With or witout you - 9. Wiedersehen   231

Romane/Serien · Romantisches

Von:    Conva      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 27. Januar 2005
Bei Webstories eingestellt: 27. Januar 2005
Anzahl gesehen: 1297
Seiten: 12

A/N: Tja, hat leider etwas länger gedauert. Hatte eine Schreibblockade und außerdem wenig Zeit wegen der ganzen Klausuren...

Bin mit dem Kapitel eigentlich immer noch nicht 100% zufrieden, aber besser wird es wohl nicht :-(

Ich wünsche euch trotzdem viel Spaß beim Lesen! (Und vergesst das Kommentieren nicht ;-) !)





~Wiedersehen~



Jeder Muskel schmerzte, ganz besonders aber mein gebrochenes Bein. Ich war nun schon seit mehreren Tagen unterwegs und fast am Ende meiner Kräfte. Ich schlief nur, wenn ich vor Müdigkeit gar nicht mehr anders konnte, rastete immer nur kurz zum Essen, und um Massai eine kurze Pause zu gönnen, dann ging es auch schon wieder weiter. Ständig fürchtete ich, von Reitern meiner Mutter eingeholt zu werden, die mich zurück nach Hause holen sollten. Auch die Gefahr der banditos wuchs, je mehr ich mich Paniculáta näherte.

Gerade grübelte ich darüber, was wohl mein Vater sagen würde, wenn ich ihm von der geplanten Hochzeit mit dem Comte erzählte, als ich plötzlich von weitem Reiter sah, die sich schnell näherten. Ich war mir zwar nicht sicher, doch vermutete ich, dass es banditos waren. Einen Fluch ausstoßend trieb ich Massai zu größerer Eile an und er verfiel von dem bisherigen gemäßigten Trab in einen schnellen Galopp, doch merkte ich bald, dass er nicht mehr so frisch war. Er strengte sich zwar an, doch kamen die Reiter immer näher. Vermutlich hatten sie ihr Lager im Wald, aus dem sie herausgekommen waren. Mit zitternden Händen (denn nun hatte ich doch ein wenig Angst) holte ich meine Pistolen hervor, meine Augen suchten den Horizont nach einem Ausweg ab. Dabei sah ich, dass sich mir noch eine zweite Reitergruppe von hinten näherte. Als ich noch einmal hinsah, erkannte ich, dass die zweite Gruppe auf die erste zuhielt. Wollten sich die beiden Gruppen vereinen? In der Ferne tauchten die Umrisse von Peniculáta auf, doch würden Massai und ich die Stadt wohl nicht mehr rechtzeitig erreichen. Warum war ich nur so leichtsinnig gewesen und hatte die Abkürzung über die Ebene genommen, statt auf dem Handelsweg zu beleiben? Auf dem Handelsweg hätte es vielleicht andere Reisende gegeben, die mir nun hätten beistehen können, doch nun näherte ich mich von der anderen Seite, wo sich außer mir und den banditos niemand befand.
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Fieberhaft überlegte ich, was sie wohl von mir wollten. Ich drehte mich nach der ersten Gruppe um. Ein Teil von ihr war abgeschwenkt, um der zweiten Gruppe entgegenzureiten. Plötzlich stutzte ich. Die banditos der ersten Gruppe waren mittlerweile so nahe, dass ich ihr wildes Geschrei und das Stampfen der Pferdehufe auf dem harten Boden hören konnte. Die Männer trugen bunte Gewänder wie die Gypsóphila doch waren eindeutig keine. Ihre Pferde trugen nicht das traditionelle Sattelzeug und waren alle viel grobschlächtiger als die Pferde des Volkes meines Vaters. Die zweite Gruppe jedoch trug einfarbige Kleidung in Blau. Soldaten! Einige Männer trugen auch graurote Uniformen, doch achtete ich nicht weiter darauf. Massai galoppierte noch immer gleichmäßig, doch war er inzwischen schweißbedeckt und fing an zu keuchen. Die Stadt kam näher und näher, der Wind trieb mir die Tränen in die Augen, doch war klar, dass wir es nicht schaffen würden.

