Crysella und der Schwarze Mond/Kapitel 15   233

Romane/Serien · Fantastisches

Von:    rosmarin      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 25. Februar 2010
Bei Webstories eingestellt: 25. Februar 2010
Anzahl gesehen: 2686
Seiten: 11

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  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


15. Kapitel

___________________

Wochen später, an einem Samstag, wollte Gabi um 9Uhr zum Frühstück kommen, kam aber erst 10Uhr.

Rudi hatte sich für 11Uhr angesagt, kam aber schon kurz nach zehn 10Uhr.

„Crysella, sei doch mal so nett und faxe mir den Vertrag nach München.“

„Was denn für einen Vertrag?“

„So ein Verlag will meine Geschichten herausbringen.“ Rudi fuchtelte mit einigen DIN A4 Blättern vor Crysellas Gesicht herum. „Die sind ganz begeistert“, sagte er und warf sich stolz in die Brust. „Und damit es schneller geht, will ich den Vertrag eben faxen.“

„Oh, ist ja toll“, freute sich Crysella und nahm die Blätter entgegen. „Und her mit der Nummer.“

„Ich habe keine.“

„Und wie soll ich dann bitte faxen?“

„Na, du musst in München anrufen.“

„Vielleicht ist die Telefonnummer auch die Faxnummer“, sagte Crysella ärgerlich. „Gib doch mal das Deckblatt her. Da müsste die doch oben unter der Adresse stehen.“

Rudi reichte Crysella das Deckblatt.

„Hier steht keine. Ist ja seltsam.“ Crysella sah Rudi vorwurfsvoll an, „aber hier“, lenkte sie ein, „eine Mailadresse.“

„Na, siehst du.“

„Da können wir es doch mailen. Geht doch schneller.“

„Ich soll aber faxen.“

„Und ich soll ein teures Gespräch führen.“

„Konnte ich doch nicht wissen.“

„Aber lesen kannste wohl“, sagte Crysella ungehalten. „Da wirst du das dem Verlag wohl oder übel hinschicken müssen. Warte mal. Ich lese mir das mal schnell durch.“ Crysella überflog hastig die Seiten. „Taugt nichts“, sagte sie dann.

„Wieso?“

„Na, hast du nicht gelesen? Die wollen für jede Seite 10€.“

„10 €?“

„Ja. Pro Seite. Hier steht es schwarz auf weiß.“ Crysella tippte mit ihrem Finger demonstrativ auf die verhängnisvolle Passage.

„Und hast du Kohle? “

„Nötig“, sagte Rudi. „Na, dann ist das wohl nichts. Ich bezahle doch wohl nicht noch für meine jahrelange Arbeit. Die spinnen doch.“

„Klar doch.“ Crysella lachte. Sie musste plötzlich an Matthias denken und seinen weisen Spruch ‚Meine Moral ist die Bank.
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‘. Genau. So wird es wohl sein. „Jeder will am anderen verdienen“, belehrte sie Rudi. „Eine Moral gibt es nicht. Du wirst auch nie klug.“

„Ich hole mir schnell ein Bier“, resignierte Rudi. „An dem Kiosk an der Ecke.“ Er war schon auf dem Sprung. „Muss einen trinken. Auf den Schreck.“

„Bring gleich ne Flasche Wein mit“, rief Crysella ihm nach.



Rudi ging und kam ewig nicht wieder.



Crysella und Gabi machten es sich in der Küche vor dem offenen Fenster gemütlich und tranken Kaffee. Es war ein sonniger Morgen. Die Vögel zwitscherten in dem Kastanienbaum. Der Himmel war weißblau. Ohne ein Wölkchen. Und die Sonne noch recht warm.

„Herrlich.“ Gabi lehnte sich wohlig auf dem weißen Küchenstuhl zurück. „Ein wunderschöner Tag. Und nun erzähl mal von dem, das du mir am Telefon angedeutet hast.“

„Von dem Mann?“

„Ja. Von dem. Den du in deiner letzten Vollmondnacht kennen gelernt hast. Du lernst ja ziemlich viele Typen kennen, seit dein Ricardo dich verlassen hat.“

„Stimmt. Und das ist echt unheimlich. Aber ob du’s glaubst oder nicht, Gabi, ich weiß nicht, ob ich das geträumt habe, oder ob es wahr ist.“ Crysella sah Gabi unruhig ins Gesicht. „Das geht mir in letzter Zeit oft so.“

