Weinlese und Hochzeitsvorbereitungen (Unser italienischer Sommer Teil 13)   70

Romane/Serien · Romantisches

Von:    Wolfgang scrittore      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 11. Februar 2012
Bei Webstories eingestellt: 11. Februar 2012
Anzahl gesehen: 1324
Seiten: 12

Jetzt war es September geworden. Wir warteten jeden Tag auf den idealen Zeitpunkt, um mit der Weinlese zu beginnen.

Gianfranco sagte „Morgen früh fangen wir an. Meine Cousins bringen noch ihre Kinder mit, Eva und du, dazu Francesca, Laura und ihr Freund, dass müsste reichen.

Es ist alles bereit, der Wetterbericht ist ideal, was wollen wir mehr?“

Mir juckte es auch schon ein paar Tage in den Fingern, aber Gianfranco mit seiner großen Erfahrung hatte mich beruhigt.

„C'è un tempo giusto per ogni cosa, es gibt für alles eine richtige Zeit.” Und für die Sangiovesetrauben war jetzt der ideale Zeitpunkt. Sie hatten enorm viel Sonne getankt



Wir hatten aber auch gut vorgearbeitet. Zeitig genug hatten wir alle Trauben bis auf eine pro Stock entfernt um die ganze Kraft in diese Traube fließen zu lassen.

Das würde zwar den Ertrag mindern, aber eine deutlich höhere Qualität bringen.

Unser Boden ist sehr kalkreich, mineralhaltig und gut entwässert, die Terrassen leicht nach Südosten ausgerichtet und daher bekommen die Rebstöcke optimale Sonneneinstrahlung. Gianfranco hatte schon vor Jahren die Stöcke enger gepflanzt. Jetzt hatten wir etwa 5000 Reben pro Hektar. Da wir von Hand ernteten war das gut so. Er hatte sich für die Spaliererziehung entschieden. Die Pflanzen gaben sich gegenseitig Schatten und Wärme. Und der Bodenbewuchs gab das Wasser dosiert an die Rebstöcke ab. Zwei Fruchtruten bleiben stehen. Die eine hatten wir auf etwa 10 Augen zurück geschnitten, die andere, die im nächsten Jahr tragen würde auf 2 Augen angeschnitten.

Jetzt war es soweit, die Säure war optimal, der Zeitpunkt der Lese war gekommen. Ich vertaute auf Gianfrancos jahrzehntelange Erfahrung. Die Qualität der letzten Jahre gab ihm recht.





Gianfranco teilte uns jedem ein paar Reihen zu und kam zwischendrin immer mal wieder zum schauen. Seine drei Cousins waren alte Kämpen und legten ein ordentliches Tempo vor. Eva fuhr den Traktor mit dem Anhänger und brachte die geernteten Trauben immer wieder zum Haus. Eva beherrschte das Fahrzeug wie ein Profi, so dass sogar Gianfranco ein paar anerkennende Worte fand. Lauras Freund hatte offensichtlich auch schon einige Erfahrung im Weinberg gesammelt und wurde nach kurzer Kontrolle in Ruhe gelassen.
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Nach und nach ging mir der Rhythmus ins Blut über und bei meiner zweiten Reihe streifte ich das Shirt ab. Mir war warm geworden. Die Sonne gewann schnell an Kraft. Zwischendurch unterhielten wir uns über die Reihen hinweg. Gianfrancos Cousins sangen alte Volkslieder und wetteiferten, wer der Schnellste sei. Mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung ließen sie uns Junge alt aussehen.

Eine Woche war vergangen.



Wir waren früh auf den Beinen, nur Beppe fehlte noch. Ich begrüßte Mario, der sich jetzt auch zu uns gesellte.

„Ihr seid gut vorwärts gekommen“, lobte er uns.



„Wo bleibst du denn Beppe, die Zeit verschlafen?“ Gianfranco raunzte Beppe an, der gerade über die Wiese kam.

„Ich war doch beim Arzt, habe ich das nicht gesagt?“

„Bist du krank?“ wollte ich wissen, als ich gerade den Korbinhalt auf den Hänger wuchtete.

„Ach, nichts besonderes, Altmännerleiden, du verstehst?“ Beppe antwortete verschämt und griff sich in den Schritt.



Dann schnappte er sich einen Korb und wollte die nächste Reihe angehen.