Auf einmal knallte ein Schuss durch die nur vom Getrappel der Hufe und Keuchen der Pferde belebte Stille.

Massai stieg laut wiehernd und mit meinem verletzten Bein hatte ich keine Chance, ich fiel zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren wieder vom Pferd. Der Aufprall klang dumpf in meinen Ohren und raubte mir fast das Bewusstsein. Nur undeutlich registrierte ich, wie Massai buckelnd und auskeilend davon schoss, auf seinem weißen Fell glänzte eine rote Blutspur.

„MASSAI!!!“ schrie ich auf. Mein geliebtes Pferd! Was war mit ihm geschehen?

Schon näherten sich die Soldaten und griffen die banditos an. Drei Männer in grauroter Uniform jedoch ritten meinem Pferd hinterher und hatten es bald eingeholt und mittels eines Lassos eingefangen.

Ich schluchzte haltlos, als ich mein armes Pferd sah, welches sich gegen das Seil um seinen Hals wehrte. Weißer Schaum bedeckte seinen Körper und vermischte sich an seiner Flanke mit dem roten Blut.

„Alles in Ordnung, es wird alles wieder gut.“ hörte ich da eine beruhigende Stimme. Jemand kniete sich neben mir auf den Boden, nahm mich in die Arme und strich mir beruhigend über den Rücken.

Nach einigen Minuten gelang es mir, mich wieder halbwegs zu beruhigen. Als ich aufblickte, schaute ich direkt in die grünen Augen des Comte Senécio di Drýas! Einen überraschten Laut ausstoßend, wollte ich aufspringen, doch ein glühender Schmerz zuckte durch mein Bein und so wäre ich wieder hingefallen, wenn er mich nicht aufgefangen hatte.
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Seltsamerweise war ich mir plötzlich meiner selbst sehr bewusst. Ich musste schrecklich aussehen, völlig übermüdet und nun sicher auch noch mit rotverquollenen Augen vom Heulen. Doch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, wieherte Massai erneut.

Sofort ruckte mein Kopf zu ihm herum.

„Massai!“ sagte ich mit zitternder Stimme, was ihn selbstverständlich nicht im geringsten beruhigte. Noch immer wehrte er sich gegen die Männer, die ihn festhielten.

Der Comte half mir zu meinem Pferd hin, genau genommen trug er mich, was mir unendlich peinlich war (ich war doch kein Schwächling) und ich versuchte noch einmal mein Pferd zu rufen. Diesmal verbannte ich jegliche Angst und allen Schmerz aus meiner Stimme.

“Massai, mein Lieber, beruhige dich.“ Er schnaufte und von nahem erkannte ich, dass er zitterte. Doch waren meine Worte zu ihm durchgedrungen, und nach und nach beruhigte er sich, während ich ihm weiter sinnlose Worte zuflüsterte, die ganze Zeit dabei vom Comte gestützt.

Als sich jedoch einer seiner Männer (diejenigen in den grauroten Uniformen) daran machen wollte, die Wunde meines Pferdes genauer anzusehen, schnappte Massai nach ihm und nur der Geistesgegenwart des Mannes war es zu verdanken, dass er nicht gebissen wurde.

„Lassen Sie nur, ich mache das schon.“ sagte ich zu ihm.

„Unsinn, du kannst kaum stehen, wie willst du da seine Wunde versorgen.“ meinte der Comte.

„Massai lässt niemanden außer mir an sich ran,“ erklärte ich ärgerlich. „Ich muss es also machen. Und im Übrigen kann ich sehr wohl stehen, Ihr könnt mich also endlich loslassen!“ Ich schüttelte seinen stützenden Arm ab und wäre daraufhin fast umgefallen, doch ich fing mich gerade noch rechtzeitig.

