Blutmond - Karm´s Reise beginnt --- Kap 2. Blaustein   279

Fantastisches · Romane/Serien

Von:    Tis-Anariel      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 27. Juli 2019
Bei Webstories eingestellt: 27. Juli 2019
Anzahl gesehen: 1260
Seiten: 17

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Blaustein







Annabella hatte sich zusammengekauert und schluchzte lautlos vor sich hin. Sie war vor zehn Monden gerade einmal elf Jahre alt geworden. Bald schon, zur Wintersonnenwende würde sie zwölf Jahre alt werden.

Das Kind mit den überschulterlangen blonden Locken war durch reines Glück in diesem großen Wurzelkeller gelandet. Nur so entkam sie dem schwarzen Grauen, das in dieser Nacht die kleine Stadt Blaustein heimgesucht hatte.

Der Ort lag am Fuße der Heralberge und nahe am Fluss Sarath, der hoch oben in eben diesen Bergen entsprang und bis er Blaustein erreichte einiges an seiner Wildheit einbüßte. Etwa eine Tagesreise weiter in die Berge hinein gab es mehrere tiefe Mienen, wo unter anderem der begehrte Blaue Himmelsstein abgebaut wurde, dem die Stadt auch ihren Namen zu verdanken hatte.

Es gab verschiedene Steine mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Wirkungen. Die klaren Energiekristalle waren dabei die wichtigsten. Nur sie waren fähig die Energie des Sonnenlichtes zu speichern. Mit ihnen konnte man alle anderen Steine aktivieren. Es gab unter anderem auch Leuchtsteine, die je nach ihrer Färbung ein warmes oder sehr helles Licht erzeugten. Dann gab es noch rote opake Feuerachate, mit deren Hilfe man große Hitze erzeugen konnte. Aber nur mit dem blauen Himmelstein konnten die großen und kleinen Flugschiffe der Bruchlande fliegen.

Blaustein war einfach eine friedliche, kleine Stadt, die am Fuße der Heralberge zu ein wenig Wohlstand gekommen war. Ein Ort, an dem es sich sicher und angenehm leben ließ. Zumindest bis zu dieser Nacht.

Lange nach Sonnenuntergang kamen sie, diese Wesen, die nur aus Schwärze zu bestehen schienen. Es schien als hätte man sie aus schwarzen Nebel gemacht und doch konnten sie greifen und mit ihren Fangarmen die Menschen unerbittlich festhalten. Am schrecklichsten aber waren die Augen, die rot aus dieser Schwärze hervor glühten. Lautlos kamen sie und so starben die ersten Menschen völlig überrascht und ohne sich zu wehren. Ihre schrecklichen Schreie jedoch weckten die anderen Bewohner der Stadt. Kurz darauf brach Panik aus. Voller Angst und Schrecken flüchteten die Menschen in Richtung der großen Göttertempel im Zentrum, wo sie sich die Menschen dann wie verschrecktes Vieh zusammendrängten.
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Viele wurden dabei niedergetrampelt und in der herrschenden Panik dachte niemand daran, diesen armen Leuten zu helfen. Viele Familien wurden bei dieser wilden Flucht auseinandergerissen.

Auch Annabella erlitt dieses Schicksal. Eben noch hatte sie die Hand ihrer Mutter fest umklammert, dann stieß jemand gegen sie, schubste sie so hart, dass sie beinahe stürzte und plötzlich war die Hand ihrer Mutter fort. Die panischen Schreie des Mädchens interessierten keinen. Sie wurde in der Masse der Menschen vorwärts gedrängt. Sie wurde geschubst, gestoßen und sogar getreten. Irgendwann landete sie an einer Hausmauer und konnte sich an dieser entlang etwas sicherer bewegen. Dann tat sich plötzlich in der Wand ein schwarzes Loch auf. Sie fiel eine steile Treppe hinunter und wie durch ein Wunder verletzte sie sich dabei nicht schwer. So geriet das Kind in diesen Wurzelkeller, wo sie sich voller Angst versteckte, nicht ahnend, dass genau dies ihr das Leben retten würde.

Im hintersten Winkel des unterirdischen Raumes kauerte sie sich zusammen. Voller Furcht lauschte sie den Schreien und dem Lärm der in Panik geratenen Stadtbewohner. Nach und nach jedoch wurden die Geräusche weniger, bis dass sie schließlich alle erstarben und nur tiefe Stille zurückließen. Letztere war für das Mädchen fast noch schlimmer zu ertragen, als all das Schreien und Wehklagen zuvor. Ein leises Wimmen entstieg ihrer Kehle. Viel lieber hätte Annabella laut losgeweint, doch das wagte sie nicht. Also litt sie beinahe lautlos vor sich hin und wagte es nicht, ihr Versteck zu verlassen.

Verzweifelt flehte das Mädchen die Götter um ein Wunder an. Doch entweder hörten die Götter nicht, oder selbst sie waren machtlos im Angesicht dieser Katastrophe, die über Blaustein hereingebrochen war. Die Stunden krochen dahin.

Irgendwann später weinte Annabella nur noch stumm nach einem Freund, irgendeinem Freund, der ihr wenigstens ein wenig Geborgenheit und Trost geben könnte.

Diese Bitte hörten die Götter wohl.





***





Karm sah sich vorsichtig um. Sein Magen knurrte vernehmlich und es schien, als hätte sich ein tiefes Loch in seinen Eingeweiden gebildet. Er hatte gewaltigen Hunger!

