Der Hüter des Drachen - Kapitel 7   382

Romane/Serien · Fantastisches

Von:    Robin van Lindenbergh      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 11. November 2009
Bei Webstories eingestellt: 11. November 2009
Anzahl gesehen: 1554
Seiten: 11

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Ich existierte weiter. Tat, was man mir befahl, aß, was man mir gab, und dachte, was ich denken sollte. Aber umso länger die letzte Dosis des Tranks zurücklag, desto öfter erwischte ich mich an den Treppen, die zum Verlies hinabführten. Einen Abend bevor ich den nächsten Trank bekommen musste, schlich ich mich sogar noch einmal in die Kerker. Dieses Mal entzündete ich keine Fackel und bewegte mich absolut lautlos. Weder das Mädchen, noch der Mann bemerkten mich und ich war verwirrter als je zuvor als ich über das Palastdach zurück in meine Kammer kletterte. Der Kaiser hatte sie noch nicht hinrichten lassen, aber das war seine göttliche Entscheidung. Einerseits hoffte ich, er würde es endlich tun damit die sinnlosen Gedanken mich verließen, aber andererseits quälte mich die Vorstellung ihres Todes.

Der Kaiser hatte mir schon längst befohlen schlafen zu gehen, weshalb ich mich auf mein Lager legte und fast augenblicklich einschlief.

Wilde Träume quälten mich. Ich sah mich, obwohl ich in einem anderen Körper steckte. Es war ein starker, ein kräftiger Körper mit Krallen und Schwingen und einer unverwundbaren Haut. Ich fühlte mich kraftvoll und beinah wie eine ganz andere Person. Unaufhaltsam drang ich in die Kerker vor. Riss mit gewaltigen Krallen Gitter aus der Wand und zerfetzte massive Türen wie Papier. Das Mädchen war da und auch der Mann. Beide freuten sich über mein Auftauchen und sprachen mit mir, obwohl ich sie nicht verstehen konnte.

Ich verspürte Schmerzen in meinem Kopf, mir wurde übel und schwindelig. Gedanken zerrissen und mein ganzer Körper begann zu brennen. Die Frau rief etwas, aber ihre Stimme ergab keinen Sinn für mich.

Ich musste fort von diesem Ort und rannte.



Schweißgebadet wachte ich auf und versuchte meinen keuchenden Atem zu beruhigen. Einen Moment lang befühlte ich meinen Körper um sicherzugehen, dass er wieder normal war. Im Licht des Tages wurde mir klar, dass ich ein Drache gewesen war in meinem Traum. Was für ein lächerlicher Gedanke. Meine besonderen Fähigkeiten hatte mir der Kaiser geschenkt zu seinen Diensten und zu seinem Schutz. Er hatte mich geschaffen. Alles, was ich war, verdankte ich ihm. Was vorher war interessierte mich nicht. Aber ich war kein Drache.

Die Erinnerungen an den Traum verblassten rasch und waren schon fast verschwunden als der Hauptmann der Wache rücksichtslos in meine Kammer stolperte.
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„Steh auf und zieh dich an. Er erwartet dich“, sagte er und ich reagierte sofort und war kaum fünf Minuten später im Audienzsaal des Kaisers.

„Bist du mir immer treu ergeben, Tumbai?“ fragte mein Kaiser als ich vor ihm niederkniete.

„Ich hoffe, ich habe Euch keinen Grund gegeben an mir zu zweifeln, Göttlicher.“

Einen Moment dachte der Kaiser nach und tiefe Falten gruben sich in seine Stirn. „Bisher nicht, Tumbai. Sag mir, was du bist.“

Die Frage verwirrte mich kurz, aber dann spulte ich die Antwort ab, der ich mir sicher war. „Ich bin Euer Diener und Sklave, Göttlicher. Ein Wesen, von Euch und Eurer Weisheit geschaffen, um Euch zu dienen und zu schützen.“

„Wieso enttäuschst du mich dann?“

Heiß kochte mein Blut in mir hoch und ich überlegte fieberhaft, wie ich den Unmut meines Kaisers erregt haben könnte.

