Crysella und der Schwarze Mond/Kapitel 16   176

Romane/Serien · Spannendes

Von:    rosmarin      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 27. Februar 2010
Bei Webstories eingestellt: 27. Februar 2010
Anzahl gesehen: 2678
Seiten: 11

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Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


16. Kapitel

__________________

„Muss der auch vier Treppen hoch wohnen“, murrte Gabi, als sie die etwas ungepflegten Treppen eines alten Miethauses im Hinterhof hinauf stiegen.

„Er ist ein verarmter Graf“, sagte Rudi. „Kann sich nichts Besseres leisten.“

„Ein verarmter Graf“, interessierte sich Gabi. „Echt? Mit Titel?“

„Echt“, flüsterte Rudi. Das Treppenhaus war ziemlich hellhörig. „Seine reichen Eltern haben ihn verstoßen.“

„Wahnsinn“, flüsterte Gabi zurück. „Wie im Märchen. Weshalb denn?“

„Weil er sich den schönen Künsten verschrieben hat. Er hat sich sogar einen Namen beim Film gemacht.“

„Tatsächlich?“

„Ja. Er hat nämlich die Kulissen für - Die unendliche Geschichte - gemalt.“

„Oh, wirklich?“

„Echt. Und jetzt lebt er mit seiner Freundin Margaretha hier im dritten Hinterhof in dem verdammten Viertel kärglich vom Sozialamt.“

„Von HartzVier also. Ist ja schrecklich.“ Gabi zwinkerte Crysella zu. „Das kann ja heiter werden.“



Margaretha wartete schon vor der Wohnungstür. Ein rotes Stirnband mit einer gelben Blume in der Mitte hielt ihre blonden Haare in Form. Kornblumenblaue Augen, die ihre Kindlichkeit bewahrt zu haben schienen, sahen traurig ins Weite.

„Hereinspaziert“, sagte sie freundlich. „Legt doch ab.“ Sie zeigte auf eine alte Truhe, über der ein fast blinder Spiegel hing.

Doch sie hatten nichts zum Ablegen. Es war Spätsommer. Und die Nächte noch ziemlich warm.

‚Es sei denn‘, dachte Crysella, ‘wir legen unsere fast durchsichtigen, bunten Sommerkleidchen auf die Flurgarderobe.‘ Sie kicherte amüsiert. Die Fete stand unter dem Motto: Sechziger Jahre, und Gabi und sie hatten in ihrer alten Kleidertruhe einiges gefunden, was dem in etwa entsprechen könnte.

„Das kann ja heiter werden“, äffte sie Gabi nach. Sie hatte eben den Hausherrn Carlos erblickt. Den Maler und verarmten Grafen. „Herzlich willkommen auf der Party“, begrüßte er sie mit einer angenehm dunklen Stimme. „Der Sechziger“, setzte er verschmitzt hinzu. In blaurot karierten Pantoffeln, auf denen eine rosa Bommel saß, schlurfte er in etwas gebückter Haltung den langen Korridor entlang.
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„Selbst gemalt “, sagte er stolz und zeigte auf die bunt dekorierten Wände. „Ich brauche nie zu tapezieren.“

„Ein wirklich attraktiver Mann“, flüsterte Gabi Crysella zu, während sie die ungerahmten Bilder an den Wänden betrachteten. „Stimmt“, flüsterte Crysella zurück, obwohl sie jetzt alleine im Korridor standen. Margaretha war wohl in der Küche und Carlos war mit Rudi im Wohnzimmer verschwunden. „Graumelierte Schläfen, dunkle Locken, leidenschaftliche braune Augen. Ein verarmter Graf also. Interessant. Interessant. Wirklich wie im Märchen.“

„Und wirklich eine Sünde wert.“ In diesem Moment stand Carlos hinter Gabi. „Hat das gedauert“, sprudelte sie aufgeregt los, in der Hoffnung, dass Carlos nicht mitgehört hatte, „ehe wir einen Parkplatz gefunden haben. Und die Straßen wieder voll! Überall Stau. Na ja, aber jetzt sind wir hier. Und eine Flasche Wein haben wir auch mitgebracht. Stimmt‘s, Crysella? Und, das Wichtigste, etwas zu rauchen.“ Keck verpasste sie Carlos einen kleinen Stups in Crysellas Richtung, so dass sie sich für den Bruchteil einer Sekunde gegenüberstanden und Blick in Blick versanken.

