Die Belfast Mission - Kapitel 58   56

Romane/Serien · Fantastisches

Von:    Francis Dille      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 26. März 2026
Bei Webstories eingestellt: 26. März 2026
Anzahl gesehen: 163
Seiten: 15

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Kapitel 58 – Abschied für immer





Montag, 25. März 1912



Ike saß auf dem Wasserbett und ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Die Stille in der Schlafstube wurde nur vom stetigen Ticken des Rasselweckers durchbrochen. Er nahm den Wecker vorsichtig in die Hände und betrachtete ihn andächtig. Ein kurzes Schmunzeln huschte über seine Lippen. Das laute und schrille Rasseln am frühen Morgen hatte er immer gehasst. Er seufzte. Vielleicht würde er das Getöse jetzt irgendwann vermissen, weil es ihn an die Zeit in Belfast erinnern wird.

Nachdem Nicole Kalbach sich zurück zum 30. September teleportiert hatte, war Ike wieder allein auf sich gestellt gewesen. Doch diesmal war er disziplinierter und hatte sich Vincenzos und Nicoles Belehrungen über den Missbrauch von Alkohol zu Herzen genommen. Er hatte keinen Whiskey mehr getrunken, stattdessen hatte er wieder seinen Boxsack in der Pferdescheune aufgehängt, diesen einst Eloise aus Rinderleder gefertigt und mit Sägespänen gefüllt hatte, und in seiner Freizeit wieder eifrig Kampfsport gemacht. Täglich war er 10 Kilometer durch den Wald gejoggt und nachdem er zu Abend gegessen hatte, ging er immer zeitig schlafen.

Die Weihnachtsfeiertage hatte er mit Sam Brady und seiner Großfamilie verbracht, Silverster hingegen bei Matthew und Margaretha Kelly und deren Freunde von denen bekannt war, dass sie Alkohol verabscheuten. Ike zeigte seinen Freunden, indem er sich wieder zu ihnen gesellte, dass er den Tod von Eloise nun akzeptiert und sein Leben wieder im Griff hatte. Aber letztendlich machte er ihnen allen nur etwas vor, denn er beabsichtigte zu flüchten und die Gemeinschaft mit Sam und Matthew waren ein Abschied auf Raten, weil er sie sehr bald nie wieder sehen würde.



Nun war es soweit. Als Ike am frühen Morgen im Hauptquartier in seinem Postfach nachgeschaut hatte, lag ein Brief darin. Ein Brief von der Sicherheitszentrale, diesen Henry persönlich verfasst hatte. Sofort versteckte er das Briefkuvert in sein Jackett und ging aus dem Hauptquartier von Harland & Wollf schnurstracks in seine Schreinerwerkstatt, wobei er etliche Vorarbeiter begrüßte. In seiner Bürobaracke angekommen, verschloss er die Tür hinter sich und brühte einen starken Kaffee auf. Er wartete, bis der Teekessel zu pfeifen anfing, dann drehte er sich eine Zigarette und starrte dabei das Briefkuvert an, das auf seinem Schreibtisch vor ihm lag.
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Von draußen herein hörte er gedämpft die lauten Anweisungen seiner Gesellen und eine kreischende Kreissäge.

Er seufzte kurz und schob sich seinen Bowler etwas zurück, bevor er den Briefumschlag öffnete, das Schriftstück herausnahm und auffaltete:



„Hallo Ike,

Ich gratuliere dir, mein Junge. Mission erfolgreich abgeschlossen. Dein Exit steht nun fest, wir holen dich raus. Nächste Woche, am Montag den 1. April ist es soweit. Agent Dave wird dich dann besuchen und dir eine Handschelle anlegen. Sei unbesorgt, du hast dir nichts zu Schulden kommen lassen aber diese Maßnahme ist notwendig, um dich nach Hause zu holen. Es ist uns leider bislang nicht gelungen, den technischen Defekt deines Mikrochips zu beheben. Selbstverständlich darfst du aus deiner Gegenwart nicht einfach spurlos verschwinden, sondern du wirst deinen Job bei Harland & Wolff ordentlich kündigen müssen. Und zwar genau jetzt, heute, wo du diesen Brief am 25. März 1912 um ungefähr 7:00 Uhr morgens in deinen Händen hältst und liest.“

Ike warf einen kurzen, ernsten Blick auf die aufziehbare Uhr, die auf seinem Schreibtisch stand. Es war genau 7:11 Uhr. Er widmete sich wieder dem Brief zu.

„Gib als Kündigungsgrund einfach an, dass du aufgrund des Ablebens deiner Ehefrau wieder in deine Heimat, in die Niederlande zurückkehren willst. Die Angelegenheit mit dem aufgelösten Bankkonto wird sich ebenfalls in den nächsten Tagen aufklären. Ike, du solltest wissen, dass ich dich stets in Schutz nahm, weil ich an deiner Loyalität nie gezweifelt habe. Wir werden dem Dieb zuvorkommen und ihn schnappen, dann wird auch diese unangenehme Sache, die man dir anhängen will, endgültig aus der Welt geschafft. Die Sicherheitszentrale hat bereits Agenten entsandt, die weltweit jedes Bankinstitut überwachen. Ich habe auch schon eine neue Mission für dich. Du darfst dich freuen, denn du wirst im Deutschen Reich im Jahr 1936 observieren, noch bevor der 2. Weltkrieg beginnt. Das war schließlich immer dein größter Traum gewesen und nun erfülle ich ihn dir. Vielleicht wirst du dich fragen, weshalb ich dir diese Chance ermöglichen werde, obwohl du für einige Akteure wahre Gefühle empfunden und du aufgrund dessen die Belfast Mission manchmal gefährdet hattest. Ganz einfach, weil du trotz alledem deine Pflicht erfüllt hast und ich davon überzeugt bin, dass du aus deinen Fehlern gelernt hast.
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Du wirst dir im Nazi-Deutschland ein naives Fräulein angeln und sie heiraten. Die deutschen Frauen von damals bewundern starke Kerle wie du es bist. Du wirst diesbezüglich also ein leichtes Spiel haben. Wie immer. Verdreh ihr also ordentlich den Kopf, damit sie deine wahre Identität niemals hinterfragen wird und …



