Die Kinder von Brühl 18/ Teil 3/ Die Russen und die Neue Zeit/Episode 16/ Rosi wird Junger Pionier und Else dreht durch   416

Romane/Serien · Erinnerungen

Von:    rosmarin      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 9. Juli 2023
Bei Webstories eingestellt: 9. Juli 2023
Anzahl gesehen: 1353
Seiten: 5

Diese Story ist Teil einer Reihe.

Verfügbarkeit: Die Verfügbarkeit ist eine Angabe die nur im Prologteil der Reihe zur Verfügung steht.

Diese Story wurde zwar als Teil einer Reihe definiert, eine entsprechende Prologangabe fehlt allerdings noch.

   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Episode 16



Rosi wird Junger Pionier und Else dreht durch



Pünktlich zur nächsten Stunde war es endlich soweit. Die Kinder hatten fast eine Stunde lang das Lied von der kleinen weißen Friedenstaube geübt. „Ich bin sehr zufrieden mit euch“, sagte Herr Mayer mit y. „Herr Rau hat gute Arbeit geleistet.“

„Es ist ein außerordentlich guter Jahrgang“, sagte Herr Rau bescheiden. „Diese Generation wird alles dafür geben, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen wird.“

Ohne, dass die Lehrer die Klasse dazu aufgefordert hätte, standen alle Kinder auf. „Nie wieder Krieg", sprachen sie irgendwie feierlich. Es klang wie ein Versprechen. Ein Versprechen, dass man auf alle Fälle einhalten muss. Komme, was da wolle. "Frieden für alle Kinder in dieser Welt.“

Noch bevor sich die Kinder setzen konnten, klopfte es an der Tür. Herein kamen sechs Schüler aus der Oberschule. Drei Jungen und drei Mädchen. Außerdem eine junge Frau im FDJ-Hemd.

„Ich bin die Pionierleiterin an dieser Schule“, stellte sie sich vor. „Fräulein Müller.“



Fräulein Müller war noch sehr jung. Vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt. Sie hatte blonde, kurze Haare, blaue Augen und ein hübsches Gesicht.

„Wie ihr wisst“, sagte Fräulein Müller, „wurde die Freie Deutsche Jugend am 7. März 1946 in Schwerin mit einem großen Festakt im Staatstheater gegründet. Sie soll ein Symbol der Hoffnung für die deutsche Jugend werden. Und ihr Kinder sollt uns dabei helfen. Die Pionierorganisation ist sozusagen das Kind der Freien Deutschen Jugend. Gemeinsam werden wir für ein neues Deutschland kämpfen. Wir werden aus den Ruinen dieses schreckliches Krieges ein neues Deutschland erstehen lassen. Ein Deutschland, in dem Bildung. Sport und Spiel, und vor allem, die Kultur Vorrang haben. Und zwar für alle Menschen. Besonders den Kindern der Arbeiter und Bauern soll der Weg für die höchste Bildung offen sein. Deshalb heißt es lernen, lernen, lernen. Und das kann man am besten in der Gemeinschaft. Die Kinder in der Pionierorganisation. Die Jugendlichen in der FDJ. Mit vierzehn Jahren werdet ihr dann in unsere Freie Deutsche Jugend aufgenommen, liebe Kinder.“

Fräulein Müller ließ ihren Blick über die Sitzreihen der Kinder schweifen.
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Die Kinder hatten ihr aufmerksam zugehört. Jetzt wurden einige ungeduldig und zappelten nervös auf ihren Plätzen.

„Die Schüler aus der 10. Klasse der Oberschule binden euch jetzt die blauen Halstücher um“, fuhr Fräulein Müller fort, um die Kinder zu beruhigen. „Das Halstuch ist ein ganz besonderes Tuch. Ihr müsst es immer in Ehren halten. Es ist ein Teil der blauen Fahne eurer Pionierfreundschaft. Die drei Ecken bedeuten Schule, Elternhaus, Pionierorganisation. Habt ihr das verstanden Kinder?“

Die meisten Kinder nickten schnell mit ihren Köpfen. Einige riefen: "Klar.“ Andere murrten leise: „Wir sind doch wohl keine Babies mehr.“

„Schön“, sagte Fräulein Müller. „Dann werden euch nun unsere Oberschüler das blaue Halstuch umbinden und euch zeigen, wie der Knoten gebunden wird. Es ist nämlich ein ganz besonderer Knoten. Gleichzeitig bekommt ihr den Pionierausweis und ein Heftchen. In dem Heftchen stehen die zehn Gebote der Jungen Pioniere. Wenn ihr euch danach richtet, werdet ihr fröhlich, gesund und klug bleiben. Um im späteren Leben erfolgreich zu sein.“

„Und nun“, sagte Herr Rau, „rufe ich alle Kinder einzeln nach vorn, damit ihr euer Halstuch und den Pionierausweis bekommen könnt.“



Gesagt, getan. Ein Kind nach dem anderen kam nach vorn. Die Oberschüler banden den Schülern sorgsam die Halstücher um. Danach übergaben sie ihnen den Pionierausweis. Und das Heftchen mit den zehn Geboten.