Carlos riss sich als Erster los.

„Und nun ab ins Wohnzimmer“, sagte er und öffnete die Tür.



Das Wohnzimmer war dunkelschummrig und voller Menschen. Etwas zog an Crysellas geblümten Kleid.

„Hier ist noch Platz.“

Und ehe sie es sich versah, saß sie auf einem wackeligen Stuhl vor einem großen, ovalen Tisch. Braunes Holz schimmerte matt zwischen Flaschen, Gläsern, Naschereien, Zigaretten, Tabak, vollen Aschenbechern, Feuerzeugen, Leuchtern mit brennenden Kerzen, einer Unmenge loser Zettel und irgendwelchem Krimskrams.

Carlos saß plötzlich auf dem Stuhl neben ihr. Gelassen drehte er sich eine Zigarette, nahm dann einen tiefen Zug.

„Willst du auch?“

„Klar.“ Mutig zog Crysella an der Selbstgedrehten. Und hustete. Klar. War ja ihre erste.

„Eine Unschuldige.“ Der Kerl auf dem Stuhl neben ihr lachte schallend. Die anderen fielen ein.

„Wie das eben so ist.“ Übermütig warf sich Gabi auf die Couch zwischen die anderen Gäste, legte herausfordernd ihre langen Beine übereinander, schüttelte ihre blonde Mähne.
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Der weit schwingende Mini rutschte noch höher, so dass das Schleifchenstrumpfband am Oberschenkel sichtbar wurde. Mit einer Hand fegte sie einige Utensilien beiseite, stellte die Flasche Wein auf den Tisch, die Zigaretten daneben. Die Luft war dick, stickig. Die Gespräche laut. Die Musik noch lauter. Gabi streckte ihre nackten Arme aus. „Na, noch ein Plätzchen für mich?“ Sie zwängte sich zwischen eine große blond Frau und einen Typen mit Jesuslatschen und buntem Halstuch. „Wer hat was für mich?“

Der Typ steckte ihr seinen Stummel in den Mund.

„Iss echt gutt, das Zeugs.“



Margaretha kam mit drei Gläsern und etwas Knabberzeug auf einem silbernen Tablett aus der Küche und stellte es auf den so schon übervollen Tisch.

Gabi öffnete geschickt die Flasche Wein mit einem Taschenmesser, das sie aus ihrem Handtäschchen gekramt hatte, und goss die Gläser fast voll.

„Auf uns und euch und alle.“



In der Mitte des Zimmers stand ein großes Bett. Darauf schlief zusammengerollt eine graue Katze.

„Sie liegt da und rührt sich nicht“, bemerkte Crysella interessiert. Plötzlich sah sie die blutige Szene mit der ägyptische Wildkatze und dem Mann vor sich und die Katze auf dem Bett ins unendliche wachsen und hatte alle Mühe, dieses grausige Bild zu verdrängen. Weg damit. Heute wollte sie lustig sein. Sonst nichts. Gar nichts.

„Sie ist schon achtzehn Jahre alt.“ Margaretha graulte der alten Katze, die wieder eine ganz normale Katze war, das Fell.

„Im Allgemeinen werden Katzen doch wohl nicht so alt?“ Vorsichtig löste sich Crysella von Carlos, der sich eng an sie gedrückt und eine Hand unter ihr dünnes Kleid geschoben hatte.

„Die ja.“ Margaretha warf Carlos schnell einen warnenden Blick zu.