„Streitest du es etwa ab, letzte Nacht in den Kerkern gewesen zu sein und die Gefangenen befreit zu haben?“ Der Kopf des Kaisers war blutrot vor Zorn.

„Herr, ich war nicht in den Kerkern. Ihr allein habt mir befohlen mich schlafen zu legen und das habe ich getan bis Eure Wache mich weckte.“ Ich hatte den Traum so verdrängt, dass ich in diesem Moment wirklich nicht an ihn dachte. „Ich gelobe, dass das die reine Wahrheit ist.“

„Schwöre es!“

„Ich schwöre es.“ Ich warf mich auf den Boden und küsste den Saum des Gewands des Kaisers. Wie ein Kind es bei seiner wütenden Mutter wollte, so wollte auch ich nur, dass er wieder zufrieden mit mir war.

„Du bist tatsächlich nicht mehr dazu fähig“, sagte der Kaiser nach einer Weile und ein böses Lächeln spielte um seinen Mund. „Ich werde schon noch herausfinden, wie die beiden entkommen sind.“

„Lasst mich dieses Mysterium für Euch erforschen“, bat ich demütig, denn ich sah meine Chance ihm meine Loyalität zu beweisen.

„Nein, für dich habe ich eine andere Aufgabe. Ich habe einen Sohn.“

„Ich weiß, Herr.“

„Woher, ich halte ihn doch vor der Welt verborgen.“

„Ich nahm seinen Geruch wahr im hinteren Teil des Palastes.
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Er ist dem Euren sehr ähnlich.“

Der Kaiser nickte. „Treban ist neun Jahre alt. Aus Gründen, die dich nichts angehen, will ich nicht, dass er von vielen Dienern und Laibwächtern umgeben ist. Daher wirst du von nun an diese Aufgaben für ihn übernehmen. Aber du darfst mit niemandem außer mir über meinen Sohn sprechen, ist das klar?“

„Wie Ihr befehlt, Majestät.“



Es gab schlimmere Aufgaben im Palast als sich um Treban zu kümmern und ich behielt den Posten seines Dieners, Laibwächters und Lehrers in den nächsten fünf Jahren. Der fast vierzehnjährige Sohn des Kaisers war ein nachdenklicher Junge, der gerne las und sich in sein Schicksal gefügt hatte, dass ihn sein Vater von fast allen anderen Menschen fernhielt. Heute weiß ich, dass der Kaiser nicht wollte, dass jemand bemerkte, wie sich Treban nach seiner Vereinigung mit dem Drachen verändern würde. Das Volk sollte davon ausgehen, dass die Familie des Kaisers von Geburt an und durch die Götter im Besitz ihrer Kräfte war. Hätte jemand erkannt, was wir waren, noch mehr Menschen hätten Drachenkräfte gewollt und den Kaiser wohlmöglich entmachtet.

Damals sah ich Trebans Isolation natürlich einfach als etwas Gottgegebenes an. Der Kaiser wollte es so und ich sorgte dafür, dass sein Wille geschah.

Der Junge bekam sein Essen herein geschoben und musste den Raum stets verlassen bevor er gereinigt wurde. Außer mit seinem Vater durfte er nur mit einer einzigen Person reden und das war ich. Da der Kaiser immer noch meinen Geist und meine Entscheidungen unter seiner Kontrolle hatte, fürchtete er nicht um meine Verschwiegenheit. Nach fünf Jahren Knechtschaft war er sich seiner Macht über mich sicher. Ich war der einzige Mensch, der Zeit mit dem jungen Prinzen verbrachte.