Belustigt sah der Comte mich an. „Also schön, du versorgst die Wunden deines Pferdes, aber erst nachdem ich mir dein Bein angeschaut habe.“

„Blödsinn!“ entfuhr es mir. „Ihr werdet keinen Blick auf mein Bein werfen und egal wie Ihr es handhabt, bei mir werden die Pferde stets zuerst versorgt.
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Aber das versteht wahrscheinlich keiner, der nicht zu den Gypsóphila gehört.“ Mein Bein anschauen, also wirklich. Warum wohl waren Frauen gezwungen, so lange Röcke zu tragen, sogar bei den Gypsóphila – doch nur, damit Männer nicht einmal einen Blick auf die Knöchel einer Frau werfen konnten!

„Núphar, sei doch vernünftig. Massai hat offensichtlich nur einen Streifschuss abbekommen, du hingegen hast ein gebrochenes Bein, das dir eindeutig Schmerzen bereitet. Auch wenn du es mir wohl nicht zutraust, verstehe ich doch ein wenig von der Heilkunde. Jedenfalls genug, um dein Bein provisorisch zu schienen, bis wir zu einem Arzt gelangen.“

„Und wer hat Ihnen eigentlich erlaubt, mich beim Vornamen zu nennen?“ fauchte ich, seinen Einwand einfach ignorierend. Massai neben mir schnaubte unwirsch und warf seinen Kopf hoch. In der Ferne verebbte der Lärm kämpfender Männer, den Soldaten war es gelungen, die banditos zu überwältigen.

Für einen langen Moment sah der Comte mich an und mir fiel auf einmal auf, dass auch er müde wirkte. Er musste, genau wie ich, schon lange nicht mehr ausreichend geschlafen haben. Ich hatte wenig Schlaf bekommen, weil ich eventuellen Verfolgern entkommen wollte, er, weil er mich einholen wollte. Dann lächelte er zynisch und jegliches Mitleid, welches ich möglicherweise für einen Bruchteil einer Sekunde empfunden haben mochte, schwand bei seinen Worten: „Auch wenn es dir nicht behagt, so sind wir doch offiziell verlobt, woran sich auch durch deine unbedachte Flucht nichts ändert. Du darfst mich also auch gerne Senécio nennen!“

Ihm einen vernichtenden Blick zuwerfend knurrte ich: „Bestimmt nicht!“ Dann wandte ich mich an den Mann, der uns belustigt zuhörte, obwohl er offensichtlich ein Diener des Comte war. „Hol mir sofort einen Lappen und etwas Wasser, damit ich die Wunde erst einmal auswaschen kann!“

„Hör nicht auf sie, Sónchus!“ befahl der Comte. Zu mir gewandt meinte er: „Ob du willst oder nicht, erst werde ich mir dein Bein anschauen. Soll ich meinen Männern befehlen, dich dabei festzuhalten?“ Seine Augen schienen auf einmal viel dunkler zu sein und er schien kurz davor, die Geduld zu verlieren.

Zu meinem Leidwesen musste ich erkennen, dass ich nichts tun konnte. Meine Wangen brannten vor Scham über eine derartige Behandlung und unwillkürlich ballte ich meine Hände zu Fäusten.
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Die Lippen fest zusammengepresst schwieg ich.

Der Comte ließ sich nun von seinem Diener einen Beutel mit Verbandszeug bringen, dann half er mir überraschend sanft, mich hinzusetzten.

Massai stand einige Schritte hinter mir und beobachtete das Geschehen. Ich sah, dass er sein eines Bein kaum belastete und die Blutspuren in seinem Fell ließen mir wieder die Tränen in die Augen schießen. Alles war schiefgegangen! Nicht nur, dass ich nicht wie erhofft vor dem Comte hatte fliehen können, hatte ich auch noch zugelassen, dass mein geliebtes Pferd angeschossen wurde. Und statt mich nun um seine Verletzung zu kümmern, saß ich hier im Gras, während mir der Comte meinen Rock bis zum Knie hochschob. Dann zog er mir vorsichtig den knöchelhohen Stiefel aus. Meine Finger krallten sich in den Erdboden, denn jede Berührung oder Bewegung tat höllisch weh. Dass mein Herz wie wild klopfte, hatte sicher auch damit zu tun.