„Macht nichts“, sagte Gabi. „Das kenne ich ja von dir. Jedenfalls sitzen wir uns jetzt in echt gegenüber. Das ist kein Traum. Also, fang schon an.“

„Ich habe den Beweis.“

„Welchen Beweis?“



Sofort fiel Crysella das schreckliche Geschehen ein. Das Geschehen, das sie nicht wahrhaben wollte und das ihr doch gleichzeitig so bewusst war. Wie oft hatte sie diese abscheuliche Tat von sich gewiesen, verbannt ins Reich der Träume, der Albträume. Und doch war sie sich nicht sicher. Vielleicht würde sie Klarheit erlangen, wenn sie es Gabi, ihrer besten und einzigen Freundin, erzählte. Ja, das wäre wohl die Lösung. Sie konnte es sich nicht eingebildet haben. Der Beweis schwamm im Glas.



„Du darfst mich aber nicht unterbrechen“, sagte sie, während sie in Gabis neugierig blau funkelnde Augen sah, „diskutieren können wir später.“

„Großes Pionierehrenwort.
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“ Gabi lachte. „Mach ich nicht.“

„Na. Gut. Also, ich hatte gerade Theaterkarten für - Die Stadt der Krieger - besorgt. Da will ich nämlich mit Will noch mal hin. Der liebt doch das Stück so. Das Wetter war so schön, so sonnig warm. Also setzte ich mich vor dem Theater in dem Straßencafe' auf so einen roten Kunststoffstuhl und trank ein Mineralwasser. Und gerade, als ich meine uralte Sonnenbrille aufgesetzt hatte, stand plötzlich ein Mann vor mir. Groß, blondspärlich, jung.

'Ist der Stuhl hier neben Ihnen noch frei?’, fragte er und lächelte mich an.

‚Nein’, sagte ich, ‚da liegt meine Tasche.’

‚Und der daneben?’

‚Ja. Der ist frei. Das sehen Sie doch.’

Was geht mich der Mann an, dachte ich. Der kann sich hinsetzen, wohin er will. Ich blinzelte wieder in die Sonne. Der Mann setzte sich. Nach einer Weile fing er ein Gespräch an. Zuerst war ich ja ein bisschen wortkarg. Aber er schaffte es, mich aufzutauen. Wir plauderten über das schöne Wetter. Das Theater, die Sonne. Und den Mond.

'Heute Nacht ist Vollmond', sagte ich.



Über Crysellas Körper gruselten die bekannten Gruselschauer. Sie dachte an die Vollmondnacht mit Horus. Mit ihren Fingern tastete sie heimlich nach ihren Zähnen. Sie schienen in Ordnung. Vorerst jedenfalls. Es war ja kein Vollmond.

„Ist was?“, fragte Gabi.

„Alles o.k. Ich schaute wieder zu dem Mann“, fuhr Crysella fort. „Er gefiel mir. Sogar auf den zweiten Blick. Ja, dieser Kerl erotisierte mich. Wenn du verstehst, was ich meine.

‚Manfred', stellte er sich vor.

‚Lilith’, sagte ich.

„Lilith? Wieso Lilith. Hattest du etwa deinen Namen vergessen. Vor Schreck?“, scherzte Gabi.

„Menesch, Gabi, du sollst mich doch nicht unterbrechen.“

„Sorry.“

„Das kostet dich ne Lage.“

„O. K. O.K..“

„Wo war ich stehen geblieben?“

„Bei Lilith.“

„Ja. Ich weiß auch nicht, warum ich Lilith sagte. Ich war eben Lilith. Ich kann dir das nicht erklären. Es war eben so. Lilith zeigt uns die ungezähmtesten Seiten unserer Sexualität. Die ungebändigte Libido. Den reinen Sexualinstinkt.
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Die Erfahrung mit Lilith ist immer eine Grenzerfahrung. Wer einen Weg sucht, für den gibt es keinen Ausweg. Die Begegnung mit bestimmten Schatten führt uns zu Horror. Zur Panik eines Abstiegs in die Tiefe.“

„Wie wahr."