Seit Tagen schon war sein Magen leer, aber es gab ja auch nichts, was er erjagen hätte können.
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Welches Wesen auch immer den Vorüberzug der Dschan überlebte, das hielt sich nun verborgen. Und die Reste der armen Geschöpfe, die den grausamen, schattenhaften Kreaturen zum Opfer fielen, waren ungenießbar.

Von seinem erhöhten Standort, oben auf einem Felsfindling, konnte Karm gut die kleine Stadt am Sarath sehen. Für gewöhnlich hielt er sich von Städten fern, immerhin waren die meisten Menschen nicht unbedingt freundlich zu seiner Art. Doch diesmal musste er wohl oder übel eines dieser für ihn so seltsamen Gebilde betreten. Der Hunger trieb ihn und in Städten fand man für gewöhnlich eigentlich immer irgendetwas Genießbares. Im Notfall konnte er ja auch noch sein Glück bei der Rattenjagd versuchen. Obwohl ihm das im Moment wohl eher schwer fallen würde.

Zögerlich tat er einen Schritt und zuckte sogleich winselnd zusammen. Nur fünf Tage nachdem er höher in den Bergen dieser armen Menschenfrau beim Sterben zugehört hatte, konnte er sich nur mit Mühe einem Schwarm der Dschan entziehen. Bei seiner überstürzten Flucht kam ihm dann allerdings ein Dornendickicht in die Quere, in dem er sich einen ziemlich gemeinen Dorn eingefangen hatte. Das blöde Ding steckte nun so tief in seiner rechten Vorderpfote, so dass er es einfach nicht herausbekam. Es tat wirklich elend weh, selbst wenn er den Lauf schonte. Zugleich allerdings stellte sich das Dornendickicht auch als Glücksfall heraus, denn darin verborgen befand sich der Eingang zu einem glücklicherweise verlassenen großen Fuchsbau und so entging er den Dschan noch einmal.

Karm seufzt innerlich. Fluch oder Segen, das war hier die Frage. Aber wenn er den Dorn nicht bald aus seiner Pfote herausbekam, dann musste er wohl oder übel in die Wandlung gehen, was seiner ohnehin angegriffenen Konstitution noch mehr zusetzen würde.

Als Wandelwolf hatte er die Fähigkeit jederzeit eine menschliche Gestalt anzunehmen. Es forderte allerdings viel Energie und Kraft. Zudem steckte er dann einen ganzen verdammten Tag lang in dieser zweibeinigen Gestalt fest, denn eine Rückverwandlung zum Wolf war erst vierundzwanzig Stunden danach wieder möglich. Außerdem war er dann auch mit all der Hilflosigkeit und all den Unzulänglichkeiten der Menschen geschlagen.
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Zumindest den meisten davon. Gut, seine scharfen Sinne würden ihm bleiben und er wäre wohl auch stärker als ein normaler Mann seiner Größe. Aber die scharfen langen Zähnen und der Pelz wären weg. Letzteres würde die ganze Sache bestimmt zu einer sehr kühlen Angelegenheit machen. Menschenkleidung besaß Karm nämlich nicht.

Der Blick des Wolfes strich erneut über die Stadt unter ihm und die Stille und Reglosigkeit, die dort herrschten, sagten ihm deutlich, dass die Dschan schon dort gewesen waren. Vermutlich waren sie schon wieder weitergezogen, doch sicher konnte man sich da auch nicht sein. Aber Nahrung würde er dort auch sicher finden, ebenso wie einen Unterschlupf. Es gab sicher Keller in dieser Stadt.

Unsicher blickte sich der Wolf um.

Warum auch hatte Aramantha, die Älteste des Mondsingerrudels, ausgerechnet ihn als Sucher bestimmt?

Insgesamt waren aus den drei größten Rudeln jeweils zwei Wölfe zu Suchern benannt und losgeschickt worden um das reinste aller Lichter zu finden. Denn nur dieses war fähig die Dschan nicht nur aufzuhalten, sondern konnte sie wohl sogar vernichten.

Außer Karm war aus seinem Rudel noch die etwa gleichaltrige Wölfin Tarim entsandt worden. Das Silberfellrudel hatte die beiden etwas jüngeren Wölfinnen Laurem und Rough und das Sternfängerrudel die beiden Rüden Rasgar und Kirtam losgeschickt.

Die Namen der drei Rudel gingen auf die ersten Alphawölfe, also die Begründer der jeweiligen Rudel, zurück. Demnach hatte einst der große, pechschwarze Mondsinger Karms Rudel begründet. Mondsinger, Silberfell und Sternfängern waren die großen Helden der Wandelwölfe. Diesen Dreien, so hieß es in den Legenden, sei es zu verdanken, dass die Wandelwölfe frei und unbehelligt in den nördlichen Ländern jenseits der Heralberge leben konnten. Es hieß auch, diese drei wären direkte Nachfahren der legendären Sternenwölfin. Jener Wölfin, die in den Chaoszeiten kam, jener Zeit der großen Verwüstung, in der die Welt auseinanderbrach. Damals brach die Welt wirklich in Stücke. Wie und warum es geschah, das wusste niemand mehr, aber damals herrschte wirklich Chaos. Kontinente brachen auseinander und schoben sich wieder ineinander. Dabei entstanden die großen Gebirge, wie die Heralberge und das Tatariangebirge, aber auch sogenannte Brüche.
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Hier brach die Erde regelrecht und sackte stellenweise hunderte von Schritten weit ab. So entstanden der kleine Bruch, das kleine Kliff und das große Kliff. Die Kliffs hatten die Namen nicht umsonst, schließlich sahen sie wirklich wie große Klippen aus, die aber fast die ganzen Bruchlande teilten.

