie besprochen aufsuchten. „Aber ich weiß, dass die Prüfung wirklich sehr schwierig war und ich freue mich natürlich, dass ihr trotzdem in allen Fächern bestanden habt, nachdem ihr mich auf schlechtere Ergebnisse eingestellt habt. Ich bitte euch an dieser Stelle nur, dass ihr die mündliche Prüfung nicht auf die leichte Schulter nehmt. Ich kann euch wirklich nur immer wieder sagen, dass sie es wirklich in sich hat. Lernt alles, alles, was ihr hier in den einzelnen Abteilungen gemacht habt, informiert euch über Fakten rund um den Konzern, all das wird gefragt.“ Ich nahm es mir zu Herzen, Tag für Tag. Ich besorgte mir von einem Mitarbeiter noch ein Buch über die Geschichte des Konzerns.



Zwei Wochen später war es so weit, der große Tag stand vor der Tür, von dem alles abhing: Ob ich nun meine Ausbildung abschließend konnte und danach mein Studium beginnen konnte.

Die Prüfung fand direkt im Gebäude der IHK statt. Ich zog sogar einen Anzug für die Prüfung an, ein Arbeitskollege hatte es mir empfohlen. Ich war nicht weniger nervös als an dem Tag meiner schriftlichen Prüfung, ich bekam morgens keinen Bissen herunter. Nur eine halbe Stunde, dann hatte ich es entweder hinter mir oder durfte in einem halben Jahr noch einmal antreten.

Ich nahm vor dem Prüfungsraum Platz und wartete darauf, aufgerufen zu werden. Ein Mann, vermutlich jemand vom Prüfungsausschuss, trat aus dem Raum, während er telefonierte. Seine schnelle Art zu reden erinnerte mich an einen Offizier bei der Bundeswehr, wahrscheinlich war er ehemaliger Soldat.
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Er hatte graues Haar, sah aber vom Gesicht her noch nicht so alt aus, vermutlich war er erst 35, nur vorzeitig grau. Ich wurde 25 und hatte selbst schon erste graue Haare, wer weiß, vielleicht würde ich zehn Jahren genauso grau sein. Aber eigentlich war es mir in diesem Moment egal, ich wollte es einfach nur hinter mich haben und ich hoffte nicht von ihm geprüft zu werden, denn er wirkte gnadenlos. Er beendete sein Telefonat.

„Herr Meier?“, wandte er sich mir zu.

„Ja“.

„Sie können mitkommen.“

Ich folgte ihm. Fünf Leute saßen dort in dem Raum. In der Mitte saß eine Frau um die 40, neben ihr nahm der Offizier Platz, die restlichen drei anwesenden Männer befanden sich im Alter von 50 bis 60.

„Guten Morgen, Herr Meier, herzlich Willkommen erst einmal. Mein Name ist Roth, ich bin die Vorsitzende des Ausschusses“, stellte sie sich vor. Eigentlich wirkte sie ganz locker und witzig. Sie stellte daraufhin die restlichen Mitglieder vor.

„Herr Schäfer wird den ersten Teil der Prüfung übernehmen“, fuhr sie fort. „Im ersten Teil geht es um Allgemeine Fragen, die Ihren Ausbildungsbetrieb betreffen. Im zweiten Teil wird Herr Fuchs Sie zu Ihrem Berichtsheft und Ihrer Tätigkeiten in den Abteilungen befragen.“ Herr Fuchs war der Offizier. Ich hatte mal wieder Glück, dachte ich nur. Aber dieser Herr Schäfer machte einen netten Eindruck.

Der erste Teil verlief auch recht gut, ich konnte die Fragen von Herrn Schäfer, der auch wirklich sehr freundlich war, beantworten. Er stellte Fragen zur Geschichte des Unternehmens, zu den Produkten und ein wenig über Chemie. Ich war gut informiert, der Prüfer wirkte zufrieden.

Der zweite Teil lief allerdings nicht gut. Herr Fuchs formulierte seine Fragen sehr hektisch, manchmal wusste er auch gar nicht, was er überhaupt wollte. Frau Fuchs, die Vorsitzende versuchte zwischendurch, die Atmosphäre ein wenig zu lockern und machte den einen oder anderen Witz, wenn er Fragen stellte. Aber lockerer wurde es trotzdem nicht, dieser Teil der Prüfung ging daneben. Ich konnte nur hoffen, dass der erste Teil gut genug verlief, um es auszugleichen.

„So, Sie dürfen jetzt noch einen Moment draußen warten, wir werden uns jetzt beraten“, teilte mir dann die Vorsitzende mit. Ich ging nach draußen und fühlte, dass ich kreidebleich war.
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Ein junger Mann, um die 20, offensichtlich auch ein Prüfling, wartete draußen. Auch er trug einen Anzug.