Mein Bein war mit zwei kräftigen Holzleisten geschient worden, dann hatte der Arzt einen festen Verband darum gewickelt, der so eng war, dass mein Blut nur gerade eben noch zirkulieren konnte. Die Holzleisten waren bei meinem Sturz jedoch beide zerbrochen. Ein großer roter Fleck, der sich langsam weiter ausbreitete, war auf dem Verbandsstoff zu sehen.

„Versuch dich zu entspannen!“ befahl der Comte. Und als er mein weißes Gesicht sah, fügte er hinzu: „Tu dir keinen Zwang an, wenn du ohnmächtig werden willst, es würde die Angelegenheit für uns beide angenehmer machen. Am Besten wäre natürlich, du würdest ein paar kräftige Schlucke Schnaps trinken, dann merkst du die Schmerzen nicht mehr.“

Ich schüttelte den Kopf und hätte ihm am liebsten eine kräftige Ohrfeige verpasst. Gerade setzte ich zu einer scharfen Erwiderung an, da stupste mich ein weiches Maul in den Nacken. Massai war zu mir gehumpelt und drohte nun dem Comte mit angelegten Ohren.

„Du hast da ein wirklich treues und edles Pferd.“ meinte dieser jedoch nur unbeeindruckt.

„In der Tat,“ knurrte ich. „Und würde ich es wollen, könnte ich ihn wie einen Schutzhund auf Euch hetzen!“ Dann gewann jedoch die Vernunft die Oberhand und ich streichelte Massais Nase.
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„Ist schon gut, mein Kleiner. Der böse Mann ist gleich fertig mit mir, und dann kann ich mich um dich kümmern. Achte gar nicht auf ihn, mein Lieber.“

Der Comte warf mir einen merkwürdigen Blick zu. Fast meinte ich, eine gewisse Traurigkeit in seinen Augen zu lesen. Unbehaglich murmelte ich ihm zu: „Nun macht schon weiter und verbindet endlich mein Bein!“

Schweigend machte sich der Comte wieder an die Arbeit und wickelte unendlich vorsichtig den alten Verband ab. Ich musste seine Geduld dabei bewundern, denn er schaffte es dadurch, mir kaum zusätzliche Schmerzen zuzufügen. Während er meinen Verband abwickelte schweiften meine Gedanken zu meinem Vater, als ich den Schmerz bewusst ausblendete. Wo mochte er wohl gerade sein? Wusste er inzwischen, dass ich verheiratete werden sollte und auf der Flucht zu ihm war? Ich wusste zwar nicht, wie er es anstellte, doch schien mein Vater immer über alles, was seine Leute betraf, bestens informiert zu sein.

Plötzlich schreckte ich aus meinen Gedanken auf, als der Comte scharf die Luft einsog. Ein Blick auf mein Bein zeigte mir, dass er allen Grund dazu hatte. Die Holzleisten waren gesplittert und hatten sich ein mein Fleisch gebohrt. Kein Wunder, dass die Schmerzen fast unerträglich war.

Einen Augenblick wurde mir doch schwindelig, doch dann klärte sich meine Sicht wieder und ich blickte in die grünen Augen des Comte. „Tapferes Mädchen!“ sagte er mitleidig. „Ich fürchte, das hier wird doch etwas länger dauern. Ich muss erst versuchen, all diese Splitter zu entfernen, bevor ich die Wunde desinfizieren und verbinden kann, um dann dein gesamtes Bein erneut zu schienen. Bist du sicher, dass du nicht doch etwas Schnaps haben willst? Es würde dir helfen, die Schmerzen zu ertragen.“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, keinen Schnaps. Aber in meiner Satteltasche habe ich einige Kräuter...“