„Wie die zehn Gebote in der Bibel“, dachte Rosi.

Gerade, als Rosi nachsehen wollte, was in dem Heftchen stand, sagte Fräulein Müller: „So Kinder. Wir sind fertig. Ich lese euch jetzt die zehn Gebote vor. Ihr sprecht mir dann bitte nach. Das ist euer Gelöbnis.

Die Kinder standen auf. Fräulein Müller las jedes Gebot einzeln vor. Die Kinder wiederholten es feierlich.



DIE GEBOTE DER JUNGPIONIERE



Wir Jungpioniere

lieben unsere Deutsche Demokratische Republik.

Wir Jungpioniere

lieben unsere Eltern.

Wir Jungpioniere

lieben den Frieden.

Wir Jungpioniere

halten Freundschaft mit den Kindern der Sowjetunion und aller Länder.
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Wir Jungpioniere

lernen fleißig, sind ordentlich und diszipliniert.

Wir Jungpioniere

achten alle arbeitenden Menschen und helfen überall tüchtig mit.

Wir Jungpioniere

sind gute Freunde und helfen einander.

Wir Jungpioniere

singen und tanzen, spielen und basteln gern.

Wir Jungpioniere

treiben Sport und halten unseren Körper sauber und gesund.

Wir Jungpioniere

tragen mit Stolz unser blaues Halstuch.



„Und nun das Pionierversprechen“, forderte Fräulein Müller zufrieden.

*



PIONIERVERSPRECHEN DER JUNGPIONIERE



Ich verspreche, ein guter Jungpionier zu sein.

Ich will nach den Geboten der Jungpioniere handeln.



„So“, sagte Herr Rau, „und nun singen wir gemeinsam das Lied von der kleinen weißen Friedenstaube. Herr Mayer mit y“, lachte er scherzhaft, „wird uns bestimmt gern auf seiner Flöte begleiten.

*

Völlig aufgelöst von diesem ereignisreichen Tag in der Schule kam Rosi in Brühl 18 an. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit, sofort ins Haus zu stürmen, blieb sie

vor der Tür stehen. Etwas stimmte nicht. Das Haus schien etwas auszustrahlen, das ihr nicht gefiel. Etwas nicht Greifbares. Etwas, das sich beängstigend auf ihr Gemüt legte.

„Es passiert was. Es passiert was“, flüsterte Rosi. Sie hatte das gleiche Gefühl, wie damals. Als Karl Urlaub hatte. Und so plötzlich, wie er gekommen war, wieder verschwand. Weil er dem Nazischmids sein Parteibuch vor die Füße geschmissen hatte. So ein Gefühl hatte sie jetzt. Oder gar noch schlimmer.



Unschlüssig stand Rosi vor der blauen Holztür. Endlich gab sie sich einen Ruck. Sie konnte ja nicht ewig hier stehen bleiben. Leise drückte sie die schwere Eisenklinke nieder. Es läutete schwach. Doch im Haus blieb es still. Unheimlich still. Die Kleinen hielten bestimmt ihren Mittagsschlaf. Doch wo waren die anderen? Jutta und Karlchen. Und Else. Richard war ja noch auf der Arbeit.



Zaghaft drückte Rosi die Klinke zur Stube nieder.
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Jutta und Karlchen saßen eng aneinander gedrückt auf dem Sofa. Irgendwie schuldbewusst schauten sie auf die Dielen. Else stand vor ihnen mit einem wütenden Gesichtsausdruck. In der Hand hielt sie eine Gerte. Wahrscheinlich vom Fliederbusch. Der dünne Ast sah jedenfalls danach aus.

Als Else Rosi sah, wurde sie noch wütender. „Du kommst gerade recht“, zischte sie. „Sag auf der Stelle, warum ihr die Schokolade aus dem Päckchen aus Amerika aufgegessen habt.“

Erleichtert dachte Rosi: Aha. Daher weht der Wind.

Sofort fiel Rosi das Große Indianerehrenwort wieder ein. ‚Wir waren es nicht‘.

Jutta und Karlchen hatten also dicht gehalten.

„Welches Päckchen Mama?“ Rosi zog langsam ihre Jacke aus. Lässig ließ sie sie auf die Erde fallen. Das war der größte Horror für Else. Sie hasste es, wenn die Kinder ihre Sachen nicht an Ort und Stelle legten. Das wusste Rosi genau. Doch sie wollte Else ablenken. Das ging jetzt allerdings völlig daneben.

„Was hast du denn da für einen Lappen um den Hals“, schrie Else hysterisch. „Woher hast du denn das blaue Tuch? Blau magst du doch gar nicht.“

„Das ist mein Pionierhalstuch“, sagte Rosi ruhig, um Else nicht noch mehr zu reizen. „Heute ist doch Pioniergeburtstag. Das hatte ich dir doch gesagt. Aber du vergisst ja alles.“

Das war natürlich Wasser auf Elses Mühlen. Und kein Beruhigungsmittel.