„Und ich musste diese Erfahrung machen. Ich musste dem Mann begegnen. Es war Schicksal. Und er hat mir diese Gefühle angesehen. Und konnte sie nicht deuten.“

„Woher weißt du das?“

„Ich habe die Angst in seinen Augen gesehen. Die Angst vor dem Unbekannten. Wilden. Und Neugier. Beides zusammen löst ja auch eine ungewöhnliche Faszination aus.“

„Das kann ich gut nachvollziehen.“ Gabi schüttelte ihre Locken. „Weiter im Text.“

„In den patriarchalischen Kulturen wurde die Frau immer mit Leidenschaft und Sinnlichkeit assoziiert“, sagte Crysella nachdenklich. „In der christlichen Welt sind das negative Eigenschaften. Deshalb wurde der Lilith - Mythos ja auch aus der Bibel verbannt. Er erinnerte wohl auch zu sehr an die sexuelle Natur des Menschen und hätte ein unerwünschtes Frauenbild modelliert, das die Gleichheit der Geschlechter schon damals gefordert hätte. Vielleicht hat er das gespürt und konnte es sich nicht erklären.“

„Verstehe. Aber deshalb brauchst du doch nicht so geschwollen daher zu reden“, schmollte Gabi. „Drück dich doch allgemein verständlich aus.“

„Manfred fragte, ob ich Lust hätte“, ignorierte Crysella Gabis Einwand. „Und stell dir vor, ich sagte ja. Sagte einfach ja. Und natürlich wusste ich, was der meinte.“

„Und was meinte der“, neckte Gabi. „Mit Lust, meine ich.“

„Sex meinte der. Klaro.“

„ Klaro meinte der Sex. Was sonst.“

Crysella und Gabi lachten übermütig.

„Und als mein ja heraus war“, erzählte Crysella weiter, „war ich so erschrocken, dass ich meine Augen seinen begehrlichen Blicken entzog und versonnen in mein fast leeres Glas starrte. Dann starrte ich ihn wieder an. Und da waren sie plötzlich.“

„Wer war da plötzlich?“

„Die Schmetterlinge in meinem Bauch.“

„Wahnsinn. Und?“

„Ich setzte mich ganz selbstverständlich neben ihn in seinen roten Luxuscabriolettschlitten .“

„Das glaube ich nicht.
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Wo du doch früher immer so prüde warst. Und nur deinen Ricardo im Kopf hattest.“

„Stimmt aber.“

„Und dann?“

„In seinem Wohngebiet vor einem älteren Massenneubau schaltete Manfred den Motor aus.

'Wir sind da', sagte er.

Und ich war schon etwas enttäuscht. Und als ich in seiner Wohnung stand, mehr als etwas.“

„Was hattest du denn erwartet. Ein Penthaus?“

„Mindestens. So, wie der Kerl aussah und auftrat. Und der Schlitten...“

„Ach, Lilith.“ Gabi feixte schadenfroh vor sich hin. „Äh, Crysella. Du Arme. Gerätst aber auch an seltsame Typen.“

„Die Wohnung war typisch Junggesellenbude.“ Crysella machte ein todernstes Gesicht. „Zwei kleine Zimmer, Küche, Bad, alles kärglich eingerichtet. Komisch war nur, dass mich das nicht wirklich störte, wo ich doch normalerweise wenigstens Wert auf einen angemessenen, harmonisch abgestimmten Rahmen lege. Nein, jetzt wollte ich ganz bewusst wieder etwas erleben, das Wie und Wo war egal. Jedenfalls schien es so. Das war der Sextrieb.“

„Oh, oh“, kicherte Gabi, „der Sextrieb verlangte also wieder mal sein Recht."

„Er wurde übermächtig“, sagte Crysella mit Nachdruck. Gabi nahm sie einfach nicht ernst. „Er tötete den Verstand.“ Sie machte eine kleine Kunstpause, ehe sie weiter sprach: „Ich war ein einziges Begehren.“

„Und? Hattest ihr Sex?“ Gabis Gesicht war jetzt nah an Crysellas. „Ehrlich. Hattet ihr Sex. Wilden, perversen Sex?“

„Das überlass ich deiner Fantasie“, schmollte Crysella. „Davon hast du wohl hoffentlich genug.“



Mit Schaudern dachte Crysella an diese Nacht. Diese schreckliche Nacht. Nein, was wirklich geschehen war, würde sie Gabi nicht erzählen. Nicht nach der Reaktion, die sie jetzt gezeigt hatte. Sie würde ihr sowieso nicht glauben. Jedenfalls nicht, wenn sie diese verrückte Geschichte so wiedergeben würde, wie sie sie wirklich erlebt hatte.