„Oh, bist du süß“, schnurrte Crysella. „Komm doch mal her, du kleines Katzending. Ich liebe Katzen.“

Sie setzte sich neben Margaretha auf das breite Bett, kraulte vorsichtig das weiche, graue Fell der Katze. Doch die Katze erwiderte nicht ihre Zärtlichkeit. Das Biest fauchte wild, fuhr ihre langen spitzen Krallen aus, riss ihr gelbes Katzenmaul auf, bleckte ihr altes, gelbes, stinkendes Gebiss.
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Vor Schreck zog sich Crysella zurück. Da beruhigte sich das seltsame Katzending, zog die Krallen wieder ein, rollte sich zusammen, schnurrte zufrieden. Mutig legte sich Crysella neben sie, driftete ab. Ihr war, als würde sie schweben. Dann muss sie wohl eingeschlafen sein.



„Komm mit.“ Carlos stand plötzlich neben ihr, steckte ihr die Plateauschuhe an die Füße, zog sie vom Bett.

Die Katze war verschwunden. Margaretha auch. Aus der Musikbox schallte noch immer rockig die Musik aus den Sechzigern. Shakin’All Over und Save The Last Dance For Me. Tolle Rock’N’Roll Musik. Und die Leute rockten wie wild durch das Zimmer, den Korridor und Carlos Arbeitszimmer. Mehr Räume gab es nicht. Außer der Küche natürlich. Doch in der wurde nicht gerockt. In der wurde gekocht. Und zwar von Margaretha. Nudeln.



Dichter Qualm stieg wie eine Fontäne zur hohen Zimmerdecke, kräuselte sich zusammen, sank herab, breitete sich aus wie ein riesiger, bunt schillernder Fächer.

Benommen rockte Crysella mit Carlos auf ihrem Stuhl, legte ihren Kopf auf seine Schulter.

„Ich habe eine Idee“, hauchte sie nah an seinem Ohr.

„Sprich, du weiseste aller femininen Geschöpfe.“

Carlos reichte Crysella eine Neugedrehte. Sie sog gierig, inhalierte, hustete diesmal nicht, gab dann den Joint weiter.

„Ich möchte es mit dir.“

„Was möchtest du mit mir?“

„Sex.“ Crysella lachte. „Was sonst.“

„Einfach so?“ Verblüfft starrte Carlos Crysella an. „Wie stellst du dir das vor?“, fragte er etwas verunsichert.

„Ich habe unbändige Lust.“ Crysella lachte anzüglich. „Du sollst es sein.“

„Später“, sagte Carlos. Er zog Crysella stürmisch an sich. Feuer blitzte in seinen schönen Augen. „Warte noch.“

„Mir ist aber jetzt so. In diesem Augenblick.“

„Mit der Liebe und den Männern habt ihr wohl schon so einiges durch“, sagte der Typ neben Gabi, die wieder einen tiefen Zug nahm.

„Nicht so neugierig, Alter.“ Gabi stieß den Typ, der ihr gerade an die Wäsche wollte, von sich.

„Na, sag schon. Was ist los mit der Liebe und den Männern?“ Der Typ nahm Gabi den Stummel aus dem Mund, um selbst daran zu ziehen.
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„Warum klappt nichts mehr?“

„Die Zeichen der Zeit“, mischte sich eine Anneliese ein. „Was meinst du, Crysella?“

„Ein Symbol des Verfalls der Familie“, meinte Crysella altklug. „Der kleinsten Zelle der Gesellschaft. Man könnte stundenlang darüber philosophieren.“

„Ala Karl Marx“, sagte ein junger Mann mit langen, zottigen Haaren und runder Intelligenzbrille spöttisch.

„Es gibt keine echten zwischenmenschlichen Bindungen mehr.“ Die Anneliese erhob sich träge von der Couch, auf der sie halb gelegen hatte. „Was meint ihr?“

„Wenn ich zum Beispiel einen Blick in meinen Bekanntenkreis werfe, kann ich dir nur zustimmen“, sagte der Karlmarxer, „überall Zerrüttung. Zerrüttung. Frust. Enttäuschung.“

„Die Frauen sind schuld“, spöttelte Carlos. „Sie lassen sich nicht mehr alles gefallen. Sie werden immer selbstbewusster. Egoistischer. Sie sind nicht mehr Gejagte. Sie sind Jäger.“ Gierig starrte er in Crysellas Augen. „Pardon, Jägerinnen. Habe ich Recht, Alex?“