„Nein komm Beppe, wir gehen nach drinnen ins Kelterhaus und nehmen die Trauben in Empfang. Du weißt doch, wir sind ein eingespieltes Team. Und die hier draußen brauchen keinen Aufpasser mehr.“

Beide überwachten das entrappen, die Entfernung der Stiele und evtl. Blätter von den Trauben. Eva half jetzt mit beim pressen der Beeren für die Maische und hatte das Steuer an Lauras Freund übergeben, der sich, nach kurzer Eingewöhnung, als überaus geschickt herausstellte.

Die gepressten Trauben mitsamt dem Most kamen in den Maischebottich, einem großen offenen Stahlbehälter. Hier fand die Gärung statt, die relativ schnell einsetzt. Farb-, Gerb- und Geschmacksstoffe wurden aus den Schalen herausgelöst. Parallel dazu findet bereits die alkoholische Gärung statt. Gute 14 Tage verblieben die gepressten Trauben und der Most im Maischebottich. Die Maische muss immer wieder umgewälzt werden, da durch die Kohlendioxidentwicklung die festen Bestandteile nach oben getrieben werden. Früher hatte man das Ganze mit Stangen umgerührt. Heute saugten wir unten den Most ab und gaben ihn von oben wieder zu. In den ersten Tagen passierte das mehrmals am Tag, später reichte es, die Umwälzung einmal täglich durchzuführen.
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Ich musste schmunzeln, offensichtlich traute mir Gianfranco zu, dass allein zu bewältigen. 15°C waren optimal für unsere Hefen. Die Vergärung ging zügig vorwärts. Die Temperatur konnten wir automatisch regeln durch kühlen oder temperieren.



Die Tage der Weinlese waren geschafft, wir auch.



Francesca, Laura und Benedetta hatten die Herrschaft in der Küche übernommen. Den großen Tisch hatten wir gestern noch herbeigewuchtet und jetzt waren die drei dabei ihn einzudecken. Heute Abend wollten wir ein Fest feiern.





Wir sitzen alle rund um den großen Tisch auf der Terrasse, müde aber zufrieden.

Zur Feier des Tages gibt es traditionell wieder ein Banchetto á la vignaiolo.

Paola hat einen alten Plattenspieler mitgebracht und wir hören traditionelle toskanische Volkslieder. Beppe, Gianfranco und seine Cousins standen auf und sangen aus voller Kehle. Wir anderen applaudierten begeistert, besonders als Gianfranco und Beppe auch noch einen Saltarello hinlegten. Beppe spielte die weibliche Rolle und drehte sich eine imaginäre Schürze hebend.

Der Saltarello ist ein alter toskanischer Volkstanz, Er wird rasch und hüpfend, mit steigender Schnelligkeit und voller Leidenschaft getanzt. Ehe ich mich versah, hatte Eva mich mitgezogen und nach und nach fanden wir uns alle auf der Tanzfläche wieder.



Eva war im dritten Monat. Langsam konnte man etwas von einem Babybäuchlein ahnen. Eva hatte schon ein paar Kilo zugelegt, Hüften und Po waren runder geworden, die Brüste voller, sie lag wie Dottor Faletti meinte sehr gut damit. Er meinte sogar, es dürfte ruhig noch etwas mehr sein, dreizehn bis vierzehn Kilo bis zur Geburt wären ideal, da sie vor der Schwangerschaft sehr schlank gewesen sei.

Vor ein paar Tagen hatte ich sie beobachtet wie sie sich vor dem Spiegel drehte und wendete.

„Meinst du nicht Peterl, dass ich zu fett werde? Ich gehe auseinander wie ein Hefeteig. Mir passt nichts mehr“, hatte sie mit unglücklicher Stimme gefragt.

„Du bist ein wunderschönes Weib, du bist erotisch und sinnlich, ich liebe dich.“

Ich habe meine Eva in den Arm genommen und getröstet, hinterher hatten wir uns geliebt.
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Heute strahlte Eva wieder. Gerade unterhielt sie sich mit Benedetta und Francesca. Eva hielt den plappernden Tommaso in ihren Armen, Tabea lag im Wagen und schlief trotz der Musik und des Gelächters.