*



Sie wusste, die Nacht würde sie wieder verrückt machen. Schon fühlte sie die starken Energien des Mondes. Und sie spürte Thoth. Den ägyptischen Mondgott.

Thoth wird meist als Ibis oder Ibisköpfig dargestellt.
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Oft auch als Pavian. Und er hält ein Schreibgerät oder eine Palmrippe in seinen Händen. Damit schreibt er beim Totengericht das Urteil auf und begleitet danach die Verstorbenen durch die Unterwelt. Sozusagen als Seelenführer. Er ist auch der Sohn des Sonnengottes Re und entsprang dem Kopf des Gottes Seth. Seth, ihrem Nachtgemahl. Dem Gott der unbändigen Lüste.



Sie hatte Mühe, nicht laut aufzulachen. Dem Gott der unbändigen Lüste. Der sich mit der Erdenfrau Crysella vergnügte. Sie, die Erdenfrau Crysella, hatte er nicht geschwängert. Er konnte ja selbst gebären. Und zwar kopflastig. Er hatte es also nicht nötig, eine Frau in dieser Hinsicht zu seinem Werkzeug zu machen. Wie hatte überhaupt Lilith täglich ihre hundert Lilim geboren? So, wie die Erdenfrauen? Wäre vielleicht zu anstrengend gewesen. Vielleicht durch den Mund. Oder auch mit dem Kopf. Davon ist jedenfalls nichts überliefert. Nur, dass bei den Dämonen alles möglich ist. Und wenn sie sich mit den Menschen vereinigen, ist auch bei diesen alles möglich. So, wie bei ihr. Und diese Dämonen dringen in das Innere des Menschen, vergiften ihre Seele, stürzen sie in Dunkelheit, lassen sie Dinge tun, die sie ohne ihre Bekanntschaft niemals tun würden. Und seit sie Lilith und Seth begegnet und Eins mit ihnen geworden war, schien ihr Leben ein einziger irrlichternder wilder Garten zu sein, ein unheimliches Labyrinth, aus dem es keinen Ausweg zu geben schien. Jedenfalls nicht in den Vollmondnächten nach der Vereinigung mit Luzifer. Und ihr Schwur musste sich erfüllen.



„In jeder Vollmondnacht werde ich die Lust und die Qual, die Luzifer mir bereitet hat, weitergeben. Ich werde die Männer in ihrer Ekstase entschweben lassen in himmlische Sphären, um sie dann, auf dem Höhepunkt ihrer Lust, in die Hölle zu stoßen. Denn im Mond ist der Teufel zum Unheil bereit."



Na, jedenfalls soll Thoth auch Sohn der Nechmet-awaj und Vater von Nefer-hor sein und alle drei eine göttliche Dreiheit bilden. Sie würde wohl eher sagen- eine Götterdreiheit.

Thoth diente Osiris, dem Gott der Vegetation und der Toten, als Schreiber. Nach Osiris‘ Tod konnte er dank seiner Kenntnisse Isis helfen, ihren Gatten so zu bestatten, dass sie noch Horus von ihm empfangen konnte.
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Na, ja.



„Ich habe gelesen, dass die Männer kurz vor ihrem Tod mehrere Orgasmen kriegen sollen.“ Die OttoSzene



So wird es wohl gewesen sein. Danach ist er dann gestorben und mit Thots Hilfe beerdigt worden.

Horus herrschte lange Zeit über das Reich. Thoth wurde sein Nachfolger und regierte Ägypten über 3000 Jahre. Dann stieg er zum Himmel auf. Und zwar auf Befehl des Sonnengottes Re. Erschwert wurde ihm dieses Amt jedoch durch irgendwelche Ungeheuer, die beständig von ihm fraßen. Doch der liebe MondThoth schien ungenießbar zu sein. Die Ungeheuer spieen die Teile immer wieder aus und gelangten wie durch einen geheimen Zauber immer wieder zu Thoth zurück. So leuchtet er bis heute als Vollmond vom Himmel herab.



Seltsam, was für kuriose Gedanken ihr durch den Kopf gegangen sind. In so einer Situation. Alles war irgendwie traumhaft. Und doch auch wieder so real. Völlig absurd. Vollmond eben.



Manfred kam mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern aus der kleinen Küche. Sie hatte sich in einen Sessel gekuschelt. Manfred schob ein Knie zwischen ihre Beine. Sie unterhielten sich über alles Mögliche. Und hatten doch nur das Eine im Sinn.