Der Karlmarxer sprang von seinem Stuhl, schüttelte seine fettigen Haare auf den Tisch, knöpfte sein buntes Hemd auf, schrie:

„Hoch lebe der unbändige Drang nach Freiheit. Nach Unabhängigkeit. Nach Befreiung! Hoch lebe die emanzipierte Frau! Die Jägerin aus Leidenschaft!“

„Aber damit könnt ihr Machos doch nicht umgehen.“ Crysella schmiegte sich wieder an Carlos. „Euch fehlt einfach der Durchblick. Ihr bekommt Angst, wenn eine Frau euch ein eindeutiges Angebot macht.“

„Weg mit dem Patriarchat!“ Die Anneliese zog den Karlmarxer zu sich. „Diesem männlichen Chauvinismus. Richten doch alle nur Unheil an.“ Sie küsste den Karlmarxer auf seinen erstaunten Mund. „Ich könnte mir eine Gesellschaft ohne männliche Domäne gut vorstellen.“

„Ich habe gelesen“, stammelte der Karlmarxer. „Das männliche Hirn habe zwei Windungen mehr als das weibliche.“ Er küsste die Anneliese auf den Mund.

„Die Dummheit und die Feigheit“, hatte Crysella einen Geistesblitz. „Darauf können die Frauen auch gerne verzichten.“

„Guter Witz“, lobte Margaretha. Sie war gerade aus der Küche gekommen.
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Mit einem großen Topf Nudeln und einem riesigen Schöpflöffel. „Hier, damit ihr wieder zu euch kommt. Wer möchte Nudeln?“

„Auf den Grund der Dinge gelangt man sowieso nie“, philosophierte der Karlmarxer, der plötzlich eine Kamera in der Hand hielt.

„Der Mann ist feige“. Die Anneliese langte in den Nudeltopf. „Er lügt.“

„Seine Seele ist verloren“. Crysella langte auch in den Nudeltopf. „Seine Küsse sind Judasküsse. Er muss durch die Dunkelheit der Sünde gehen. Durch die Hölle der Schmerzen. Um die Liebe zu verstehen. Um geläutert zu werden.“

„Oh, oh“. Carlos Hand streichelte Crysellas Beine. „Woher kommt denn diese Weisheit aus so einem hübschen Köpfchen?“

„Habe ich gelesen. Oder aus einem Film.“ Crysella drückte ihre Knie zusammen. „Weiß nicht mehr.“ Ihr wurde siedend heiß. So wie Carlos‘ Blicke.

„Du bist beschwipst“, sagte der Karlmarxer zu der Anneliese. „Dich kann man nicht mehr ernst nehmen. Im Normalzustand hätte ich dir die Freundschaft gekündigt.“

„Ich bin nie normal.“ Die Anneliese küsste den Kerl ungeniert auf den Mund. „Oder findest du das normal?“

„Ich will nach Hause“, sagte Crysella. „Mir ist schlecht.“ Das war natürlich eine Ausrede. Sie wollte Carlos Reaktion testen.

„Die Party fängt doch gerade erst an“, sagte er wie erwartet und zog sie vom Stuhl. „Komm. Ich zeige dir was.“

Schnell drängte er Crysella in sein Arbeitszimmer. Es war klein und länglich und vollgestopft mit allerlei Krimskram und seinen Malerutensilien. Das Zimmer war jetzt leer. Die Gäste fraßen im Wohnzimmer die Nudeln.

Eine zweite Tür führte auf den Balkon, der fast vollständig überrankt wurde von einer üppig blühenden Pflanze, an deren rosaweißen Blüten Crysella gierig schnupperte.

„Das ist Hasch. Indisch Gold. Es gedeiht hier wunderbar.“

„Ich habe keine Ahnung von Drogen.“

„Da hast du ganz schön was versäumt.“ Carlos zog sie ganz nah an sich heran, küsste sie leidenschaftlich, stupste ihr Gesicht in die duftenden Blüten, während seine Hand von hinten unter ihr Kleid fuhr.

