Holidays in Kampodia Kap. V – Teil 2 DUNKELHEIT der SEELE   161

Romane/Serien · Trauriges

Von:    Ingrid Alias I      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 26. Mai 2010
Bei Webstories eingestellt: 26. Mai 2010
Anzahl gesehen: 2683
Seiten: 4

Diese Story ist Teil einer Reihe.

Verfügbarkeit:    Die Einzelteile der Reihe werden nach und nach bei Webstories veröffentlicht.

   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Rebekka hält es nicht mehr im Bett, sie streift sich einen Pullover über und geht nach unten. Sie kann es immer noch nicht begreifen. Sie starrt durch die geöffnete Terrassentür nach draußen.



„Morgaine, wo bist du?“, ruft sie in die Dunkelheit. Und als keine Antwort kommt, geht sie nervös nach vorne zur Eingangstür und blickt dort auf den Hof, der unvollkommen von einer Straßenlaterne erhellt wird. Sie sieht bleich aus unter der normalerweise leicht braun getönten Haut. Sie ist still geworden, lauscht irgendwohin, lauscht in sich hinein. Aber sie hört nichts, alles ist stumm, Morgaine ist nicht da, und sie meldet sich nicht. Warum hat sie nicht auf Morgaine geachtet? Warum...



Sie geht in den Stall, macht das Licht an und späht in die Gänge hinein. Niemand ist da, zumindest kein Mensch. Die Pferde rascheln leise in ihren Boxen. Kalybos, der weiße Ziegenbock schläft neben seinem Freund, dem wild gescheckten Mustang Zagato, der immer noch nicht auf der Sommerweide ist. Zagato selber steht unbeweglich wie eine Statue in seiner Box und träumt vor sich hin. Vielleicht träumt er von der Prärie. Auch die Schweine schlafen friedlich, und sie schnarchen tatsächlich. Aber wo ist Morgaine?



Rebekkas Augen schmerzen, sie wollen weinen, aber sie können es nicht. Rebekka lässt sie nicht weinen. Es gibt keinen Grund zum Weinen. Morgaine wird gefunden werden.



Sie geht aus dem Stall und läuft in die Finsternis hinein, die sich auf dem Fußweg neben dem Gut niedergelassen hat. Wie anders ist es jetzt, ganz anders als am ersten Tag, als Morgaine fröhlich mit Kuhscheiße spielen wollte. Jetzt ist es finster, in den Büschen knistert und raschelt es, und in den Bäumen rauscht es unheimlich. Rebekka beschleicht ein Gefühl der Angst vor der Natur. Ist das normal, könnte die Natur einem feindlich gesinnt sein? Oder sind das nur die Menschen, vor denen man Angst haben muss?



„Morgaine, wo bist du“, ruft sie, und als keine Antwort kommt, geht sie weiter, bis sie schließlich die Brücke erreicht. Unter ihr rauscht die Strulle, die zum Mühlbach geworden ist. Sie beugt sich über die steinerne Brüstung und versucht im Dunkeln, den Mittleren Teich zu durchschauen, der undurchdringlich schwarz vor ihr liegt.
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Teiche sind entsetzlich, wer weiß, was alles auf ihrem vermoderten Grund liegt, welche furchtbaren Geheimnisse sie bewahren. Warum hat sie nicht auf Morgaine geachtet? Warum...



Wieder wollen Rebekkas Augen anfangen zu weinen, und wieder sagt Rebekka nein. Denn Morgaine wird gefunden werden.



Über die Dorfstraße läuft sie ganz langsam in Richtung Herrenhaus zurück. Wenn sie Licht in einem der Häuser sieht, schellt sie dort an und fragt die verwunderten Leute, ob sie Morgaine gesehen hätten. Aber alle schütteln den Kopf. Alle mögen das kleine Mädchen. Sie war schon in jedem Schweinestall, sie kennt alle Kühe und Ziegen und sogar die Hühner. Aber heute hat sie keiner gesehen.

Rebekka erreicht die Strulle in ihrem gemauerten Becken, zur Linken ist noch ein Haus, wo sie nach Morgaine fragen kann, aber auch dort weiß man nichts.

Sie schaut auf den Hof des Gutes. Gerade ist der Mond zwischen den Wolken erschienen, und Rebekka nimmt das als gutes Zeichen. Denn Morgaine wird gefunden werden.



Sie geht entschlossen ins Herrenhaus, wo sich mittlerweile alle versammelt haben, Archie, Claudia, Tante Bernadette, sogar Biggi und Sammy sind da, und ausnahmsweise streiten sie sich nicht. Daniel ist nicht da, wo steckt er? Rebekka tritt an die Terrassentür und blickt in die mittlerweile undurchschaubare Finsternis. Der Mond ist nicht mehr zu sehen, die Wolken haben das Regiment wieder übernommen.



