Die Zauberin von Vreen (6. Kapitel)   316

Romane/Serien · Fantastisches

Von:    Robin van Lindenbergh      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 31. Oktober 2007
Bei Webstories eingestellt: 31. Oktober 2007
Anzahl gesehen: 1355
Seiten: 11

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


- Teil 2 -



6. Igraines Fluch



Auf der kleinsten der Dracheninseln regnete und gewitterte es eigentlich ständig – eine uralte Kraft sorgte dafür. Deshalb konnte man sie auch mit zwei Worten beschreiben: düster und feucht. Niemand hätte sich diesen öden, verregneten Felsen wahrscheinlich freiwillig als Wohnstatt ausgesucht, aber Igraine und ihrer Familie war kaum etwas Anderes übrig geblieben als hier ihre Burg zu errichten. Näher als diese Insel konnte sie Vreen nicht kommen und somit schaffte sie es ab und zu genug Kräfte zu mobilisieren, um die Hauptinsel zu betreten. Immer nur kurz, aber wenn Fiora einmal tot war, würde sie nicht mehr hier leben müssen.

Igraine kochte vor Wut und niemand war so dumm, ihr in dieser Verfassung zu nah zu kommen. So nah wie heute war sie dem Sieg noch nie gewesen und dann hatte diese verflixte kleine Hexe alles kaputt gemacht. Kaum zu glauben, dass in ihren Adern dasselbe Blut fließen sollte. Verflucht sollten Fiora von Avalon, diese verdammten Magier und dieser liebeskranke Prinz sein. Schon im Sumpf hatte er ihren wundervollen Plan zunichte gemacht und hätte er nicht ihre Wächter am Weltenportal überwältigt, säße Fiora immer noch unwissend in der Menschenwelt fest. Ja, verflucht sollten sie alle sein, die sie ihr ihr Geburtsrecht auf die Mächte von Vreen streitig machten. Aber das sollten sie eines Tages büßen.

„Pickeus“, brüllte sie nach ihrem Diener. „Pickeus, wo steckst du schon wieder?“

Der Troll hatte sich vorsichtshalber vor den Wutausbrüchen seiner Herrin in Sicherheit gebracht und lugte erst einmal vorsichtig um die Ecke.

„Ihr habt gerufen, Herrin?“ fragte er unschuldig.

„Ja, du nichtsnutziger Troll. Wo bist du gewesen?“ fuhr sie ihn an.

„Ihr hattet mir doch einen Auftrag gegeben.“

„Den du anscheinend nicht ausgeführt hast. Wieso lebt Fiora noch? Wieso hast du ihr das Gift nicht gegeben, als du die Gelegenheit hattest? Wahrscheinlich hast du deine Zeit wieder mit Kartenspielen vertrödelt.“

„Oh nein, da irrt Ihr Euch. Ich hatte es schon beinahe geschafft, aber dann tauchte plötzlich so ein merkwürdiger Vogel auf. Er hat sie beschützt.“

Dieser verflixte Prinz schon wieder. Genauso hatte er auch schon ihre Wachen ausgetrickst.
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Er musste es gewesen sein. Voller Wut schleuderte Igraine einen vollen Weinkrug, der zufällig in ihrer Reichweite stand, gegen die Wand. Der Becher zerbrach und die rote Flüssigkeit ergoss sich über den Boden.

Pickeus war nicht so dumm zu bleiben. Es war sicherer für eine Weile zu verschwinden.



Die ganze Nacht hatte Fiora sich in ihrem Bett herumgeworfen. Um kurz vor zwei war sie dann wieder soweit gewesen, das Portal zu benutzen und sich wieder in Fiona DeWitts einfaches Leben zu flüchten. Aber dann war zwei Uhr zweiundzwanzig gekommen und verstrichen und sie war hier geblieben, in Vreen, zuhause.

Sie hatte an Leonas gedacht, wie sehr sie ihn liebte, wie abgrundtief sie ihn verachtete. Er hatte sie beschützt, belogen, nach hause geholt, aus ihrem Leben gerissen, verwirrt… Sie wusste nicht, wie sie ihm gegenüber fühlte und sich verhalten sollte. Beim Frühstück hatte sie ihn angeschwiegen.

