Dort, wo Schmetterlinge sind   53

Trauriges · Kurzgeschichten

Von:    Homo Faber      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 6. Oktober 2012
Bei Webstories eingestellt: 6. Oktober 2012
Anzahl gesehen: 926
Seiten: 3

Die Sonne scheint durch mein Fenster. Ich mag es sehr, von der Sonne geweckt zu werden, weshalb ich im Sommer die Rollladen immer oben lasse.

Ich bleibe noch einige Minuten liegen und lausche dem Gesang der Vögel, bis ich schließlich gut gelaunt aufstehe und ins Bad gehe, um mich für den Tag fertig zu machen. Ich weiß, dass es ein wunderschöner Tag wird. Ich verzichte anschließend darauf, mir ein Frühstück zuzubereiten, so einen großen Hunger habe ich noch nicht, lieber gehe ich sofort hinaus. Ich kann mir ja später immer noch etwas bei einem Bäcker kaufen. Es ist ja kein Problem, irgendwo etwas zu essen zu kaufen.

Wie schön die Sonne strahlt, passend dazu leuchtet das Grün der Bäume und Gräser und wie es duftet, so frisch und auch so gesund. Ähnliches denken offensichtlich auch die Menschen, die mir bisher mit zufriedenen Gesichtern über den Weg gelaufen sind. Manche Leute sehen weniger fröhlich aus und blicken mies gelaunt. Vielleicht graut es ihnen ja vor ihrem Job, der gerade nach ihnen ruft. Jedenfalls sind sie gesund, zumindest sehen sie so aus. Aber daran sowie an das, was gerade um sie herum passiert, denken sie in dem Moment nicht nach. Na ja, wie auch, sie können ja auch noch nichts wissen, ich dürfte ja eigentlich auch noch nichts wissen.

Ich wandere durch den Wald bis zur der Lichtung, wo wir uns treffen wollen. Du bist noch nicht da, aber ich bin ja auch schon etwas früher da. Hier verbringen wir gern unsere Zeit miteinander, wenn das Wetter so schön ist, es gibt nichts Schöneres als einfach nur dazuliegen, zu reden oder auch zu schweigen und einfach das Leben zu genießen. Wenn es richtig heiß ist, kühlen wir uns immer im Bach ab, der an der Wiese entlang fließt.

„Guten Morgen“, höre ich plötzlich deine Stimme hinter mir, nachdem ich mich vor ein paar Minuten hingelegt habe. Überrascht öffne ich die Augen, ich habe dich gar nicht kommen hören. Bevor ich dich begrüßen kann, hältst du mir eine Papiertüte vors Gedicht.

„Na Monsieur, hungrig? Vielleicht einen Croissant gefällig oder ein Baguette?“

„Du kommst genau richtig, ich bekomme jetzt gerade so richtigen Hunger“, richte ich mich lächelnd auf und küsse dich zur Begrüßung.

„Na, ich kenne dich doch, du hast doch immer Hunger“, sagst du und bereitest eine kleine Decke aus.
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Du hast ja einen ganzen Picknickkorb dabei. Croissants, Brötchen, Butter, Käse, Milch, Kaffee, alles hast du mitgebracht. Selbst Obst fehlt nicht. Gemeinsam lassen wir es uns schmecken. Ein Schmetterling setzt sich direkt vor uns aufs Gras.

„Weißt du, dass die Welt dort, wo Schmetterlinge sind, noch in Ordnung ist?“, fragst du mich.

„Na, dann hoffe ich doch, dass wir noch lange welche zu sehen bekommen“, antworte ich. Ich möchte einfach noch viele solche Tage erleben können, ich möchte die Vögel morgens singen hören, die Schmetterlinge fliegen sehen, im Wald spazieren gehen, mit dir hier zusammen liegen, im Bach baden, an solchen Tagen bin ich einfach nur glücklich.



Das Ertönen der Sirene holt mich aus dem Tagtraum zurück. Dieses Signal bedeutet, dass es gleich regnen wird und alle in Sicherheit gehen oder zumindest die Schutzkleidung anziehen sollten und alle Fenster im Haus zu schließen sind. Das Übliche also. Da ich in meiner Wohnung bin und alle Fenster geschlossen habe, gibt es für mich nichts zu tun. Es wird nicht mehr lange dauern, bis es zu regnen beginnt. Danach kann erst einmal das Haus für mindestens drei Tage nur mit Schutzkleidung verlassen werden, bis das Regenwasser wieder verdunstet ist - vorausgesetzt, dass es nur heute regnet - und die Luft wieder „sauber“ ist, sofern man von sauber sprechen kann. Sauber ist schon lange nichts mehr. Manchmal dürfen die Häuser tagelang oder auch wochenlang nicht verlassen werden. Aber was soll ich auch draußen. Die schöne Natur gibt es nicht mehr, draußen ist alles grau und verseucht. Schmetterlinge gehören der Vergangenheit an. Es gibt nichts mehr draußen, um sich zu erfreuen. Seitdem du tot bist, existiere ich nur noch. Das einzige, was mir noch bleibt, ist in meine Träume zu fliehen, in denen du noch hier bist und die Welt noch in Ordnung ist.

Nun höre ich ihn, den Regen, wie er beginnt, gegen meine Fensterscheiben zu prasseln. Na ja, was soll ´s, ich habe alles verloren, es kann sowieso nicht mehr schlimmer kommen. Ich ziehe meine Sachen aus und verlasse die Wohnung, wandere die Treppe hinunter bis zum Ausgang. Ich öffne die Tür und verlasse splitternackt das Haus. Ich spüre die ersten Regentropfen auf meiner Haut.
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Ich bereite meine Arme aus und drehe mich tanzend auf der Straße umher, bis jede Stelle meines Körpers nass ist. Das Wasser beginnt langsam von meinen Haaren herabzutropfen. Laut lachend lege ich mich auf die Straße und wälze mich in einer Pfütze herum. Jetzt ist einfach alles egal.
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Punktestand der Geschichte:   53
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Kommentare zur Story:

  Ein trauriges Ende. Die Geschichte gefällt mir sehr
gut, auch wenn sie sehr nahe geht. Sie regt auch
zum Nachdenken an, wie wir mit dem, was uns die
Natur geschenkt hat, umgehen.  
   Sommertänzerin  -  04.11.12 09:48

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Wiedermal sehr melancholisch, manchesmal sogar bedrohlich, wie ein Zukunftsszenario. Fesselnd geschrieben.
Gruß  
   Francis Dille  -  07.10.12 21:27

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