Noch bevor Ike Henrys überschwängliche Danksagung und erneute Glückwünsche gelesen hatte, zerknüllte er das Papier und schleuderte es achtlos über seine Schulter aufs Bett. Er hatte schon länger geahnt, dass spätestens der 1. April 1912 der Tag seines Exits sein würde, weil dann die R.M.S. Titanic der Rederei White Star Line übergeben wird. Überdies war bereits im Februar seine Arbeit vollendet. Alle Mikrokameras waren mithilfe von einigen Schleuser Anwärter, die zum ersten Mal ihren Dienst in der vergangenen Welt antraten und seinem Befehl unterlagen, verwanzt worden.

An diesen 1. April wird Kapitän E.J. Smith das erste Mal die Titanic betreten und das Kommando übernehmen, um die Probefahrt durchzuführen. Danach wird das Royal Mail Ship, die R.M.S. Titanic offiziell der White Star Line übergeben werden.

Im Brief war die Rede davon, dass Agent Dave ihm eine Handschelle überstülpen würde, damit er zum Checkpoint im Centrum erscheinen kann. Dann wäre er aber genauso gut ein Gefangener und könnte unmöglich flüchten. Ike befürchtete, dass dies eine Falle war und man ihn verhaften wollte. Irgendetwas schien der Geheimdienst ahnen. Henry hatte sich mit dem Brief selbst verraten, indem er zugab zu wissen, dass er für Eloise wahre Gefühle hegte. Nun wurde ihm klar, weshalb die Sicherheitszentrale sich nicht bemühte, Eloises Tod irgendwie rückgängig zu machen. Sie hofften darauf, dass Ike dadurch verzweifelt genug wäre, um diesen Lebensabschnitt für immer hinter sich zu lassen, um für eine neue Mission bereit zu sein.

Jetzt traute er auch Henry absolut nicht mehr. Das war doch eine offensichtliche Farce, ihm eine elektronische Handfessel anzulegen, glaubte er. Aber Ike lächelte zuversichtlich, denn scheinbar schien die Sicherheitszentrale sowie Henry ihn zu unterschätzen, was er für sich zum Vorteil nutzen wird.



Ike war fest entschlossen, seine eigene Mission zu erfüllen. Egal ob es gesetzwidrig ist. Es darf nur kein Zeitparadoxon entstehen, das war ihm wichtig. Er war fest entschlossen und es war ihm bewusst, dass er mit seiner Aktion unter anderem als ein Deserteur verurteilt werden würde, falls man ihn zu fassen bekäme.
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Seinen vorgegebenen Exit vorsätzlich zu ignorieren war meist offensichtlich und konnte nur bedeuten, dass man sich in jener Zeitepoche unerlaubt absetzen wollte. Um Eloise zu retten, musste er augenblicklich verschwinden, bevor Agent Dave mit Gefolge unverhofft an seiner Türe klopfen würde. Zwar sollte das nach dem Brief zufolge erst eine Woche später vonstattengehen, aber Big Brother is watching you und der Geheimdienst kann schließlich bedingt in die Zukunft der Vergangenheit einsehen, unvorhersehbare Ereignisse vorausschauen und dementsprechend handeln und lenken. Ike rechnete jetzt sogar damit, dass er sogar nachher während seiner Heimreise eventuell überraschend verhaftet werden könnte.

Überdies war er nun für Nicoles Schicksal verantwortlich, denn falls ihm die Agenten zuvorkommen, könnte er auch nicht zum 30. September 1911 zurückreisen. Allein würde Nicole diesen Angriff wahrscheinlich nicht bewältigen und überleben. Sie war zwar im Nahkampf unbesiegbar, aber die Feinde lagen verstreut auf der Lauer und waren zudem ebenfalls ausgebildete Soldaten, die jederzeit wachsam waren und instinktiv zu Handeln vermochten. Nicole war demnach auf seine Hilfe unbedingt angewiesen, und bereits vor Ort.



Außerdem plagte ihn ein weiteres Problem, das ihm ebenso wichtig war, wie das Leben von Eloise. Henry hatte in seinen letzten Zeilen erwähnt, dass seine schwerkranke Mutter immer noch im Memorial Hospital des Centrums liegen würde. Zwar hatte Henry ihm versichert dafür zu sorgen, dass die besten Mediziner sie auf Staatskosten behandeln würden, aber die tödliche, beinahe unheilbare CM-Krankheit war zu weit fortgeschritten. Seine Mutter konnte jeden Moment sterben, aber es gab eine Chance sie davor zu bewahren. Da nun Ike seit drei Jahren in der vergangenen Welt lebte, hatte sich sein Organismus dem Leben in der freien Natur vollständig angepasst. Die Mediziner erhofften sich, dass eine Bluttransfusion eventuell ihr Leben retten könnte, weil sein Immunsystem nun erheblich stärker geworden sei. Zufällig hatten Mutter und Sohn sogar dieselbe Blutgruppe und die Mediziner mutmaßten, dass sein Blut nun genügend Antikörper besitzen würde, um den Virus aus der fernen Zukunft, der sich in einer völlig sterilen Welt entwickelt hatte, mühelos vernichten könnte.

