Nachdenkliches · Kurzgeschichten

Von:    Siebensteins Traum      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 8. Januar 2020
Bei Webstories eingestellt: 8. Januar 2020
Anzahl gesehen: 1292
Seiten: 5

„Du glaubst, du weißt, was Tragik ist?“ Und das Wesen schaut das Geschöpf mit einer tiefen Gutmütigkeit direkt in die Augen. „Du glaubst wirklich, du weißt, was Tragik ist?“

Das Geschöpf schaut auf, schaut in die gutmütigen Augen des Wesens, und nickt ganz zaghaft. Dann nickt auch das Wesen und es entsteht ein Blitz und das Geschöpf befindet sich in einem anderen Körper. Es ist der Körper einer Frau. Es empfindet jetzt, was diese Frau empfindet. Es sieht jetzt, was diese Frau sieht. Es erinnert sich jetzt, an was sich diese Frau erinnert. Und sofort wünscht es sich, es würde all dies wieder vergessen. Doch das Geschöpf ist nun hier, hier in dieser Situation. Es kann dieser Situation nicht entweichen; sich nicht mehr entziehen. Adrenalin schießt durch seine Adern. Alle Sinne sind angespannt. Es liegt irgendwo. Es ist stockfinster. Es hört ein plätscherndes Geräusch, wie aus weiter Ferne. Und es trägt ein kleines Bündel in ihren Armen. Ein Baby ist drin verborgen, geschützt vor der unerbittlichen Kälte. Es ist Winter und bitterkalt. Das Geschöpf, oder viel mehr die Frau, in die das Geschöpf geschlüpft ist, hat nur eine karge Sträflingskleidung an, sonst nichts. Die Schuhe sind durchnässt. Und auch ein Großteil der Hose. Schon ohne die Nässe wäre die Kleidung viel zu wenig für diese unerbittliche Kälte gewesen.

Sie ist aus einem Gefangenenlager entflohen. Einem Gefangenenlager für Frauen, die nichts weiter verbrochen haben, als Angehörige einer Minderheit zu sein. Sie wurden alle schändlich behandelt. Sie mussten hart arbeiten. So hart, dass es abzusehen war, dass sie es nur begrenzt durchhalten würden; dass sie irgendwann vor Erschöpfung entweder einfach verenden oder aufgeben würden und irgendwie Selbstmord begingen, sei es nun durch eigene Hand oder dadurch, dass sie eine der vielen unsinnigen Regeln des Lagers bewusst übertraten, so dass ihre Bewacher gezwungen waren, für sie die Sache zu erledigen.

Was mit ihren Ehemännern geschehen war, wusste keine von ihnen zu sagen. Aber sehr wahrscheinlich hatten sie ein ähnliches Schicksal wie sie, nur in einem anderen Lager.

Seit ihrem Aufenthalt hier hatten sie sie dazu gezwungen, sich nicht um ihren Nachwuchs in der Weise kümmern zu können, wie es nötig gewesen wäre.
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Sie hatten sie dazu gezwungen, ihr Baby jeden Morgen in seinem Bettchen alleine zurück zu lassen und zu ihrer aufgezwungenen sinnlosen Arbeit zu gehen; dort bis zu ihrer absoluten Erschöpfung zu arbeiten und dann erst Abends kurz vor eintretender Bewusstlosigkeit wieder zurück in die Baracke zu ihrem Kind zu lassen, ohne dass sie wusste, was in der Zwischenzeit mit ihm geschehen war; ob es bei ihrem Herantreten an das Bettchen überhaupt noch leben würde. Immer waren seine Windeln vollgeschissen; immer sah es seltsam erschöpft aus, so als habe es sich so lange die Seele aus dem Leib geschrien, bis es einfach keine Kraft mehr hierzu gehabt hatte. Immer war es ihr vor eigener Erschöpfung unendlich schwer gefallen, ihrem Baby noch die Windeln zu wechseln; es so weit wach zu bekommen, dass es wenigstens ein klein wenig an ihrer Brust saugen konnte, um wenigstens noch bis zum nächsten Tag durchzuhalten. Irgendwann hatte sie sich gesagt, dass es besser sei zu sterben, als diese Marter auch nur noch einen einzigen weiteren Tag für sich und für ihr Baby zu erdulden. So hatte sie die erste Gelegenheit genutzt, sich ihr Kindlein zu schnappen, und mit letzter Kraft so weit es ging einfach nur wegzurennen. Wie durch ein Wunder war es ihr gelungen, unbemerkt von den Baracken wegzukommen. Wie durch ein Wunder war es ihr gelungen, einen winzigen Spalt durch den Zaun zu finden, der um das Lager herum gezogen war. Wie durch ein Wunder hatte sie es geschafft, den angrenzenden Wald durch den tiefen Schnee hindurch zu erreichen. Aber es war ja auch Heiligabend. Es war der richtige Zeitpunkt für derartige Wunder. Und mit jedem Schritt, den sie in Richtung des Waldes gemacht hatte, stieg ihre Hoffnung, dass sie es vielleicht tatsächlich schaffen würde, von dieser Hölle für immer fortzukommen. Doch falls ihr dies tatsächlich gelingen sollte: Was dann? Wo könnte sie schon hingehen? Wo an diesem gottverlassenen Ort mitten im Nichts Zuflucht finden?