„Gibst du mir einige Samen, wenn sie reif sind?“, fragte Crysella benommen.
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„Im Kloster haben sie Tabak selbst angebaut. Mann, hat das immer geduftet.“

„Klar, kannst du haben. Wir werden uns ja wohl noch öfter treffen?“ Carlos Hände schoben Crysellas Kleid bis zu ihren Oberschenkeln, fuhren in ihren Slip. Ihr wurde schwindelig. Ein unsägliches Glücksgefühl erfasste ihren Körper, öffnete alle Poren, füllte sie mit Blut, machte sie bereit. Willig drängte sie ihr Hinterteil Carlos erfahrenen Händen entgegen. Und plötzlich war da ein Bild:



Große, braune Blätter auf kräftigen Stängeln tanzten im Wind. Würziger Geruch hing in der Luft. Umnebelte ihre Sinne. Und eine Hand war da. Eine große Hand, die sie sanft streichelte. Sie schmeckte das süßbittere Aroma der frisch gezupften Blattspitzen. Honiggelb wiegte sich hinter einem riesigen Tabaksfeld der reife Weizen gleich einem unüberschaubaren Meer im gleichmäßigen Rhythmus. Und darüber hing ganz tief ein unnatürlich blauer Himmel. Auf ihrer Haut den warmen Sommertag, träumte sie über einer anmutigen Landschaft, schaute den braunweiß gescheckten Kühen zu. Ihren prallen Eutern, die unter den hochgestellten Schwänzen hin und her baumelten. Und dicke, qualmende Fladen plumpsten in üppig wucherndes Gras.

Dann ging die Sonne unter. Sterne erhellten die Nacht. Sie saß mit den Nonnen auf einer Bank im Klostergarten. Die Nonnen rauchten genüsslich ihre Pfeifen. Bläuliche Wölkchen schwebten in den Himmel. Bizarre Gestalten aus Grimmschen Märchen trudelten vor ihr her. Wurden lebendig. Sie war die Prinzessin. Die Großmutter. Der Wolf. König. Bettler. Mit einem Aufschrei fiel sie in den Brunnen. Schüttelte die Betten aus. Ihre kleine Hand ruhte plötzlich in der großen des Priesters. Und die Kraft und die Wärme, die diese Hand ausstrahlte, durchdrang heiß ihren Körper. Beflügelte ihre kleine Kinderseele.

Doch plötzlich war da noch ein anderes Bild. Ein Bild von einer großen Hand, die ihr weh tat. Ihr Angst machte. Von der sie träumte und schreiend erwachte. Zu der Hand gehörte eine vermummte Gestalt und ein Geruch, der sie an Weihrauch erinnerte. Und immer wollte sie fliehen. Im Traum. Und konnte nicht. Die Klostermauern waren zu hoch.
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„Au“, stöhnte sie, verspürte plötzlich Schmerz, wo eben noch ungezügelte Lust war. „Au. Du tust mir weh.“

„Sorry.“ Carlos ließ von ihr. Holte sie zurück in die Wirklichkeit.

„Das wollte ich nicht.“

„Aber ich.“ Crysella war den Tränen nahe, hatte den Schmerz schon vergessen, sehnte sich nach Carlos zärtlichen Berührungen, versuchte, ihn zu küssen. Doch er stieß sie sanft von sich.

„Runter von Wolke sieben“, sagte er. „Gehen wir wieder zu den Anderen.“

Enttäuscht trottete Crysella hinter ihm her. Zu gern hätte sie mit ihm Sex gehabt. Er schien es ihr wert zu sein. So wunderschön, wie er war. Mit dieser ganz besonderen Ausstrahlung, die sie sofort in ihren Bann gezogen hatte. Und nun war nichts. Er machte einen Rückzieher. Stieß sie von sich. Sie, die an jedem Finger zehn Männer haben könnte. Feigling. Der. Plötzlich sehnte sie sich nach Matthias. Ob sie ihn jemals wieder sehen würde? Etwas deprimiert wischte sie sich zwei Tränen aus den Augenwinkeln. Die Party war ja noch nicht zu Ende. Sie würde jedenfalls dran bleiben.



