Erotisches · Romane/Serien

Von:    rosmarin      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 14. Februar 2013
Bei Webstories eingestellt: 14. Februar 2013
Anzahl gesehen: 1121
Seiten: 6

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


6. Kapitel

______________

Das Handy klingelte. Auf dem Display erschien Matthias‘ Bild. Also hatte er sein Versprechen gehalten. Ich drückte ihn weg. Er passte nicht in meinen Tag.

Heute würde etwas passieren. Etwas Außergewöhnliches. Niedagewesenes. Etwas total Verrücktes. Das spürte ich.



Im Gegensatz zu gestern zeigte sich der Tag trübe. Regenverhangen und diesig. Keinen Hund würde man bei diesem Wetter auf die Straße jagen.

Mit einem Satz sprang ich aus dem Bett, wickelte mich in meinen langen schwarzen Mantel, nahm den schwarzen Schirm aus dem Ständer, verließ eilig die Wohnung.

Ruhelos trieb es mich hinaus in die Riesenstadt, die der Morgen in lange Wolken gehüllt hatte. Ich spannte den Schirm auf, spazierte am Spreeufer entlang, blieb manchmal auf einer Brücke stehen, beugte mich über das schmiedeeiserne Geländer, starrte in das Wasser.

Gespenstische Schleier lagen darüber gleich herbstlichen Spinnweben. Und die noch nicht ausgeschalteten Straßenlaternen spiegelten sich darin wie kleine Kobolde.



Ich liebte diese undurchsichtigen Tage.

Diese Grenze zwischen Hell und Dunkel.

Gut und Böse.

Gedeih und Verderb.

Leben und Tod.

Wann würde sie überschritten.

Wann?

Diese Grenze zwischen Realität und Wahnsinn.



Ich verließ die Friedrichstraße, bog in eine verkehrsarme Seitenstraße, blieb vor einem kleinen Laden stehen, angezogen von den esoterischen Büchern, Kleidungsstücken, kultischem Kleinkram.

Hinter dem Ladentisch stand eine Frau. Groß. Schlank. Lange rote Haare ringelten sich gleich trägen Schlangen auf ihrem Rücken. Ihre Haut schimmerte wie Elfenbein. Ihre wohlgeformte Gestalt umhüllte ein durchsichtiger schwarzer Schleier, über dem zwei durchsichtige blau schimmernde Flügel zu sehen waren.

Unwillkürlich wich ich einen Schritt zurück, blieb dann aber stehen.

Die Frau hatte lässig einen Arm gehoben, als winke sie mir einzutreten.

Mit magischer Kraft zog es mich in den Laden. Ich drückte die Klinke nieder. Die Türglocke schellte. Ich war gefangen. Es gab kein Entrinnen.
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„Schön, dass du da bist“, sagte die Frau mit zärtlicher Stimme.



Diese Stimme. Diese Augen. So hell. So grün. So dämonisch. Grün ist die Farbe der Dämonen. Oder blau vielleicht?



Ich wusste es nicht so genau. Jedenfalls war ich fasziniert von den Augen dieser Frau, die mich so magisch anzogen und an Lilith im Spiegel erinnerten. Bestimmt war das Lilith. Die Frau im Spiegel. Die Verführerin. Die Zauberin.

Eine Dämonin kann man nicht verjagen, dachte ich, auch wenn hundert Spiegel zerbrächen. Die Dämonen sind in unserem Kopf. Doch manchmal wollen sie heraus. In die Freiheit. Und richten hier das Unheil an.

Schon Mephisto sagte einst zu Faust in der Walpurgisnacht, während er auf eine der Hexen zeigte:



„Betrachte sie genau. Lilith ist das. Adams erste Frau. Nimm dich in acht vor ihren schönen Haaren. Vor diesem Schmuck, mit dem sie prangt. Wenn sie damit den jungen Mann erlangt, so lässt sie ihn so bald nicht wieder fahren.“



„Ich habe lange auf dich gewartet“, sagte die Hexe.