Sie hat da noch eine Idee, sie ist zwar abenteuerlich, aber es könnte doch sein, man greift ja nach jedem Strohhalm. „Habt ihr im Mausoleum schon nachgeschaut?“

„Nein“, sagt Archie. „Da kann man normalerweise gar nicht rein, aber wir werden trotzdem nachsehen.“



Sie gehen in den dunklen Garten hinaus. Der Garten hat sich in ein Schreckgespenst aus nächtlichen Schatten verwandelt, ab und zu erscheint der Mond schemenhaft am Himmel, und vor seinem Licht taucht dann wie eine unheimliche schwarzgezackte Silhouette das Mausoleum auf.

Auch Andromeda taucht auf einmal neben Rebekka auf. Sie ist den ganzen Tag unterwegs gewesen, sie hat versucht, sich abzulenken und sich zu amüsieren, weil Max immer noch nicht da ist. Und eben hat sie es von Maid Marian erfahren, das mit Morgaine.
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„Es ist nicht unheimlich“, sagt sie zu Rebekka. „Als Kinder haben wir immer durch die vergitterten Fenster hineingeschaut, da sind zwar Särge, aber eigentlich ist es nicht unheimlich...“

„Hör’ mir bloß auf mit dem Quatsch von den tröstlichen Ahnen!“ Rebekka schaut sie mit zitternden Mundwinkeln an.

„Die sind schon okay, die Ahnen.“ Andromeda legt liebevoll ihren Arm um Rebekkas Schulter.

Rebekka zuckt ein wenig zusammen, die Schulter schmerzt, doch das ist ihr egal. „Du glaubst auch daran?“

„Ja“, sagt Andromeda schlicht.



Mittlerweile hat Archie einen Schlüssel in das Türschloss gesteckt, und die Tür öffnet sich nach einigem Widerstand rostig knarrend. Er leuchtet mit einer Taschenlampe in die Gruft hinein. Wahrscheinlich gibt es kein elektrisches Licht. Wozu auch?

Aber dort ist nichts außer großen steinernen Sarkophagen. Archie leuchtet in jede Ecke, in dem matten Schein der Taschenlampe sieht man kleinere Särge und auch ganz winzige. Seltsamerweise wirken sie in ihrer Finsternis, die nur spärlich von der Taschenlampe erhellt wird, überhaupt nicht unheimlich. Eigentlich verströmen sie Trost. Särge verströmen Trost? Sicherlich Wahnvorstellungen, vermutlich dreht sie gerade durch, aber das darf sie nicht. Nicht bevor Morgaine gefunden ist.



Es ist die schrecklichste Nacht, die Rebekka jemals erlebt hat. Sie versucht, sich nicht das Schlimme vorzustellen, zu dem Menschen fähig sind. Sie versucht, nicht daran zu denken, aber trotzdem muss sie an sie denken, an all die schrecklichen Dinge, zu denen Menschen fähig sind. Und eigentlich will sie weinen, aber das Weinen würde die Hoffnung töten, und sie hat noch Hoffnung, also wird sie nicht weinen.



Stunden später, es ist vielleicht sechs Uhr, wird Rebekka wach. Sie liegt auf einem Sofa im Aufenthaltsraum, und jemand hat eine Decke über sie gebreitet. Im ersten Augenblick weiß sie nicht, was passiert ist und weshalb sie hier liegt.

Aber dann auf einmal kommen die Erinnerungen wieder.

Nein, nicht das, es kann nicht wahr sein, es ist ein Alptraum und nicht wahr. Sie richtet sich auf und hält sich die Hände vor die Augen, um nichts sehen zu müssen. Und am liebsten möchte sie tot sein.
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Nein, nicht wirklich, denn wenn sie nicht mehr da wäre und Morgaine wäre doch noch... Aber was ist, wenn sie noch lebt, was könnte jemand mit ihr tun, sie kann es nicht ertragen, darüber nachzudenken. Rebekka stöhnt auf, sie beißt sich in die Hand, um nicht zu schreien. Nein, Morgaine wird gefunden werden, das denkt sie immer wieder mechanisch, obwohl ihre Seele mittlerweile von Zweifeln durchsetzt ist.



Sie lässt die Hände sinken und schaut auf. Eigentlich erwartet sie Daniel an ihrer Seite, aber er ist nicht da, und sie fühlt sich enttäuscht, aber nicht lange. Claudia sitzt neben ihr, und ihr Gesicht drückt ihre Gefühle aus. Es ist eine Mischung aus Hoffnung und aus Trost.

