Romane/Serien · Nachdenkliches

Von:    Tintentod      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 28. Oktober 2010
Bei Webstories eingestellt: 28. Oktober 2010
Anzahl gesehen: 1699
Seiten: 6

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


12

Er verbrachte die halbe Nacht in der U-Bahnstation an der Bowery und versuchte für sich herauszufinden, ob er dieses Leben vermissen würde. Er hockte mit einem Becher Kaffee und endlosen Zigaretten am Eingang der U-Bahnstation, beobachtete die Leute, die kamen und gingen, und wurde von herumlungernden ehemaligen Kollegen nach Zigaretten angeschnorrt. Ihm schräg gegenüber stand für zwei Stunden ein Straßenmusiker mit seiner Gitarre, der die Akustik ausnutzte und die ganze Zeit Bob Dylan sang. Als er verschwand, wurde er von einem fliegenden Händler ersetzt, der aus seinem Rucksack heraus so seltsame Dinge verkaufte wie leuchtende Armbänder, Ringe aus billigem Metall, Anhänger an Lederriemen und bunte gedrehte Stoffschnüre, die er Glücksbringer nannte. Nicht einer der späten Passanten, die es eilig auf dem Weg nach Hause hatten, blieb stehen, um sich seine Ware anzusehen.

Schlechter Zeitpunkt und ungünstiger Ort, dachte Rick.

Als der Händler urplötzlich seinen Kram zusammenpackte und Richtung U-Bahn verschwand, wusste Rick bereits, was passiert war, noch bevor er sich umgedreht hatte. Seine Antennen, die er in Maine die meiste Zeit eingezogen hatte, funktionierten hier wieder prächtig. Er stand auf, die blanke Wand im Rücken und wandte sich Richtung Ausgang.

Dort stand Laurenson, der Rücken. Er war stark gealtert, seit Rick ihn das letzte Mal gesehen hatte, was nicht an der Zeit, aber an seinem Unfall liegen musste. Das Seltsame war, dass er Rick anstarrte, als habe er einen Geist vor sich und Rick ihn nur anstarrte und nicht glauben konnte, dass dieser Kerl ihm keine Angst mehr einjagte. Einige Sekunden lang standen sie sich stumm gegenüber, dann kam Laurenson näher und lehnte sich mit der Schulter gegen die gekachelte Wand. Ohne Rick direkt anzusehen, sagte er: „Du bist lange nicht hier gewesen. Hab schon geglaubt, dich hätte jemand abserviert.“

Nicht mehr im Dienst, aber noch immer unterwegs, dachte Rick, er hätte wissen sollen, wann man loslassen muss.

„Ich war außerhalb“, sagte Rick. Er verbiss sich die Frage, wie es ihm ginge und ob er mit seiner Pension zurechtkam.

„Und was machst du wieder hier?“

„Nichts.“

Laurenson nahm in einer behäbigen Geste seinen Lederhut ab, betrachtete ihn und setzte ihn wieder auf.
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Jede Bewegung ließ erahnen, dass er ständig Rückenschmerzen hatte und Rick gönnte es ihm von Herzen.

„Du solltest wieder dahin zurückgehen, wo du dich verkrochen hast“, sagte Laurenson, „bevor dir irgendwas zustößt.“

„Dasselbe wünsche ich dir auch“, erwiderte Rick. Eine Sekunde lang glaubte er, Laurenson würde ihn attackieren, wie er es in seinen besten Zeiten getan hatte, aber er schien nur kurz darüber nachzudenken und es sich anders zu überlegen. Rick konnte es an seinen Augen sehen, dass er es liebend gern getan hätte.

Der Kampfhund hat seine Zähne verloren, dachte Rick, er versucht zu knurren, aber nicht einmal das kann er mehr.



Obwohl Laurenson sich nach der kurzen Begegnung einfach umdrehte und verschwand, und Rick darüber keinen weiteren Gedanken verlieren wollte, blieb es bei ihm hängen. Hollis merkte sofort, dass etwas nicht stimmte.

„Du machst ein Gesicht…“, begann er und verstummte wieder. Sie saßen in der winzigen Küche am Fenster, rauchten gutes Kraut und tranken billigen Wein, den sie im Küchenschrank gefunden hatten.

„Ich hab den Rücken getroffen.“

„Er ist nicht mehr der Alte, aber wenn ich ihn sehe, krieg ich immer noch das Schaudern.“ Hollis reichte Rick die sorgfältig gedrehte Tüte und seufzte. Die Erinnerung wurden sie beide nicht mehr los.

„Ich bleibe nur noch ein paar Tage“, sagte Rick und zog die Luft nach innen, „wir können noch ordentlich einen drauf machen, bevor ich verschwinde.“

„Liegt es an mir oder an dem Rücken, dass du so schnell wieder verschwinden willst?“

Rick kicherte. Das Gras zeigte endlich seine Wirkung, er hatte schon befürchtet, er sei während seiner Zeit in Maine immun dagegen geworden. Seine Hände und Füße fühlten sich dick und leblos an und der Rest von ihm schwebte irgendwo dazwischen, eingepackt in farbiger Watte. Sein eigenes Kichern klang seltsam in seinen Ohren und er stopfte sich die kleinen Finger hinein, um es nicht zu hören. Es funktionierte nicht.