Die Lampions leuchteten und der leichte Wind bewegte die Blätter. Und diese verschiedenen Aromen der Kräuter, wie wilder Fenchel, Thymian und Blumen die der Wind mittrug. Auch die blühenden Sträucher und Blumen im Garten verbreiteten einen betörenden Duft. Un` estate italiana, ein italienischer Sommer, zum träumen und verlieben. Dieses Jahr sind wir verwöhnt worden. Ich hoffte auf einen exzellenten Jahrgang. Gianfranco schien sich sicher zu sein, dass unser Rosso Toscano ein Spitzenwein werden würde.

„Wenn ihr Zeit habt, Mittwoch fangen wir mit der Lese des Vernaccias an.“ Mario war aufgestanden und schaute in die Runde.

„Geh nur mit Mario kann jede Hand brauchen.“ Gianfranco wandte sich mir zu. „Ich schaff das hier schon zusammen mit Beppe.“

„Ach halt, ihr seid ja mit den Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt. Dann seid ihr entschuldigt.





Rezept:



Banchetto á la vignaiolo





1 Tasse Olivenöl

2 EL Rosmarinblätter, fein gehackt

2 TL Anissamen

2 TL Fenchelsamen

Pfeffer

2 Pfd. Rohe Bratwürste

2 Pfd. Tafeltrauben, idealerweise gemischt

1 Tasse Rotwein



Das Öl wird in einer Pfanne erhitzt (nicht kochen), dann werden die Kräuter, Samen und reichlich gemahlener Pfeffer hinzugefügt. Gut verrühren.

Die Pfanne wird vom Feuer genommen und zugedeckt 15 Minuten ziehen lassen.

Die Bratwürste werden mehrfach eingestochen und in einem großen Topf mit Wasser bedeckt zum sieden gebracht. Ca. 5 Min. ziehen lassen.

Den Backofen auf 200°C vorheizen.

Bratwürste abtropfen lassen und in eine feuerfeste Form legen. Mit dem Öl übergießen und die gewaschenen und von Stielen befreiten Trauben hinzufügen, alles gut vermengen.

Ca. 25 Minuten braten lassen, mehrfach wenden, damit die Würste eine Kruste bekommen und die Trauben Saft ziehen.
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Würste und Trauben mit einem Schaumlöffel aus der Form holen und warm halten.

Mit dem Rotwein den Bratensud lösen und in der Form erhitzen, bis der Saft eine sirupartige Konsistenz hat.

Die Würste und Trauben auf vorgewärmte Teller legen und mit dem heißen Sud übergießen.

Dazu ein Püree aus Kartoffeln und Lauch oder eine Polenta geben.









Sagra del Fungo



Das Pilzfest fand traditionell an den beiden ersten Septemberwochenenden statt. Auch dieses Jahr war wieder einiges geboten.

Am Freitag wurde die Sagra del Fungo, das Pilzfest, von unserem Sindaco, dem Bürgermeister der Hauptgemeinde Casole di Val d`Elsa, feierlich eröffnet. Er hielt eine launige Rede und eröffnete damit das Fest. Zwei junge Mädchen in traditioneller Tracht überreichten ihm einen randvoll gefüllten Korb mit Pilzen.

Abends hatte ich zwei Plätze im Ristorante à la Pieve vorbestellt. Es gab leckere Pilzgerichte in verschiedenen Variationen.



Ich traf Eva bei Matteo, im Nebenzimmer fand eine Fotoausstellung - Natura e paesaggio – statt. Eine Vielzahl großformatiger Fotos zeigte die Landschaft der Montagnola. Wir tranken noch einen Caffé doppio und schlenderten dann zum Ristorante. Es waren nur ein paar Hundert Meter, die Via dei Lavatoi Richtung Ortsausgang.

Der Wahlspruch des Hotels lautete: - Venite a trovarci - saremo lieti e felici di ospitarVi ! - Besuchen Sie uns - wir sind froh und glücklich, Sie begrüßen zu dürfen!

Nach den leckeren Vorspeisen gab es Pollo con Funghi, Huhn mit Pilzen. Ich hätte am liebsten noch den Teller abgeschleckt, doch Evas Blick gebot Einhalt.

Als Dessert aßen wir eine Macedonia, einen Fruchtsalat mit Früchten der Saison, dazu Walnüsse, Pistazien und Weintrauben.

Von Ferne hörten wir jetzt die Musik auf der Piazza. Hämmernde Rockrhythmen, dann Gitarrensoli. Das mussten wir uns unbedingt noch anhören.