Und genau in dieser chaotischen Zeit kam die Sternenwölfin. Sie brachte den Wölfen die Wandelkraft zurück. Sie erinnerte sie alle daran wer und vor allem was sie waren. Es war die Sternenwölfin die Karms Urahnen ihre Macht zurückgab und die uralte Magie in ihrem Blut neu erweckte. Und als sie ihren Weg vollendete, da war es auch die Sternenwölfin, die den Sternenpfad öffnete. Jenen Pfad, den jeder Wandelwolf nach seinem physischen Tod beschritt um in die ewigen Jagdgründe und zu den Ahnen zu gelangen.

Aber nicht nur die Wölfe befreite die Sternenwölfin, auch die anderen wandelbaren Wesenheiten fanden danach zurück zu ihren Gaben, ihrer Magie und Kraft.

Karm lächelte leise bei der Erinnerung daran, wie er als junger Welpe fasziniert zu Aramantha aufsah, während diese die alten Legenden so spannend und lebendig erzählte, als wären diese Geschehnisse nicht schon Generationen zuvor passiert.

Auch die Dschan und der Blutmond wurden in den Legenden der Wölfe erwähnt. Sie erzählten davon, wie Mondsinger, Sternfänger und Silberfell aufbrachen, um nach dem Licht zu suchen, welches sie am Ende auch fanden und damit die Dschan für viele Jahrhunderte verbannten. Dabei aber verlor der große Mondsinger, der mutigste aller Wandelwölfe, auch sein Leben. Leider sagten die Legenden nicht wie dieses reinste aller Lichter denn aussah oder ob es überhaupt eine bestimmte Gestalt hatte. Aber sie warnten vor dem Blutmond und vor den Dschan.

Und jetzt, nachdem der Blutmond innerhalb von nicht einmal einem Jahrhundert gleich zweimal am Himmel erschien und die Dschan sich wieder erhoben, war es erneut an den Wandelwölfen nach dem reinsten aller Lichter zu suchen. So wie damals Mondsinger, Sternfänger und die schöne Silberfell.

Das alles war Karm schon verständlich. Jemand musste es eben tun. Was ihm nicht in den Kopf wollte, war die Tatsache, dass das Rudel ausgerechnet ihn losgeschickt hatte!

Karm sah sich nicht als Heldenhaft, noch nicht einmal als sonderlich großartigen Jäger.
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In seinen Augen war er ganz und gar gewöhnlich und jung und unerfahren obendrein. Aber damit war er nicht allein, auch Tarim und die anderen vier Wölfe waren so jung wie er und damit noch genauso unerfahren. Das war es was Karm nicht begreifen konnte.

Warum hatten die Rudelältesten nicht erfahrene Jäger auf diese Mission geschickt?

Ein weiteres lautloses Seufzen dehnte seinen Brustkorb.

So oder so, nun war er also auf der Suche nach einem Etwas, dass die Legenden reinstes Licht nannten und von dem er nicht einmal wusste wie es aussah oder wo er es denn ungefähr finden sollte. Er hatte einen Dorn in der Pfote, war allein, müde und verdammt hungrig. Der Wolf knurrte missmutig und dachte ironisch bei sich, was er doch für einen tollen Sucher abgab.

Er tat einen weiteren Schritt und winselte erneut. Schließlich setzte er sich nieder und versuchte zum gefühlten hundertsten mal den hartnäckigen Fremdkörper aus seiner Pfote zu ziehen. Wieder ohne jeglichen Erfolg. Also fand sich Karm damit ab wohl tatsächlich einen Tag als Mensch verbringen zu müssen. Auch das sprach dafür dieser Stadt einen Besuch abzustatten, denn dort ließ sich sicher Kleidung finden.

Ein weiteres Rumpeln in seinem Magen machte ihm die Entscheidung leicht und er verließ seinen Aussichtspunkt.

Minuten später hinkte der große, schwarze Wandelwolf staubig, zerzaust, müde und hungrig in Richtung Blaustein, der kleinen Stadt am Fuße der Heralberge, nahe des Flusses Sarath. Er ahnte nicht, dass er dort etwas finden würde, dass ihn vor einige Herausforderungen stellen würde. Nein als Karm sich langsam hinkend über die Hänge quälte ahnte er nicht, dass er etwas finden würde, dass seine Welt für immer verändern würde.





***





Ein eisigkalter Wind fegte durch die leeren, stillen Gassen von Blaustein, als Karm endlich dort ankam. Der Abend nahte und die dem Untergang entgegen strebende Sonne tauchte die dicken, finsteren Wolken am Horizont in ein düsteres Rot, das langsam an Intensität gewann. Es war ein beeindruckendes Schauspiel, doch Karm konnte es diesmal nicht würdigen.
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Er brauchte nun sehr bald ein unterirdisches Versteck. Noch immer hing der trockene, leicht stechende Geruch der Dschan in der Luft und Karm befürchtete, dass noch nicht alle dieser Wesenheiten weitergezogen waren. Es war also sinnvoller die Nacht irgendwo unter der Erde zu verbringen.