Beinahe war sie froh darüber, dass Pelleas sie gleich danach zum Trainieren abgeholt hatte, lenkte es sie doch ein wenig ab. Er bestand darauf, verstärkt mit ihr zu üben, besonders nach den Ereignissen in der Stadt und vielleicht hatte er auch geahnt, dass sie Leonas im Moment aus dem Weg gehen musste.

„Habt ihr wirklich Leonas verboten, mir die Wahrheit zu sagen?“ fragte sie nach einer Weile.

„Ja“, gab er zu. „Wir befürchteten es würde dir schaden. Ich habe dir doch gesagt, dass Zauberei eng mit den Emotionen verbunden ist und deshalb hatten wir Bedenken, deinen Gemütszustand so in Aufregung zu versetzten. Es war keine leichte Entscheidung, für keinen von uns und glaub mir, ich hätte nicht mit Leonas tauschen wollen.“

Zu viele Gedanken spukten in ihrem Kopf herum und es war unmöglich auch nur ein bisschen Konzentration aufzubringen. Keiner der Steine bewegte sich heute auf ihren Befehl. Nachdenklich setzte sie sich auf eine der Gartenbänke. Auch Pelleas sah ein, dass das Training sinnlos war und nahm neben ihr Platz.

„Sag mal, wie lange sind wir eigentlich schon… verheiratet?“ fragte sie. Je mehr sie darüber nachdachte, umso sicherer wurde sie, dass Pelleas es ihr gestern hatte sagen wollen. Hätte Igraine sich nicht eingemischt, sie hätte wahrscheinlich auf eine bessere Art die Wahrheit erfahren.
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„Morgen sind es genau zwei Jahre, zwei Monate und eine Woche.“

Sie rechnete kurz nach. „Dann bin ich an...?“

„...eurem Hochzeitstag verschwunden“, vollendete er ihren Satz. „Ich hatte ja schon viel früher mit eurer Vermählung gerechnet, aber ihr beide habt euch immer ein wenig schwer getan. Als dein Vater Goran und deine Mutter Alessia bei einem Kampf gegen Igraines Vater starben, warst du noch sehr klein. Der König und die Königin nahmen dich auf und Leonas und du seid wie Bruder und Schwester aufgewachsen. Deshalb hat es auch so lange gedauert, bis ihr endlich eingesehen habt, was ich schon lange wusste. Das war ein hin und her zwischen euch beiden. Manchmal war es kaum zum aushalten… Ihr wolltet eure Flitterwochen auf Avalon verbringen und seid dann gleich nach der Feier abgereist, aber irgendwie hatte es Igraine geschafft, an diesem Tag das Land zu betreten. Vielleicht waren wir Magier unaufmerksam, vielleicht hatte sie Hilfe, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall erwartete sie euch bereits in Avalon. Sie griff aus dem Hinterhalt an überwältigte Leonas. Dann erpresste sie dich, dass sie ihn töten würde, wenn du dich nicht ergeben solltest. Ihr hattet keine Chance. Seitdem war Leonas kaum einen Tag zu Hause. Er nutzte jede Möglichkeit, um in die Menschenwelt zu reisen und dich zu suchen. Wegen dieser blöden alten Prophezeiung gab er sich die Schuld an dem, was passiert war.“

„Was für eine Prophezeiung?“

„Dereinst wird ein König in Vreen regieren, wird sein Herz an die Oberste Zauberin verlieren. Und wenn dieser Tag kommt in großer Ferne, stehen für Vreen nur noch schlechte Sterne. Sind weltliche Macht und Magie dann verbunden, kommen für Vreen die schrecklichen Stunden. Ein Unglück wird uns ereilen, schrecklich und schwer, von Vreen wie es war bleibt dann gar nichts mehr“, zitierte Pelleas das Orakel.

„Was soll denn der Quatsch?“

„Wir haben viele solcher Prophezeiungen und an allen ist irgendetwas dran. Leonas glaubte, diese hier würde von euch sprechen und dein Verschwinden wäre das Unheil, was uns für den Fall eurer Heirat geweissagt worden ist. Außerdem meinte er, er hätte dich besser beschützen müssen.“

„Aber das ist doch Blödsinn“, entfuhr es Fiora. „Ich habe Igraine gesehen, es gab nichts, was er gegen sie hätte ausrichten können.
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“ Wieder sah sie die Bilder, die sie immer und immer wieder in ihre Träume verfolgten.