Pollo con Funghi

1 Brathuhn

2 EL Olivenöl

1 Bund Petersilie

2-3 Knoblauchzehen

150 ml Chianti

250 g frische Steinpilze

Hühnerbrühe

3 Tomaten



Das Huhn in acht bis 10 Stücke zerteilen.
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Das Öl erhitzen, Petersilie und Knoblauch hacken und andünsten, die Hühnerteile anbraten. Mit dem Rotwein ablöschen, die in Scheiben geschnittenen Pilze dazugeben. Die Hühnerbrühe eingießen und ca. 20 Min köcheln lassen, dann die Tomaten zufügen und weitere 10 Minuten schmoren lassen.

Als Beilage Risotto oder Bandnudeln wie z.B. Fettucine.



Wir liefen Hand in Hand die Strasse entlang zur Piazza. Die Bühne war umlagert von Zuhörern und Tanzenden. Eva und ich suchten uns eine Stelle, wo wir mehr Platz hatten. Dann rockten wir mit.

Plötzlich klopfte mir jemand auf die Schulter, es war Marisa, Hand in Hand mit einem jungen Mann.

„Eva, sono molto felice, ich freue mich ja so und wollte euch beiden nur gratulieren. Questo è il mio amico Amedeo, das ist mein Freund Amedeo.“

“Wie schön, dass du jemanden hast”, freute sich Eva und umarmte Marisa.

Dann drängten die Zwei ins Getümmel näher zur Bühne, während wir weitertanzten.

„Was wohl ihr Bruder dazu sagt?“ Eva lächelte, fiel mir um den Hals und busselte mich ab.

Dieses Wochenende hatten wir noch Zeit. Nächste Woche würden die Hochzeitsvorbereitungen ihren Höhepunkt erreichen.

Wir ließen den Abend bei Matteo ausklingen. Gerade war ein Tisch draußen freigeworden und wir nahmen ihn schnell in Beschlag. Ich bestellte für Eva und mich ein Viertel Rotwein und ein Glas Zitronenwasser. Zum unterhalten war die Musik zu laut, aber es waren vertraute Klänge und die Band beherrschte ihre Instrumente. Ich streichelte Evas Hand und wir schauten uns verliebt an.



Am Sonnabend liefen wir erst gegen Mittag ins Dorf. Wir wollten uns dort mit Paola und Bruno, sowie Benedetta und Mario treffen.

Einie beliebte Gruppe präsentierte auf der Bühne vor San Giovanni Battista ein historisches Stück – Pia de Tolomei –

Pia de Tolomei war eine unglückliche Frau aus Dantes „Commedia divina“. Eine Frau, die ermordet wurde, damit ihr Mann eine Andere heiraten konnte.



Als drauf der dritte Geist das Wort gefasst,

Sprach er: „Wenn du, zur Welt zurückgekommen,

Erst ausgeruht vom langen Wege hast,

So laß dein Hiersein auch der Pia frommen.
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Siena gebar, Maremma tilgte mich.

Und Er, von dem ich einst den Ring bekommen,

Der Treue Pfand, er weiß, wie ich erblich.



(aus Purgatorio V. 130-136)





Wir klatschten begeistert Beifall, das war wirklich grandios vorgetragen.

Hinterher trat noch eine Gruppe auf, die volkstümliche toskanische Lieder vortrug.

„Ihr Männer könnt noch bei Matteo ein Viertel Wein trinken. Peter wir entführen dir mal deine Eva. Bei Francesca ist Anprobe, das Hochzeitskleid ist da. Lasst euch ruhig Zeit. Das kann zwei Stunden dauern. Wir rufen dann bei Matteo an.“ Benedetta lachte, dann gingen unsere Schönen mit provozierend wiegenden Hüften die Straße zum Hügel hinauf.

„Eigentlich können wir uns beglückwünschen, nicht jeder Mann hat so begehrenswerte Frauen wie wir. Wie bekommt Eva die Schwangerschaft?“

„Bis auf ein paar Male morgendliche Übelkeit eigentlich gut. Die Gewichtszunahme macht ihr zu schaffen. Obwohl ich finde, sie ist noch schöner geworden.“

„Sagst du ihr das auch?“, wollte Mario wissen. Ich lachte und nickte.