Der Comte las meinen Blick richtig. „Wenn du dein Pferd lange genug beruhigen kannst, werde ich ihm den Sattel abnehmen. Um seine Wunde musst du dir wohl vorerst keine Sorge machen. Schau, sie hat schon aufgehört zu bluten. Wie ich vermutete habe war es nur ein Streifschuß.“

Er hatte Recht, das Blut auf Massais Fell verkrustete allmählich und im Moment konnte ich sowieso nichts für mein Pferd tun. Irgendwie schienen sich die Schmerzen verstärkt zu haben, seit ich ihren Ursprung gesehen hatte.
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Doch ich riß mich noch einmal zusammen. Um Massai zu beruhigen, durfte keine Angespanntheit und Unsicherheit in meiner Stimme liegen. Es würde auch so schwer genug werden, ihn davon zu überzeugen, den Comte an sich heranzulassen. Zu meiner Überraschung hielt Massai jedoch erstaunlich schnell still und lediglich die angelegten Ohren verrieten, was er davon hielt, nicht von mir abgesattelt zu werden.

In einer meiner Satteltaschen fand ich dann den kleinen Beutel mit den Kräutern, die ich von zu Hause mitgenommen hatte. Sie stammten aus Linárias Beet und wurden bei den Gypsóphila als Heilkräuter sehr geschätzt. Ich nahm ein paar Blätter einer bestimmten Pflanze, schob sie mir in den Mund und begann langsam zu kauen. Der Pflanzensaft schmeckte bitter, doch seine betäubende Wirkung ließ nicht lange auf sich warten.

„Ich hoffe, du kennst dich mit diesem Zeug aus!“ sagte der Comte stirnrunzelnd, als er erkannte, was ich da aß. „Ich bin zwar nicht sonderlich gut bewandert in der Heilkräuterkunde, doch weiß ich, dass man mit diesem Mittel sehr vorsichtig umgehen muss, und keinesfalls zu viel nehmen darf. Auch die Nebenwirkungen...“

„...sind kaum schlimmer als bei zuviel Schnaps. Und man hat zusätzlich den Vorteil, am nächsten Morgen nicht mit furchtbaren Kopfschmerzen aufzuwachen.“ unterbrach ich ihn. „Ich verstehe gar nicht, warum ihr Männer unbedingt soviel Alkohol trinken müsst, wenn die Folgen derart verheerend sind. Maiánthemum jedenfalls war nach einer durchzechten Nacht immer für den gesamten folgenden Tag in seinem Zimmer und...“

„Maiánthemum?“ Er warf mir einen schnellen Blick zu.

Fast meinte ich, eine Spur Eifersucht darin zu entdecken, doch dann rief ich mich selbst zur Ordnung. Die Pflanze wirkte bereits, mein Kopf und mein Körper fühlten sich seltsam leicht und schwerelos an, kein Wunder, dass mir die seltsamsten Gedanken durch den Kopf schossen. Doch wenn er mich so ansah mit diesen unglaublichen Augen, war es dann ein Wunder, wenn ich mir wünschte, er würde etwas für mich empfinden? Der Gedanke, dass dem nicht so war, versetzte mich in eine traurige Stimmung und darum klang meine Stimme wohl etwas wehmütig als ich erwiderte: „Maiánthemum ist einer von Linárias Brüdern.
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„Verstehe.“ Ohne ein einziges Wort machte er sich wieder an die Arbeit und begann damit, die Splitter aus meinem Bein zu ziehen.