Nach einer Weile kam Karm zu dem Schluss, dass er Städte nicht besonders mochte. Blaustein erinnerte ihn irgendwie an ein völlig vertracktes Labyrinth, aus dem sich schwer wieder herausfinden ließ. Die gepflasterten Straßen, die schmalen Gassen und die ganzen hohen eng beieinanderstehenden Gebäude bedrückten den Wolf.

Karm empfand die Stadt als unübersichtlich und verwirrend. Das lag nicht nur an ihrem Aussehen, sondern auch an den vielen, teils sehr fremden Gerüchen. Aber es half ja nichts, er brauchte ein Versteck und er brauchte Nahrung. Wieder belastete er unabsichtlich seine Pfote und winselte leise, als sich das gemeine Ding mit stechendem Schmerz ein winziges Stück weiter in seinem Fleisch versenkte. Ach ja, den vermaledeiten Dort musste er auch endlich loswerden!

Ein Blick zum Himmel zeigte dem Wolf, dass der Abend noch weiter fortgeschritten war und ihm wurde klar, dass er nun wirklich bald ein Versteck finden sollte. Leider würde er dann wohl noch eine weitere Nacht lang hungrig bleiben. Seufzend fand sich der Wolf damit ab und humpelte weiter. Mit seinem ziellosen herum streifen war er mittlerweile tief in die Stadt Blaustein geraten und nirgendwo schien sich etwas zu rühren. Die Stille war selbst für ihn ohrenbetäubend und bedrückend. Offenbar waren tatsächlich alle Menschen gestorben und viele ihrer Haustiere wohl gleich mit ihnen. Der Rest, die Überlebenden, die mussten geflohen sein. Auf jeden Fall gab es hier keine Menschen mehr.

Einige Krähen ließen ihre rauen Stimmen erklingen und irgendwo raschelten Mäuse. Hungrig spähte der Wolf nach dem Geräusch und hoffte, dass er womöglich einen der kleinen Nager sehen und vielleicht sogar erwischen würde. Zumindest wäre dann sein Magen nicht mehr ganz so schrecklich leer.

Als er um eine weitere Ecke bog und einen Tonkrug entdeckte, frohlockte er innerlich, denn aus dem Gefäß drang der Geruch von leicht gestockter Milch. Als er den Krug jedoch genauer in Augenschein nahm, seufzte er enttäuscht, denn er enthielt nur einen winzigen Rest an Milch.
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Niedergeschlagen ließ Karm davon ab. Diese Winzigkeit würde seinen Hunger gewiss nicht besänftigen, sondern eher noch anfachen. Also folgte Karm der schmalen Gasse weiter, doch plötzlich stieg ihm ein ganz wundervoller Geruch in die Nase. Fleisch!

Sein Magen knurrte vernehmlich und ihm lief das Wasser im Maul zusammen. Aufgeregt blickte er sich um und seufzte dann schon wieder enttäuscht.

Rechts neben ihm befand sich ein kleiner Laden, der offensichtlich einem Metzger gehört hatte. Der Mensch schien wohl gut zu verdienen, denn er hatte sich tatsächlich ein großes Fenster aus Glas leisten können. Dahinter befanden sich leckere Würste und ein riesengroßer, geräucherter Schinken, der Karms Magen zu einem weiteren lauten Knurren verleitete. Dumm war nur, dass Karm nicht an die leckeren Dinge herankommen konnte. Schließlich war er immer noch Wolf und die Ladentür fest verschlossen. Mit Pfoten konnte man den Drehknauf nicht öffnen. Er hatte im Moment also keine Möglichkeit an die Nahrung zu kommen. Außerdem hatte er nun auch schlicht keine Zeit mehr. Seufzend fand er sich auch damit ab. Er würde also wirklich noch eine Nacht lang hungrig bleiben, wenn er nicht zufällig einen gutgefüllten Vorratskeller fand.

Ein leises Klirren hinter ihm ließ Karm erschrocken herumwirbeln, doch es war nur eine dreifarbig gescheckte Katze, die ihn mit großen grünen Augen anstarrte und vorsichtig den Rückzug antrat. Das hübsche Tier hatte den Tonkrug umgeworfen, den Karm zuvor schon untersucht hatte.

Aufmerksam beobachtete der Wolf die Katze, verhielt sich aber ansonsten still und ruhig. Als das hübsche Tier sah, dass der Wolf keine Anstalten machte sich auf sie zu stürzen, entspannte sie sich ein wenig. Schließlich grüßte ihn die Katze sogar mit einem leichten Augenzwinkern und einem leisen Miauen. Ihr Blick wanderte zu dem Schaufenster des Metzgers und ein Katzenlächeln kräuselte ihre kleine Schnauze.

"Wenn du einen Weg dahinein gefunden hast," meinte sie plötzlich, "dann lass mir was übrig, ja?"

Karm schenkte ihr ein hechelndes Wolfslächeln und nickte leicht. Es überraschte ihn, dass die Katze mit ihm sprach, das war wirklich selten und freute ihn daher umso mehr.
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Seine Augen richteten sich kurz auf den Himmel, dann sah er die Katze wieder an.

"Mein Name ist Karm, wie nennt man dich?"

Auch die Katze blickte kurz zum Himmel hinauf bevor sie ihm antwortete.