Bruno lachte auch. „Sind sie nicht wunderschön unsere Blumen?“





Am Sonntag schauten wir uns nach der Messe die Volkstanzaufführung an. Wir sollten uns schon in der Kirche sehen lassen, schließlich würde Don Fulvio uns in vierzehn Tagen trauen.

Da wir ja noch keine italienischen Staatsbürger waren, mussten wir dem Standesamt einige Papiere vorlegen. Eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis hatten wir, die anderen Papiere wie Ehefähigkeitszeugnis und internationale Geburtsurkunde bekamen wir von unserem Konsulat. Wir hatten die Papiere dem Standesbeamten vorgelegt, der dann das Aufgebot im Rathaus von Casole ausgehängt hatte. Er hatte sein Gebühren kassiert, nicht wenig, dafür würde er uns im historischen Saal des Rathauses trauen. Benedetta und Mario waren unsere Trauzeugen. Wir hatten den Termin auf den dritten Freitag im September gelegt, zwei Tage vor der kirchlichen Trauung. Ach ja und wir mussten einen vereidigten Dolmetscher mitbringen, egal wie gut wir italienisch sprachen.
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Er war bei beiden Terminen Pflicht. Paola hatte einen für uns an der Uni aufgetrieben.

Zwei Tage vor der Trauung sollte noch ein Gespräch mit dem Standesbeamten stattfinden.



Für heute hatte uns Don Fulvio zu einem Gespräch gebeten. Es ging um die Trauung am Sonntag. Wir waren schon ein wenig aufgeregt.

Er erwartete uns am Eingang zur Sakristei. Marta hatte ein paar Antipasti vorbereitet und umarmte Eva beim hinausgehen.

Don Fulvio bat um ein paar Angaben zu uns, die er in die Predigt einfließen lassen wollte. Dann erläuterte er uns den Ablauf der feierlichen Zeremonie und nachdem wir jeder ein Häppchen verzehrt hatten, gab er uns seinen Segen und wünschte uns alles Gute.



Montag war Eva noch einmal zur Anprobe unten bei Francesca. Benedetta und Paola hatten das Kleid noch ein wenig abgesteckt.

Ich half Gianfranco im Weinkeller, konnte mich aber kaum konzentrieren. Ich war zu nervös. Letztendlich hatte er ein Einsehen und schickte mich weg.

Meinen Anzug hatte ich Gott sei Dank schon. Er passte gut und gefiel Eva, schade nur, dass ich das Brautkleid noch nicht sehen konnte.



Abends rief meine Mutter an, sie wollten morgen früh Tante Maria abholen und rechneten damit gegen Abend einzutreffen. Sie fragte ob das Hochzeitsgeschenk, das Bild von Rodrigo schon eingetroffen wäre. Ja Mutter, ich habe das Bild am Freitag von der Post abgeholt und frag mich nicht wie, im Auto verstaut.



Dienstag Nachmittag kamen Josefa, Karl und die Kinder aus Podersdorf an.

Josefa lief auf Eva zu, sie strich sich die roten Haare aus dem Gesicht und die Augen wurden feucht. Die Tränen liefen über die Wangen. Dann bewunderte sie Evas Bäuchlein. Die beiden Kinder standen auf dem Hof und staunten, während ich Karl half, die Koffer aus dem Auto zu wuchten. Mit einem Trachtenanzug sah er etwas exotisch aus. Dann begrüßten wir uns, wir hatten uns bisher nur einmal gesehen, aber sein kräftiger Händedruck war mir in Erinnerung geblieben. Die Kinder hatten unsere Katzen entdeckt, oder war es anders herum? Sie spielten miteinander und die zwei Haustiger ließen sich gerne streicheln.

„Es ist so wunderschön hier“, schwärmte Josefa, als sie mich mit einem Kuss auf beide Wangen begrüßte.
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Wir führten Josefa und Karl auf dem Hof herum und zeigten ihnen dann ihre Zimmer und unser Bad.

„Kommt herunter wenn ihr fertig seid, ich bereite einen Kaffee“ rief Eva.

„Holst du mal den Kuchen aus dem Vorratsraum?“ Ich bekam auch einen Auftrag.

Meine Mutter kündigte von der Ratsstätte in Bologna ihr Kommen an, Das würde noch mindestens zwei Stunden dauern.

Francesca hatte einen Braten vorbereitet, den sollte es heute Abend geben.