„Am liebsten möchte ich dich in die Arme nehmen.“ Manfred legte einen Arm um sie. Küsste sie. Trug sie ins Zimmer nebenan auf sein Bett. „Genauso habe ich mir dich erträumt“, sagte er. „Nicht zu dünn. Nicht zu dick. Wunderschöne Brüste. Für jede Hand eine. Schlanke Taille. Volle Hüften. Runder Po. Gewölbter Venushügel.“

Seine Hände glitten sacht über ihren Körper. Öffneten sie. Sie stöhnte. Da ließ er von ihr, um ein Kondom über seinen stark erigierten Penis zu streifen, und setzte dann die vorangegangenen Berührungen fort. Intensiver jetzt. Fordernder. Als er merkte, dass er sie an ihre Grenzen trieb, hielt er inne, ließ ihr eine kurze Atempause, drang dann heftig in sie ein.

„Lilith“, stöhnte sie „Lilith!“

Plötzlich vernahm sie ihre Musik. Die Sethmusik. Sie stieß den Mann von sich, stand hastig auf, begann wie in Trance zu tanzen.

*

Sie tanzte zu der ungewöhnlich geheimnisvollen Musik. Ihr Körper schien sich ohne ihr Zutun zu bewegen, zu verschmelzen im Rhythmus dieser lieblichen Töne.
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Immer machtvoller erklang die Musik, mysteriöser, magischer. Wie von selbst glitten ihre Hände über ihren Körper. Berührten ihre Brüste. Verharrten an den sich immer mehr erigierenden rosigen Warzen. Streichelten langsam über ihren Bauch. Verharrten zwischen den leicht geöffneten Schenkeln. Streiften ihr kurzes rotes Hemd herunter, griffen wieder in ihr volles, braunes Haar. Berührten sanft ihr Ohr. Anmutig neigte sie ihren Kopf und tanzte einen imaginären Schleiertanz. Immer schneller drehte sie sich im Kreis. Schneller. Wilder. Sehnsüchtiger. Bald hatte sie alles um sich herum vergessen, ergab sich willig der Musik. Zärtlich und leidenschaftlich. Und ihr Körper, dessen Bewegungen mit den lieblichen Tönen zu verschmelzen schienen, wand sich schlangengleich. Ihr schien, als tanze sie zu den im Nebel der Zeit verborgenen Inseln des Glücks und ein süßes Ziehen erfasste all ihre Sinne.

*

Sie befand sich in einer anderen Welt. Der Welt der Mythen. Sie war die Sonnentochter, die im Zorn ihre Heimat Ägypten verlassen hatte und nun ihr Unwesen als Wildkatze trieb. Ihr Körper, der sich noch eben bebend unter dem des Mannes wand, war das glutheiße, trockene Land am oberen Nil. Ein Land, geschaffen für das Herz eines wilden Katzentieres. Ihre Säfte, die ungehemmt geflossen, glichen dem Nil. Der Brutstätte für Krokodile, Schlangen, Meeresungeheuer. Mit Tränen in den Augen und Feuer im Herzen gedachte sie ihres Vaters Re. Er vermisste sie, liebte sie über alles, wollte, dass sie zurückkehre in das Land ihrer Väter, der Götter, der Pharaonen. Der Dämonen. Und er suchte sie überall. Doch er fand sie nicht. So schickte er Thoth, sie zu suchen und zu überreden, doch zurückzukehren.

Und Thoth fand sie tatsächlich. Weitab ihres geliebten Ägypten. Doch die Katze begegnete Thoth mit ungezügelter Leidenschaft; sie fauchte, spie Feuer, schmähte seine artig gesetzte Rede. Da machte er von seinem angeborenen Redetalent Gebrauch. Einschmeichelnd erzählte er ihr die Fabeln und Märchen ihrer Heimat, wiegte sich im Rhythmus seiner eindringlichen Worte gar im Tanze. Und endlich glaubte sie ihm und weinte vor Kummer, Liebe und Sehnsucht.

*

Plötzlich erstarrte sie in der Bewegung.
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„Wunderschön“, sagte Manfred. „Komm her zu mir. Ich habe schon wieder Lust.“

Aus der Traum. Sie legte sich wieder zu Manfred auf das harte Bett. Und dieses harte, spartanische Bett erschien ihr bald wie die Wiege des Lebens, des ewigen Lebens. Lange, sehr lange, spielten sie und der Mann ihr Spiel. Eroberten gemeinsam den Gipfel der Lust. Wieder und wieder. Der Mond stand schon hoch am Himmel und erhellte das Zimmer mit seinem kalten Glanz.