„Rebekka, sie lebt noch, ich weiß es!“

„Woher denn, und wieso?“

„Ich weiß es eben. Ich habe damals gewusst, dass mein Kind nicht tot ist. Und jetzt weiß ich, dass Morgaine noch lebt.“

„Aber wieso?“, fragt Rebekka gequält. Die Sonne geht anscheinend gerade auf, sie ist noch nicht zu sehen, aber der Himmel hat sich in ein tiefes Rot verfärbt. Wie Blut sieht es aus. Und wieso geht die Sonne auf, sie hat keine Berechtigung zu scheinen. Geh weg Sonne! Und Claudia spinnt, sie hat doch ihr Kind verloren, und jetzt redet sie so...

„Ich weiß es!“ Claudia beugt sich über sie und nimmt sie in ihre Arme. Rebekka fühlt sich seltsam. Es ist, als hätte sie eine Mutter, eine wirkliche Mutter, die sie liebt und nicht eine, die sie immer bei jeder Gelegenheit quält und niedermacht.

„Claudia, meinst du das wirklich?“ sagt sie mühsam, und wieder steigen Tränen in ihr hoch, sie erreichen ihre schmerzenden Augen, und wieder unterdrückt sie die Tränen.

„Ja, ich weiß es!“ Claudia wiegt sie ganz sanft, und Rebekka überlässt sich ihrer Zärtlichkeit.



Fortsetzung kommt
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Punktestand der Geschichte:   161
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Kommentare zur Story:

  @ doska
da kann ich nur mit rebekkas worten sagen und hoffen:
morgaine wird gefunden werden...
dem himmel sei dank ist es nur eine geschichte, aber das leben spielt natürlich manchmal anders...
danke fürs lesen! ;)  
   Ingrid Alias I  -  30.05.10 15:21

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  danke jochen! ich steigere mich da halt immer hinein, und dann ergibt es sich so mit der spannung und dem gefühlsleben. und morgaine ist jetzt schon viele stunden weg, es wird allmählich doch bedrohlich... ;)  
   Ingrid Alias I  -  30.05.10 15:17

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Da muss ich Jochen Recht geben. Wahnsinnig spannend, obwohl man ja schon denkt, dass Morgane noch lebt. Denn ich finde, ohne die Kleine würde etwas sehr Wichtiges und Süßes in deiner Story fehlen. Ein schauriges und dramatisches Kapitel.  
   doska  -  30.05.10 12:39

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  Ich staune bei dir immer wieder, wie du aus recht alltäglichen Begebenheiten, denn viele Leute verlieren bestimmt mal ihr Kind aus den Augen, derart viel Spannung und Gefühlsleben herausholen kannst. Man macht bei dir mit, ob man will oder nicht. Also, wo isse den jetzt die kleine Morgane, verdammter Mist, bin ja schon richtig in Sorge um sie. Es wird ihr doch hoffentlich nichts passiert sein?  
   Jochen  -  29.05.10 17:52

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  danke rosmarin,
die geschichte geht irgendwie an die substanz, und ich bin froh, dass sie echt wirkt, obwohl, wenn sie echt wäre, wäre es schrecklich!
soso, aus dem urlaub zurück. wurd' ja auch mal zeit. ;))
lieben gruß  
   Ingrid Alias I  -  27.05.10 21:36

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  hallo, ingrid, das ist ja ganz schrecklich. aber auch ich weiß, dass sie gefunden wird. ihr ist bestimmt nichts böses passiert. aber ich kann die gefühle rebekkas gut nachempfinden. du hast sie echt authentisch rüber gebracht.
hier kommen ganz liebe grüße von mir, bin aus dem urlaub zurück.  
   rosmarin  -  27.05.10 18:17

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  oh danke schön! hatte ich erwähnt, dass man mich auch 'dramaqueen' nennt? ;)
nee, scherz beiseite, es muss schlimm sein, ich hab es selber nicht erlebt, aber ich kann es nachvollziehen, obwohl es nur ein kater war...
jedenfalls setze ich viel hoffnung in morgaine, und sie hat ja auch hilfe.
lieben gruß  
   Ingrid Alias I  -  27.05.10 17:15

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  Mann, kannst du dramatisch schreiben, man wird förmlich in diesen Schmerzstrudel hinein gerissen. Ich habe überall gemeinschaftlich mit Rebekka gesucht. Es muss furchtbar sein, nicht zu wissen, wo sein Kind ist. Ich habe so eine Vermutung, aber die kann Rebekka ja nicht haben. Na, das wird ja noch spannend werden.  
   Petra  -  26.05.10 18:27

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