„Woher wusstest du, dass ich komme?“

„Hexen riechen sich. Über viele Meilen.“ Die Hexe reichte mir ihre Hand. „Ich bin Vanessa.“



Was sollte das? Ich eine Hexe? Eine Hexe, die eine andere Hexe gerochen haben sollte? Purer Unsinn! Ich hielt nichts von Esoterik. Jedenfalls nicht in der realen Welt. Glaubte nicht an Hexerei. Hellsehen. Karten und solchen Quatsch. Berufsbedingt musste ich mich damit jedoch befassen. Und einmal hatte ich sogar in einem Handlesebuch geblättert, es auch ganz interessant gefunden und mein neues Wissen spaßeshalber bei meinen Freunden und Kollegen getestet. Doch schon bald langweilte mich dieser Zeitvertreib und ich vergaß ihn wieder.



„Sträub dich nicht“, sagte Vanessa, „ich weiß, dass du Handlesen kannst. Doch ich kann dir aus der Hand die Zukunft voraus sagen. Bist du bereit?“

„Aber die Wahrheit liegt hinter dem Licht“, zögerte ich, „ich muss sie suchen.“

„Wahrheit. Was ist das?“ Vanessa sah mich fast mitleidig an. „Jeder hat seine eigene Wahrheit.“



Lilith hatte doch gesagt, die Wahrheit läge hinter dem Licht.
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Also war Vanessa doch nicht Lilith. Aber diese Ähnlichkeit, dachte ich verunsichert.



„Sie ist in dir“, sagte Vanessa eindringlich, „erkenne dich selbst.“

„Du spinnst.“ Ich hatte genug von dieser seltsamen Konservation und beschloss, mich auf nichts mehr einzulassen. Ich bereute, diesen Hexenladen überhaupt betreten zu haben. „Ich gehe“, sagte ich, die Hand schon auf der Klinke.



Hatte ich Angst vor der Wahrheit? Meiner Wahrheit? Der Hexe Wahrheit vielleicht? Dem Licht, hinter dem sie verborgen sein sollte?



Etwas stimmte hier nicht. Ein diffuses Gefühl warnte mich. Ich musste dieser Frau entfliehen. Dieser sogenannten Hexe. Und überhaupt war ich diese mystischen Gestalten, die mir überall begegneten, mich auf Schritt und Tritt verfolgten, überdrüssig. Was wollten diese Gespenster, die sich ungebeten in mein Leben mischten von mir?

Ich wollte endlich mein Leben wiederhaben. Und Ricardo. Wo steckte der Kerl nur? Ich musste hier weg. Seit Ricardo verschwunden war, erschien mir mein Leben wie ein nicht enden wollender Spuk. Entschlossen drückte ich die Klinke nieder.



„Schön dich kennengelernt zu haben“, sagte ich zu Vanessa. „Vielleicht komme ich ein andermal wieder vorbei.“

Da entdeckte ich die Wendeltreppe. Wendeltreppen hatten mich von je begeistert. Schon als Kind bin ich auf jeden Kirchturm, der eine Wendeltreppe hatte, gestiegen. Die unzähligen, verbeulten, ausgetretenen Stufen hatten es mir angetan, versprachen sie doch ungeahnte Abenteuer, Erlebnisse, die nur mir beschieden sein würden. Wie eine Schlange schlängelten sie sich. Höher und höher. Schlängelten sich in den Himmel. Die Sonne. Den Mond. Manchmal führten sie in ein verstecktes Kämmerlein. Vielleicht ein ehemaliges Verlies. Und manchmal kreuzten sie einen anderen Weg. Aufgeregt folgte ich tapsend den ausgetretenen Spuren. Mein Ziel war der Turm. Der Kirchturm. So weit entfernt von der Erde. Und doch zu erreichen.

„Ich bin frei!“, rief ich glücklich, wenn ich oben angekommen auf der Brüstung stand. „Frei! Frei!“

Wie ein bunter Teppich wiegte die Erde sich unter mir. Und der Wind brauste um meine Ohren.



Und nun stand ich wieder vor einer Wendeltreppe. Vielleicht ein Wink des Schicksals? Beschworen durch Lilith.
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Dieser düsteren und Furcht erregenden Frauenfigur, die in jeder von uns Gestalt anzunehmen vermag?

Würde sie ein Licht werfen in das undurchdringliche Mysterium meines Lebens? Das Geheimnis meiner frühen Kindheit?