"Nenn mich Schnurr, so hat mich das Menschenkind, das mir wohl gesonnen war, genannt. Ich glaube die Kleine gibt es nicht mehr."

Plötzlich klang die Katze Schnurr traurig, doch sogleich wischte ein weiteres Lächeln den kaum sichtbaren Kummer von ihrem Gesicht.

"Und, was tut ein Wandelwolf hier, in dieser von den Nachtschatten getöteten Stadt?"

Sie wirkte ehrlich interessiert, doch Karm war einen Moment lang verwirrt. Doch dann erinnerte er sich daran, dass viele andere Tiere die Dschan als Nachtschatten oder auch als Nachttode bezeichneten. Schließlich lächelte er etwas kläglich.

"Hunger hat mich hier her getrieben und ein tief sitzender Dorn in der Pfote. Ich muss mich wohl der Wandlung unterwerfen um das Ding wieder loszuwerden. Das bedeutet, dass ich auch Menschenkleidung benötigen werde. Ansonsten wird die ganze Sache für mich bestimmt sehr unangenehm und kalt."

Schnurrs Gesichtsausdruck wirkte mitfühlend und überraschender weise überwand sie ihre natürliche Scheu und näherte sich vorsichtig dem Wandelwolf.

"Ein Dorn?"

Karm nickte und hob zuvorkommend seinen rechten Lauf, damit die Katze einen guten Blick auf den Fremdkörper hatte, der darin steckte. Schließlich gab sie ein nicht wirklich bestimmbares Geräusch von sich, das gleichzeitig zustimmend, mitfühlend und tröstend klang.

"Ich glaube," meinte sie schließlich, "dass nicht mal ich den Dorn da rausbekommen würde, er sitzt ziemlich tief. Ich denke du tust richtig damit Mensch zu werden. Finger sind eben doch manchmal nützlich."

Ihr Gesicht zeigte nun ein Katzengrinsen und als Karm nur nickte, fuhr sie mit ernster Stimme fort.

"Nahrung wirst du wohl heute nicht mehr aufstöbern."

Ihr Blick ging wieder zum Himmel, der merklich dunkler geworden war.

"Aber es gibt zwei Straßen weiter einige Wurzel- und Vorratskeller, die sicher einen guten Unterschlupf für die Nacht abgeben werden.
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"

Erneut prüfte sie den Himmel und wirkte langsam ein wenig nervös. Die Nacht kam immer näher und mit ihr kamen auch die Nachttode. Sie sollten sich bald verstecken. Schließlich schüttelte sich die Katze und schenkte dem Wolf ein letzes kleines Katzenlächeln.

"Nun denn, Wolf Karm, es wird wohl Zeit. Noch sind nicht alle Nachttode fort. Wir sollten uns bald verbergen."

Nun klang Schnurr wieder ein wenig traurig. Karm stupste sie aus einem Impuls heraus ganz sanft an. Als sie ihn überrascht ansah, schenkte er ihr ein Wolfsgrinsen.

"Da hast du wohl Recht, Katze Schnurr, aber ich werde Morgen auch noch hier sein und dann vermutlich mit Händen ausgestattet, die diese Türe," er sah bedeutungsvoll zu der Tür der Metzgerei, "sicher einfacher aufbekommen, als es unsere Pfoten könnten."

Nun war es an der Katze impulsiv zu handeln, denn sie rieb sich plötzlich an dem Wolf. Karm grinste nur weiter und nahm die Liebkosung still hin. Bald hatte sich Schnurr beruhigt und löste sich von ihm. Verlegen putzte sie sich kurz die Schwanzwurzel, dann erhob sie sich.

"Eine gute Jagd, wünsche ich, Freund Karm."

Mit diesen Worten sprang die Katze ein Stück weit fort und blickte dann doch noch einmal zurück. Karm erhob sich langsam.

"Eine gute Jagd, Freundin Schnurr."

Seine Stimme klang sanft und die Katze schenkte ihm ein letztes Grinsen, bevor sie im Schatten und gleich darauf in einem engen Loch in einer Mauer verschwand. Karm nahm an, dass es sich hierbei wohl um ihr ganz persönliches Versteck handelte. Er wandte sich um und trottete die Gasse entlang.

Hätte ein Mensch diese Begegnung zwischen Wolf und Katze beobachtet, dann hätte jener wohl Bauklötze gestaunt. Doch es gab hier keine Menschen mehr, von daher hatten sich die beiden Tiere keine Mühe gegeben diese Begegnung im Verborgenen zu halten.





***





Karm nahm sich die Worte von Schnurr zu Herzen und machte sich auf die Suche nach den von ihr erwähnten Kellern. Langsam hinkte er weiter und erreichte bald die Straße, zu der ihn die Katze geschickt hatte. Auf dem Weg dorthin musste er erneut lächeln, denn die kleine seltsame Begebenheit erinnerte ihn wieder an die Legenden.
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In jenen hatte sich Silberfell mit einer Katze angefreundet und viel Hilfe von selbiger erfahren.

