Es ging immer höher hinauf.
„Mein Gott! Wie hoch liegt das hier?“, fragte Buffy.
„Verdammt hoch“, sagte Spike. „Manche Berge in Idaho sind fast an die dreitausend Meter hoch. Und der Allerhöchste hat fast 4000 Meter. Es ist ein fantastisches Land!“
„Sind wir bald da?“, sagte Buffy, die schnell das Interesse verloren hatte. Berge? Wen juckt so was!
„Oh ja, hoffentlich“, meinte Spike, der ziemlich genervt aussah. Nicht die fünftagelange Reise hatte ihn geschafft, sondern vielmehr die vier Übernachtungen, die sie einlegen mussten in diesen dubiosen Drive-ins, die so an Gangster- und Horrorfilme erinnerten. Jedenfalls hatte Buffy sich recht anständig benommen und ihn nicht bedrängt. Spike glaubte, dass Morgans nahe Anwesenheit der Grund dafür gewesen war.
Jedenfalls ging es die letzten hundert Meilen ständig bergauf. Nicht, dass es die zweihundert Meilen davor nicht auch schon ständig bergauf gegangen war. Zum Arsch der Welt, wie Spike meinte. Gott, was hatte er sich nur dabei gedacht, als er hierhin fahren wollte. Die Leute waren bestimmt unmöglich. Aber andererseits war er es Gwydion schuldig, der Kleine musste seine Verwandten kennenlernen.
Lilah hatte allerdings nie etwasvon ihrem Schwager und ihrer Nichte erzählt. Seltsam war das. Andererseits hatten W&H es vielleicht nicht für nötig befunden, der wiedererweckten Lilah ihre gesamten Erinnerungen mitzugeben. Es war vielleicht hinderlich für die Interessen der Firma. Spike hatte das unbestimmte Gefühl, dass auch ihm einige Erinnerungen fehlten. Nein, das stimmte nicht, er hatte alle Erinnerungen, aber die passenden Gefühle dazu fehlten oder waren einfach nicht vorstellbar. Warum hatte er sich geopfert? Weil er die Jägerin liebte? Das konnte er sich nicht mehr vorstellen. Die Gefühle waren nicht mehr da, und es schien ihm unvorstellbar, dass er so etwas für sie getan hatte. Sein ganzes Verhalten damals in Sunnydale erschien ihm unvorstellbar. Diese Tussi und er in sie verliebt bis zum Exzess? Es war einfach nicht vorstellbar. Gewiss, sie war anziehend, aber sie war nicht sonderlich intelligent und auch nicht sonderlich originell, sie hatte eigentlich nichts von dem, was er an Frauen liebte. Was hatte sie, was war es gewesen? Und warum waren diese Gefühle weg? Manchmal schmerzte etwas in ihm wie eine alte Wunde, die immer wieder aufbrach. Aber natürlich verdrängte er sie, weil es nicht sein konnte.
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Nicht sein durfte. Warum nicht durfte? Fragezeichen über Fragezeichen. Waren die Gefühle manipuliert worden von W&H? Oder hatte er sie selber verdrängt? Jedenfalls konnte er sich besser an seine schlimmsten Zeiten als Vampir erinnern als an seine Gefühle im letzten Jahr in Sunnydale. Diese Gefühle waren einfach verschwunden.
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Auch Buffy grübelte vor sich hin. Sie musste immer noch an diesen Brief denken. Lilah hatte ihn ihr aus dem Jenseits geschickt, denn sie war zu diesem Zeitpunkt schon tot. Und Buffy konnte ihn mittlerweile auswendig hersagen:
An Buffy Ann Summers,
ich weiß nicht wie ich anfangen soll, denn an dem Tag, an dem Sie diesen Brief erhalten, werde ich wahrscheinlich schon tot sein. Ich hoffe aber von Herzen, dass auch die Organisation von Wolfram & Hart zu diesem Zeitpunkt tot sein wird. Leider haben solche Organisationen die Eigenschaft, wieder neu zu entstehen, solange noch Bruchstücke von ihnen existieren. Ich weiß von einer Filiale in Chicago, also in bedrohlicher Nähe.
Ich kann Ihnen nur eines verraten: Sie wollen die Kinder! Und sie haben Furchtbares mit ihnen vor. Ich habe keine Zeit, Ihnen die Einzelheiten zu schildern, weil ich mich nur kurz im Computersystem von W&H aufhalten konnte. Aber es hat mit der Sage um König Artus und seiner Halbschwester Morgan zu tun. Sie selber müssen ein Kind namens Morgan haben, dessen Vater wohl Spike ist. Ich habe auch ein Kind. Es ist nicht schwer, Gwydion zu lieben. Mein Sohn ist so wundervoll, dass ich drüber weinen könnte. Ich werde es nicht erleben, wie er heranwächst. Aber er braucht eine Mutter, das ist mein Appell an Sie. Die Kinder sollten zusammen aufwachsen, sie sollten sich kennen, denn das würde die Gefahr sofort verringern. Sie sollten in einer liebevollen Familie leben, sie sollten alle menschlichen Schwächen kennen, und sie sollten das Gute wählen, auch wenn es zu ihrem Schaden wäre. Das klingt hart, und es tut mir in der Seele weh, aber so wird es wohl sein müssen.