Solch ein Experiment wurde aber bislang nie gewagt, weil jeder Schleuser nach Beendigung seiner Mission vorerst in Quarantäne verbannt wurde.
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So lauteten die Vorschriften. Die freie Natur der vergangenen Welt war für die sterile Isolation von United Europe wiederum eine Bedrohung. Besonders war ein harmloser Grippevirus aus der vergangenen Welt gefürchtet, weil dieser sich über die Klimaanlagen und Sauerstoffumwandler rasch verbreitete und durchaus tödlich wirkte. Aber mit einer Einverständniserklärung seinerseits wären die Mediziner bereit, dieses Experiment zu wagen, meinte Henry.



Ike starrte vor sich hin und versuchte diese Angelegenheit nüchtern zu betrachten. Vielleicht war es nur ein Trick, um ihn nach Hause zu locken. Immerhin war es der Sicherheitszentrale bewusst, falls er nun irgendwo untertauchen sollte, dass er nicht mehr zu orten wäre. Somit könnte Ike ein neues Leben beginnen und sich mithilfe seines historischen Wissens einen erheblichen Vorteil in der vergangenen Welt zu verschaffen, dies selbstverständlich gesetzwidrig wäre. Außerdem traute er Henry nicht mehr.

Bis jetzt hatte Henry es nicht einmal in Erwägung gezogen, geschweige sich gar um eine Lösung bemüht, eine Akteurin, die aufgrund eines Einsatzes getötet wurde und eigentlich nicht hätte sterben dürfen, dieses fehlerhafte Ereignis ungeschehen zu machen. Diese Erkenntnis bestärkte nur seine Absicht und Ike rechtfertigte sein gesetzeswidriges Verhalten vor sich selbst damit, dass es niemals so weit gekommen wäre, wenn die Sicherheitszentrale seiner Bitte nachgegangen wäre und es wenigstens versucht hätte.

Aber für die Liebe zu einer Akteurin hatte Henry noch nie Verständnis gezeigt und er würde sein Vorhaben niemals gutheißen. Außerdem hatte Henry ihn bezüglich der Krankenversorgung seiner Mutter bislang nur hingehalten. Vielleicht war seine Mutter bereits gestorben, denn Vincenzo hatte ihn bisher nicht bestätigen können, dass Amelie van Broek bevorzugt behandelt wird. Seit seiner Zeitreise waren nun genau zehn Stunden vergangen, in dieser kurzen Zeit konnte das Schicksal seiner Mutter längst zugeschlagen haben. Und um dies herauszufinden, war Ike gezwungen zum Centrum zurückzukehren, aber das war ohnehin notwendig, um wiederum Eloise ärztlich versorgen zu lassen. Dieses Problem stand aber erstmal hinten an, denn ihm war bewusst, dass ihn eine SEK-Einheit am Checkpoint empfangen wird, sobald er dort mit einer Akteurin erscheint.
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Und überhaupt: Ike beabsichtigte seinen Exit zu ignorieren, sich dem Befehl der Sicherheitszentrale zu widersetzen, sich also dem Befehl des Staatspräsidenten Hendrik Klaasen zu widersetzen; sobald Ike am Checkpoint erscheint, würde er ohnehin verhaftet werden.



Ike musste durch das ganze Land reisen, vom nördlichen Belfast bis hinunter in den tiefen Süden Irlands, um an die Küste von Queenstown zu gelangen. Dort beabsichtigte er sich ein Ticket für die Zweite-Klasse der Titanic zu kaufen. Die Erste-Klasse wäre zu auffällig. Dort würde er von der Gesellschaft nur ständig beobachtet werden, überdies bestünde die Gefahr, dass er von einem wachsamen Agenten in der Sicherheitszentrale auf einen der vielzähligen Monitore entdeckt werden würde, schließlich waren hauptsächlich die Luxusetagen verwanzt worden.

In der 3. Klasse wäre er zwar absolut unauffällig, dort waren auch relativ wenige Kameras installiert worden, dafür wäre er aber auch in seiner Freiheit eingeschränkt und es würden sich erhebliche Probleme ergeben, sobald er versuchen würde, die First-Class-Ambiente zu betreten.

Die Tickets, welche er und Eloise damals von Mr. Thomas Andrews an ihrem Hochzeitstag geschenkt bekamen, waren für ihn praktisch wertlos. Diese hatte Ike schließlich mitsamt seiner schriftlichen Kündigung wieder abgeben müssen. Mr. Andrews würde daraufhin einen neuen Arbeiter in seiner Garantiegruppe aufnehmen, und zwar den wahren Vorarbeiter, der damals auch tatsächlich an Bord gewesen und untergegangen war. Somit wäre dann ein weiteres, geschichtliches Puzzleteile in das historische Geschehen hineingefügt und berichtigt worden, so wie es sich auch ursprünglich ereignet hatte.

Ike benötigte nur einen einzigen Koffer, um seine Klamotten und seine wichtigsten Gegenstände mitzunehmen. Unter anderem seine Medizin sowie die Nickelbrille. Obendrauf hatte er behutsam die zwei eingerahmten Fotografien gelegt. Einmal das Foto vor dem Zirkuszelt, worauf beide als ein frisches Liebespaar und Laika noch als Welpe zu sehen war, und das andere Sepiabild war sein Hochzeitsfoto.