„Ich verschwinde, weil ich es muss. Es ist die Zeit, etwas Neues anzufangen. Den ersten Schritt habe ich hier gemacht, mehr aus Versehen als mit Absicht.“

Hollis sah ihn stirnrunzelnd an, nahm ihm den Joint aus den Fingern und roch an ihm, als habe das Zeug eine schlimmere Wirkung auf seinen alten Kumpel als erwartet.
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„Etwas Neues. Ich versuche mich zu erinnern, wann du das letzte Mal etwas Neues ausprobieren wolltest. Oh, jetzt fällt es mir wieder ein. Es ist so was von in die Hose gegangen.“

„Diesmal. Nicht.“ Rick stemmte sich mühsam in die Höhe, drückte die Knie durch und wunderte sich, dass er Füße hatte. Er sah sie, aber er fühlte sie nicht. „Ich arbeite seit zwei Monaten daran und ich schlage mich nicht mal schlecht.“

„Verrätst du mir, woran du arbeitest?“

Er wird dir nicht glauben, flüsterte Mascot aus dem Nebenraum, er wird dir ins Gesicht sagen, dass du nur eine faule Ausrede anbringst, weil du ihm nicht die Wahrheit sagen willst. Du änderst dein Leben, und er ahnt, dass er darin keine Rolle mehr spielen wird.

„Das ist nicht wahr“, sagte Rick. Er starrte Hollis mühsam an und verbesserte: „Ich sage dir die Wahrheit. Wenn du es mir nicht abnimmst, ist das dein Problem.“

„Bisher hast du mir noch gar nichts gesagt.“

„Sophie hat mich vor die Wahl gestellt. Ich kann das Eine haben oder das Andere. Sie oder New York. Sie oder mein altes Leben. Ich hab mich entschieden.“

„Wie lange hast du darüber nachgedacht?“ Hollis Stimme klang weder überrascht noch wütend. Als habe er die ganze Zeit geahnt, was kommen würde. Vielleicht lag es aber auch nur am Pot.

„Ich weiß es, seit sie abgehauen ist. Ich will sie nicht verlieren, das war mir sofort klar, und ich würde alles dafür tun. Ich gehe nach Maine und bleibe dort.“

Die ganze Wahrheit konnte er ihm noch immer nicht sagen, aber es blieben ihm noch ein paar Tage, um Hollis zu erzählen, dass er Vater wurde und sich alle Mühe gab, aber noch immer nicht wusste, ob er damit zurechtkommen würde.

„Hmh“, machte Hollis. Er nahm den letzten Zug von der guten Tüte, betrachtete sie zwischen seinen Fingern, „du würdest es mir sagen, wenn sie krank wäre oder wenn du dir irgendwas eingefangen hättest. Und so, wie du dich benimmst, hast du irgendwas anderes angestellt. Soll ich raten?“

Rick ließ ihn nicht raten. Er befürchtete, Hollis könnte so furchtbar danebenliegen, dass es für sie beide peinlich werden könnte, und seine Erklärung, was wirklich passiert war, nur noch wie eine unnötige Rechtfertigung klang.
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„Ich hab nichts angestellt“, sagte er, „wir bekommen ein Baby. Und ich werde alles tun, um es diesmal nicht zu versauen. Du weißt besser als jeder andere, dass ich immer alles versaut habe, wenn ich versucht habe, es richtig zu machen.“

Hollis reagierte wie ein guter alter Freund, der er schließlich auch war. Er mochte beleidigt sein, dass Rick alles hinter sich ließ, aber er zeigte es nicht.

Er grinste schief und sagte: „Ich glaube, Mascot wäre absolut stolz auf dich gewesen.“



Rick blieb noch eine Woche in New York und Umgebung, bis er sicher war, alle Freunde und Bekannte abgeklappert zu haben. Er versuchte, ein paar alte Schulden zu bezahlen, aber die meisten schienen sich an seine Schulden nicht mehr erinnern zu können. Später fand er heraus, dass Hollis es im Laufe der Zeit übernommen hatte, sie zu begleichen.

Rick sprach ihn nicht darauf an, ebenso wenig, wie Hollis es von selbst zur Sprache brachte, wie er sich das Leben mit Frau und Kind vorstellte. Sie verbrachten die Woche gemeinsam, tranken viel, rauchten sich in einen gleichmäßigen angenehmen Zustand und schossen mit einer geklauten Kamera viele Fotos von sich und den Orten gemeinsamer Erinnerungen. Rick drückte Dom die Filmröllchen in die Hand, als er sich von ihm verabschiedete.