Arista alla Fiorentina

1 kg Schweinerücken

Salz, Pfeffer, Muskatnuss

6 frische Salbeiblätter

1 Handvoll gehackte Rosmarinnadeln

2 in Scheiben geschnittene Knoblauchzehen

1 halbe Zwiebel gehackt

1 EL Olivenöl

0,1 l trockener Weißwein

Fleischbrühe



Das Fleisch wird mit den Gewürzen eingerieben und mit den Kräutern, dem Knoblauch und den Zwiebelwürfelchen in heißem Öl ringsum gut angebraten. Mit dem Wein ablöschen und die Flüssigkeit voll einkochen lassen. Auf kleiner Flamme zwei Stunden garen lassen, mit Fleischbrühe und Fond begießen. Den Braten in Scheiben schneiden und mit der durchgesiebten Soße übergießen.

Als Beilage Rosmarinkartoffeln servieren.



Während ich mit Karl und den Kindern nach dem Kaffee einen Spaziergang durch den Weinberg und die Wiesen machte, hatten die beiden Schwestern sich viel zu erzählen. „Was baut ihr denn an?“ wollte Karl wissen und war sichtlich beeindruckt.

„Fünf Hektar Sangiovese und der eine Hektar Canaiolo nero sind gerade gelesen. Auf 0, 5 Hektar produzieren wir noch Malvasia für unsern Vin Santo. Den Syrah auf den beiden Terrassen oben haben wir erst dieses Jahr gesetzt. Der ist in zwei bis drei Jahren soweit. Karl hatte selbst vier Hektar Weinreben in Podersdorf und produzierte einen exzellenten Blaufränkisch.

„Unser Boden ist kalkreich und Sonne haben wir, wie du weißt, jede Menge. Ein Problem gibt es häufig mit der Bewässerung“, meinte Karl.

„Zeigst du mir noch eure Keller?“ Wir waren wieder auf dem Hof gelandet. Ich öffnete die Tür.
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In den Maischebottichen gärte es munter vor sich hin.

Gianfranco kontrollierte gerade den Ablauf und begrüßte Karl. Ich erzählte ihm, dass Karl vom Fach ist und einen hervorragenden Blaufränkisch produziert.

Ich dolmetschte und die Beiden unterhielten sich prächtig.

Wir hatten seinen blaufränkisch einmal in seinem Keller probiert. Es war sehr spät, eigentlich besser gesagt, sehr früh geworden.



Karl staunte über unsere moderne Einrichtung, die großen Stahltanks für unseren Chianti und die moderne Abfüllanlage, die wir im Frühjahr eingebaut hatten. Nebenan standen die Barriquefässer für den Rosso Toscano, den wir in Holzfässern ausbauen wollten. Unsere Vinsanteria unterm Dach bestaunte Karl auch noch. Hier hingen die Trauben um bei Wind und Wetter getrocknet zu werden und hier lagerten die Fässer aus den vergangenen Jahren.











„Da seid ihr Männer ja“ sagte Eva, „der Kaffee ist fertig, ihr mögt doch sicher einen Kuchen dazu. Setzt euch auf die Terrasse, da ist es am gemütlichsten.“

„Bist du aufgeregt?“ Josefa fasste Eva am Arm.

„Nein, warum? Ich kenne diesen Burschen doch schon länger. Das einzige Problem wäre eventuell, dass ich ihn ab Freitag nicht mehr umtauschen kann.“

Eva schaute mich von unten herauf an und grinste. Ich hätte mich bald am Kaffee verschluckt und Karl lachte herzhaft.

„Ihr beiden Weiber seid euch ganz schön ähnlich, Josefa hat auch so einen staubtrockenen Humor. Aber haben wir mit unseren Frauen nicht das große Los gezogen Peter?“ Dem musste ich zustimmen.

„Da könnt ihr mal sehen ihr Männer.“ Eva und Josefa hatten Lachtränen in den Augen.

Die Kinder spielten an der Garage mit den Katzen. Alle Vier schienen daran Vergnügen zu haben.

Da hörten wir ein Auto den Hügel herauf kommen. Die Kinder rannten um zu gucken.