Plötzlich erwachte Thoth.

Und in diesem Moment verwandelte sich die gefügige Crysella in die mächtige Löwin. Brutal stieß sie den Kerl von sich. Diesen verdammten Flachwichser. Wild schüttelte die Löwin ihre mächtige Mähne, stieg aus dem Bett und tanzte nackt ihren Tanz von neuem. Den imaginären Schleiertanz. Und die Sethmusik schien die ganze Welt durchdringen zu wollen.

„Komm, lege dich wieder zu mir“, bettelte der Mann. „Ich habe dir noch so viel zu geben.“

Sie lachte schallend. Schüttelte wild ihre Mähne im Tanz.

„Du bist nicht Thoth“, schrie sie hysterisch. „Kannst dich nicht verwandeln. Niemals wird ein Pavian aus dir. Und auch kein Schakalaffe. Niemals!“ Immer schneller drehte sie sich im Tanz, lasziver wurden ihre Bewegungen, obszöner ihre Gesten. Plötzlich blieb sie vor Manfred stehen. „Du bist und bleibst nur Manfred“, spottete sie. „Manfred. Der Mann.“

Blut dürstend spürte sie das Messer in ihrer Hand. Das Buschmesser. Und die schon bekannte Mordlust strömte durch ihren gestrafften Körper.



„Noch nicht.“ Liliths Stimme.



„Ich muss gehen“, sagte sie und hüllte sich schnell in ihren schwarzen Mantel.



*



„’Sehen wir uns auch wirklich wieder', fragte der Mann, als ich endlich neben ihm im Auto saß.“

Crysella sah Gabi herausfordernd an.

„Nach wildem, außergewöhnlichem Sex?“ Gabi lachte frech. „Ich weiß.“

„Ich gab ihm meine Karte. Sozusagen als Beweis, dass ich mich wieder mit ihm treffen wollte.“

„Und habt ihr?“

„Nein. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Wir hielten auf einem Parkplatz vor einem kleinen Park.
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Der Mann schaltete den Motor aus. Er wollte noch mal. Ich öffnete die Wagentür und schaute mich witternd um. Alles war ruhig. Niemand zu sehen. Am Himmel hing der Vollmond. Ich stieg wieder ein. Manfred hatte die Sitze nach hinten gekurbelt. Er legte sich auf mich. Küsste mich. Später setzte ich mich auf ihn. ‚Das ist die Stellung der Prostituierten’, sagte ich, ‚der Dirnen.’ Ich lachte hexisch. ich war wieder Lilith. Du weißt. Lilith. Verderben. Zukunft. Liebe, ja, auch Liebe und Schmerz. Vor allem Schmerz. Der Mann und ich. Eins in Ekstase. Und doch so weit entfernt voneinander. Plötzlich hatte ich ein Messer in der Hand. Der Mann erschien mir jetzt wunderschön. Wie er so da lag. Die Augen geschlossen. So entspannt. Im Licht des Mondes. Und er stöhnte selig. Da stieß ich zu.“

„Du spinnst.“

„Ja.“



*



Die Katzenlöwin zerstückelte den Mann. In viele Teile. Unendlich viele, blutige Teile. Zerrte sie aus dem Auto, warf sie genüsslich in die Büsche, tanzte. Tanzte im Blut des Mannes. Unter einem Himmel. Bestrahlt von Toth. So glutrot. So rot von Blut. Auf einem einsamen Parkplatz. Und sie lachte. Lachte. Bleckte ihre langen Zähne. Hielt in der Hand den abgesäbelten Penis des Erdenmannes Manfred. Nein, sie würde nie zurückkehren. Niemals.



Sie wusste nicht, wie sie nach Hause gekommen war, rannte ins Bad, das Blut abzuwaschen, stellte sich unter die Dusche, brauste, lange, heiß, kalt, heiß, kalt. Das Blut klebte an ihr. Überall. Ließ sich nicht abwaschen.

Aus dem Spiegel starrte sie Lilith an, hell die Augen, tief in den Höhlen, in ihrem weißen Gesicht.

„Was hast du getan?“

„Du warst es.“

„Nein! Du.“

Fast irr wankte sie aus dem Bad, legte sich auf ihr Bett, stand wieder auf, schaute aus dem Fenster.