„Genau das habe ich ihm zu erklären versucht“, bestätigte er, „aber er wollte nicht auf mich hören.“

„Ich muss zu ihm.“ Sie sprang auf und wollte gehen, aber er hielt sie zurück.

„Warte, diese Emotionen müssen wir nutzen, dann ist mein Training wenigstens nicht ganz umsonst gewesen. Meinst du nicht, du würdest ihn in einer anderen Gestalt viel schneller finden?“

„Du meinst...?“ fragte sie aufgeregt.

„Genau. Lektion zwei: Die richtige Verwandelung. Von Illusionen hast du ja nie viel gehalten.“

„In was soll ich mich denn verwandeln?“

„In alles, was du willst, außer natürlich einen Spriggan.“

Nicht, dass Fiora auch nur eine Sekunde diese Option in Erwägung gezogen hätte. „Warum nicht in einen Spriggan?“ Es interessierte sie einfach schon alleine deshalb, weil alle andauern diese Drohung benutzten. Aber bevor er antworten konnte, überfiel sie eine Erinnerung. König Belyn saß an ihrem Bett und erzählte ihr eine Geschichte. Sie war noch ein kleines Mädchen und liebte es, wenn Leonas’ Vater ihr Märchen erzählte. Ganz genau konnte sie sich an die Geschichte nicht erinnern, aber es ging um einen bösen Zauberer, der am Ende vom großen Merlin in einen Spriggan verwandelt wurde. „Ich weiß“, hatte der König den Merlin zitiert, „dass du dich aus jeder Verwandlung befreien kannst, aber ein Spriggan wirst du ewig bleiben. Du wirst vergessen, wer du einmal warst und bis an das Ende deiner Tage in dieser abstoßenden Gestalt leben.“

Fiora kam langsam wieder in die Gegenwart und fühlte Pelleas’ besorgten Blick auf sich. „Geht es dir gut? Vielleicht sollten wir es doch besser lassen.“

„Nein, mir geht es sehr gut. Mir ist nur gerade etwas wieder eingefallen.“ Die Erinnerung hatte sie ihrem Leben in Vreen wieder ein Stückchen näher gebracht. Jetzt wurde es Zeit, dass sie ihrem Leben mit Leonas auch näher kam. „Lass uns anfangen!“

„Meinetwegen.“ Er stellte sich hinter sie und flüsterte ihr leise ins Ohr. „Schließ deine Augen und konzentriere dich auf das, in was du dich verwandeln möchtest.
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Sie tat, wie er gesagt hatte und schloss die Augen. Es war gar keine Frage, was aus ihr werden sollte. Schon von ihrem ersten Tag hier, hatte sie wissen wollen, wie es war sich als mächtiger Raubvogel in den Himmel aufzuschwingen. Sie konnte sich das Gefühl genau vorstellen, wenn der Wind durch die Federn fuhr und das Gefühl des Losgelöstseins und der Freiheit.

Als sie die Augen wieder öffnete, war die Welt um sie herum sichtlich gewachsen. Sie drehte den Kopf und blickte an sich herunter und sah nur noch Krallen und Federn. Tatsächlich hatte sie es geschafft, sie war ein Vogel, wenn auch leider eher ein Spatz als ein Raubvogel.

Pelleas beugte sich zu ihr hinunter und nahm sie vorsichtig in die Hand. „Na, wenn es das ist, was du wolltest, gar nicht schlecht. Dann flieg mal los und finde deinen Prinzen.“

Sie wollte noch etwas sagen, aber aus ihrer Kehle kam nur ein leises Zwitschern. Dann warf sie Pelleas vorsichtig in die Luft und sie begann automatisch zu fliegen.



Von oben betrachtet war Vreen noch viel schöner, als Fiora es sich vorgestellt hatte. Der weiße Palast und die grün leuchtende Burg, der glitzernde Fluss, das tiefe, türkis schimmernde Meer, das alles formte ein Bild wie aus einem Traum. Sie zog in einem weiten Kreis um den Palast und ließ sich den weichen Sommerwind durch das Gefieder streichen.

Leider war Leonas nirgends zu sehen, aber dafür sah sie eine andere Gestalt, die sie kannte.