Wieder seufzte er schwermütig, als er die eingerahmten Sepiafotos abwechselnd betrachtete und wünschte sich, die Zeit zurückdrehen zu können, dies er sogar eigentlich verwirklichen könnte, sobald er diesen einzigartigen Beamer in seinen Händen halten würde, dieser auf der Titanic beim Schiffsoffizier William Murdoch zu finden war.
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Vorsorglich hatte er eine Woche zuvor 300 irische Pfund vom Bankinstitut abgehoben, keinen Pence mehr und erst recht keine Dollar Währung, um aufgrund der Anschuldigung kein Aufsehen zu erregen.



300 irische Pfund wären eigentlich auch ausreichend, aber Ike benötigte unbedingt einen Smoking, um sich an Bord der Titanic unter den Prominenten des Zwanzigsten Jahrhunderts zu mogeln. So ein edler Herrenanzug war jedoch nicht billig und die Reise bis hin zum Süden musste ebenfalls finanziert werden. Ike hatte sich das alles so vorgestellt, dass er ausschließlich in bescheidenen Pensionen nächtigen und speisen wird, um Kosten einzusparen und hauptsächlich kein Aufsehen zu erregen. Überdies beabsichtigte er sein Pferdegespann, samt dem Fuhrwagen unterwegs zu verkaufen. Damit würde er vorerst über die Runden kommen. Weiter gehen sollte es, so hatte Ike es geplant, mit der Eisenbahn, denn auf diese Weise würde er schneller nach Queenstown gelangen.

Ike war zwar im Besitz aller erforderlichen Passwörter, also jeglicher Vollmacht, um unter anderem das Bankkonto von United Europe in jeder großen Stadtbank aufzulösen und somit ein wahres Vermögen zu unterschlagen, aber daran dachte er gar nicht. Niemals beabsichtigte er ein Reichtum zu ergaunern, und welche Bank wäre derzeit überhaupt fähig, einen derartigen Betrag sofort bar auszuzahlen?

Die haufenweisen Geldscheine würden obendrein einige Koffer benötigen, und dieses wertvolle Gepäck wäre für ihn zurzeit ein absolut hinderliches sowie lästiges Gepäck. Mittlerweile dachte er selbst darüber nach und rätselte, wer das Bankkonto des UE-Staates demnächst plündern würde.

Vielleicht irgendein Schleuser, der sich auf einer ähnlichen Art und Weise die Zugangsdaten für das Gemeinschaftskonto der Agenten verschafft hatte, wie er selbst? Schließlich schwirrten unzählige Schleuser und Agenten im Zeitkontinuum umher und vielleicht hatte einer von ihnen ein massives Problem, dies jener mit einem Haufen Geldnoten zu lösen versuchte.

Ike aber hatte nur einen einzigen Wunsch, und zwar; mit Eloise gemeinsam irgendwo in Amerika in Ruhe und Bescheidenheit zu leben, so wie es immer gewesen war. Zeitweise träumte er von einer eigenen Rinderfarm, irgendwo in der Nähe von Austin in Texas, oder sonst wo in Houston. Sobald er Eloise aus dem brennenden Automobil gerettet hätte, müsste er sie zwingend ins Centrum bringen.
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Und danach müsste er mit ihr wieder aus dem 25. Jahrhundert in die vergangene Welt flüchten. Aber dieses Problem stand sogar ganz, ganz hinten an. Zuallererst musste er Murdoch den Beamer wieder abnehmen.



Ike stellte seinen Koffer auf dem Fuhrwagen ab und blickte schwermütig auf das Haus, hinauf zur Dachgaube.

„Da müssen ja schon wieder einige Ziegeln ausgetauscht werden“, brummelte er vor sich hin.

Er blickte etwas betrübt drein, denn das war nun leider nicht mehr sein Problem. Dieses Haus war drei Jahre lang sein Zuhause gewesen, welches er mit seinen eigenen Händen erschaffen hatte. Er wusste, er würde dieses Haus, seine Heimat, niemals mehr wiedersehen.

Seinen Nachbar McEnrey hatte Ike gebeten, dass er auf sein Haus aufpassen sollte, bis es von neuen Eigentümer übernommen wird. Irgendwann würden adrette Herren mit ausgeprägtem französischem Akzent erscheinen und behaupten, dass sie dieses Haus erwerbt hätten, meinte Ike. Er klopfte dem Bauer auf die Schulter.

„Sei unbesorgt, McEnrey, die Fremden werden dich nicht stören. Ich habe das Haus an ein paar französische Wissenschaftler verkauft. Die beabsichtigen wahrscheinlich irgendwelchen neumodischen Schnickschnack zu erfinden. Du weißt ja, wie diese verrückten Franzmänner sind, haben nur Firlefanz im Kopf und tun dabei immer so geheimnisvoll. An deiner Stelle würde ich die gar nicht beachten“, sagte er augenzwinkernd, woraufhin ihm der Bauer nickend zustimmte.