Wahrscheinlich war auch dies bloß ein Selbstmord, nur in diesem Falle eben auf Raten. Lediglich eine weitere traurige Geschichte, wie sie schon so viele im Laufe ihrer Gefangenschaft von den anderen Frauen, die schon länger als sie hier waren, gehört hatte. Aber dennoch hatte ihr Tun einen Wert für sie. Denn sie hatte ihr Schicksal damit zumindest zum Teil wieder selbst in ihre Hand genommen.
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Und sei es auch nur für kurze Zeit.

Irgendwann war sie so weit gewesen, dass sie einfach nicht mehr hätte weiter gehen können, selbst wenn sie es noch so sehr gewollt hätte. Sie wusste auch, dass es für ihre Verfolger auf Grund des tiefen Schnees und der tiefen Spur, die sie darin hinterlassen hatte, ein Leichtes sein würde, sie zu verfolgen und einzuholen. Es hatte auch nicht lange gedauert, und sie hatte lautes Hundegebell hinter sich gehört, das stetig näherrückte. Doch gerade als sie gedacht hatte, keinen einzigen Schritt mehr weiter gehen zu können, und als sie schon mit dem Gedanken gespielt hatte, sich einfach fallen zu lassen und im tiefen Schnee liegend auf ihre Häscher zu warten, war sie mit wackeligen Beinen an einem kleinen Bach angelangt, der trotz der Kälte noch nicht zugefroren war. Sie hatte nicht lange überlegt, war sofort in das Gewässer gestiegen, und auf der Stelle waren ihre Füße und ein Teil der Beine durchnässt, wodurch die Kälte an ihrer dort nun völlig schutzlos gewordenen Haut wie unendlich viele kleine Messerspitzen pickte und immer und immer wieder zustach. Ohne Mitleid. Und ohne Hoffnung, dass es von sich aus wieder aufhören würde. Doch sie musste es durchstehen. Es war ihre einzige Chance, ihre Fährte vor den Hunden zu verwischen.

So schnell, wie sie noch konnte, lief sie durch das eiskalte, sie Schmerz peinigende Wässerchen, während schon wieder ein dichter Schneefall einsetzte. Stoisch den Schmerz ertragend trat sie einen Schritt vor den anderen; immer weiter und weiter, jetzt der Bewusstlosigkeit schon bedrohlich nahe. Doch eine ihr fast unheimlich anmutende Stärke trieb sie dennoch weiter an. Dabei kam sie sich wie eine Kämpferin vor, die sich die letzte Freiheit bewahrte, die ein Mensch sich überhaupt noch bewahren konnte, wenn alles andere schon längstens verloren war: Das Recht darauf, selbst bestimmen zu können, wann und wo der eigene Tot eintreten würde. Es war die letzte Wahl gewesen, vor der sie noch gestanden hatte. Die Wahl, ob sie und ihr Baby elendig und vor allem auch unwürdig in Gefangenschaft nach und nach verenden würden, oder ob sie beide bei dem ehrwürdigen aber letztendlich hoffnungslosen Versuch, sich die eigene Freiheit zurückzuerobern, erhobenen Hauptes sterben würden.

Für sie spielte in diesem Moment auch gar keine so große Rolle mehr, ob das kleine Bündel in ihren Armen zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch etwas Lebendiges enthielt, oder ob das kleine Kindlein darin schon längstens aufgrund von Erfrierungen durch die unerbittliche Kälte des Winters den letzten Hauch ausgehaucht hatte.
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Sie beide waren nun nicht mehr nur Menschen. Sie beide waren nun auch vor allem zu einem Symbol geworden; zu einem Fanal für den Kampf um die Freiheit; um den Wert des Menschseins an sich, der von ihren Häschern systematisch und gezielt über Jahre hinweg mit Füßen getreten worden war.