Ich glaube, Spike hat im tiefsten Inneren noch Gefühle für Sie, er ist sich derer aber nicht bewusst. Vermutlich sind diese Gefühle von W&H manipuliert worden, während er im Koma lag, aber mit der Zeit werden sie sicher zurück kommen.
Ich kannte Spike nicht als Vampir, ich weiß nur, dass der Mensch Spike es nicht verdient hat, an der Nase herumgeführt zu werden. Falls Sie ihn also wiedergewinnen wollen, dann sollten Sie es Ernst mit ihm und seinen Kindern meinen.
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Ihre Lilah Pendrag
Pendrag? Wieso Pendrag? Eigentlich hieß Spike ja mittlerweile mit Nachnamen Castaway. War Pendrag sein ursprünglicher Nachname? Und was hatte er zu bedeuten?
„Schau mal, Buffy!“ Spikes Stimme weckte sie aus ihren Gedanken. Sie schaute nach rechts und erblickte ein riesiges rosafarbenes Feld. „Was ist denn das?“, fragte sie aufgeregt.
„Das müssen Cranberrys sein“, sagte Spike. „Die wachsen hier auch wild, sind aber leider noch nicht reif. Es ist ein reiches Land, hier gibt es jede Menge Kartoffeln und Bodenschätze haben sie auch.“
Bodenschätze und Kartoffeln schienen Buffy nicht sonderlich zu interessieren, aber das rosafarbene riesige Feld hatte es ihr angetan. „Es ist wunderschön“, sagte sie versonnen.
Spike fuhr über ein Bahngleis und sah vor sich ein Schild: NEWCEM 3 Meilen. Sie hatten es fast geschafft. Und es ging immer noch bergauf.
Zur Linken sah man eine lange Bergkette und viele Orte, die sich an diese Bergkette schmiegten. Die Sicht war hervorragend und die Landschaft überwältigend. Hinter der Bergkette erhoben sich nämlich noch höhere Berge, die zartblau und wunderschön aussahen. Spike musste an eine alte Fernsehserie denken, nämlich: Am Fuße der blauen Berge.
Zur Rechten gab es ein Sägewerk, in dem man heftig sägte und fräste. Die Luft roch nach Harz und Holz. Dann endlich vor einer scharfen Rechtskurve ein Ortsschild, das verkündete: WILLKOMMEN IN NEWCEM.
Der Ort sah nett aus, wenn man Verfall als nett bezeichnen würde, aber in diesem Fall war der Verfall wirklich nett und malerisch. Das lag wohl an der Jahreszeit, die alles in ein frisches Grün tauchte. Spike fühlte sich an seine Heimat erinnert, in der auch so ein malerischer Verfall herrschte. Nein, nicht in London, sondern in einem Ort in Sussex, wo er als Kind immer den Sommer verbracht hatte.
Nach ein paar Sekunden Fahrt ging es nur noch nach rechts oder nach links, weil ein großer idyllischer Teich die Weiterfahrt versperrte. Außerdem sah man auf der anderen Seite des Teiches ein großes... nein, Schloss konnte man es nicht nennen. Ein großes altes Haus, das war es wohl.
Spike entschied sich, nach links zu fahren. Links sitzt das Herz, und neunzig Prozent aller Menschen wenden sich nach links, wenn sie vor der Wahl stehen: Rechts oder links! Und wo wohnte jetzt dieser Frederic Cemfort?
Spike fuhr die geschlängelte Hauptstraße entlang bis zum Ortsende, was circa zwei Minuten dauerte, sah das Schild 'LANDSEND 5 Meilen' und musste automatisch lachen, denn Landsend fand er zu komisch.
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Dann wendete er den Van, fuhr langsam zurück und versuchte krampfhaft einen Eingeborenen zu finden, der ihm Auskunft geben konnte. Was gar nicht so einfach war, denn es befand sich kein Mensch auf der Straße. Dieses Kaff NEWCEM war anscheinend nicht sehr groß. Spike schätzte es auf vielleicht tausendfünfhundert Einwohner, also auf recht klein. Endlich sah er ein verhutzeltes Weiblein, das gerade aus einer Haustür herauskam. Die Frau trug unter dem Arm ein glänzendes hellbraunes Brot, das aus einem Stück Fettpapier hervorlugte. Kam sie aus einer Bäckerei? Es sah eher aus wie eine normale kleine Wohnung mit einem winzigen Schaufenster, aber ohne was drin in dem Schaufenster, außer Gardinen.