Ike hatte den Bauer hauptsächlich darum gebeten, dass er für Laika sorgen aber sie keinesfalls wie einen Wachhund nur ständig draußen in einer Hundehütte anketten sollte, woraufhin McEnrey sein Ehrenwort gab. „Deinem Hund wird es bei mir sehr gut ergehen, junger Holländer“, versicherte er. „Selbstverständlich wird deine Laika bei uns in der guten Stube immer nächtigen dürfen. Neben meinem Kamin werde ich eine Wolldecke ausbreiten, das wird Laikas Platz sein. So war es der Hund auch immer gewohnt.“

„Ach ja, und das Reh … Ich weiß, es ist verlockend. Weil es zutraulich ist, kann man es kinderleicht erlegen und ein herrliches Gulasch und einige Braten daraus machen. Irgendwie ist es mir aber auch ans Herz gewachsen und ich bitte dich, McEnrey, dass du es seine Freiheit lässt“, sagte Ike verlegend lächelnd. „Sobald es merkt, dass fremde Leute da sind, wird es ganz bestimmt für immer verschwinden und im Wald eine neue Familie finden.
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McEnrey lachte und nickte. Auch darauf gab der Bauer sein Wort, dass er das zahme Reh, was sich auch von ihm mittlerweile bedenkenlos hatte streicheln lassen, nicht erlegen würde.



Ike seufzte bedrückt, als er niederkniete und Laika umarmte und streichelte. Obwohl er es immer nie besonders gemocht hatte, dass der Hund ihn, sobald er niederkniete das Gesicht abschleckte, er Laika daraufhin immer mit einem ausdrücklichen NEIN zurechtgewiesen hatte, ließ er die ausgiebige Schlabberei diesmal kommentarlos über sich ergehen.

Ike schloss seine Augen und erinnerte sich, wie Laika damals als ein kleiner Welpe seine Schirmmütze geklaut hatte. Das war für ihn der ausschlaggebende Beweis gewesen, dass dieser kleine Hund sein Hund war, dass es Schicksal war, was sie beide zusammengeführt hatte.

Der Schäferhund blickte ihn winselnd an, hechelte aufgeregt und schleckte ständig über sein Gesicht, als ob der Hund es spürte, dass sein Herrchen nun fortgehen und nie wieder zurückkommen würde. Das es ein Abschied für immer sein wird.

Ike atmete einmal tief durch.

„Du wirst schön brav sein und Mister McEnrey immer gehorchen! Verstanden?!“ Ike hob mahnend seinen Zeigefinger, woraufhin Laika ihre Lauscher anlegte und ihn treu anblickte. „Und lass die Hühner in Ruhe. Hast du gehört, Fräulein!“

Die Schäferhündin hechelte. Ike fasste ihre Schnauze und küsste darauf. Er drückte Laika liebevoll an sich und klopfte anerkennend gegen ihren Leib.

„Du bist ein toller Hund. Ich werde dich ganz doll vermissen und dich nie vergessen … Lebe wohl, Laika“, sprach er mit zitternder Stimme. Ike wischte sich seine feuchten Augen trocken und erhob sich abrupt.

Kaum hatte er mit dem Fuhrwagen das Hoftor passiert, flitzte ihm Laika hinterher. Ike blickte starr vor sich hin und ignorierte das Gebell des Hundes. Doch kurz bevor er den Hügel erreichte, weil Laika ihm ständig hinterherrannte, hielt er abrupt an und sprang vom Fuhrwagen herab. Keuchend stellte er sich vor seinem Hund.

„Mach es mir doch nicht noch schwerer, als es für mich ohnehin schon ist! Verschwinde, Laika!“, schrie er den Hund an und deutete energisch zum Haus hinüber. „Hau endlich ab! McEnrey ist jetzt dein neues Herrchen!“, brüllte er seinen Hund an.
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Laika setzte sich, ließ ein kurzes Brummeln von sich und schaute nur zu, wie Ike wieder auf sein Pferdegespann stieg und einfach davonfuhr. Ike rannen Tränen über seine Wangen, diese er sofort wegwischte, und er wagte es nicht noch einmal zurückzuschauen. Laika blieb auf dem Hügel brav hocken, streckte ihre Schnauze in die Höhe und jaulte zum Abschied wie ein Wolf. Immer und immer wieder.

Lebe wohl geliebtes Herrchen, lebe wohl. Ich werde dich niemals vergessen.



Ike führte sein Pferdegespann die ganze Nacht gen Süden und als er am nächsten Tag erschöpft die Grafschaft Monaghan erreicht hatte, verkaufte er die Pferde samt seines Fuhrwagens an verschiedene Käufer. Damit beabsichtigte er, die Geheimagenten, die ihn sehr bald verfolgen werden, in die Irre und sie auf falsche Fährten zu führen. Als er seine Pferde schwermütig verkaufte, streichelte er über ihre langen Schnuten, klopfte anerkennend auf ihren Leibern und flüsterte in ihre Lauscher, dass er sie geliebt hatte und bedankte sich bei ihnen, für ihren Dienst bei Wind und Wetter, weil sie ihn weder im eiskalten Winter noch im warmen Sommer frühmorgens im Stich gelassen hatten.

Ebenso hatte Ike etwas schwermütig auf seinen Fuhrwagen geschaut, nachdem dieser seinen Besitzer gewechselt hatte. Doch dann schmunzelte er. Dass die Lenkachse unbedingt reparaturbedürftig ist, hatte er dem Käufer verschwiegen, weil es sonst den Kaufpreis gemindert hätte.



Nachdem Ike in einer Pension in der Stadt Mullingar in der Provinz Leinster verbracht hatte, gedachte er, weiter mit der Eisenbahn zu fahren. Er stand mit seinem dunkelblauen Herrenanzug und Bowler bekleidet frühmorgens um 8:00 Uhr am Bahnhof. Im englischen Nordirland hätte man ihn sofort als einen Vorarbeiter von Harland & Wollf erkannt, aber hier mitten in Irland sah er nur wie ein gewöhnlicher Gentleman aus.