Irgendwann, sie hatte zu diesem Zeitpunkt keine genaue Ahnung mehr darüber, wie lange sie darin schon unterwegs gewesen war, hatte sie eine Biegung dieses kleinen Baches passiert, und trat wieder aus dem Gewässer heraus, ohne dass dies bei ihr in irgendeiner Weise für eine Erleichterung gesorgt hätte. Sie war nun der Ohnmacht so nahe, wie sie noch nie zuvor in ihrem Leben gewesen war. Doch ein kleines Weilchen musste sie nun noch durchhalten. Sie wollte, dass ihre Verfolger nach Möglichkeit nichts über ihren tatsächlichen Verbleib in Erfahrung bringen konnten. Sie sollten den Rest ihres Lebens im Unklaren darüber bleiben. Dies sollte ihr allerletzter kleiner Sieg über sie werden. Diese allerletzte kleine Ungewissheit; dieser winzig kleine Zweifel darüber, ob ihr Fluchtversuch vielleicht doch, wie durch ein echtes Wunder an Heiligabend, hatte erfolgreich sein können. Dies sollte ihr letzter Triumph über diese Unmenschen; über diese Barbaren werden.

Dankbarer Weise gab es an der Stelle, an der sie aus dem Bach stieg, nur Felsen und Geröll. Und ein kleiner Wasserfall, der über die danebenliegenden Steine spritzte, so dass verhindert wurde, dass sich darüber eine dichte Schneedecke bilden konnte. Über diese Steine trat sie nun mit wackeligen Füßen und hätte fast eine kleine Spalte zwischen dem Wasserfall und dem Steingeröll am Ufer mit der dichten Schneedecke übersehen. Es sah fast wie ein kleiner Durchgang in die Unterwelt aus. Anscheinend befand sich dort weiter hinten auch eine kleine Höhle.

Mit dampfendem, keuchendem Atem und donnerndem Herzen schritt sie in Richtung dieser kleinen Spalte, ließ sich dort angekommen einfach hineinfallen, und kroch anschließend, während sie weiterhin das kleine Bündel in ihren Händen fest an sich drückte, immer weiter und immer tiefer hinein.
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Irgendwann hatte sie tatsächlich so etwas wie eine Decke über sich. Es war stockfinster. Nur das durch die Öffnung eindringende Licht spendete ein klein wenig Helligkeit. Sie lag tatsächlich in so etwas wie einer kleinen Höhle.

Nun hielt sie inne und lauschte, während ganz langsam das Gefühl der Kälte nachließ und sich nach und nach in ihr eine seltsame Wärme auszubreiten begann. Sie lauschte so intensiv wie sie nur konnte dem kleinen Wasserfall draußen nach. Ihre Augen hielt sie dabei fest verschlossen. Selbst wenn sie sie geöffnet hätte, hätte sie hier drinnen sowieso nicht viel gesehen. Und in diesem Augenblick schlüpfte das Geschöpf in sie hinein. Und im gleichen Moment vernimmt sie das Gebell der Hunde ihrer Verfolger durch den Wasserfall hindurch. Nun, als es ihr nur noch darauf ankommt, dass sie nicht entdeckt wird, erwacht das kleine Bündel, das sie fest an ihre Brust gedrückt hält, mit einem Aufschrei und schreit so laut, wie sie es von ihm schon lange nicht mehr gehört hatte. Und ihr und dem Geschöpf in ihr wird schlagartig klar, was sie nun zu tun hat, möchte sie die Hoffnung aufrechterhalten, ihren letzten Plan doch noch zu vollenden.

Es blitzt wieder, und das Geschöpf sieht mit weit aufgerissenen Augen das Wesen an, während das Wesen in einem erschreckend sanftmütigen Tonfall zu ihm sagt: „Verstehst du nun, was Tragik wirklich bedeutet?“

Und das Geschöpf nickt ganz zaghaft. Es ist wohl gerade in diesem Moment erwachsen geworden.
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Kommentare zur Story:

  Wirklich tragisch und ich glaube, dass so etwas tatsächlich so oder ähnlich passiert sein könnte. Aber einen kleinen Trost gibt es doch, die meisten Babies spüren, wenn die Mutter Angst hat und sind deshalb in kritischen Situationen mucksmäuschen still, aber es kann auch anders sein...wie gesagt. Sehr spannend und authentisch geschrieben. Interessant auch die Gespräche darüber im Jenseits. Wieder einmal ganz besonders gut gelungen.  
   Gerald W.  -  11.01.20 18:04

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