Der Zwergenmagier Aneirin stand zusammen mit einem Troll dicht an der inneren Stadtmauer, nahe der Burg. Die beiden unterhielten sich aufgeregt, während der Zwerg sich immer wieder misstrauisch umsah, um festzustellen, dass auch niemand sie belauschte. Fiora wurde neugierig und landete so lautlos wie möglich auf der Mauer über den beiden, versuchte aber außer Sicht von Aneirin zu bleiben, da sie nicht wusste, ob er sie erkennen würde.

„Was soll ich ihr nun sagen, Magier?“ fragte der Troll gerade, der Fiora beim näheren Hinsehen sehr bekannt vorkam. Leider wusste sie nur nicht, woher sie ihn kannte.

„Sag ihr, dass es nicht nötig ist. Wenn sie nur ein paar Tage wartet, wird sich das Problem von alleine lösen“, antwortete der Zwerg.

„Das wird sie nicht gerne hören.
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Geduld war noch nie ihre große Stärke.“

Aneirin resignierte. „Na, dann soll es wohl so sein. Ich sehe keine andere Möglichkeit mehr, aber es tut mir leid, schließlich ist er Belyns Sohn.“

Damit verschwand das ungleiche Gespann in den Gassen der Stadt.

Belyns Sohn? Die beiden hatten von Leonas gesprochen, oder? Aber was tat Aneirin so leid? Wer war sie? Und vor allem, woher kam Fiora der Troll so bekannt vor?

Ihre Neugierde war geweckt und sie folgte den beiden in sicherer Entfernung.



„Gib ihr einfach Zeit, es wird sich schon alles wieder einrenken“, erklärte Charis ihrem Sohn.

Trotz ihrer Position und ihrer Aufgaben, war sie im Herzen immer noch eine Bauerntochter aus Dragondal, hatte die Gartenarbeit immer geliebt und hätte sie sich auch durch nichts und niemanden verbieten lassen. Da der königliche Garten für ihre Zwecke nicht groß genug war, hatte sie sich draußen an den Mauern der Stadt ihr kleines Reich eingerichtet. Hier hatte sie ihre Ruhe und Abgeschiedenheit, hier war sie nicht die Königin, sondern nur Charis. Leider war es ihr heute nicht gelungen sich dort auch vor ihrer Rolle als Mutter zu verstecken, denn Leonas litt immer noch sehr unter der Geschichte mit Fiora. Er saß auf der niedrigen Mauer, die den Garten umrahmte, und beobachtete seine Mutter, die gerade Drachenblattwurzeln mit Erde anhäufelte.

„Bestimmt hast du Recht“, gab er zu, „aber ich... ich ertrage es einfach nicht, dass sie so kalt zu mir ist. Du hast es doch erlebt, während des ganzen Frühstücks nicht ein Wort.“

Charis stand auf und klopfte sich den Staub von ihrem braunen Arbeitskleid. „Ich weiß, ich weiß. Ich mag es ja auch nicht, wenn ihr euch streitet, dass habe ich noch nie, aber...“ Sie stockte, als sie sah, dass jemand auf den Garten zukam. „Sieh mal, ist das nicht Aneirin?“

Auch Leonas stand auf, um besser sehen zu können. „Ja, ich glaube, das ist er, aber wer sind die anderen beiden?“

Tatsächlich näherte sich der Zwerg nicht alleine dem Garten. Bei ihm waren ein kleiner, bärtiger Troll und eine Frau, deren Gesicht unter einer Kapuze verborgen war.

„Guten Morgen, Aneirin. Was führt Euch und Eure Begleiter schon so früh am Morgen hier hinaus?“ begrüßte Charis die Ankömmlinge.
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„Majestät, ich...“, begann der Zwerg.

„Ach, gib dir keine Mühe“, unterbrach ihn die Frau mit der Kapuze.

„Igraine! Was willst du hier?“ Leonas hatte die böse Zauberin sofort an ihrer Stimme erkannt und ergriff sofort Stab und Schwert.

„Man könnte sagen, ich bin nur deinetwegen hier, mein Prinzchen. Weißt du, ich habe bislang einen Fehler gemacht. Ja, auch mir passiert das ab und an. Da du kein Magier bist, habe ich dich unterschätzt. Hätte ich dich damals auf Avalon vernichtet, dann würde Vreen schon längst mir gehören.“

Charis geriet in Panik, dies war ein Moment der äußersten Gefahr. „Warum tut Ihr nichts Aneirin?“ drängte sie den Zwerg.