„Was erlaubst du dir? Du unverschämtes Ding“, schrie Else los. „Ich vergesse alles. Da habt ihr wohl gedacht, ich vergesse auch das Päckchen. Nichts da. Sagt sofort, dass ihr die Schokolade genascht habt. Oder einer von euch.“

Außer sich vor Wut, starrte Else Rosi ins Gesicht. „Warst du es? Du hinterhältiges Ding?“, schrie sie. „Oder du Jutta? Oder du Karlchen? Oder ihr drei zusammen?“

Drohend schwang Else die Gerte über den Köpfen der Kinder. „Los! Raus mit der Sprache. Oder es gibt eine Tracht Prügel, die ihr euer Leben lang nicht vergessen werdet.“

Rosi hatte sich solidarisch zwischen Jutta und Karlchen gesetzt und ihre Arme um sie gelegt. So, als wolle sie sie beschützen.

„Na, wird's bald“, wütete Else weiter, als die Kinder hartnäckig schwiegen.

„Wir waren es nicht“, sagten Rosi, Jutta und Karlchen fast gleichzeitig.
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„Großes Indianerehrenwort.“

Das war zu viel für Else. Ihre Nerven lagen blank. Mit versagender Stimme röchelte sie: "Großes Indianerehrenwort. Was soll denn das schon wieder? Seid ihr ganz und gar von allen guten Geistern verlassen? Los. Aufstehen! Bücken.“

Ohne Widerspruch gehorchten die Kinder. Es bleib ihnen ja auch nichts anderes übrig. Sie waren ja schuld, dass Else so außer sich war.

Else versohlte den Kindern mit dem langen, dünnen Ast von Rosis geliebten Fliederstrauch die nackten Hintern nach Strich und Faden. Dass ihnen Hören und Sehen verging. Wie man so sagt.



An diesem Tag, dem 13. Dezember, dem Pioniergeburtstag, hatte Else wohl ihre Lust oder was auch immer, am Prügeln entdeckt.

Jeden Abend bekamen nun die Kinder ihre Tracht Prügel verabreicht. Doch es war zwecklos. Die Kinder schwiegen hartnäckig. Nie und nimmer hätten sie ihr Großes Indianerehrenwort gebrochen.

Das Große Indianerehrenwort wurde übrigens später von dem Großen Pionierehrenwort abgelöst.



Allmählich gewöhnten sich die Kinder an die abendlichen Prügel. Es war wie ein Ritual. Zuerst kam Rosi an die Reihe. Dann Jutta. Zuletzt Karlchen. Der Reihe nach mussten sich die Kinder über die Lehne des alten Sofas beugen. Damit sie ihre Hiebe bekommen konnten.

Als Karlchen an der Reihe war, hatte Else oft keine Kraft mehr, ihn richtig zu versohlen. „Du musst trotzdem schreien“, sagte sie zu Karlchen.

Wie befohlen, schrie Karlchen wie am Spieß. Rosi schrie nicht. Jutta auch nicht. Sie schwiegen stur und verbockt.

Nach der Tracht Prügel rannten die Kinder die weiße Holztreppe hoch. In Karlchens Verschlag erzählten sie, wie schlimm oder nicht so schlimm, es diesmal gewesen war.

"Mama will uns zwingen, unser Wort zu brechen", sagte Rosi zu Jutta und Karlchen. "Unser Großes Indianderehrenwort."

"Das wird ihr nie gelingen", war Karlchen überzeugt. "Da kann sie uns verhauen, so viel sie will."

"Vielleicht tut sie es aus Liebe?", vermutete Jutta.

"Wie kommst du denn darauf?", empörte sich Rosi.
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"Aus Liebe. Schöne Liebe."

"In der Bibel steht doch: 'Wer sein Kind liebt, der züchtigt es'. Das hat doch Opa gesagt", sagte Jutta.

"So eine Prügelliebe will ich nicht", sagte Rosi.

"Ich auch nicht", sagte Jutta.

"Und ich auch nicht", sagte Karlchen. "Großes Indianerehrenwort."

"Großes Indianerehrenwort."

Rosi, Jutta und Karlchen rückten ganz nah zusammen und spielten auf Karlchens wackligem Bett "Mensch ärgere dich nicht."



Irgendwann hörte die Prügelei dann auf. Else hatte wohl die Lust verloren. Geblieben waren Kopfnüsse und Backschellen. „Ich hab doch gar nichts gemacht“, wehrten sich die Kinder.

„Das ist für das nächste Mal“, sagte Else trocken.

So gab es viele nächste Male. Und die Kinder verdrückten sich, so oft es ging, aus dem Haus.

Rosis Lieblingsplätze waren sowieso der Alte Bach. Das Feld. Und besonders die Schule.



***



Fortsetzung folgt
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Interessante Kommentare

Kommentar von "weltuntergang" zu "Abschied nehmen"

Schweres und schönes Gedicht. Gefällt mir sehr total. Ganz liebe Grüße

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