Bald fand der Wolf die Eingänge zu den Wurzelkellern und untersuchte einen nach dem anderen. Die ersten beiden Türen waren fest verschlossen, die dritte war zwar offen, wurde aber von etwas blockiert und ließ sich daher nicht weit genug aufdrücken. Die vierte Tür war auch offen, aber führte nur in einen kleinen unterirdischen Raum, der weder groß noch tief genug war. Erst die fünfte Tür öffnete sich zu einer steilen Treppe, die tief in die Erde hinab führte und, wie der Wolf erspürte, in einem großen unterirdischen Raum mündete. Dieser Ort war perfekt und da es mittlerweile schon fast dunkel war, blieb Karm sowieso keine große Auswahl mehr. Er schlüpfte durch die einen Spalt weit offene Tür, die sich dabei weiter öffnete. Also drehte sich der Wolf auf dem schmalen Absatz um und schob die Tür mit seiner Schnauze so weit zu, dass sie nur noch einen kleinen Spalt weit offen stand. Erst dann schlich er langsam und unter Schmerzen die Treppe hinab. Sein Magen knurrte immer noch vor Hunger.

Vorsichtig verweilte Karm am Ende der Leiter, sah sich aufmerksam um und staunte nicht schlecht.

Allerlei seltsames Zeug stapelte sich hier unten. In mehreren Regalen gab es haufenweise durchsichtige Behälter mit farbenfrohem Inhalt. Erst auf den zweiten Blick erkannte der Wolf das eingekochte Obst und Gemüse. Als Wolf jedoch konnte er damit nicht so viel anfangen, aber sobald er durch die Wandlung war, würde sich das ändern. Er wandte sich von den Regalen ab.

Es standen hier auch große Körbe, die Karm sehr interessant fand. Sie verströmten einen angenehmen erdigen, weichen Geruch. Ein Blick hinein verriet ihm, dass sie verschiedenes Wurzelgemüse enthielten. Da waren zu einem Kartoffeln, Karotten und Zuckerrüben, dann gab es da auch noch Gelbwurz, Schwarzwurzeln und sogar Nüsse, sowie ein Rest getrockneter Weintrauben.

Letztere befanden sich in einer großen Schale und freuten Karm besonders, denn selbst Wölfe wussten die süßen Trauben zu schätzen und verspeisten sie auch ab und zu.

Hungrig machte sich der Wandelwolf über die Köstlichkeit her und vergaß ganz, dass draußen auf den Straßen nun schon die Nacht begann und die Dschan bald durch die Stadt streifen würden.
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Bei all der Vielfalt in diesem unterirdischen Raum übersah der große, schwarze Wandelwolf jedoch ein interessantes Detail. Nämlich ein kleines, blondlockiges Mädchen, das sich zutiefst erschrocken und verängstigt am anderen Ende des Kellers hinter mehreren großen Tongefäßen versteckte. Furchtbar erschrocken presste sich das Kind in den Winkel, den es sich da ausgesucht hatte und beobachtete dabei die ganze Zeit mit riesengroßen Augen den großen schwarzen Wolf.

Karm mochte zugutegehalten werden, dass in dieser Stadt sowieso alles irgendwie nach Menschen roch und er bestimmt nicht damit gerechnet hatte, noch einen lebenden Zweibeiner hier vorzufinden. Zudem lenkten ihn sein Hunger, die getrockneten Weinbeeren und der Dorn in seiner Pfote doch gehörig ab.

Nachdem er den Großteil der Trauben verspeist hatte, hielt der Wolf inne und blickte sich auf der Suche nach Wasser, oder einer anderen Gelegenheit seinen Durst zu stillen, um. Die Dinger waren zwar lecker, aber sie machten auch gehörig durstig. Wenigstens hatte nun sein Magen etwas zu tun und knurrte ihm nicht mehr ständig die Ohren voll.

Sein Blick schweifte suchend durch den unterirdischen Raum. Erst in diesem Moment stieg Karm der etwas saure Geruch von menschlicher Angst in die Nase. Völlig erstaunt traf sein Blick auf zwei große, blaue Augen, die ihn erschrocken anstarrten. Verwirrt und etwas verblüfft blinzelte der große Wolf, setzte sich und legte den Kopf schräg, während er das Zweibein nachdenklich musterte.

Es war ein Kind und zwar ein Mädchen!





***





Annabella hatte keine Ahnung wie lange sie sich schon in dem Wurzelkeller aufhielt, aber sie wagte sich nicht die Treppe hinauf. Als sie jedoch Hunger bekam, überwand sich das Mädchen und getraute sich zumindest aus ihrem Winkel hervor. Sie frohlockte über die getrockneten Weintrauben und nachdem sie sich mehrere Handvoll in die Taschen gestopft hatte, entdeckte Annabella die Einmachgläser mit Früchten und Gemüse darin. Freudig schnappte sie sich zwei der Gläser und verzog sich mit ihrer Beute wieder in ihr Versteck hinter den großen Weingefäßen, wo sie sich über den Inhalt der Gläser und natürlich auch über die Weinbeeren hermachte.
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Nachdem sie so ihren Hunger und auch ihren Durst gestillt hatte, schlief Annabella erschöpft ein und erwachte erst, als die Holztreppe leise knarrte.

Lange Augenblicke wusste das Kind nicht wo es war und wie es dorthin gekommen war, dann jedoch drängten die Erinnerungen mit Macht in ihr Bewusstsein. Ein weiteres Knarren, erschreckte das Mädchen und furchtsam blickte es zur Treppe und dem Eingang.