„Es tut mir leid, Majestät, aber ich kann nicht.“

„Elender Verräter.“ Leonas wurde einiges klar. „Dir haben wir es zu verdanken, dass sie Fiora und mich damals auf Avalon beinahe getötet hätte.“

„Das kann nicht wahr sein. Warum, Aneirin?“ fragte Charis. Sie konnte es einfach nicht glauben, schließlich war der Zwerg schon seit so vielen Jahren Mitglied des Rates, ein Verteidiger gegen die dunklen Mächte, ein Freund. Er konnte sie nicht an ihre schlimmste Feindin verraten haben.

„Ihr hättet Fiora damals nicht heiraten dürfen, mein Prinz“, erklärte der Zwerg. „Ein Kind aus eurer Verbindung hätte die Macht über das Reich und den Rat der Magier gehabt. Die alte Ordnung wäre zerstört worden. Ihr wisst, was die alte Prophezeiung sagt. Ich konnte nicht zulassen, dass ihr Unglück über Vreen bringt.“

Die alte Prophezeiung. Zu lange hatte das Orakel zwischen Leonas und Fiora gestanden. Er hatte sich Vorwürfe gemacht, weil ihr Verschwinden die Strafe für die Zerstörung des Gleichgewichts war.

„Genug jetzt“, bot Igraine der Unterhaltung Einhalt. „Dieses Kind wird es nicht geben und ohne dich wird die arme Fiora ganz sicher wieder zurück in die Menschenwelt wollen und ich werde endlich Herrscherin von Vreen, so wie es mir von Alters her zusteht.“

Sie nahm die Hand von Aneirin und ihre Zauberkräfte verbanden sich. Nun hatte sie genug Macht, um das zu tun, was sie wollte. Niemand konnte sie mehr aufhalten.



Fiora hatte Aneirin und den Troll bis vor die Mauern der Stadt verfolgt, wo sie sich mit Igraine getroffen hatten.
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Sofort hatte sie sie erkannt. Was wollten die drei hier draußen und was hatte Aneirin mit Igraine zu schaffen?

Als die drei Charis’ Garten erreichten, verstand sie zu spät, was die böse Zauberin vorhatte. Sie hätte sofort zurückfliegen und Hilfe holen müssen, aber dafür war nun keine Zeit mehr. Nicht einmal Hafgan oder Pelleas konnten wahrscheinlich so schnell hier sein. Das Problem war nur, dass sie im Moment viel zu aufgeregt war, als dass sie sich hätte genug konzentrieren können, um sich zurückzuverwandeln.

Igraine machte sich zum Angriff bereit und Fiora sah nur eine einzige Möglichkeit. Sie stürzte sich herunter und flog ihrer Feindin mitten ins Gesicht. Leider war sie kein gewaltiger Raubvogel und hatte zudem eine Sekunde zu lange gezögert. Rote Strahlen schossen bereits aus Igraines Händen, aber zumindest konnte sie nicht richtig zielen.

„Nein, was habe ich getan?“ schrie Aneirin und löste augenblicklich seine Verbindung zu Igraine.

Igraine schlug ärgerlich mit der flachen Hand nach dem verrückt gewordenen Vogel, sodass er in einem weiten Bogen auf den Boden geschleudert wurde und betäubt sitzen blieb. Ein einzelner dunkler Blutstropfen rann ihr über die Wange, unter dem linken Auge hatte sie einen schmalen Kratzer. Ärgerlich wischte sie das Blut beiseite und nun sah auch sie, was passiert war. Ihr Angriff war keineswegs ins Leere gegangen, sondern sie hatte Charis statt ihres Sohnes getroffen. Leider hatte der Zauber auch nicht wie geplant getötet, sondern die Königin versteinert.

„Was hast du getan?“ fragte Aneirin sie entsetzt. „Du hast gesagt, der Zauber würde ihn in die Menschenwelt schicken, wie Fiora damals. Du hast versucht ihn zu töten und sie versteinert.“ Er wandte sich gegen Igraine, denn das hatte er anscheinend wirklich nicht gewollt.

Auch Leonas löste sich aus seinem Schockzustand und drohte mit seinem Stab der bösen Zauberin.