Im Wohnzimmer kramte Carlos alte Fotoalben mit Gold verschnörkelten Ledereinbänden aus der Schublade eines antiken Schrankes. Vorsichtig legte er sie auf den Tisch zwischen all die anderen Dinge und schlug die Seiten auf.

„Ihr könnt die Fotos ansehen“, sagte er und blickte auffordernd in die Runde. „ Hier drin steckt mein Leben. Mein Leben vor dem Leben.“

„Alter russischer Adel. Deine Eltern sind doch steinreich“. Gabis Blicke ruhten gebannt auf der gräflichen Umgebung. „Alles steif. Alles unpersönlich. Alles kalt.“

„Geblieben ist der Haremsstuhl.“ Crysella suchte Carlos Blick. Seine wunderschönen braunen Augen.

„Und der verlorene Sohn.“ Carlos sehnsüchtiger Blick versank in Crysellas. „Ich.“

„Wirst du auch mit offenen Armen empfangen? Wenn du nach Hause kommst. Wie der verlorene Sohn in der Bibel.“ Das Ziehen in Crysellas Unterleib wurde unerträglich. „Wird dir auch ein Fest bereitet werden?“, fragte sie leise.

Carlos lachte traurig. Bitterkeit um seinen hübschen Mund.

„Auf den Fotos siehst du wirklich wie ein Graf aus.
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“ Der Karlmarxer schwenkte die Kamera über den Tisch. „Und so verloren. Seht doch mal, wie er dasitzt. Steif. Gestriegelt. Gebügelt.“

„Allein“, flüsterte Crysella. „So allein. Wie ich.“

„Meine Mutter ist eine strenge und schöne blonde Frau“, sagte Carlos. „Und mein Vater ein schöner und strenger, nun schon alter, Mann. Er will mich sehen.“

„Wirst du fahren?“ Crysellas Stimme zitterte etwas. „Dich mit ihm aussöhnen?“

„Würde ich gern. Ja. Aber Margaretha will nicht. Sie könne nicht heucheln, sagt sie.“

„Das kann ich gut verstehen.“ Ach, ja. Margaretha. Die hatte Crysella ganz vergessen. Sie stand auf und betrachtete die im südländischen Stil bemalten Wände. „Herrliche Palmen habt ihr hier“, spottete sie. „Meer. Weißen Strand. Immer Urlaub.“



Carlos stand ebenfalls auf und verstaute die Alben wieder im Schrank. Dann verschwand er. Die Party ging weiter.

Save The Last Dance For Me.

Crysella saß auf ihrem Stuhl und dachte an Carlos. Und ihr Unglück. Und sie hatte heftiges Mitleid mit sich selbst.

„Du sollst mich doch nicht heiraten“, flüsterte sie. „Du sollst mich doch nur lieben. Nur heute.“

Da war Carlos wieder neben ihr.

„Komm.“ Er zog sie auf die Couch, die jetzt leer war. Die Gäste waren wahrscheinlich in der Küche. Hatten bestimmt immer noch Hunger. Margaretha hatte den leeren Nudeltopf vom Tisch genommen.

Carlos öffnete seine Hand. Ein kleines, grünes Kügelchen lag darin. „Das ist Hasch“, sagte er, „Pures Hasch. Indisch Gold. Ganz frisch. Das musst du kosten. Ist köstlich. Extra für dich.“

Provokant hielt er Crysella die Köstlichkeit unter die Nase. Und gierig berauschte sie sich an dem verführerischen Duft.

„Einen Moment“, sagte Carlos und stand auf. „Ich schließe mal kurz die Tür.“

„Und die Anderen?“

„Die wissen dann, was abgeht.“

Carlos schloss die Tür zu, legte sich wieder zu Crysella auf die Couch, reichte ihr noch ein grünes Kügelchen.

Bald schon war Crysella völlig benebelt. Auch von dem Wein. Der Musik. Der ungewohnten Atmosphäre.
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Carlos Nähe. Hastig nahm sie noch mehr von den frischen, grünen Kügelchen. Und zu ihrer Freude rutschten auch Carlos Hände wieder unter ihr Kleid, zärtlich und fordernd. Sie fühlte sich so beschwingt, fast schwerelos, lachte, kicherte, drückte ihren Leib Carlos Händen entgegen. Ihr war, als sei nicht sie in ihrem lüsternen Körper. Jedenfalls nicht die EvaCrysella.