Erst jetzt nahm ich den betörenden Duft von Weihrauch wahr. Schwer und süßlich lag er über dem Laden, ließ keinen Raum mehr für eigene Gedanken.

In einer Ecke links neben der Wendeltreppe standen auf einem indischen Seidentuch verschiedene Duftöle, Seifen, Kerzen, Wässerchen, Kräuter. Unentbehrliche Dinge für Hexenrituale. Aus einem sechseckigen grauen Tiegel flackerten geisterhaft graue duftende Wölkchen.

„Die Treppe führt in mein Heiligtum“, sagte Vanessa, die bisher stumm hinter dem Ladentisch gestanden hatte, mit ihrer erotischen Stimme, „es birgt die abgründigen Geheimnisse aller Geschöpfe. Nur wenigen Auserwählten ist es vergönnt, ihr eigenes Geheimnis zu ergründen. Ihre Zukunft zu erahnen. Ich bin auserkoren, dir dabei zu helfen.“

Ich antwortete nicht. Meine Aufmerksamkeit galt einer Kristallkugel, die ich schon beim Eintreten auf dem Ladentisch bemerkt hatte. Jetzt verdunkelte sich das Glas. Graue Wolken zogen schnell über dunstige Weiße.

„Das hat nichts zu bedeuten“, sagte Vanessa, „es gilt nicht dir. Folge mir.“



Langsam stiegen wir die Stufen der hölzernen Treppe empor, standen bald in einem kleinen runden Gemach.

Der Raum war ohne Fenster. Wände und Fußboden bedeckten kostbare orientalische Teppiche, Altarkerzen wuchsen wie Blumen daraus hervor, verbreiteten ein angenehm warmes Licht. Überall lagen Kissen aus kostbaren Stoffen herum wie kleine Inseln, die zum Verweilen einluden. Und auch hier roch es betörend nach Weihrauch.

Und da war sie wieder. Diese Musik. Diese wunderbar süße Musik. Die Sethmusik, wie ich sie nannte. Verzaubert lauschte ich diesen bekannten und doch immer wieder neuen wunderbaren Tönen. Mein schwarzer Mantel fiel raschelnd zu meinen Füßen. Ich begann zu tanzen.



*



Ich tanzte zu der ungewöhnlich geheimnisvollen Musik. Mein Körper schien sich ohne mein Zutun zu bewegen, verschmolz mit dem Rhythmus dieser lieblichen Töne.
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Immer machtvoller erklang die Musik, mysteriöser, magischer. Meine Hände glitten über meinen Körper. Berührten meine vollen Brüste. Kreisten um die rosigen Warzen. Streichelten meinen Bauch. Verharrten zwischen den Schenkeln. Streiften mein kurzes rotes Hemd herunter, griffen in mein langes braunes Haar. Berührten sanft mein Ohr. Anmutig neigte ich meinen Kopf und tanzte einen imaginären Schleiertanz. Immer schneller drehte ich mich im Kreis. Schneller. Wilder. Sehnsüchtiger. Bald hatte ich alles um mich herum vergessen. Ergab mich willig der Musik. Zärtlich und leidenschaftlich. Mein Körper wand sich schlangengleich im Rhythmus der verzaubernden en Musik. Mir schien, als würde ich zu den im Nebel der Zeit verborgenen Inseln des Glücks tanzen und ein süßes Ziehen erfasste all meine Sinne.

*

Doch plötzlich erstarrte ich in der Bewegung.

„Halt.“ Vanessa hatte meine Hand genommen, „hier ist nicht der rechte Ort dafür“, sagte sie leise. Sie drückte mich sanft auf ein Rosenkissen und legte eine Kristallkugel vor mich hin. „Schau hinein“, forderte sie, „du wirst finden, was du suchst.“

Mit einem unergründlichen Lächeln zeichnete Vanessa ein unsichtbares Kreuz vor mein Gesicht, ohne es zu berühren.



Ich starrte gebannt in das kristallene Nichts.