„Deine Zauberkraft ist geschwächt, alter Zwerg, und du mit deinem Stab, mein Prinzchen, bist doch kein Gegner für mich“, sagte Igraine siegesbewusst.

„Vielleicht kann ich die Sache ein wenig ausgleichen.“ Niemand hatte Pelleas bemerkt, der nun plötzlich hinter Igraine stand.
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Wie alle Kobolde hatte er das Talent, sich fast lautlos bewegen zu können.

Igraine war zwar Macht besessen, aber nicht dumm. Gegen den Stab der Magier und zwei ausgewachsene Zauberer hatte sie alleine keine Chance. Sie hatte ihre Rache gehabt, zwar anders als geplant, aber trotzdem wirkungsvoll. Man würde Aneirin jetzt aus dem Magierrat ausschließen und ohne Fiora würde ihre Zeit bald kommen, denn drei Zauberer waren nicht genug, um Vreen vor ihr zu schützen. Sie musste nur Geduld haben und die hatte ihre Familie schließlich schon seit Jahrhunderten. In einem roten Feuerrad verschwand sie mit ihrem Gehilfen.



Pelleas beugte sich hinunter und hob den kleinen, völlig erschöpften Vogel vom Boden auf. „Na, du hast wohl vergessen, wie man sich zurückverwandelt?“ Der Vogel sah ihn erwartungsvoll an. „Schließe deine Augen und jetzt stell dir vor, wie es ist, ein Mensch zu sein. Erinnere dich, wie es ist, wenn man spricht oder geht. Stell dir das Gefühl von Gras unter deinen nackten Füßen vor.“

Fiora konnte nicht sagen, wann es passiert war, aber auf einmal war sie wieder ein Mensch. Ihr tat zwar alles so weh als hätte sie ein Bus angefahren, aber dennoch galt ihr erster Gedanke Charis und Leonas.

Die Königin war tatsächlich komplett versteinert und wirkte wie eine sehr lebensechte Statue aus schwarzem, glatt poliertem Gestein. Selbst in diesem Zustand erkannte man Fassungslosigkeit und Schrecken auf ihrem Gesicht, nun für immer so erstarrt.

Ihr Sohn stand bestürzt neben ihr. Jetzt, nachdem Igraine fort war, war er blass geworden und Entsetzen und Unglaube entstellte seine Züge. Alle seine Energie war verschwunden und Fiora erkannte, dass das Schicksal seiner Mutter über seine Kräfte hinausging.

Auch sie fühlte sich leer, so als hätte Igraine ihr heute die zweite Mutter geraubt und dass, obwohl er genau genommen schon die dritte war. Ihre leibliche Mutter Alessia hatte Igraines Vater getötet, ihre Mutter auf der Erde schien nur eine Illusion gewesen zu sein und die einzige Mutter, die sie wirklich gekannt hatte, stand nun vor ihr hart und kalt und auf ewig erstarrt.

Wenn es ihr schon so ging, wie sollte es Leonas da gehen. Er hatte die einzige Mutter verloren, die er je gekannt hatte.
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Seine Mutter, ihre gemeinsame Mutter.

Einem inneren Impuls folgend, schloss Fiora ihn in den Arm. Seine Nähe zu spüren schien ihr Halt zu geben und sie hoffte, dass es auch ihm Halt und Trost spenden würde. Auf jeden Fall ließ er es geschehen und eine Weile standen sie so eng umschlungen da und sie spürte sogar, dass er weinte. Beide weinten. Die Ereignisse der letzten Tage, alles, was zwischen ihnen gewesen war, war in diesem Moment völlig bedeutungslos.

Dann löste er sich von ihr und ging zu seiner Mutter. Vorsichtig und liebevoll strich er über den glatten, kalten Stein.

„Du hättest nicht eingreifen dürfen, Fiora“, sagte er mit von Tränen erstickter Stimme.

„Aber dann hätte sie dich erwischt“, erinnerte ihn Pelleas und auch er klang nicht so, als würde ihn Charis’ Schicksal nicht berühren, „und ich vermute, dich nur zu versteinern war gar nicht ihr Ziel. Hätte sie ihre komplette Kraft eingesetzt, hätte sie dich wahrscheinlich getötet.“

„Ihr drei seid doch die größten Zauberer von Vreen. Ich bitte euch, helft ihr“, flehte Leonas.