Spike hielt sofort an und schwang sich aus dem Auto. „Tschuldigung. Frederic Cemfort. Wo wohnt der?“, fragte er für seine Gemütsverfassung sehr höflich - er hatte nämlich den Verdacht, dass man ihn verarscht und ihn in dieses Kaff gelockt hatte, wo es nicht die Spur eines Cemforts geben würde. Er hatte zwar schon mit diesem Cemfort telefoniert, und sein letztes Gespräch, in dem er seine baldige Ankunft angekündigt hatte, lag nur zwei Tage zurück. Aber die Telefonnummer konnte fingiert worden sein.
„Die Cemforts?“, fragte das verhutzelte schwarzgekleidete Weiblein, und ein Lächeln überzog sein mit tausend Knitterfalten übersätes Gesicht. „Fahren Sie dort hinten an der Strulle links ab und dann sofort wieder rechts. Da ist das Gut.“
Das waren seltsame kryptische Worte, mit denen Spike nicht viel anfangen konnte. Strulle? Hääää? Gut? Was gut? Spike hatte keine Ahnung, was das Weiblein meinte, bedankte sich aber trotzdem höflich bei ihm - stieg wieder in den Van und sagte entnervt: „Manchmal möchte ich mir das Rauchen wieder angewöhnen ...“
Buffy unterdes behielt ihre gute Laune, hielt die Klappe und freute sich auf die Dinge, die eventuell ihrer harren würden. Zum Beispiel eine Dusche.
Spike fuhr langsam ein paar Meter weiter, schaute aufmerksam nach links, bemerkte eine kleine Straße, das heißt einen größeren asphaltierten Trampelpfad, setzte den Blinker und fuhr nach links.
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Langsam an einer ... Ja, was war das? Schwer zu sagen. Es war möglicherweise diese Strulle, ein mit Steinen ummauertes Wässerchen, das wahrscheinlich in den Teich floss, den Spike bei seiner Einfahrt in den Ort bemerkt hatte. Was hatte das Weiblein noch gesagt? Genau: Dann direkt rechts! Spike riss das Steuer herum, fuhr direkt rechts herum und landete zu seinem Erstaunen in einem riesigen Hof. Links am Eingang des Hofes befand sich ein Torhüterhäuschen. Neuere Generationen hätten es vielleicht als Gästehaus bezeichnet. Oder als Poolhaus, in diesem Fall ohne Pool.
Spike fuhr ganz langsam weiter. Langsam vor allem, um keins von den gackernden Hühnern platt zu fahren, die gemächlich über den riesigen Hof stolzierten. Das wäre kein guter Einstand gewesen. Vor Spikes geistigem Auge erschien das Bild, wie er dem Besitzer des Gutes ein plattgefahrenes Huhn reichte – und wie dann der Besitzer des Gutes sagte: Nein, das ist keins von unseren. So platte Hühner haben wir nicht ...
Zur Rechten erstreckten sich riesige Stallungen mit großen hölzernen Toren und kleinen Fenstern
In der Mitte erstreckte sich ein riesiger Misthaufen mit dem ihm typischen angenehmen Landgeruch. Der Misthaufen roch in der Tat ziemlich angenehm, zumindest im Vergleich zu stinkendem Kunstdünger. Für eine gewisse Geruchskulisse ist auf jeden Fall gesorgt, dachte Spike belustigt und musste grinsen. Jetzt verstand er, was das Weiblein gemeint hatte: Es handelte sich um einen Gutshof. Ein Gut, natürlich ...
Aber weiter: Zur Linken, der Weg gabelte sich nämlich, und der Misthaufen war in der Mitte, befand sich eine kleine aus Natursteinen gemauerte Kirche, eine Kirche im Miniformat, eine protestantische Kirche, wie man sofort sah und sie war alt. Obwohl es in den Staaten gar nichts richtig Altes geben konnte, sah sie alt aus. Spike verstand allmählich den Sinn von Frederics Worten: Bei uns ist es recht altmodisch ...
Aus den Stallungen kam gerade ein vielleicht dreißigjähriger großer Mann heraus, er trug Gummistiefel und einen blauen Overall. Sein widerspenstiges schwarzes Haar war kurz geschnitten, und seine Figur war athletisch. Er nickte Buffy und Spike kurz zu und verschwand dann mit langen Schritten in dem Torhüterhäuschen, in dem Gästehaus oder in dem Poolhaus, je nachdem, was es nun wirklich war.
„Der sah aber gut aus“, sagte Buffy verträumt.
„Wolltest du nicht 'ne Dusche?“, fragte Spike bissig und schaute sie von der Seite an.
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„Dann nimm am besten 'ne kalte ...“
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