Man hatte mir geboten zu warten, denn an diesem Tag hatte der Kaiser ihn zu sich befohlen und erst nach Stunden war der Junge in seine Gemächer zurückgekehrt und sah elend aus. Treban war von Natur aus eher schwächlich und blass, aber in diesem Moment war seine Haut durchscheinend wie Pergament und ich konnte sehen, dass sein Herz schneller schlug als es normal war. Er begann sogar zu schwanken und ich sprang eilig hinzu um ihn zu stützen.

„Hoheit, ist alles in Ordnung mit Euch?“ fragte ich besorgt.
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Obwohl ich den Eindruck hatte, mein Herz sei erkaltet, empfand ich echte Zuneigung für den Jungen, in dem ich ein ungeliebtes Kind sah. Das einzige Gefühl, das ich mir sonst zugestand, stieg jede Nacht in mir auf, wenn ich im Traum wieder die Frau im Kerker des Kaisers sah. Jede Nacht sah ich sie klar vor mir, aber tags verschwamm ihr Bild, sodass ich nicht einmal mehr sagen konnte, welche Farbe ihr Haar oder ihre Augen hatten.

Treban war sehr vorsichtig damit Gefühle zu zeigen, denn seit der Kaiser seine Amme hatte ermorden lassen, war niemand mehr da gewesen mit dem er sie hätte teilen können. Es hatte über ein Jahr gedauert bis er zu mir Vertrauen gefasst hatte und inzwischen waren wir uns so nah, dass er mir seine Gefühle zeigte. Sein Vater hielt Gefühle für Schwäche. Tränen brachen aus ihm hervor und er gestattete es, dass ich meinen Arm um ihn legte. Ich ließ ihn sich eine Weile ausweinen.

„Nun sagt mir, was dich bedrückt“, forderte ich ihn auf. Ich hatte zur vertraulichen Anrede gewechselt, die mir Treban immer dann gestattete, wenn sein Vater nicht in der Nähe war.

„Durai, es ist alles so furchtbar“, schluchzte er. Treban war der einzige, der mich nicht mit Drachensklave ansprach, er nannte mich Drache.

„Aber was ist denn, mein Prinz?“

Er schnäuzte sich geräuschvoll bevor er weiter sprach. „Weißt du, was mein Vater ist, Durai?“

„Unser Herrscher, unser gerechter und von allen geliebter Kaiser.“

„Das meine ich nicht. Er hat mir eben gesagt, was mich an meinem vierzehnten Geburtstag erwartet. Mein Vater ist gar kein Mensch und ich soll dann auch keiner mehr sein.“ Wieder stahlen sich Tränen in seine Augen.

„Natürlich ist dein Vater kein Mensch, genauso wenig wie du. Dein Vater ist ein lebendiger Gott und du der Sohn eines Gottes.“

Er machte sich von mir los und ging unruhig im Raum hin und her. „Nein! Nein! Nein! Du verstehst es nicht, aber wie könntest du auch. Mein Vater sagt, ich müsse mich in zwei Wochen mit einem Drachen vereinigen, mit einer wilden Bestie.“ Unglücklich warf er sich auf sein Bett und weinte heiße Tränen in seine Kissen.

Mit einem Drachen vereinigen! Die Worte des Prinzen rissen sich in meinen Verstand wie eine Dornenpeitsche und brachen Krusten darin auf, die in den letzten Jahren entstanden waren.
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Vor meinem inneren Auge sah ich Bilder von Drachen und besonders von einem mit grünlich schimmernder Haut. Ich hörte Worte, die von Schwarzen Drachen und Macht erzählten. Einen Moment war ich unfähig mich zu bewegen.