Die Eisenbahnlok bremste schnaufend ab und es kreischte und quietschte auf den Schienen. Das Signalhorn des schwarzen Ungetüms pfiff ohrenbetäubend laut, sodass sich die Knaben mit den Schirmmützen ihre Ohren zuhielten und dabei kicherten. Dann stiegen einige Leute aus den Wagons heraus sowie gleichzeitig hinein.

Ike wartete einen Moment, blieb mit seinem Koffer stehen. Er wurde ständig angerempelt, was er mit seinem Outfit in Nordirland nicht gewohnt war und erstaunt umherblickte. In jenem Augenblick fühlte er sich etwas unsicher, als würde er abermals eine fremde Welt betreten.
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Ein Schaffner hielt sein Megaphon in die Höhe und verkündete somit lautstark, dass die nächste Haltestelle Kilkenny, danach Waterford und als Endstation Queenstown wäre. Ike seufzte und war erschöpft. Müdigkeit übermannte ihn. Ein Abschied für immer fühlt sich ähnlich an, wie eine Niederlage. Nur anders. Wesentlich schmerzvoller, weil sich dann selbst die schlimmsten Erinnerungen plötzlich schön anfühlen.



Bekleidet mit seinem dunkelblauen Herrenanzug und Bowler betrat Ike ein unbesetztes Abteil der Zweiten-Klasse, schloss die Schiebetür hinter sich und hoffte, dass er die Fahrt über allein bleiben würde. Die Einsamkeit war ihm nur recht. Die Reise bis nach Queenstown würde den ganzen Tag und die ganze Nacht bis zum nächsten Mittag andauern. Als er seinen Koffer über der Sitzreihe im Hängenetz verstaut hatte, bemerkte er draußen im beengten Gang einen jungen Mann mit seiner Ehefrau und Kind, die mit zwei Seesäcken bepackt dort offensichtlich verweilen mussten.

Plötzlich ertönte das laute Pfeifsignal der Lokomotive, woraufhin Ike das Schiebefenster des Waggons runterzog und sich hinauslehnte. Es ruckelte, zischte und qualmte. Die riesigen Speichenräder der Dampflokomotive drehten durch, dann bewegte sich dieses schwarze Ungetüm langsam schnaufend vorwärts, während zeitgleich dunkler gewölbter Qualm aus dem mächtigen Schornstein stoßweise emporschoss. Die Geschwindigkeit nahm langsam Fahrt auf.

Ike blickte starr dem Bahnhof hinterher und sah zu, wie einige Leute mit ihren Taschentüchern winkten. Für ihn war es ebenso ein Abschied, ein Abschied für immer von einem Lebensabschnitt: Von der Belfast Mission, die er drei Jahre zum größten Teil glücklich lang gelebt hatte. Jedenfalls hatte er sich in Belfast drei Jahre glücklicher gefühlt als sein ganzes Leben davor im Centrum.



Die Eisenbahn nahm Geschwindigkeit auf und zog einen dunkelschwarzen Rauchschweif hinterher. Als die Lok laut tutend eine lange Kurve fuhr, direkt in ein Waldgebiet hinein, und der Bahnhof von Monaghan nicht mehr zu sehen war, zog Ike das Fenster herunter und ließ sich erschöpft auf die Sitzbank zurückfallen.

Er blickte kurz aus seinem geschlossenen Abteil hinüber zu der jungen Familie. Sie hockten im Gang auf dem Boden beisammen und schienen fröhlich zu sein.
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Sie unterhielten sich angeregt und lachten dabei. Ike blies die Backen auf, kramte in seinem Koffer rum und holte die Bibel heraus.

Insbesondre interessierte ihm das Neue Testament, weil Eloise ihm ständig daraus persönlich gelesen hatte, wenn sie spät abends im Bett gelegen hatten. Eloise war schon immer eine begabte Vorleserin gewesen, die Geschichten gestikuliert und feurig schildern konnte. Die Apostelgeschichten in der Bibel oder die Bücher von Mose aus dem Alten Testament hatte sie immer spannend vorgelesen. Da war sie manchmal sogar aus dem Wasserbett gestiegen und interpretierte, wenn er es nicht verstanden hatte. Wenn Ike in der Bibel las, erinnerte er sich und hörte innerlich die Stimme von Eloise.



Ike döste immer wieder ein und klappte irgendwann die Bibel zusammen. Wieder sah er aus seinem Abteil hinaus zum Gang und beobachtete die junge Familie, die seit Stunden auf dem Boden hockte. Die Sonne ging langsam unter; man konnte das gleichmäßige Rattern auf Schienen permanent vernehmen.

Sie verspeisten zum Abendessen grad ein halbes Laib Brot und teilten sich einen Kringel Fleischwurst, als Ike einfach die Schiebetür öffnete. Der junge Mann war ungefähr in seinem Alter, dieser stand sofort auf und zog respektvoll seine Schirmmütze ab.

Das gleichmäßige Geräusch eines fahrenden Zuges auf Gleisen war immerzu präsent.

„Entschuldigen Sie, Sir. Wir-wir stören Sie doch hoffentlich nicht“, stammelte der junge Mann, während er nervös seine Schirmmütze knetete.

