Mein Weg zum akademischen Versager - Teil 5   42

Erinnerungen · Romane/Serien

Von:    Homo Faber      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 29. Dezember 2012
Bei Webstories eingestellt: 29. Dezember 2012
Anzahl gesehen: 1068
Seiten: 3

Was die vorherige Abteilung betraf, war es kein Problem, da brauchte ich auch niemanden fragen. Ich befüllte die dort ausgeführten Tätigkeiten mit den entsprechenden Hintergrundinformationen. Ich legte dies zur Kontrolle meinem damaligen Ansprechpartner vor, der auch meinte, dass alles aufgeführt sei. Was den chemischen Einkauf betraf, fielen dort ja eigentlich dieselben Tätigkeiten an, nur dass dort eben andere Produkte beschafft wurden. So übernahm ich einfach die Informationen, die ich vom technischen Einkauf hatte. Trotzdem war es nicht Sinn und Zweck des Ganzen. Gern hätte ich dort mehr gemacht als Kopien oder Anrufe anzunehmen.



Nach meinem ersten Weihnachtsurlaub bestellte mich Herr Rahneberg, der Ausbildungsleiter zu sich ins Büro, er habe eine Sonderaufgabe für mich. Ich freute mich schon, ich saß noch immer im chemischen Einkauf und war dankbar, dort mal entbehrt zu werden. Meine Sonderaufgabe war es dann, die Werkspost zu verteilen. Ein Mitarbeiter aus der Postabteilung sei längere Zeit krank und ich sollte ihn in der Zeit vertreten. Ich war enttäuscht, ich hatte so auf eine anspruchsvolle Tätigkeit gehofft und dann war es nur das Verteilen der Post, was überhaupt keinen Bestandteil der Ausbildung darstellte. Man brauchte ja nicht einmal eine Ausbildung dafür, nicht mal einen Schulabschluss, über das Werksgelände spazieren und den Mitarbeitern die Post bringen konnte schließlich jeder. Man musste sich nur auf dem Werksgelände auskennen. Aber letztendlich war es mir lieber als in meiner eigentlichen Abteilung herum zu hängen, wo ich sowieso nichts lernte. Und wenn ich schon nichts lernte, dann spielte ich lieber den Postboten.

Ein Kollege aus der Postabteilung machte mit mir einen Rundgang, besser gesagt eine Rundfahrt über das Werk. Das Gelände war recht groß, dass die Tour mit dem Fahrrad gemacht wurde. Er zeigte mir, wo ich überall hinmusste, gab mir aber auch einen Plan. Bernhard – so hieß der Kollege, den ich vertreten sollte - hatte sich, wie er erzählte, im Bett das Bein gebrochen. Er sei so besoffen gewesen, dass er sich angezogen ins Bett legte und dort nur die Schuhe absteifen wollte. Dabei sei er dann mit einem Bein gegen die Bettkante geknallt.

„Und das hat er so erzählt?“, fragte ich. Ich konnte mir ja kaum vorstellen, sich auf diese Art, ein Bein zu brechen.
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Selbst in meinen besoffensten Momenten habe ich es immer noch fertig gebracht, mich vorher entsprechend auszuziehen. Aber selbst, wenn mir dasselbe passiert wäre, wäre ich garantiert nicht so dumm gewesen, es dann auch noch zu erzählen.

„Uns zwar nicht, aber einem Kollegen aus dem Betrieb. Und der hat es dann weiter erzählt. Hier ist es wie mit der Bildzeitung. Alles spricht sich sofort herum.“

Vom Sehen kannte ich ihn, er machte, wenn man ihn so sah, gar nicht den Eindruck wie jemand, der sich im Bett das Bein bricht. Ich erfuhr außerdem, dass er erst 38 war, was mir noch mehr die Sprache verschlug. Ich hätte ihn locker auf 50 geschätzt.



Die Arbeit war eigentlich gar nicht so schlecht. Ich war den ganzen Tag an der frischen Luft, die Zeit ging viel schneller herum als im Büro, ich lernte alle möglichen Mitarbeiter vom Unternehmen kennen und ich konnte mich während der Woche abends mit meinen Leuten treffen, die ich in der letzten Zeit meist nur an den Wochenenden sah. Da ich für die Tätigkeit am nächsten Morgen nicht besonders fitt sein musste, brauchte ich nachts nicht besonders viel Schlaf.