Mit verheulten Augen hatte sich Treban aufgesetzt und sah mich an. „Durai, was ist mit dir?“

„Ich… ich weiß es nicht“, gab ich zu. „Es waren deine Worte, ich… ich spürte etwas dabei.“

Es war einer seiner liebsten Zeitvertreibe stundenlang über Problemen und vor allem ihrer Lösung zu brüten und er liebte Geschichten über Geheimnisse, die man ergründen konnte. Jetzt witterte er ein Geheimnis. „Bist du etwa auch mit einem Drachen vereinigt?“

Ich, mit einem Drachen vereinigt? Ich verbot mir diesen Gedanken weiter zu denken. „Dein Vater hat mich gemacht“, antwortete ich, das einzige sagend, wobei ich mir sicher war.

„Mein Vater sagte mir, ich müsste dann einen Trank nehmen, der verhindert, dass der Drache meinen Körper nimmt und mir dafür seine Kräfte gibt. Du hast Drachenkräfte, Durai.“

„Und dein Vater gibt mir jeden Monat einen Trank“, sagte ich leise. Immer hatte ich den Trank aus Pflicht und Gehorsam genommen ohne nach dem Warum zu fragen. War das der Grund? Würde sonst ein Drache meinen Körper nehmen? Der Gedanke machte mir seltsamerweise keine Angst.

„Das heißt ja, ich müsste keine Angst vor dieser Vereinigung haben.“ Freude zeigte sich in den Augen des Prinzen. „Danach würde ich so stark werden wie du.“

„Stärker, denn du bist der Prinz.“

„Stärker als du? Und werde ich dann auch so viel wissen wie du?“

Das war typisch für Treban, denn den Jungen dürstete es nach Wissen. Jedes Buch, das er in die Hände bekam, hatte er verschlungen. Gingen wir durch die Palastgärten wollte er jede Pflanze und ihre Wirkung und Verwendung genauso von mir wissen, wie den Namen jedes Tieres. Ständig fragte er mich nach dem Reich seines Vaters, von dem er nicht mehr kannte als den Palast. Auch ich konnte mich nicht daran erinnern je dessen Mauer verlassen zu haben und trotzdem konnte ich ihm die meisten seiner Fragen beantworten und ihm von entfernten Bergen und Orten jenseits des Meers erzählen.
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„Ich weiß es nicht“, gab ich zu.

„Wirst du mitkommen, wenn ich zu den Drachen muss?“

„Wenn dein Vater es erlaubt.“

„Dann werde ich ihn darum bitten.“



Ob er das wirklich getan hatte, hatte er mir nie verraten. Aber als mich der Kaiser das nächste Mal zu sich bestellte, befahl er mir den Prinzen auf einen Kampf mit dem Drachen vorzubereiten.

„Mein Sohn ist leider etwas schwächlich. Das wird sich ändern, wenn er den Drachen nimmt. Aber damit es soweit kommt, wirst du ihn vorbereiten und du wirst ihn dann begleiten und ihm helfen den Drachen zu überwältigen.“

Ich verneigte mich. „Wie Ihr befehlt, Herr.“

Der Kaiser erwartete, dass ich mich entfernte, sobald ich meine Befehle hatte, aber ich konnte nicht. Trebans Schlussfolgerungen brannten immer noch in mir und wer, wenn nicht mein weiser Kaiser, konnte mir Klarheit bringen.

„Was ist denn noch?“ fragte der Kaiser ungehalten, als er sah, dass ich noch vor seinem Thron stand.

„Herr, darf ich etwas fragen?“

Etwas ungehalten sah er mich an, gestattete es aber dann mit einer unwirschen Geste.

„Herr, bin ich…? Wurde auch ich mit einem Drachen vereinigt?“

„Wie kannst du solche Fragen stellen?“ brauste der Kaiser auf und fuhr zornig in die Höhe.

„Verzeiht, Herr, aber der Prinz stellte diese Vermutung an, wegen meiner besonderen Kräfte.“

„Nur der kaiserlichen Familie steht diese Macht zu. Ich habe dich zu dem gemacht, was du bist, Tumbai. Du bist ein Sklave und ein Diener, nicht mehr. Behalte deine dummen Gedanken für dich.“

„Ich verstehe, Herr. Verzeiht.“

Ich verneigte mich tiefer als sonst und verbannte alle frevelhaften Gedanken aus meinem Kopf. Als ich den Thronsaal verließ, hatte ich sie schon beinah alle vergessen.