Ein großer Schatten war dort oben, aber von ihrer Position konnte sie nicht erkennen, was diesen Schatten warf. Lange Momente passierte nichts, dann ertönte ein leises Winseln und ein riesengroßer, schwarzer Wolf schlich über die Stufen herab. Annabellas Augen wurden riesengroß und ihre Lippen formten sich zu einem stummen Schrei. Es war ein Glück, dass ihr die Stimme versagte, denn sonst hätte das Mädchen tatsächlich geschrien. So jedoch drückte sie sich lautlos, stumm und von tiefster Angst erschüttert tiefer in ihren kleinen Winkel in dem Regal hinter den großen, tönernen Weingefäßen. Der Wolf war wirklich groß. Annabella hatte schon Wölfe aus der Ferne gesehen, aber der hier war deutlich größer.

Das schwarze Tier hielt am Fuß der Treppe inne und blickte sich aufmerksam um. Interessiert legte der Wolf den Kopf schräg, als er das Regal mit den Einmachgläsern musterte. Dann stellten sich seine Ohren auf, als er die Körbe fand und in jeden einzelnen die Nase hineinsteckte. Bei dem Korb, der Gelbwurz enthielt, musste der Wolf leise niesen. Hätte Annabella nicht so große Angst gehabt, dann hätte sie sich sicher über das Verhalten des Tieres amüsiert. So aber saß sie nur starr, mit großen Augen in ihrem Winkel und betete lautlos zu den Göttern, dass das Raubtier sie nicht finden würde.

Der Wolf hingegen inspizierte weiter den Keller und die Körbe. Schließlich entdeckte er die Schale mit den Weinbeeren und hielt zielstrebig darauf zu. Annabella erschrak, denn das Tier würde sicher ihren Geruch an dieser Schale wittern. Andererseits roch wohl alles hier unten ein wenig nach ihr. Trotzdem wartete das Mädchen angespannt ab. Doch das Wesen schien nicht an den Gerüchen an der Schale interessiert zu sein, sondern ausschließlich an deren Inhalt.
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Geräuschvoll schmatzend verschlang es die getrockneten Weinbeeren und das Kind staunte, trotz aller Angst, ein wenig. Schließlich hatte es noch nie gehört, dass Wölfe Weintrauben fraßen. Doch dieser hier tat es und offenbar schmeckten sie ihm auch noch. Das verwirrte sie ein wenig, doch die Angst blieb.

Zu bald hatte der Wolf auch schon die Schüssel fast geleert, zumindest hörte er auf zu fressen und sah sich wieder um. Sein Blick schweifte suchend durch den Keller. Plötzlich schnupperte er in der Luft und drehte dann Annabella den Kopf zu. Erst schien er seltsamerweise etwas verblüfft, dann jedoch setzte sich das Tier und legte den Kopf schräg.

Als sich das Wesen allerdings wieder erhob und einen kleinen Schritt in ihre Richtung machte, bekam es Annabella richtig mit der Angst zu tun.

Einzig weil ihre Stimme ihr noch immer den Dienst versagte kreischte das Mädchen nicht einfach laut los, sondern gab stattdessen ein seltsam erstickt klingendes Quietschen von sich. Panisch drückte sich noch tiefer in ihr Versteck hinein. Ihr Herz raste so schnell dahin, so dass es sich für das Kind anfühlte, als hätte es einen Kolibri mit Startschwierigkeiten in der Brust sitzen.





***





Karm hielt irritiert inne, als das Kind mit einem seltsamen Quietschen noch tiefer in den Winkel, in dem es sich verbarg, hineinkroch. Wenn es überhaupt noch möglich war, dann waren die Augen des Mädchens nun noch größer und der Geruch nach Angst stärker geworden.

Hilflos schenkte er dem kleinen Zweibeiner ein hechelndes Wolfslächeln und erreichte damit nur, dass die Kleine versuchte sich noch tiefer in das Regal zu zwängen. Erneut gab sie dieses seltsame Quietschen von sich und Karm war eigentlich ganz froh, dass sie nicht loskreischte. Schließlich wusste man ja nie, ob die Dschan nicht bei der Aussicht auf Beute ihren Widerwillen gegen unterirdische Räume überwinden würden. Karm wollte da im Moment wirklich kein Risiko eingehen.

Der Wolf seufzte innerlich.

Das wurde ja immer besser, dachte er missmutig, während er sich wieder niedersetzte. Weiterhin interessiert betrachtete er das Kind, das ihn nun stumm und voller Panik anstarrte.
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Irgendwie tat ihm die Kleine schon sehr leid. Sie musste den Angriff der Dschan hier unten überlebt haben und davor hatte sie bestimmt einiges mitgemacht. Und nun kam auch noch ein großer, unheimlicher Wolf in ihr Versteck. Klar hatte sie da Angst. Karm wollte das Kind gewiss nicht fressen, auch wenn er noch solchen Hunger hatte. Und das nicht nur, weil Aramantha und die anderen Rudelältesten alle, die losgeschickt wurden, eindringlich davor gewarnt hatten, sich an Menschenfleisch zu vergreifen.

Er stellte also keinerlei Gefahr für das Mädchen dar, aber wie sollte er ihr das klar machen?

Zudem wollte Karm auch nicht, dass die Kleine irgendetwas Unüberlegtes tat oder gar laut kreischend aus dem Keller lief. Da draußen war es im Moment schlicht zu gefährlich. Also musste er sie wohl irgendwie beruhigen. Nur wie?

Der Wandelwolf legte frustriert die Ohren an und gab ein entnervtes Grollen von sich. Wie zum Donnerwetter machten das nur die Hunde? Wie bekamen die es hin, dass sie in den Augen der Menschen harmlos aussahen?