Als ich jedoch nach vier Wochen noch immer die Post austrug, fragte ich mich langsam, was das sollte. Klar, Bernard war noch immer krank, ein gebrochenes Bein heilt auch nicht innerhalb eines Monats, aber es hätte doch auch mal ein anderer Azubi die Arbeit machen können. Warum sollte bei allen anderen der Ausbildungsplan eingehalten werden, nur bei mir nicht. Das ärgerte mich nicht nur, sondern ließ auch an mir selbst zweifeln. Ich fragte mich, ob ich mich bisher irgendwie dumm angestellt hatte. Von der ersten Abteilung hatte ich doch eine gute Beurteilung bekommen. Aber vielleicht hatte ich sie auch nur aus Gefälligkeit bekommen.

Ich kam mir so unnütz vor, zwar hatte ich die Ausbildungsstelle, hatte auch die Probezeit problemlos überstanden, aber was nütze es, wenn ich nichts Gescheites lernte. Wie sollte ich dann meine Prüfung bestehen? Und was würde in meinem Ausbildungszeugnis stehen, wer weiß, ob ich mich damit noch überhaupt bewerben konnte. Klar wollte ich anschließend studieren, aber während des Studiums musste ich ja auch nebenbei arbeiten, ich wollte ja auch nicht die ganze Zeit noch bei meinen Eltern wohnen.

Zu meinen Rockerfreunden ging ich immer seltener, ich merkte immer mehr, dass es nicht der richtige Umgang war.
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Von denen machte sich kaum jemand Gedanken über seine Zukunft, Hauptsache, sie konnten jeden Tag ihr Bier trinken. Es waren eigentlich auch gar keine richtigen Freunde, es waren eher Bekannte. Bekannte, mit denen man einfach abhing. Wirklich reden konnte man mit denen sowieso nicht. Wenn ich erzählte, dass ich auf der Arbeit zufrieden war, kamen von denen nur Lösungen wie „Kommt, schmeißt dem Jungen noch ´nen Bier rüber!“ oder „Ach, zieh dir erstmal ´n Tütchen rein, dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“ Denen schien es egal zu sein, was aus ihnen später mal würde und ich wollte nicht, dass das auf mich abfärbt.

Ich hatte ja auch noch andere Freunde, mit denen ich mich dann öfter traf. Mittlerweile trug ich auch schon in der Freizeit normale Kleidung. Anfangs hatte ich mich, wenn ich nach der Arbeit noch was unternommen hatte, noch immer umgezogen. Aber damit war nun Schluss, keine Lederjacke mehr, keine T-Shirts mehr mit Bildern von irgendwelchen Leuten, denen alle Gedärme fehlten. Kein Kiffen mehr, kein Bier mehr, außer mal am Wochenende. Ich war selbst über meine Wandlung erstaunt. Aber je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass das nun eigentlich wirklich ich war, das davor war nur ein Outfit gewesen.







***



„Sorry, ich bin heute irgendwie nicht so richtig bei der Sache“, entschuldigte ich mich.

„Was ist los?“, fragte er.

„Ich mache mir eben so meine Gedanken“, ich wieder.

„Worüber?“

„Das dürfte doch wohl klar sein.“

„Normalerweise schon, aber gerade schienen es ja noch recht lustige Gedanken gewesen zu sein.“

„Nur für den Moment.“

„An denen ich aber nicht teilhaben darf?“

„War auch nichts Erwähnenswertes. Eher was Unwichtiges.

„Na gut.“

„Es ist einfach zum Kotzen, wenn man immer wieder daran erinnert wird, dass man es zu nichts gebracht hat. Und daran denke ich jetzt, und auch die restliche Zeit, 24 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche. Manchmal habe ich einfach keinen Nerv darüber zu reden.“

„Aber nur dem, der spricht, kann geholfen werden.
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„Helfen? Wie soll man mir noch helfen?“



***
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