Die nächsten zwei Wochen vergingen schnell, denn jeden Tag hatte ich viel zu tun. Ich lehrte Treban alles, was ich über Drachen wusste, wie er sich ihnen nähern musste und wie er sie am besten besiegen konnte. Wie bei den meisten Dingen wusste ich nicht, woher mein Wissen kam, aber ich hatte gelernt dem zu vertrauen, was in mir war. Wahrscheinlich hatte mein Kaiser einen Bruchteil seiner Weisheit in mich gepflanzt als er mich gemacht hatte.
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Schon früher hatte ich den Prinzen gelehrt, wie er mit Waffen umgehen musste, aber nun musste er sich dem Drachen nähern und ihn verwunden, ohne ihn dabei zu töten. Schließlich wurden Geist und Kräfte der Echse noch gebraucht.

Ohne dass uns jemand sah, ritten wir dann drei Nächte vor dem Geburtstag des Prinzen aus dem Palast und verließen Xian nach Westen hin. Außer dem Kaiser ahnte niemand etwas von unserer Reise und ich wusste, dass ich des Todes war, wenn jemand von unserer Mission erfuhr.

Wir kamen zügig voran, obwohl Treban gerne sein ganzes zukünftiges Königreich betrachtet hätte. Ich lehrte ihn viel in diesen Tagen, auch Dinge, die nichts mit seinem Kampf zu tun hatte. Ich erzählte ihm, woher das Wasser kam, dass sich in einem lauten Wasserfall neben uns ins Tal ergoss. Ich erklärte ihm, welche Früchte die Bauern auf ihren Feldern anbauten und sogar welche Mahlzeiten man aus ihnen machen konnte. Mein Schützling saugte alles in sich auf wie ein Schwamm. Zum ersten Mal sah er die Dinge, die er sonst nur aus Büchern kannte oder durch sein Fenster beobachten konnte.

Am Abend des zweiten Tags schlugen wir unser Lager an einem kleinen Bach auf. Der Prinz hatte einen Hasen erlegt, während ich Feuerholz sammelte und es mit meinem Feuer entzündete.

„Das ist eine nützliche Fähigkeit“, bemerkte der Prinz und beobachtete mich eine Weile schweigend.

Es war an diesem Abend an der Zeit, dass ich meinen Trank nahm. Vor unserer Abreise hatte der Kaiser mir eine Flasche mitgegeben und mir eingeschärft, dass ich ihn an diesem Abend vor dem Sonnenuntergang nehmen musste. Es bestand kein Zweifel an diesem Befehl und deshalb dachte ich auch nicht mehr an den Grund, wieso ich ihn nehmen musste und vor allem wieso die Tageszeit so entscheidend war.

Oft genug hatte ich dem Kaiser bei der Zubereitung des Tranks zugesehen. Also nahm ich die Flasche aus meiner Satteltasche und legte sie ins Feuer, um die Flüssigkeit zum Kochen zu bringen.

Das Feuer knisterte und ich fühlte mich so frei wie seit Jahren nicht mehr. Weit weg vom Kaiser und weil ein Monat seit dem letzten Trank vergangen war. Ansätze von eigenen Gedanken kamen in mir auf.

„Wie ist es den Trank zu nehmen, Durai?“

„Ich glaube nicht, dass du denselben Trank nehmen wirst wie ich, mein Prinz.
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„Ich hoffe nicht. Dein Trank macht dich jedes Mal so anders. Es ist fast so, als wärst du nicht mehr Herr deiner eigenen Gedanken, als wärst du nur noch meinem Vater ergeben“, sagte Treban.

„Ich bin deinem Vater immer ergeben“, antwortete ich.