„Es ist Lilith“, flüsterte sie berauscht. „Lilith.“

Carlos unterdrücktes Stöhnen vermischte sich mit ihren leisen Seufzern.

Tell Laura I Love Her

Immer heißer, immer fordernder spürte sie Carlos Lippen auf ihrem Mund. Als er sich sacht auf sie legte, war ihr, als würde sie entschweben. Sie schwamm auf einer Welle unsagbaren Glücks.

„Oh, ja“, sagte sie lauter als gewollt, „fick mich. Fick mich doch endlich.“

Und Carlos fickte sie so richtig durch.

Wie durch Nebel nahm sie wahr, dass sich der Raum wieder füllte. Da musste ja Carlos die Tür aufgeschlossen haben, ohne dass sie es bemerkt hatte. Alle lachten, tanzten, tranken, haschten, koksten, küssten.

Crysella fand alles wunderbar. Carlos war an ihrer Seite, fast wieder in ihr. Lustvoll spürte sie seine Hände, seine Küsse, seinen heißen Atem und schwamm selig auf einer Welle des Glücks.

„Ich zeige dir was.“ Carlos löste sich von ihr. Der antiquare Schrank in der Ecke neben dem Fenster kam auf sie zu. „Das ist ein Sesamöffnedichschrank.“ Carlos küsste Crysella. Aus dem Schrank purzelten die wundersamsten Dinge. „Diese zwei Steinkrüge“, sagte Carlos stolz, während seine Hände zärtlich darüber glitten wie eben noch über Crysellas Körper, „habe ich selbst aus den Tiefen des Meeres geborgen. Sie sind Jahrhunderte alt. Wie auch dieses seltene Gestein. Und diese Muscheln.“



Gebannt starrte Crysella auf Carlos geöffnete Hände. Vorsintflutliches, absonderliches Meeresgetier bewegte sich darauf, kroch auf unsichtbaren Wegen im Schneckentempo auf sie zu. Eines nach dem anderen. Drehte sich im Kreis. Wurde größer und größer. Glänzender. Bunter. Marschierte an ihr vorüber, wie Soldaten bei einer Parade, verschwand dann in umgedrehter Reihenfolge wieder im Schrank, dessen Türen sich wie durch Zauberhand öffneten und schlossen.
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Nur ein kleines Stückchen Papier schimmerte wie graue Seide, wirbelte durch den Raum direkt vor ihr Füße. Schnell hob sie es auf. Da verwandelte es sich in einen schwarzen Stein. Der glänzte und funkelte plötzlich wie echtes Gold.

„Es ist ein Glücksstein“, sagte Carlos, „wenn du ihn in dein Portemonnaie legst, wird es nie mehr leer sein.“

„Und warum hast du dann kein Geld?“

„Weil man so einen Stein geschenkt bekommen muss.“

„Aha“, scherzte Crysella, „da könnte ich ihn dir ja wieder zurückschenken.“

„Das würde auch nichts nutzen.“



In der Ecke neben der Couch prangte noch ein außergewöhnliches Stück. Ein alter, echter Haremsstuhl. Bezogen mit rotem Samt. Verziert mit Gold und Elfenbein. Einsam stand er da in seiner Pracht. Wie Carlos.

„So richtig wohl fühle ich mich hier nicht.“ Der Stuhl schob sein Lehnenmaul hin und her. „Ich habe schon glanzvollere Zeiten erlebt. Ich gehöre in ein Museum. Auf glänzendem Parkett müsste ich stehen. In einem großen, prunkvollen Raum. Und unzählige Kronleuchterkerzen müssten auf mich herabstrahlen. Alte Meister mir zulächeln. Von Gold geschmückten Wänden. Und Menschen, die ehrfurchtsvoll in Latschen über das Parkett schlurfen, dürften mich bestaunen. Ja, das wäre ein Leben, das mir geziemte. Aber so.“ Der vernachlässigte Stuhl schloss traurig sein Maul.