Der kleine Rest meines Verstandes, den die pflanzliche Droge noch nicht beeinträchtigt hatte, fragte sich, ob es klug gewesen war, die Blätter zu kauen. Man konnte nie genau vorhersagen, wie man darauf reagieren würde, weshalb man das Mittel normalerweise nur unter Aufsicht eines Heilers und eines Verwandten einnehmen durfte. Es konnte passieren, dass man im Rausch die unmöglichsten Dinge sagte und tat. Man verspürte nicht nur deutlich weniger bis überhaupt keine Schmerzen mehr, sondern merkte auch keine Müdigkeit und Überanstrengung mehr. Es wurde erzählt, dass früher die Krieger diese Blätter kauten, bevor sie in die Schlacht zogen. Sie kämpften, bis sie buchstäblich vor Erschöpfung tot umfielen. Schüchterne Menschen kauten die Pflanze, um enthemmter und mutiger zu werden, Spirituelle Menschen kauten sie, um leichter an Visionen zu gelangen. Irgendwann wurde die Pflanze eine richtige Modedroge und die Leute hielten sich nicht mehr an die überlieferten Anweisungen, wie viel man ungefährdet einnehmen durfte, sie wollten immer nur noch mehr. Die daraufhin gehäuft auftretenden Vorfälle brachten dann den damaligen König der Gypsóphila dazu, die Pflanze bei schweren Strafen vollständig zu verbieten. Er hatte seine Schwester an die Pflanze verloren und befahl, sie auszurotten, wo immer man sie fand. Sein Sohn und Nachfolger auf dem Thron jedoch hielt es für angebracht, das Verbot zu revidieren. Nun war die Pflanze nur noch für rein medizinische Zwecke im Notfall zugelassen. Dass ich Blätter der Pflanze besaß verstieß eigentlich gegen unsere Gesetze, doch jetzt war ich froh darum. Sonst hätte ich die Prozedur sicherlich nicht durchgehalten.

Der Comte war noch immer damit beschäftigt, die Splitter aus meinem Bein zu ziehen. Eine kleine Falte hatte sich zwischen seinen Brauen gebildet und sein Mund war fest zusammengepresst. Während er derart konzentriert an der Arbeit war, hatte ich zum ersten Mal Muße, ihn in aller Ruhe zu studieren. Und was ich sah, gefiel mir gut – sehr gut! Fast hätte ich mich vorgebeugt, um ihm über sein rabenschwarzes Haar zu streichen, seine Wange, sein Kinn, seinen Mund zu berühren.
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Doch ein letzter Rest von Logik war mir geblieben und an den klammerte ich mich nun. Kein Wunder, dass die Pflanze nur noch unter strengen Bestimmungen verwendet werden durfte! Ich wagte gar nicht mir auszumalen, was passieren würde, wenn ich mich ihrem betörenden Locken ganz hingab. Ich wurde feuerrot, als mir plötzlich einfiel, was mir meine Mutter über die Aufgaben und Pflichten einer Ehefrau erzählt hatte. Zum Glück war der Comte zu sehr auf seine Arbeit konzentriert, um meine plötzliche Unruhe und das rote Gesicht zu bemerken. Überdeutlich war ich mir des hochgeschobenen Rockes und der sanften Hände Senécios bewusst. Irgendwann war er jedoch fertig und betupfte das Bein vorsichtig mit Alkohol, um die Gefahr des Wundbrands zu verringern. Dann verband er das Bein und schiente es anschließend mit einem Stock, den sein Diener in der Zwischenzeit aus dem Wäldchen geholt und zurechtgeschnitten hatte.

„Wie fühlst du dich?“ fragte Senécio mit einem prüfenden Blick auf mein Gesicht, als er zu guter Letzt den Rock wieder runterzog.

„Oh, gut. Wirklich gut. Sehr gut!“ Oh nein! Wie konnte ich deutlicher zeigen, dass mein Verstand beeinträchtigt war!

„Ich meine, du hast das wirklich gut gemacht. Mit dem Bein, meine ich. Obwohl es ganz schön gemein war, mir das aufzuzwingen. Also, das du mich vor all deinen Leuten verarztest.“ stammelte ich weiter.

Ein belustigtes Lächeln zeigte sich auf Senécios Gesicht. „Freut mich, dass es dir gut geht! Dann können wir ja jetzt aufbrechen, um noch vor dem Abendessen in Peniculáta einzutreffen.“

„Essen? Oh ja, essen wäre jetzt ganz toll!“ erwiderte ich. Die Vision einer festlich gedeckten Tafel stieg vor meinem inneren Auge auf. Brot, Pasteten, Käse, Suppe, gebratenes Fleisch... das Wasser lief mir im Mund zusammen.