„Ja, natürlich. Aber du bist… irgendwie anders, wenn du ihn lange nicht genommen hast. Hast du je darüber nachgedacht ihn nicht zu nehmen?“

„Niemals“, gab ich zu. „Dein Vater hat es mir befohlen.“

„Was glaubst du denn, was geschehen würde, wenn du ihn nicht nehmen würdest. Hast du Angst, dass du dann ein Drache wirst?“

„Dein Vater hat gesagt, ich sei nicht mit einem Drachen vereinigt worden, denn das liegt nur in der göttlichen Macht deiner Familie. Wie ich dir schon gesagt habe, er hat mich gemacht.“

Nachdenklich saß der Junge einen Moment da. „Dann kann dir doch eigentlich nichts geschehen, wenn du ihn nicht nimmst. Nimm ihn nicht.“

„Aber dein Vater hat befohlen…“

„Und ich bin der Prinz, ich befehle dir den Trank nicht zu nehmen.“ Treban befahl mir sonst nur dann etwas, wenn sein Vater dabei war. Waren wir allein, dann bat er mich höchstens um etwas.

Widersprüchliche Gefühle und Gedanken kamen in mir hoch. Ich musste dem Kaiser gehorchen, aber einer seiner Befehle war gewesen, dass ich auch seinem Sohn bedingungslos gehorchte. Wie konnte ich beide Befehle erfüllen? Unschlüssig griff ich in die Flammen, nahm ich die Flasche mit dem Trank heraus und öffnete sie. Der Inhalt brodelte kochend und sein süßer Geruch stieg in meine Nase.

„Nimm ihn nicht“, sagte Treban noch einmal. „Ich glaube, er macht dich zu meines Vaters Sklaven. Du bist für mich wie ein großer Bruder und ich will, dass du frei bist. Bitte, Durai, nimm ihn nicht.“

Im Licht der untergehenden Sonne starrte ich weiter auf die Flasche, immer noch zu keiner Entscheidung fähig. Aber dann nahm mir die Natur die Entscheidung ab, denn die Sonne versank und der Moment der Einnahme war verstrichen. Immer hatte mir der Kaiser gesagt, es müsse vor Sonnenuntergang sein. Nun war es zu spät und ich fühlte mich immer noch wie gelähmt, mein Innerstes schien zu verbrennen und ich krümmte mich vor Schmerzen zusammen.
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Die ganze Nacht wurde ich von Visionen und Bildern gequält. Ich hatte Schüttelfrost obwohl ich immer noch zu verbrennen drohte und ich schwitzte. Zum ersten Mal seit Jahren hatte ich wieder den Traum mit den kämpfenden und sich gegenseitig zerfleischenden Drachen.

Ich stand auf dem Boden und betrachtete angewidert das blutige Schauspiel über mir und wollte zu ihnen aufsteigen und sie daran hindern, aber mir fehlten die Flügel. Neben mir stand eine hoch gewachsene Gestalt und zum ersten Mal erkannte ich in ihr den Kaiser.

Er lächelte und drehte sich zu mir um. „Ich verbiete dir, sie zu retten und mein Wunsch ist dein Befehl.“

Aber dieses Mal war es anders. Wut auf diesen Mann erfüllte mich und ich ballte die Fäuste, aber plötzlich merkte ich, dass sich meine Hände veränderten. Sie wurden schuppig und grün, die Fingernägel wuchsen, wurden lang, spitz und kräftig, und aus fünf Fingern wurden drei Krallen und eine Daumenkralle.

Wieder blickte ich zum Kaiser und sein Lächeln wurde breiter als er sah, wie zwei Drachen über ihm sich klaffende Wunden zufügten. Ich hasste ihn und konnte mich nicht mehr zurückhalten als ich ihm meine Krallen ins Gesicht schlug.