Am Himmel hing Ricardo. Nicht Thoth.



*



„Crysella, du spinnst wirklich.“ Gabi rührte kichernd in ihrem kalten Kaffee. „Ich glaube dir kein Wort.“

„Aber genauso habe ich es erlebt“, beharrte Crysella. „So ist es immer. Die Wahrheit glaubt niemand. Na, vielleicht habe ich es auch wirklich nur geträumt“, lenkte sie nach einem Blick in Gabis Augen ein.
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„Wäre mir auch lieber.“

„Das sind deine perversen Fantasien.“ Gabi schüttelte lachend ihre blonde Mähne. „Mann, oh, Mann. Die verfolgen dich bis in deine Träume. Hoffentlich wird meine Kleine mal nicht so eine Verrückte.“

Gabi streichelte stolz über ihren schon etwas vorgewölbten Bauch.

„Weißt du denn, ob es ein Mädchen wird?“

„Ja, bei dem letzten Ultraschall konnte man es deutlich erkennen.“

„Hast du das Bild bei dir?“

„Nein. Ich zeig es dir beim nächsten Besuch. Mensch, Crysella, das ist ein tolles Gefühl. Ich werde Mutter. Ich schenke der Welt ein neues Leben. Willst du mal fühlen? Das kleine Biest strampelt schon ganz schön. Hier, siehst du es?“ Gabi zog ihren Top etwas nach oben. Und tatsächlich wölbte sich die Haut auf der rechten Seite in einem kleinen Hügel über dem Bauch. „Das sind bestimmt die Strampelbeinchen.“ Gabi nahm Crysellas Hand und legte sie vorsichtig auf die geheimnisvoll pulsierende Stelle.

Mit einem seltsamen Gefühl, das sie sich nicht erklären konnte, spürte Crysella das Leben unter ihrer Hand. Und plötzlich war ihr, als würde sich die Hand unter Gabis Bauchdecke graben wollen, hin zu dem kaum sprießenden Leben, und nur mit größter Anstrengung gelang es ihr, sie zurück zu ziehen.

„Na, ist das ein gutes Gefühl?“, lachte Gabi.

„Total irre.“

„Also, meine Liebe, such dir lieber einen richtigen Lover. Vielleicht wirst du dann ja auch schwanger. Das wäre doch geil. Hm? Seit dein Ricardo dich verlassen hat, bist du ja nicht mehr wieder zu erkennen. Du warst doch sonst immer so vernünftig.“

„Diesmal eben nicht.“



Rudi kam und stellte zwei Büchsen Bier auf den Tisch.

„Na, schön. Und wo ist der Wein?“

„Vergessen.“

„Vergessen. Schön. Und was machen wir jetzt?“

„Wir bummeln ein bisschen durch die Stadt und gehen abends zu Carlos. Da läuft ne Party.“



***



Fortsetzung folgt in diesem Theater
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Kommentare zur Story:

  hallo, ihr drei, habt ganz lieben dank für die netten kommentare. die nächsten zwei kapitel werden wieder etwas realistischer. aber dann wird wohl wieder der vollmond sein verrücktes spiel treiben. na, mal sehen.
habt ein schönes sonniges wochenende. gruß von  
   rosmarin  -  27.02.10 13:29

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  Oh, das arme ungeborene Baby. Ich bewundere dich, wie du völlig unreale Dinge so authentisch darstellen kannst, dass man sie für echt halten muss. So auch die Sache mit Crysellas Hand, die unter die Bauchdecke der Schwangeren zu wandern scheint. Magisch unheimlich und wirklich großartig geschrieben. Ein ganz ausgezeichnetes Kapitel.  
   Jochen  -  26.02.10 15:25

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  nun ist es also wieder geschehen, diesmal mit manfred, diesmal als löwin, es ist doch geschehen, oder?
und das mit der hand auf gabis bauch, hmmm, das ist seltsam und beunruhigend. bin gespannt. ;)
lieben gruß  
   Ingrid Alias I  -  26.02.10 10:46

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  Schöner geheimnisvoller Gruseltext. Elegante Sätze. Keine Sekunde langweilig. Ist dir ganz ausgezeichnet gelungen, auch wie du die alten Myhtologien dabei untergemischt hast. Hat mir Freude gemacht dieses Kapitel zu lesen und ich erwarte gespannt das nächste.  
   doska  -  25.02.10 16:13

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