„Wir sollten uns beeilen, bevor die Wirkung der Blätter nachlässt, und die Schmerzen so stark werden, dass du weder reiten noch essen kannst.“

„Aber Massai, ich meine, er ist verletzt.“

„Richtig, wenn du ihn beruhigen kannst, werde ich seine Wunde ebenfalls mit Alkohol behandeln.“

„Das wäre wirklich lieb!“ erklärte ich mit Nachdruck. Hatte jemand schon einmal so etwas Nettes für mich getan? Außer vielleicht meinem Vater, als er mir Massai schenkte, fiel mir niemand ein.
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Ich tätschelte Massai die Nase. „Der nette Mann wird dir jetzt etwas wehtun, Kleiner, aber keine Angst, er ist gaanz vorsichtig! Es wird kaum wehtun! Denn er hat...er hat....“ fast hätte ich wunderbar sanfte Hände gesagt, doch gerade noch rechtzeitig fiel mir ein, von wem ich da sprach, und vor allem, dass der Comte alles hören konnte! Ich wurde wieder rot und mir wurde leicht schwindelig, außerdem fand ich es auf einmal schrecklich heiß. Der merkwürdige Blick Senécios half dabei auch nicht gerade... Lahm beendete ich meinen Satz „...vielleicht doch ein Herz für Pferde.“

Senécio hatte die Wunde gereinigt und abgetupft, trotz der drohend angelegten Ohren Massais und seinem Schnappen. Selbst das Massai mit seinem Huf drohte schien ihn nicht weiter zu kümmern – er hatte offensichtlich viel Erfahrung im Umgang mit schwierigen Pferden und konnte gut mit ihnen umgehen, was ich Massai murmelnd mitteilte. Erst Senécios zufriedenes Grinsen brachte mir zu Bewusstsein, dass er wohlmöglich alles gehört hatte.

Doch er machte keine Bemerkung dazu sondern rief lediglich seinen Männern zu, sie würden jetzt aufbrechen, dann kam er wieder zu mir.

„Wo sind eigentlich die bösen Männer?“ fragte ich nicht sonderlich intelligent, um von meiner Verlegenheit abzulenken.

„Die Soldaten sind schon längst mit ihnen nach Peniculáta geritten. Und das wollen wir nun auch, wenn du dich dazu in der Lage fühlst.“

„Ich? Aber natürlich! Ich bin sozusagen absolut fit. Nur Massai...“

„Was denn, er ist doch jetzt verarztet.“

„Ja, das meine ich auch nicht. Ich wollte nur sagen, also... er ist doch verletzt.“ Irgendwie hatte ich vergessen, was ich sagen wollte. Der Mund des Comte hatte mich wohl etwas abgelenkt.

„Ja, Massai ist verletzt, aber er wird in der Lage sein, neben uns herzulaufen.“ antwortete der Comte geduldig.

„Ja, natürlich. – Neben uns? Was meinst du? Ich meine, ich weiß, dass ich ihn nicht reiten kann. Aber... oh, du hast ja Handpferde mitgebracht. Wie dumm von mir, ich kann natürlich eines der Handpferde reiten!“ Ich klatschte mir gegen die Stirn.

„Nein, du kannst keines der Handpferde reiten.
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Du bist gar nicht in der Lage dazu...“

„Heh, ich bin sehr wohl in der Lage...“

„Bist du nicht, du würdest in deinem Zustand nur runterfallen...

„So ein Blödsinn!“

„...und darum wirst du mit mir auf Sinápis reiten.“

„Was???“

„Wenn dir das nicht gefällt, kannst du auch bei einem meiner Leute aufs Pferd, aber ich würde es doch vorziehen, meine zukünftige Frau bei mir zu haben!“

„Zukünftige...aber...“ Mein Herz schien bei seinen Worten einen Salto zu machen, doch schon seine nächsten Worte konfrontierten es schmerzhaft mit der Wirklichkeit.