„Geht aus dem Weg ihr Beiden oder wollt ihr unter die Räder geraten?“

„Kennst du Mutters Fahrstil etwa?“

Der silberfarbene betagte Daimler drehte eine Runde auf dem Hof und hielt vor unserer Tür. Die Katzen suchten das Weite und versteckten sich.
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Rodrigo stieg an der Beifahrerseite aus, winkte uns zu und öffnete dann seiner Amelia die Tür. Dann eilte er wieder zurück um Tante Maria die Tür zu öffnen.

„Gut erzogen“, flüsterte Josefa.

Wir waren aufgestanden um das Schauspiel näher zu betrachten. Jetzt entstieg meine Mutter dem Auto. Sie strich ihr fliederfarbenes Sommerkleid glatt und schob die Haare aus der Stirn, dann schaute sie zu uns herüber und ein Lächeln überzog ihr Gesicht. „Wie schön ihr es hier habt. Das könnte mir auch gefallen.“

Sie umarmte jeden von uns, dann drückte sie Eva noch einmal ganz fest an sich.

„Ich spüre es im Herzen, du machst meinen Peter glücklich. Darf ich mal?“ Sie legte ihre Hand auf Evas Bauch.

Tante Maria nahm Eva auch fest in die Arme „Du bist glücklich meine Kleine, ich sehe es.“

Tante Maria hatte Eva und Josefa nach dem Unfalltod der Eltern aufgenommen und war wie eine Mutter für sie gewesen. Josefa hatte vor zehn Jahren schon geheiratet und war zu ihrem Karl ins Burgenland gezogen. Nicht weit vom Haus der Eltern entfernt, die in Neusiedl gewohnt hatten. Das Elternhaus hatten die Kinder seit damals nicht mehr betreten. Ein Makler hatte es für sie verkauft. Tante Maria hatte nur die persönlichen Sachen der Kinder und die Papiere aus dem Haus geholt. Evas Mutter war ihre jüngere Schwester gewesen.

Tante Maria trug ein leichtes Sommerkostüm aus cremefarbener Seide. Sie wirkte sehr elegant.

„Hier könnte ich malen.“ Rodrigo schaute sich entspannt um, nachdem er uns begrüßt hatte.

„Ihr könnt gerne hier Urlaub machen, wenn du eins deiner neuen Bilder hier lässt.“ Ich grinste und stieß ihn an.

Rodrigo hatte seine Lederjacke abgelegt und streckte seine Beine unter dem Tisch aus. Seine Jeans gefiel mir, ein verwaschenes Blau, meine Lieblingsmarke.

„Ganz schön warm hier bei euch“, lachte er und rollte seine Hemdsärmel auf.

„So ihr Männer, schnappt euch das Gepäck. Ich zeige den dreien ihre Zimmer.“



Eva, Josefa, meine Mutter und Tante Maria bereiteten den Salat fürs Abendessen vor und deckten den großen Tisch auf der Terrasse.

Vorher hatten sie sich aber noch in unser Schlafzimmer verzogen, wo Eva das Brautkleid vorführen musste.
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Karl machte ein Nickerchen auf dem Zimmer und Jonathan und Miriam kamen mit Rodrigo und mir auf einen Spaziergang durch die Weinterrassen und hoch zur Quelle. Anfangs wurden wir noch von Strega und Leone begleitet, denen es aber bald langweilig wurde. Sie schienen etwas im Gras bemerkt zu haben und waren schnell verschwunden.

Oben an der Quelle setzten wir uns hin. Rodrigo hatte einen Skizzenblock aus seinem Koffer gekramt und mit hier hoch genommen. Jetzt griff er zum Stift und bannte die Landschaft mit dem Landsitz des Papstes aufs Papier. Die Kinder sahen ihm staunend zu.

„Was ist denn das für eine Mauer da unten?“ wollte der Jonathan wissen.

„Das ist eine alte etruskische Mauer, die haben die Mauer vor vielen hundert Jahren gebaut. Vielleicht war das eine Terrasse für einen Weinberg, oder die Mauer eines großen Hauses. Ich weiß es nicht.“

„Uiih, dürfen wir da runter spielen?“ Ich nickte. „Aber macht nichts kaputt, sonst bekommen wir Ärger.

Die Kinder rannten die hundert Meter die Wiese herunter und verschwanden hinter der Mauer.

Ich beobachtete Rodrigo, wie seine Skizze Fortschritte machte.

„So ein Bild hätte ich gern.“

„Du bekommst es in Öl oder Aquarell, wie du willst.“ Rodrigo lächelte und legte den Skizzenblock auf die Seite.