„Nicht einmal unser weiser Hafgan kennt Mittel gegen solchen Fluch“, musste Pelleas ihn enttäuschen.

„Es war ein Fluch und kein Zauber? Aber sie hat doch nichts gesagt.“ Leonas löste seinen Blick von Charis und wischte entschlossen die Tränen weg.

Pelleas nickte. „Es war zwar ein lautloser Fluch, aber eindeutig ein Fluch. Wieso?“

Auch Fiora verstand nicht, warum das einen Unterschied machen sollte. Zauber oder Fluch, was für einen Unterschied machte das für Charis?

„Flüche gehören doch eher ins Handwerk von Hexen“, fuhr Leonas fort und man konnte hören, dass er sehr aufgeregt war.

„Ja“, bestätigte Pelleas, immer noch recht ratlos dreinblickend. „Aber ich glaube nicht, dass die Stadthexe…“

„Vergiss sie“, unterbrach ihn Leonas. „In dem Gasthaus, wo du den Trollen begegnet bist, erinnerst du dich Fiora?“

Fiora dachte zurück und tatsächlich wurde ihr plötzlich klar, wovon Leonas sprach.

„Die Hexe von Kar!“ fiel Fiora glücklich ein.

„Die Hexe von Kar“, bestätigte er.

„Wer soll das sein?“ fragte Pelleas, dem es anscheinend missfiel von der Unterhaltung ausgeschlossen zu sein.
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Leonas erklärte es. „Sie ist die Stadthexe von Kar und soll jeden Zaubertrank und jeden bekannten Fluch kennen. Wir müssen zu ihr!“

„Worauf warten wir dann noch?“ fragte Fiora. Sie fand die Idee prima. Auch sie erinnerte sich noch genau daran, wie der Troll von der Hexe geschwärmt hatte und für ein magisches Problem klang Hexe nach genau der richtigen magischen Lösung für Charis. Diese Mutter würde sie nicht an Igraine verlieren.

„Wer hat denn gesagt, dass du mitkommst?“ wollte Leonas wissen, die Chance auf Rettung machte ihm wieder neuen Mut. „Die Reise ist zu gefährlich.“

„Wer hat denn hier die mächtigen Zauberkräfte? Ich oder du? Ich komme natürlich mit. Ich will dabei helfen, Charis zu retten.“ Damit war die Sache ausdiskutiert. Fiora würde sich nicht einfach so abschieben lassen.

„Eine Hexe?“ Pelleas war anzusehen, dass er Hexen nicht mochte, denn diese stinkenden Frauenzimmer waren zu rein gar nichts zu gebrauchen. Sie logen und betrogen und nutzten ihre Macht nur zu ihren eigenen Gunsten. Trotzdem würde er natürlich mitkommen, denn niemand kannte sich so gut in Kar aus wie er und für ein Abenteuer mit seinen Freunden war er immer zu haben.

Aneirin stand etwas abseits und traute sich kaum, den Kopf zu heben. „Ich weiß, dass ich nichts tun kann, um das wieder gutzumachen, aber auch ich möchte helfen.“

„Aneirin“, sagte Leonas bestimmt und seine Stimme war eiskalt, Fiora war sicher ihn nie so erlebt zu haben. „Ich werde Euch nie vergeben, was Ihr meiner Familie, meiner Frau und ganz Vreen angetan habt, aber Vreen ist auch so schon geschwächt genug. Ich lege den Schutz der Insel und meiner Mutter in Eure Hände und die Götter sollen Euch gnädig sein, wenn Ihr uns erneut hintergeht.“

„Ich weiß, dass ich es nicht verdient habe, mein Prinz, aber Ihr könnt Euch auf mich verlassen.“ Mit diesen Worten verschwand der Zwerg zusammen mit der versteinerten Charis.

„Es ist eine halbe Tagesreise bis Kar. Wir brauchen Reisekleidung, Proviant, Geld und Renons“, zählte Pelleas auf.

„Renons?“ fragte Fiora.

„So etwas wie Pferde“, erklärte der Kobold.
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„Gut, macht euch bereit und wir treffen uns in einer halben Stunde am Tor“, entschied Leonas. Er wollte keine Zeit verschwenden.
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UweB  -  05.12.07 12:09

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