Kurzgeschichten · Erinnerungen

Von:    ThiloS      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 28. Juni 2007
Bei Webstories eingestellt: 28. Juni 2007
Anzahl gesehen: 1295
Seiten: 4

I´m only human,

of flesh and blood I made

I´m only human

Born to make mistakes



- the Human League -





Für M. Und für mich. Und das, was hätte sein können.



Damals, als wir uns kennengelernt haben, war Louise 15 gewesen und ich 18. Ich hatte noch keinen faltigen Arsch und wenigstens ansatzweise Muskeln. Helmut Kohl war Bundeskanzler, die Russen böse, Human League liefen in den charts und wir feierten Louises 16ten Geburtstag mit dem Gang zur Apotheke und ihrer Entjungferung.



Louise und ich waren sehr straighte 6 – 8 Monate zusammen, danach ein paar Mal noch und weil ich so eine coole Sau war, habe ich ein paar Mal mit ihr Schluss gemacht, aber sie war doof und verliebt genug, mich immer wieder zu nehmen, wenn ich wieder angaloppiert kam.

Das war ganz witzig und hat mein Ego soweit gestärkt, dass ich sie auf dem Gipfel meiner Coolness mit meinem besten Freund verkuppelt habe, um ihr zu zeigen, wie cool ich bin und wie wenig sie mir bedeutet, sie war locker genug, die gleiche Coolness an den Tag zu legen und hat mir dadurch gezeigt, wie viel sie mir bedeutet und was für ein riesiger Idiot ich bin.



Da war dann der Zug nach irgendwo auch schon mal ohne uns abgefahren, ich lernte meine jetzige Frau kennen, wir verloren uns aus den Augen, aber doch nie aus den Augenwinkeln, denn auch, wenn wir nicht mehr zusammenkamen – wir hielten Kontakt. Hier mal ein kurzer Kaffeetrinkbesuch, da mal ein geschwindes Schwätzchen, dort mal ein Telefonat und unser beider Geburtstage haben wir nie vergessen.



Und dann hat sie, die mehr gescheiterte Beziehungen als Dieter Bohlen hinter sich, dadurch aber wenigstens einen total lieben Sohn bei sich hat, mal wieder Geburtstag, wird 37 und weil ich es einrichten kann, beschließen wir ein Rendezvous mit viel Zeit in ihrem Schtetl.



Und da hocken wir nun, wir beiden Exlover, satte 22 Jahre nach dem ersten Kuss in irgendeiner pseudomexikanischen Kneipe zusammen und schauen uns in die Augen. Natürlich, auch Louise ist älter geworden, aber weit weniger älter als ich. Sie hat immer noch Kleidergröße 36, immer noch diese weichen Haare, diese verdammtverdammt grünen Augen und die kleinen Fältchen an den Rändern machen sie nur noch reifer und hübscher, und auch, wenn ihr das Leben ein paar Sommersprossen wegradiert und die Lachfältchen etwas tiefer gegraben hat, aus dem hübschen Mädchen ist eine sehr schöne und reife Frau geworden, die weiß, wo sie steht und was sie will.
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Und leider auch, was sie nicht will.



Und wir reden. Und reden. Über ihre Beziehungen, ihre Eltern, ihre Verhältnisse und gescheiterten Affären mit Typen, die sie „Blondie“ nennen und deren Namen sie mit einem „y“ wie „Richy, Franky und Andy“ abzukürzen pflegt, über sie, über mich, meine Familie, meine Ehefrau und es ist, verdammte Scheiße, so, als hätten wir uns nie getrennt, als wäre ich ihr nie fremdgegangen, als hätte ich ihr nie „…dann leck mich doch am Arsch“ gesagt.



Ich sehe sie an und sie könnte von mir aus auch Vorträge über die Wuppertaler Kanalisation oder die Aufzucht von Stachelrochen halten, ich will sie einfach nur ansehen und ihre Stimme dabei hören. Wir kichern wie die Teenager, teilen uns eine Taco-Platte und meinen nicht-alkoholischen Longdrink aus zwei Strohhalmen, stecken die Köpfe auf weniger als die anstandshalber einzuhaltenden 10 cm zusammen und, leck mich Ärmel, ja, sie wäre eine Option gewesen. Wahrscheinlich. Glaube ich.



Ich bin glücklich verheiratet, habe eine hübsche Frau und drei Kinder.



Louise habe ich nicht.



Weil ich sie nicht gewollt habe. Oder zu sehr gewollt habe. Weil ich den denkbar ungünstigsten Augenblick für einen Heiratsantrag gewählt habe. Weil sie die Nacht mit meinem damals noch besten Freund, diesem nach mir zweitblödesten Arschloch der Welt, verbracht hatte und ich sie dann zu Hause aus dem Schlaf gerissen habe. Und da hat sie „nein“ gesagt, diese intelligente dumme Nuss.