Die Welt war draußen. Neugier und Leidenschaft nahmen Besitz von mir. Sehnsucht. Bald kam ich mir vor wie Aladin mit der Wunderlampe. Ich sah sie förmlich vor mir. Gefüllt mit rotem Duftöl. Es hätte nur noch gefehlt, dass ich mir was wünschen könnte.

„Du darfst“, sagte da Vanessa als hätte sie meine Gedanken erraten, „doch ob es sich erfüllen wird, liegt nicht in meiner Macht. Alles in dieser Welt unterliegt einer ganz bestimmten wohldurchdachten göttlichen Ordnung. Und nun reich mir deine linke Hand.“

Etwas widerwillig reichte ich Vanessa meine Hand.

„Du bist der Liebe nicht mehr fähig", behauptete sie, nachdem sie aufmerksam die ausgeprägten Linien besichtigt hatte, „du suchst das Glück im Fleische. Doch da wirst du es nicht finden. Und was das Gefährlichste ist: Du kannst nicht mehr unterscheiden zwischen Realität und Traum. Das Leben ist kein Traum.
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Lebe es. Versinke nicht in deinen Träumen. Sie gehören in ein anderes Land. In ein Land, zu dem wir keinen Zugang haben.“



Ich hatte meine die Augen geschlossen, lauschte Vanessas angenehmer Stimme und war im Begriff, mich fallenzulassen, eingelullt vom Duft des Weihrauches, der wie eine beruhigende Droge wirkte.



Ich habe Zugang, dachte ich. Ich bin ja keine Erdenfrau mehr. Seth hatte mich unsterblich gemacht. Das müsste Vanessa eigentlich wissen, das heißt, wenn sie eine richtige Hexe ist.



„Ich sehe Übel“, murmelte Vanessa nach einigen Minuten konzentrierten Schweigens, „Verhängnis. Verderben. Fluch. Mondlicht. Blut.“

Entsetzt wollte ich aufspringen. Doch unfähig, mich zu rühren, schien ich gekettet an das Rosenkissen. Blick in Blick mit der verrückten Hexe. Bestimmt hatte sie mich hypnotisiert. Oder wollte es. Mich willenlos machen. Ihre Stärke demonstrieren. Das durfte nicht sein.

„Alles Humbug“, brachte ich mühsam hervor, „fauler Zauber.“ Mit Mühe gelang es mir endlich, aufzustehen. „Ich glaube dir kein Wort", sagte ich ziemlich laut, „du scheinheilige Möchtegernhexe.“

Aus der Traum. Verflüchtigt der Zauber. Vanessa stand ebenfalls auf. Schweigend verließen wir das Heiligtum.



Im Laden zog Vanessa ein kleines goldenes Kästchen unter dem Tisch hervor, klappte den mit Gold verzierten Deckel auf und entnahm dem Kästchen einen schwarzen Ring. Einen Ring aus Hämatit, der zur Hälfte mit einer goldenen Schlange verziert war. Die Schlange wand sich verführerisch um einen grünenden Zweig, der sich am Ende etwas in die Höhe reckte. Und ganz oben auf der Spitze steckte ein winziges schwarzes Kreuz, verziert mit einem Diamanten.

„Der Ring der Lilith“, staunte ich.

Wie kam Vanessa zu diesem Ring?

„Halt ihn in Ehren“, sagte Vanessa, „das ist der Ring der Dunklen Mutter.“ Vorsichtig steckte sie mir den Ring an meinen linken Ringfinger und sagte beschwörend: „Soll dich dieser Ring in die Abgründe deiner Seele führen und dir helfen, dich selbst zu erkennen.“



Wie in Trance verließ ich den unheimlichen Laden. Lief benommen durch die regennassen Straßen, legte mich zu Hause erschöpft in mein blaues Bett mit den goldenen Knöpfen am Bettgestänge und schlief sofort ein.
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***





Fortsetzung folgt
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Kommentare zur Story:

  Diese Vanessa gibt sich sehr geheimnisvoll und spricht in Rätseln. Crysella hat zwar Furcht, will sich aber trotzdem immer weiter in eine mystisch- erotische Welt hinein begeben.  
   Else08  -  17.02.13 20:01

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Interessante Kommentare

Kommentar von "Aya" zu "Der kleine Vogel"

finde ich auch echt gut.

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