Ike blickte den Gang entlang, rechts wie links, und entdeckte weitere Familien, die im Gang auf dem Boden hockten, aßen oder mittlerweile schliefen. Er schaute verdutzt in die anderen Abteile, die unterbesetzt waren und in denen nur einige Herrschaften saßen, ihre Zeitungen lasen und die Ladys vor sich hindösten. Manche der Zweiten-Klasse Abteile waren sogar gar nicht besetzt.

„Warum hausen Sie mit ihrer Familie im Gang auf dem schmutzigen Boden?“, fragte Ike verwundert. „Beabsichtigen Sie etwa, mit Ihrem Kind und Ihrer Gattin hier in der Tat zu nächtigen, bis wir Queenstown erreicht haben?“

Seine Ehefrau richtete ihr Käppi, erhob sich ebenfalls und blickte Ike verschüchtert an.

„Entschuldigen Sie bitte, Sir. Wir haben nur eine Fahrkarte für die Dritte-Klasse, aber da ist kein Platz mehr. Der Schaffner hat uns erlaubt, im Gang der Zweiten Klasse zu übernachten.
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Jedoch keinesfalls im Gang der Ersten Klasse. Wenn unsere Anwesenheit Sie aber stört, werden wir uns selbstverständlich woanders einen Platz suchen, wo man uns duldet.“

Ike schob seinen Bowler etwas zurück und kratze sich die Stirn, während er zusah, wie die junge Familie grade ihre Sachen packte. Ike schüttelte mit dem Kopf.

„Nein, nein. So habe ich das nicht gemeint.“ Ike zupfte sich an der Nase und kniff die Lippen zusammen. Eigentlich wollte er allein sein. Er überlegte kurz.

„Na schön, dann kommt eben rein. Hier ist genügend Platz“, sagte er zerknirscht und bat die junge Familie in sein Abteil hinein. Die junge Familie blickte ihn verwundert an. Meint dieser Herr das wirklich ernst, fragten sie sich zugleich.

„Na los, auf jetzt. Kommt schon. Rein mit euch“, forderte Ike sie mit einem energischen Wink auf und sah sich ernst um, dass ihn auch keiner bei diesem Gefallen beobachtete. Denn dies war völlig untypisch für diese Zeitepoche, dass jemand aus der Mittelschicht freiwillig einen Armen aufnimmt, dies könnte ihn verraten.



Das junge Ehepaar blickte sich gegenseitig verdutzt an. So etwas hatten sie noch nie erlebt, dass ein Gentleman einem Habenichts so freundlich entgegenkommt, doch ihr Sohn, ein sechsjähriger Knabe sagte begeistert: „Au ja! Sehr freundlich, Mister“, und machte es sich sogleich auf der gegenüberliegenden Sitzbank direkt am Fenster gemütlich. Das junge Ehepaar bedankte sich nochmals bei Ike, sie verstauten ihr Gepäck und unterhielten sich in gälischer Sprache miteinander.

Ike blickte emotionslos aus dem Wagonfenster. Es ratterte gleichmäßig und aufgrund der Fahrt schwankte er leicht hin und her. Nachdem sich das Ehepaar vielmals für seine ungewöhnliche Barmherzigkeit bedankte und ihre drei prall gefüllten Seesäcke in das Abteil geschoben hatten, plauderte der kleine Bursche einfach auf Englisch munter drauf los.

„Du, Mister, weißt du was? Wir fahren mit der Titanic nach Amerika“, bekundete der Knirps stolz, woraufhin seine Mutter ihn lächelnd anblickte und ihren Sohn belehrte.

„Ja, aber nur mit der Dritten-Klasse. Das musst du dem netten Gentleman doch sagen. Vor allem wenn wir auf der Titanic sind, musst du immer erwähnen, dass wir nur Passagiere der Dritten-Klasse sind. Das gehört sich einfach so, wenn man mit vornehmen Leuten spricht.
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Die Mutter leckte ihren Daumen und wischte damit ihrem Sohn einen Brotkrümel vom Mundwinkel.

„Wie oft habe ich dir das jetzt schon gesagt?“, fragte die Mutter vorwurfsvoll. Dann entschuldigte sie sich bei Ike, für das unangebrachte Benehmen ihres Sohnes, wie sie es nannte, woraufhin Ike nur lächelnd abwinkte. Der Klassenunterschied im frühen 20. Jahrhundert war Ike schon längst gewohnt, aber wirklich daran wollte er sich nicht gewöhnen.

Der junge Familienvater reichte ihm seine Hand. Ike, völlig übermüdet, erwiderte automatisch den freundlichen Händedruck.

„Hayden O'Sullivan, Sir, ist mein Name. Ja, es stimmt, Sir. In zwei Wochen, am 11. April, werden wir Irland für immer den Rücken kehren und unser Glück im gelobten Amerika versuchen. So wie es jeder macht. In Colorado kann man Gold finden, sagen alle. Bis dahin werden wir bei meiner Schwester in Queenstown wohnen. Wir haben Haus und Hof verkauft und werden ein neues Leben in Amerika beginnen. Ich bin zwar ein erfahrener Schafszüchter und habe auch Ahnung von Rindern, Sir, aber damit kann man nicht reich werden. Jedenfalls nicht hier in Irland. Ein Kumpel von mir, dessen Schwager ist vor fünf Jahren in der Nähe von Denver auf eine Goldmine gestoßen. Nun ist er steinreich und ich …“

Ike beobachtete, während der junge O'Sullivan euphorisch von seiner Goldader schwärmte – welche zunächst erstmal mühselig gefunden werden müsste –, seine Ehefrau, wie sie eine Ledertasche öffnete und sich nach ihren hart gekochten Eiern vergewisserte, die vorerst ihre letzte Mahlzeit waren und als Frühstück dienen sollten.