„Und gut gelaufen?“, fragte er.

„Nein“, sagte ich nur und schüttelte mit dem Kopf. Was für eine dumme Frage, dachte ich nur. Ich sah mich zwar selbst nicht, aber ich spürte, dass ich nicht gerade glücklich aussah.

Wie lange dauerte es da eigentlich drinnen. Wie lange brauchten die denn noch, um sich zu einigen. Endlich, die Tür öffnete sich.

„So, Herr Meier, Sie können wieder hereinkommen“, meinte Frau Roth mit einem Grinsen auf den Lippen.“ Ich schloss die Tür hinter mir. Sie reichte mir daraufhin direkt die Hand.

„Also, erst einmal einen herzlichen Glückwunsch“, sagte sie. Ich spürte, wie die Farbe wieder in mein Gesicht zurückkehrte und sich ein Lachen auf mein Gesicht ausweitete.

„Der zweite Teil wurde ihm zum Verhängnis“, erklärte sie. „Aber dafür waren Sie im ersten Teil gut, so dass es insgesamt noch ausreichte.“

Auch die anderen Prüfer gratulierten mir nun.

„Das einzige, was Sie jetzt noch tun müssen, ist Feiern“, meinte ein Prüfer.

„Das werde ich“, antwortete ich. Alle lachten, auch der Offizier.

Natürlich hätte ich in allem besser sein können, aber ich war zufrieden. Ich wollte ja sowieso studieren und jetzt konnte ich mich um einen Studienplatz kümmern. Ich rief auf dem Rückweg meine Eltern an, um ihnen die gute Nachricht zu übermitteln, die natürlich auch außer sich vor Freude waren.

Es war zwar erst Mittag, als ich nach Hause kam, aber ich machte mir trotzdem direkt ein Bier auf, ich hatte schließlich Grund zum Feiern. Eigentlich könnte ich mich ja abends mal wieder bei meinen Rockerkollegen blicken lassen, zu denen ich nur noch selten ging und mit ihnen anstoßen, aber ich beschloss, meine Eltern zum Essen einzuladen. Als meine Mutter nach Hause kam, hatte ich schon vier Flaschen Bier getrunken, aber zur Feier des Tages nahm sie es mir nicht übel. Als mein Vater später kam, gab es auch noch Sekt.



An meinem letzten Tag in der Berufsschule erfuhr ich, dass fast die Hälfte der Klasse durchgefallen war. Einige waren bereits bei der schriftlichen Prüfung durchgefallen, andere wiederum mussten das schriftliche Ergebnis durch das mündliche ausgleichen, was ihnen aber dann nicht gelungen war.
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Von denen, die bestanden hatten, hatte kaum jemand wirklich bessere Ergebnisse als ich, außer Jens Wegener. Er hatte insgesamt noch mit einer knappen 2 abgeschlossen. Zufrieden war er aber trotzdem nicht, da er sonst immer um knapp eine Note besser gewesen war.

Letztendlich konnte ich also mit meinem Ergebnis noch zufrieden sein. Einigen Schülern gönnte ich sogar, dass sie durchgefallen waren, das waren welche, die ständig andere aufzogen, die mal einen Fehler machten. Nun hatten sie ihre Strafe bekommen.



Jennifer, Monika und ich wurden nach der Ausbildung vom Betrieb übernommen. Monika und ich bekamen einen befristeten Vertrag, wie ihn die meisten Azubis nach der Ausbildung bekamen. Jennifer bekam direkt einen unbefristeten Vertrag, was eigentlich selten der Fall war. Aber ihr Vater arbeitete auch in dem Unternehmen und war dort recht bekannt.

Ich wurde in den chemischen Einkauf versetzt. Begeistert war ich nicht darüber, für Herr Sumseck, dem Hektiker arbeiten zu müssen. Inzwischen befand sich außer ihm nur noch eine Teilzeitkraft in der Abteilung, die beiden anderen Kollegen waren nicht mehr da. Eine Kollegin befand sich um Mutterschutzurlaub, der andere war inzwischen in einer anderen Abteilung. Naja, aber es hätte schlimmer kommen können. Ich hätte ja auch im Vertrieb bei der Braun eingesetzt werden können, was ein wirklicher Albtraum geworden wäre. Da blieb ich doch lieber im chemischen Einkauf. Und in zwei Monaten war ich wahrscheinlich eh weg, wenn ich einen Studienplatz bekam. Bis dahin konnte ich es genießen, das volle Gehalt eines Angestellten zu bekommen.
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