Bei Sonnenaufgang kam ich wieder zu mir. Meine Kleider waren schweißnass und die Bilder des Traums verschwanden langsam, aber nicht das Gefühl der Stärke und Freiheit, dass sie in mich gepflanzt hatten. In meinem Kopf herrschte Verwirrung.

„Wie geht es dir?“ fragte der Prinz besorgt. Unterbewusst hatte ich mitbekommen, dass er die ganze Nacht er bei mir gewacht hatte und jetzt sah er noch blasser aus als sonst immer.

Ich wusste nicht, was ich denken und tun sollte, aber meine Gefühle für Treban waren immer noch dieselben.

„Du hättest deine Kräfte schonen müssen, mein Prinz, du brauchst sie heute Abend“, sagte ich, obwohl mein Mund trocken war wie Staub.

„Wer soll schlafen, wenn du die ganze Nacht stöhnst und schreist“, sagte er mit einem schiefen Grinsen und reichte mir einen Becher Wasser.

Ich trank gierig und spürte, wie das Wasser das Feuer in mir auf ein erträgliches Maß reduzierte.
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Etwas hatte sich in mir verändert und ich spürte, dass ich wieder zu eigenen Gedanken fähig wurde.

„Können wir aufbrechen?“

Aufbrechen? Mir kam der Gedanke an den Auftrag des Kaisers wieder. Plötzlich wusste ich, dass ich den Befehl nicht befolgen musste, aber ich wollte selber zu den Drachen. Warum wusste ich selber nicht, vielleicht tat ich es für Treban.

„Ja, lass uns aufbrechen.“

Wir ritten den halben Tag bis wir gegen Mittag den Berg erreichten, auf dem Treban den Drachen finden würde. Wir ließen die Pferde zurück und begannen den Aufstieg. Ein steiler, steiniger Pfad führte zum Gipfel hinauf und es hätte ein anstrengender Marsch werden müssen, aber ich fühlte mich bei jedem Schritt stärker und meiner selbst endlich wieder bewusster. Ich spürte, dass nur noch ein letzter dünner Nebel, den ich noch nicht durchdringen konnte, mich von einer Wahrheit trennte. Beinah hätte ich nicht gemerkt, dass Treban immer weiter zurückblieb. Sein Atem ging stoßweise und keuchend.

„Also jetzt wissen wir, dass du ohne den Trank nicht schwächer wirst“, sagte er schnaufend.

„Entschuldige.“

„Du musst dich nicht entschuldigen, aber…“

Er beende den Satz nicht, weil in diesem Moment ein markerschütterndes Brüllen durch die Berge schallte. Das Echo wurde von allen Seiten zurückgeworfen, aber ich wusste, was uns bevorstand, denn ich spürte bereits die Anwesenheit des Drachen. Wie ein gewaltiger Schatten schob er sich vor die rote Sonne. Noch nie hatte ich einen solch riesigen Drachen gesehen. Sein ganzer Körper war schwarz und wirkte dadurch noch einschüchternder. Drohend stand er vor uns in der Luft und ein lange antrainierter Reflex zwang mich, mich in diesem Moment schützend vor Treban zu stellen. Der Junge war steif vor Angst.

Der Wind hätte uns beinah umgeworfen als der Drache mit ausgebreiteten Flügeln direkt vor uns landete.

„Was hat man mit dir gemacht, Cousin?“ fragte mich der Drache.

„Wieso nennst du mich so?“

„Mit wem redest du, Durai?“ flüsterte Treban hinter mir.

Erst jetzt wurde mir klar, dass der Drache nicht gesprochen hatte. Seine Stimme war direkt in meinem Kopf erschienen. Er las meine Gedanken und ich konnte seine hören.
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„Du weißt gar nicht, welch edles Wesen du bist“, erkannte der Drache.