Die Dampflok tutete mehrmals, als sie sich diesmal einer Hängebrücke näherten.



Ike war in Gedanken versunken und schaute aus dem Waggonfenster hinaus. Eine hügelige Wiesenlandschaft offenbarte sich ihm und weit hinten ragte eine mittelalterliche Ritterburg empor. Die Sonne war beinahe hinter der grünen Landschaft versunken und die Nacht würde bald einbrechen. Der Himmel leuchtete in violetten und orangenen Farben.

Hayden O'Sullivan war ein junger Bursche, mit einem rötlichen, flaumigen Vollbart, gelocktem Haar und erröteten Backen. Seine hellblauen Augen strahlten die pure Hoffnung und Zuversicht aus; der junge Familienvater war ungefähr im selben Alter wie Ike, doch dieser wirkte völlig naiv und unwissend. Augenscheinlich ein Schwächling, der möglicherweise nicht einmal schreiben und lesen konnte.
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Sein mangelndes Allgemeinwissen stand ihm förmlich im Gesicht geschrieben, ebenso auch, dass er und seine Familie fromme Christen waren und somit vor Gott dennoch als weise Menschen gelten, weil sie die Herrlichkeit des Allmächtigen erkannt und zu Jesus Christus gefunden haben.

Trotzdem war es fraglich, ob die O'Sullivans die Übersee mit der Titanic überhaupt überleben würden, dachte Ike. Die Chancen für die junge Familie standen äußerst gering. Schließlich wusste er, dass die meisten Todesopfer der Titanic aus der 3. Klasse zu beklagen waren, weil mitunter die Etagengitter in der Katastrophennacht bewusst verschlossen wurden, um die gehobene Gesellschaft zu retten.

Einen Augenblick spielte Ike mit dem Gedanken, ihnen ihre Fahrkarten für den doppelten Preis einfach abzukaufen, oder der kleinen Familie ihren Traum auszureden, damit sie nicht mit der Titanic nach Amerika fahren und somit hundertprozentig überleben würden. Sie könnten auch mit einem anderen Schiff nach Amerika fahren, nachdem der Kohlestreik vorbei wäre, aber es war ihnen anzumerken, dass die Fahrt mit der angepriesenen Titanic ein Bestandteil ihres unerschütterlichen Traums war. Die Titanic war in aller Munde und zurzeit die größte Sensation auf der Erde. Wer bitteschön hätte sich so eine Gelegenheit entgehen gelassen?

Nichts hätte sie daran hindern können. Die Familie unterhielt sich wieder intensiv in der gallischen Sprache miteinander. Ike war wieder ausgeschlossen und schaute aus dem Fenster hinaus. Die Lok tutete wieder. Er war wieder einsam, er war wieder in seinen Gedanken versunken. Seine Augenlieder fielen immer wieder zusammen; krampfhaft versuchte er die Augen aufzubehalten.



Ike zog sich seinen Bowler schließlich tief ins Gesicht, schloss seine Augen und ließ sich von dem gleichmäßigen Rattern, wie die Lokomotive über die Schienen fuhr, in den Schlaf wiegen. Währenddessen träumte Ike von vergangener Zeit, als auch er noch für eine Familie verantwortlich gewesen war und Entscheidungen treffen musste; wie zu Zeiten als noch Charles Owen, Bob McMurphy und es noch seinen angeblichen Feind gegeben hatte: Carl Clark.

Er erinnerte und träumte im Dämmerschlaf vor sich hin, wie es früher gemeinsam mit Eloise gewesen war. Er erinnerte sich an ihr freches Gelächter, als sie ihn mit Kirschenkerne bespuckt hatte, und er erinnerte sich im Traumschlaf daran, wie Eloise ihn hochmütig bewiesen hatte, dass sie trotzdem ohne Sattel und barfüßig standhaft reiten konnte.
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Es war bereits stockdunkel geworden, es war bereits mitten in der Nacht. Ike wurde plötzlich kurz wach und öffnete blinzelnd seine Augen. Er schaute auf die Eheleute, die sich auf dem Boden mit Wolldecken zugedeckt hatte und beieinander gekuschelt schliefen. Der junge Knirps schlief zugedeckt auf der Sitzbank.

„Sie werden es nicht schaffen, sie werden im eiskalten Nordatlantik sterben. Und ich kann es verdammt nochmal nicht verhindern“, nuschelte Ike schlaftrunken vor sich hin.

Sein Kopf knickte zur Seite und er schlief wieder ein. Das gleichmäßige Rattern auf den Eisenbahngleisen ließ Ike wieder erschöpft einschlafen. Am Nachthimmel strahlten die Sterne hell wie Diamanten, genauso wie sie in der Schicksalsnacht der Titanic leuchten werden.

Irgendwann am nächsten Tag ertönte ein lautes Tuten der Eisenbahnlok, wobei Ike vom Geruckel des Abbremsens geweckt wurde. „Endstation, Queenstown!“, ertönte es lautstark aus einem Megaphon des Schaffners.
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Interessante Kommentare

Kommentar von "darkangel" zu "Vor dem Fenster"

hm... rollstuhl glaube ich nicht, denn das hätte das andere kind bemerkt und außerdem entscheidet sie sich am ende um. das daachte ich aber auch zuerst. jetzt stelle ich mir die frage: was ...

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