„Wenn der Kuckuckskleber kommt“, sagte Carlos, „verstecken wir diesen Haremsstuhl immer unter einem großen Wäscheberg.“

„Und jetzt?“

„Jetzt machen wir es uns wieder auf dem Sofa gemütlich.“



Nach einiger Zeit sah sich Crysella vorsichtig um. Niemand kümmerte sich um Carlos und sie. Überall im Raum hatten sich Pärchen gebildet, die miteinander beschäftigt waren. Bunte Kleider, bestickte Jeans, durchlöcherte Hemden, Kunstblumen, Strumpfhosen, Schuhe aller Art lagen in einem chaotischen Durcheinander verstreut auf dem braunen Dielenboden. Einige Doppelpärchen entblößten sich gegenseitig. Andere waren zärtlich ineinander verschlungen. Auf dem breiten Bett tummelten sich laut stöhnend vier nackte Männer.
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Die alte, graue Katze war nirgends zu sehen. Zwei nackte Frauen streichelten sich gegenseitig. Ein dicker Mann tobte ächzend und schwitzend auf einer kleinen, dünnen Frau auf dem Boden. Stakkato. Stakkato.

Dieses unwirklich anmutende Bild umhüllte eine dumpfige Hitze. Die Glut eines animalischen Feuers. Erfüllt von leisen Schreien, brünstigem Jammer, dem schmatzenden Geräusch feuchter Küsse, gieriger Körper, der Phrenesie animalischer Wollust, vermischt mit den rockigen Klängen der Musik.

Only The Lonely.

Von der Anneliese und Gabi und Rudi entdeckte Crysella keine Spur. Auch nicht von Margaretha und dem Karlmarxer. Er würde sie doch wohl nicht heimlich filmen?

Abrupt stieg Crysella von Carlos runter. Sie war gerade im Begriff gewesen, seinen Begehrlichen nochmals zu erobern, seinem Drängen nachzugeben.

„Nein“, stammelte sie. „Mir ist schlecht. Ich muss Will anrufen.“



***





Fortsetzung folgt in diesem Theater
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Kommentare zur Story:

  hallo, ingrid und doska, danke für die kommis, schön, dass euch die party gefallen hat. leider bin ich noch nicht zum weiterschreiben gekommen. so ist crysella noch immer in ihrem drogenrausch gefangen.
grüß euch  
   rosmarin  -  02.03.10 12:56

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  Der arme HartzVier Empfänger muss wie verrückt feiern, weil ihn sein gräflicher Vater dereinst verstoßen hatte. Da fließt natürlich Wein und Drogen berauschen. Auch Crysella weiß nicht mehr hin noch her. Was wird mit ihr angestellt und wird es letztendlich sogar dem armen Adeligen an den Kragen gehen? Sehr spannend und gut geschrieben. Tolles Kapitel.  
   doska  -  01.03.10 21:39

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  geile party irgendwie, sehr authentisch wirkend. ;)) sehr schön bildlich das bild aus dem kloster.
und matthias kommt wieder ins spiel, zumindest in gedanken...
lieben gruß  
   Ingrid Alias I  -  28.02.10 11:09

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  hallo, jochen, jepp, da geht wirklich die post ab, aber ich kann nichts dafür. ich beobachte nur. und die arme crysella ist ja jetzt voll zugedröhnt. ich will nur hoffen, dass sie den tripp gut übersteht. so in zwei, drei tagen werden wir es wissen.
bis dahin sei ganz lieb gegrüßt von  
   rosmarin  -  27.02.10 21:57

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  Wow, mein lieber mein Vater, hier ist aber was los! Ein drunter und drüber nackter Leiber. Man hört schmatzende Küsse und vielleicht sogar noch Einiges mehr. Pures Hasch, frisches Indisch Gold wird dabei weitergereicht. Und mittenrin befindet sich ausgerechnet Cysella, die ohnehin schon durcheinander genug ist. Da geht fürwahr die Post ab, aber wird das gut gehen? Um das zu wissen bräuchte ich jetzt dringend das nächste Kapitel.  
   Jochen  -  27.02.10 16:49

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