„Ich setze mich jetzt auf die Shadow und verschwinde“, sagte er, „ich hab die Maschine durchchecken lassen und bin bereit. Du kannst die Fotos hier entwickeln lassen, aber ich glaube, die meisten sind nichts geworden. Ich schicke dir meine Adresse.“

„Heißt das, ihr zieht um?“

Rick hatte die Adresse des Hauses und er hatte eine Art Lageplan (wenn man das in Maklerkreisen so nannte, er war sich dessen nicht sicher) und Grundriss gesehen, aber kein einziges Foto. José hatte gesagt, er habe das Grundstück und das Haus aus einer sauberen Quelle gekauft, und eigentlich hatte er damit nichts anfangen können.

„Ich habe viele Dinge, mit denen ich noch nichts anfangen kann“, hatte er gesagt, „aber für alles gibt es seine Zeit. Wer hätte gedacht, dass ich für das Haus in Maine eines Tages eine so gute Verwendung haben würde?“

Rick hatte den Verdacht, dass José auf die Schnelle ein Haus in Maine gekauft haben könnte, aber dem war nicht so.
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Auf den Papieren, die er in einem Umschlag mit sich herumtrug, hatte er gelesen, dass José das Grundstück und Haus vor drei Jahren erstanden hatte. Über einen Strohmann.

Wir werden dort einziehen, dachte er, wir werden uns wie eine glückliche kleine Familie benehmen und es vielleicht irgendwann auch werden. Und selbst, wenn José einmal im Monat einen seiner Leute vorbeischickt, um nach dem Rechten zu sehen, wird es besser werden, als es jemals zuvor war.

Er zeigte Dom die Papiere, die er für das Haus bekommen hatte und erst, als Dom sagte: „Habt ihr das Haus gekauft? Wieso ausgerechnet auf einer Insel?“ sah er sich den Lageplan genauer an. Er hatte gedacht „Monhegan Island“ sei der Ortsname. Was eigentlich auch stimmte, aber er hatte auf der groben Übersichtskarte übersehen, dass es eine Insel war. Eine verdammte Insel.

„Ich werde anständig schwimmen lernen, nehme ich an.“ Er grinste und dachte darüber nach, ob er Dom die Wahrheit über das Haus erzählen sollte, aber obwohl er gerne ehrlich geblieben wäre, wusste er, wie Dom auf Josés Haus reagiert hätte. Also log er.

„Sophies Eltern haben das Geld vorgestreckt, wir haben sozusagen einen Privatkredit bekommen. Und auf der Insel sind die Häuser einfach billiger.“

„Du wirst dort ein gutes Leben haben“, sagte Dom. Er umarmte Rick so spontan und heftig, dass Rick das dumme Gefühl hatte, er würde sich für immer von ihm verabschieden.

„Ich werde euch alle vermissen“, sagte er und drückte Dom an sich, „ich bin ein Junkie. Die Nadel lasse ich hinter mir, aber die Einstiche nehme ich mit.“



Er machte eine letzte Runde durch die Gegend, packte seine Tasche auf die Honda und fuhr los. Von Holllis hatte er sich verabschiedet und versprochen, ihn regelmäßig anzurufen und ihn auf dem Laufenden zu halten, dann war Hollis verschwunden, Richtung Atlantic City.

Rick nahm die Strecke durch Catskills und hinauf nach Albany und von dort aus über die Grenze nach Vermont. Er legte viele Stopps ein, weil sein Hintern ohnmächtig und seine Beine weich wurden nach einigen Stunden auf der Straße.
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Am frühen Morgen kam er in einen Regenschauer und kam klatschnass in der nächsten Stadt an, wo er in einem billigen Motel unterkam.

Von dort aus rief er Sophie an und sagte, dass er auf dem Weg sei. Sie war aufgedreht und erzählte endlos über ihren Arbeitstag für die Lokalzeitung und Rick ließ sie reden. Er grinste und machte nur zustimmende Geräusche an den passenden Stellen. Irgendwann stoppte Sophie, er hörte das klapsende Geräusch, als sie sich mit der flachen Hand auf den Mund schlug und dann sagte: „Ich erzähl die ganze Zeit von mir, wie ist es bei dir gelaufen?“

„Am Telefon erzähle ich davon nichts“, sagte er, „aber ich komme mit einer dicken Überraschung zurück.“
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Kommentare zur Story:

  Sehr echt, wie sich Rick in der U- bahnstation herum drückt und wem er da alles begegnet, um sich von Hollis zu verabschieden. Aber wird er diese Trennung aushalten?  
   Petra  -  17.01.11 20:00

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  Wiedermal atmosphärisch sehr dicht geschrieben. Ich lebte förmlich mit, mit den beiden Freunden. Rick ist zwar ziemlich glücklich über das Haus, das ihm Josè schenken will, aber ich fürchte, da kommt noch der Pferdefuß.  
   Jochen  -  10.11.10 21:43

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  So eine Stimmung zwischen zwei Freunden zu beschreiben ist echt schwer.
Und auch Melancholie ist dabei. JETZT wirds eine richtig super Geschichte...beste Grüße  
   Jürgen Hellweg  -  01.11.10 12:08

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Interessante Kommentare

Kommentar von "Meerschweinchen" zu "endstation der träume [textfetzen]"

total cool. Gefällt mir gut. Du hast stil. 5 Punkte! ;) mehr geht ja LEIDER nicht

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