„Onkel Peter, Onkel Peter, komm mal her. Wir haben etwas gefunden.“ Aufgeregt ertönten die Kinderstimmen.

Ich erhob mich und ging langsam über die Wiese zur Mauer hinunter.

„Da, schau mal, Onkel Peter.“ Miriam hielt drei ziemlich korrodierte Metallstücke in ihrer Hand. Ob das Münzen waren. Ich war aus dem Häuschen. Der Junge hielt mir auch seinen Fund hin, eine kleine bronzene Figur.

Was sollte ich jetzt machen? Vorschrift wäre es, die Funde zu melden und Konsequenz wäre gewesen, dass die Antikenbehörde unsere Wiese, jedenfalls den größten Teil davon sperrte, sie quasi beschlagnahmte.

„Wisst ihr was, Kinder? Das sind ganz alte Sachen. Die dürft ihr aber nicht mitnehmen. Die müssen hier bleiben, sonst bekommen deine Eltern und ich großen Ärger. Ich rede heute Abend mit ihnen darüber und ihr bekommt einen schönen Finderlohn.
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Was haltet ihr davon?“

Sie murrten zwar etwas, aber die Aussicht auf Finderlohn besänftigte die Beiden wieder.

„Kommt, lasst uns heruntergehen, es gibt bestimmt bald Abendessen.“

„Schau mal, da ist Strega, die will einen Schmetterling fangen.“

Der „Etruskerschatz“ war vergessen. Ich musste mir Gedanken machen, was ich den Kindern dafür geben könnte.

„Peterl, du könntest noch Wein aus dem Keller holen. Hast du Karl schon den Keller gezeigt?“, rief Eva mir von der Terrasse aus zu.

Wir gingen hinunter und ich nahm drei Flaschen vom dreijährigen mit nach oben.

„Ihr wollt euch bestimmt ein paar Flaschen mitnehmen“, meinte ich zu Karl „Denk mal mit dran, die nächsten Tage wird es für mich etwas aufregend.“

Karl klopfte mir auf die Schulter. „Ich kann es dir nachfühlen“ lachte er herzhaft.

Wir lieferten die Flaschen oben in der Küche ab.

„Peter fahr doch mal kurz mit der Ape zu Francesca hinunter und hol den Schweinebraten ab. Der ist zu schwer zum tragen.

„Oh, darf ich mit?“, rief Jonathan begeistert. „Magst du auch mit Miriam“, wandte sich Josefa der Tochter zu. Sie nickte schüchtern.

Wir zwängten uns zu dritt auf den Sitz und die Ape ratterte los.

„Das ist Peterls Auto“ Eva lachte herzhaft. „Die Giulia habe ich mir unter den Nagel gerissen. Zur Arbeit mit der Ape würde lange dauern.“

Francesca hatte das Rattern gehört und kam mit Laura heraus.

„Possiate voi un dolce?“

Die Kinder schauten mich fragend an.

„Mögt ihr was Süßes, hat Francesca gefragt.“ Die zwei nickten eifrig und freuten sich über die Lutscher.

Dann half ich Francesca die Kasserolle auf die Ladefläche zu stellen und bedankte mich bei ihr.

„Ich habe schon ein paar Entwürfe gemacht. Willst du sie mal sehen“, sagte Laura schüchtern.

„Heute nicht, Eva und Peter haben Besuch. Mach das ein andermal“ wies Francesca sie zurecht.

„Komm doch morgen Vormittag hoch und zeig es Eva. Ich bin früh in Florenz.“

Dann stiegen wir wieder ein und die Ape rappelte den Hügel hinauf.
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  Du beschreibst typisches italienisches Leben und ich finde es toll wie sich Peter darin zurecht findet und es mehr und mehr mit seiner Eva genießt. Das scheint ja ein wirklich toller Weinberg zu sein. So habe ich gleich eine Menge über die Weinernte dazugelernt und freue mich schon auf die Hochzeit der beiden.  
   doska  -  13.02.12 21:40

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  Die Zeit der Weinlese ist gekommen, die Hochzeitsvorbereitungen laufen auf Hochtouren, denn langsam rollt der Besuch ein.
Viel Spaß beim Lesen  
   Wolfgang scrittore  -  11.02.12 17:47

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