Und natürlich reden wir darüber. Wie es gewesen wäre, wenn. Wie es wohl verlaufen wäre. Ob es gepasst hätte. Wo wir heute möglicherweise stünden. Ich schaue in ihre grünen Augen, erzähle, mutmasse, glaube, dass es vielleicht funktioniert hätte, ich labere ihr Scheiße aufs Ohr, höre mich selbst irgendwann wie einer dieser verdammten alten Männer an den schmierigen Theken von schmierigen Restefickenabschleppschuppen an, weil ich mich laut frage, ob mich meine Frau so eigentlich denn versteht oder nicht, sehe über mir ein Neon-Transparent leuchten, in denen mit drei Ausrufezeichen und dem unvermeidlichen Einser das Wort „Vollidiot“ wie eine Warnlampe blinkt und Louise sitzt da und grinst.
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Sie sieht das Neon-Transparent nämlich auch.



„Ich würde nie etwas mit Dir anfangen, weil Du verheiratet bist“ sagt sie und sie hat verdammt Recht damit. Und auch wieder nicht. Denn sie wäre die einzige Frau, die dieses Risiko wert wäre. Und auch das weiß sie. Und deswegen grinst sie. Ich habe mich immer für den Stärkeren von uns beiden gehalten. Ich war es nie. Aber auch das hat sie immer gewusst. Und ich habe ihr weh getan. Vielleicht, nur vielleicht, tu ich das immer noch, schlicht weil ich da bin, weil ich nie aus ihrem Leben verschwunden bin.



Ich hoffe, dass es so ist, denn wenn ich ihr immer noch weh tun kann, wenn sie mich immer noch sehen will, dann heißt das, dass ich ihr immer noch etwas bedeute und ich will mir einreden, dass ihre sämtlichen Beziehungen nach der Unseren nur daran gescheitert sind, weil sie so einen wie mich nämlich nicht mehr gefunden hat. Ich will fest daran glauben, denn in all den Jahren, in denen wir immer wieder telefonierten und uns kurz sahen, in all diesen Jahren war immer ein Gefühl da, tiefer als Freundschaft, schätzungsweise nicht so tief wie Liebe. Vielleicht eine Mischung aus Zuneigung, Obsession und Nostalgie, denn damals, als Helmut Kohl noch Bundeskanzler und die Russen noch böse waren, waren wir jung und voller Hoffnung und Zuversicht und ohne Bausparvertrag, Rentenbescheid, Rechtschutzversicherung und Annuitätendarlehen.



Wir einigen uns darauf, dass Umarmen kein Betrug ist, dass das herzlich aber unverbindlich ist, Küsse aber tabu sind, weil Louise weder meine Ehe, noch mein reines Gewissen noch unsere Freundschaft und das, das tiefer als Freundschaft ist, nicht zerstören möchte (hey, Honecker und Breschenew haben sich auch geküsst, ohne etwas miteinander zu haben, aber das Argument dringt nicht durch) und als wir gehen, stecke ich das unbenutzte Erfrischungstüchlein des mexikanischen Lokals ein, worauf sie schelmisch lächelt und mich fragt, wie ich jenes unbenutzte Erfrischungstüchlein meiner Frau zu erklären gedenke.
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Das Tüchlein fliegt zurück auf den Tisch.



Sie war immer die Stärkere. Immer. Und das Leben hat ihr den dazu passenden Feinschliff verpasst. Nur ein sehr dummer Mann würde sich mit dieser Frau ernsthaft anlegen.



Wir umarmen uns zum Abschied und ich genieße es, Louises Haar zu riechen und ihren Körper zu spüren. Wir verabschieden uns wie zwei Teenager, wir werden uns wieder sehen, irgendwo, irgendwann in dieser Galaxie, vielleicht in einem Jahr, vielleicht in fünf oder 10 Jahren, zwischendurch telefonieren, kleine Anekdoten austauschen und uns immer aus dem Augenwinkel im Blick haben.



Ich fahre nach Hause und sehe meine frisch gebügelten Hemden an der Garderobe hängen und meine drei Kids in ihren Betten liegen. Ich liebe meine Frau.



Ich kann das „Vollidiot“-Transparent wieder ausknipsen, ich bin daheim, willkommen im Leben des ThiloS, das so, wie es ist, einfach richtig und schön ist und so ist, wie ich es mir erträumt und letztlich eingerichtet habe. Es ist, wie es ist und ich bin alt genug, zu wissen, dass das Gras im Garten des Nachbarn immer grüner als die eigene Wiese ist.



Und doch… doch, vielleicht wäre doch noch etwas aus uns geworden. Ist aber nicht. Ätsch. Und auch das ist gut so. Louise ist nur ein Traum. Ein zugegeben schöner Traum, eine Vision einer Alternativwelt, einer freundlichen twilight-zone, die es nie gegeben hat und die es wahrscheinlich nie geben wird. Aber alleine der Gedanke an das „was, wenn“ wird - solange wir beiden leben – uns sicher immer beschäftigen.



Also: mich jedenfalls. Sie ist die Stärkere.



Brennt das „Vollidiot!!!1“-Transparent etwa immer noch?
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Punktestand der Geschichte:   39
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Kommentare zur Story:

  "Was wäre wenn" gibt es nicht, denn die Würfel sind schon viel früher gefallen.  
Schreckgespenst  -  30.06.07 18:11

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