„Was bin ich?“

„Schau mich an“, forderte er mich auf und ich konnte nicht anders als in seine roten Augen zu sehen und darin zu versinken. Ich spürte, wie sein heißer Blick den Nebel in meinem Verstand verbrannte. Mein Kopf drohte zu zerspringen, als ich mir meiner beiden Leben wieder bewusst wurde. Okuon und der grüne Drache nahmen gemeinsam den Kampf gegen Tumbai auf und zerstörten ihn. Wir wischten alles weg, was der Kaiser über die Jahre in mich eingepflanzt hatte. Alles fiel mir wieder ein und ich empfand tiefe Verzweifelung über die Jahre, die der Kaiser mir genommen hatte. Ich wollte ihn zerfetzen und zerstören.

Um mich herum war Zwielicht und ich hörte ein lautes Brüllen, ohne mir richtig bewusst zu sein, dass ich es war. Endlich hatte ich meinen Drachenkörper wieder, spürte die Kraft und das Feuer. Ich allein war Herr meiner Gedanken. In mir war der tiefe Wunsch endlich wieder meine Schwingen auszubreiten und zu fliegen.

„Dann flieg, Cousin, du bist frei“, sagte der Schwarze Drache.

Ich wollte es und entfaltete meine Schwingen, aber da bemerkte ich das kleine, flackernde Leben, das hinter mir an einem Felsen kauerte und schluchzte.

„Vergiss ihn, ich kümmere mich um ihn“, bestimmte der Drache. Ich sah seine Gedanken, in denen er den Jungen genüsslich verspeiste.

„Nein, er gehört mir“, erklärte ich und wandte mich zu dem Jungen um, der mich voller Angst anstarrte.

„Bitte, tu mir nichts. Wir sind doch Freunde, Durai“, flehte er.

„Durai? Drachen haben keine Namen. Jetzt siehst du endlich, was ich bin und was dein Vater mir genommen hat“, donnerte ich. „Er hat mir alles genommen, mein Leben, meinen Willen, meinen Körper, meine Freunde.“

„Es tut mir leid“, schluchzte er und ich roch pure Angst in ihm.

„Dafür nehme ich ihm wenigstens seinen Sohn“, sagte ich kalt, erhob mich in die Luft und packte den Prinzen an den Armen. Mit ihm zwischen den Klauen verließ ich den Gipfel, wo der Schwarze uns befriedigt nachsah. Ich spürte sein Bedauern, dass ihm eine Mahlzeit entgangen war, aber er gönnte mir meine Rache.

„Bitte, lass mich nicht fallen“, stöhnte der Junge.
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Eine Weile flog ich schweigend. Suchend sah ich mich um, die Berge und ihre Gipfel erstrahlten in Licht und Leben. Mich wunderte ein wenig, dass ich ein Drache war, obwohl es noch Tag war, aber ich wusste, dass ich in keinem meiner beiden Körper je wieder gefangen sein würde. In diesem Moment fiel mein Blick auf ein weit entferntes Felsplateau. Dort war, was ich suchte.
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Punktestand der Geschichte:   382
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Kommentare zur Story:

  Toll, wie sich ganz allmählich eine innige Freundschaft zwischen dem Sohn des Kaisers und Okuon entwickelt. Doch der Hass des Drachenwesens auf den Kaiser ist groß. Besonders spannend fand ich jene Szene, wo der Prinz versucht Okuon unbedingt davon abzubringen den Zaubertrank zu sich zu nehmen. Das war direkt rührend.  
   Petra  -  14.11.09 20:50

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Das war aber ein besonders schönes Kapitel. Sehr einfühlsam beschreibst du die innerliche Zerissenheit Okuons. Sehr spannend und echt schilderst du, wie ihm der kleine Prinz hilft, wieder der zu sein, der er war. Der schwarze Drache scheint gar nicht so grausam zu sein, wie gedacht. Er gönnt es Okuon, Rache am Kaiser zu nehmen. Der kleine Prinz hat Angst vor Okuon und bereut bestimmt, dass er diesem zuvor geholfen hatte. Ganz tolle Story.  
   Jochen  -  13.11.09 21:40

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