„Die politische Lage macht es nun einmal unumgänglich, wie werden da nicht drum herum kommen, also gewöhn dich lieber schnell daran und mach nie wieder so ein Dummheit und lauf einfach davon.“

„Ich bin doch nicht davongelaufen!“ erklärte ich beleidigt. „Ich habe doch nur meine Vater besuchen wollen. Eine Tochter wird das doch tun dürfen, ihren lieben Vater zu besuchen. Der hat bei der Angelegenheit vielleicht auch noch etwas zu sagen!“

Der Comte sah mich einen Augenblick an. „Verstehe“ sagte er dann.

„Was verstehst du? Du verstehst gar nichts. Niemals, nein, das glaube ich nicht, und du musst mich gar nicht so ansehen, so als wüsstest du alles über mich.“

„Nun, ich weiß eine ganze Menge nicht über dich. Viel zu viel ist mir unbekannt. Aber ich denke, ich weiß, warum du zu deinem Vater willst. Es tut mir Leid, Núphar, doch er...“

Sein Diener unterbrach ihn mit der Mitteilung, die Männer seinen fertig zum Losreiten.

„Also schön, dann wollen wir mal.“ Und damit fasste mich Senécio um die Taille und hob mich auf sein Pferd. Ich war so perplex darüber, mit welcher Leichtigkeit er das tat, dass ich gar nicht fragte, was er hatte sagen wollen, und meine Sprache erst wiederfand, als er sich schon hinter mir in den Sattel geschwungen hatte und sein Pferd in einen langsamen Trab fallen ließ.

„He, das ist aber bestimmt nicht sehr schicklich!“ protestierte ich halbherzig und nicht besonders geistreich. Sein einer Arm war fest um meine Mitte geschlungen, um mich festzuhalten, die andere hielt die Zügel in der Hand.

Er lachte jedoch nur. „Ich wusste gar nicht, dass du so auf Schicklichkeit bedacht bist!“

„Aber natürlich.
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Ich meine, als Frau muss ich doch... aber andererseits bist du mein Mann. Nein, ich meine, du wirst bald mein Mann sein. Darfst du mich dann so festhalten? Ich weiß es nicht. Meine Mutter wäre bestimmt nicht davon angetan. Sie übertreibt es aber mit der Schicklichkeit, weißt du? Sie ist immer so förmlich und korrekt, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass jemand wie sie mal etwas so Außergewöhnliches getan haben sollte, wie meinen Vater zu heiraten. Aber sie hat es getan. Wie dumm von mir, dass weißt du natürlich längst alles, aber sie ist wirklich unglaublich steif. Ich bin da ganz anders, ich ähnele wohl eher meinem Vater, was aber nicht unbedingt von Vorteil ist, wenn man sich so die Anstandsregeln der Gesellschaft betrachtet...“ Und so schwatzte ich weiter unsinniges Zug, nur um nicht daran denken zu müssen, wie nah ich Senécio war. Doch allmählich forderte die Erschöpfung ihren Tribut und die Augen fielen mir langsam zu.



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Sinápis - Senf
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Punktestand der Geschichte:   231
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  Der Comte wird mir immer sympathischer, auch wenn er es mal wieder verbockt, zuzugeben, dass er Nuphár nicht in erster Linie aus strategischen Gründen heiraten will.
Köstlich beschrieben, wie Nuphár langsam 'high' wird, hihi

LG  
ISA  -  31.07.05 04:08

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Sehr schön spannend und wie immer lebensecht beschrieben. Darum auch kein Held, der im Alleingang so und so viele Banditos zu Hackfleisch verarbeitet. Nuphar und der Comte sind mir gleichermaßen sympathisch. Mehr von diesen beiden!  
Doska  -  31.01.05 21:12

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