Wenn doch wenigstens Schnurr hier gewesen wäre. Die Katze lebte schließlich bei den Menschen und hätte sicher gewusst, wie man das Kind hier beruhigen könnte. Möglicherweise war das Mädchen ja auch Schnurrs Menschenkind. Wenn man mit Menschen wenigsten vernünftig hätte reden können, aber die verstanden einem ja nicht. Oder nur sehr selten.

Schließlich gab er ein weiteres Grollen von sich, erhob sich und schenkte dem Kind einen genervten Blick.

"Mein Name ist Karm," meinte er ironisch zu ihr, "und ich habe nicht vor dich zu fressen. Wenn du aber versuchst von hier wegzulaufen, bevor die Nacht vorüber ist, dann beiße ich dich vielleicht. Vielleicht leg ich mich aber auch einfach auf dich drauf und dann kannst du Kissen für mich spielen."

Frustriert wandte sich der Wolf ab und winselte leise, als er erneut unabsichtlich seinen rechten Lauf belastete. Verdammter Dorn! Karm fluchte innerlich. Aber er würde ganz gewiss nicht vor diesem Menschenkind eine Wandlung durchziehen. Eine Wandlung tat zwar nicht weh, war aber unangenehm und sah beunruhigend aus. Zudem war der Wolf, der sich in der Wandlung befand, für einige Minuten völlig handlungsunfähig und damit nicht nur verwundbar, sondern auch hilflos.
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Außerdem würde die Kleine vermutlich vor lauter Schreck sterben, wenn er sich hier verwandelte.

Unter weiterem Gegrummel und leisem vor sich hin schimpfend wandte sich Karm der Suche nach Wasser zu. Schließlich entdeckte er nahe der Treppe eine Schale in der sich etwas Regenwasser gesammelt hatte und stillte dort seinen Durst. Immer wieder jedoch wurde sein Blick von dem Mädchen angezogen. Das Kind saß noch immer starr vor Angst in seinem Versteck und beobachtete den Wolf aus großen Augen.

Wie seltsam, dachte Karm, dass er ausgerechnet den Keller erwischen musste, in dem die vermutlich einzige menschliche Überlebende von Blaustein Zuflucht gesucht hatte. War das womöglich ein Zeichen, oder erlaubten sich die Götter einen blöden Scherz? Bei seinem Glück war es bestimmt letzteres.

Er schüttelte leicht den Kopf, stöberte noch etwas herum und fand bald einige Lumpen, die ein gutes Stück weit weg von dem Mädchen an einer Wand lagen. Der Platz war gut. Von hier aus hatte er die Treppe gut im Blick, aber auch das Versteck des Kindes. Wenn das Mädchen von hier fortwollte, dann musste sie an ihm vorbei, was sie wohl hoffentlich nicht wagen würden. Also ließ sich Karm dort nieder und versuchte erneut den hartnäckigen Dorn mit den Zähnen aus seinem Fleisch zu ziehen. Natürlich wieder erfolglos.

Ein weiteres Seufzen dehnte den mächtigen Brustkorb des Wolfes. Müde legte er den Kopf auf die Pfoten, und warf dabei dem Mädchen noch einen Blick zu. Zumindest schien sie sich jetzt doch ein klein wenig beruhigt zu haben, denn nun starrte sie ihn eher ungläubig an. Dennoch roch sie auch immer noch nach Furcht.





***





Annabella hatte das Gefühl vor Angst sterben zu müssen, als der große Wolf sich erst wieder setzte und dann wieder erhob, wobei er diesmal irgendwie genervt aussah. Sie hatte keine Ahnung ob dem wirklich so war, aber der Eindruck entstand. Ein tiefes Grollen kam aus der Brust des Tieres. Und dann sprach er!

“Mein Name ist Karm und ich habe nicht vor dich zu fressen. Wenn du aber versuchst von hier wegzulaufen, bevor die Nacht vorüber ist, dann beiße ich dich vielleicht. Vielleicht leg ich mich aber auch einfach auf dich drauf und dann kannst du Kissen für mich spielen.
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"

Die Stimme des Wolfes klang ironisch. Nun eindeutig verstimmt wandte sich das Tier ab, winselte erneut leise und durchsuchte dann einfach weiter den Keller. Annabella hingegen erstarrte völlig und blinzelte ungläubig. Hatte der Wolf gerade wirklich mit ihr gesprochen? Das konnte doch nicht sein, oder? Wölfe konnten nicht sprechen!

Einen Moment später wurde dem Kind klar, dass der Wolf auch nicht wie ein Mensch zu ihr gesprochen hatte. Dennoch hatte sie ganz genau gewusst, was das Tier gemeint hatte. Sogar die Ironie war ihr nicht entgangen. Völlig verwirrt fragte sie sich, was denn nun wieder vor sich ging.

Der Wolf hingegen hatte nahe der Treppe Wasser gefunden und stillte nun seinen Durst. Dann stöberte noch etwas herum. Schließlich entdeckte er einige Lumpen, auf denen er sich niederließ und offenbar versuchte etwas aus seiner Pfote zu ziehen. Das Mädchen hatte dieses Verhalten schon bei einem alten Hofhund in der Nähe ihres Zuhauses gesehen, als sich dieser etwas in die Pfote getreten hatte. Offenbar war dem Wolf wohl ähnliches widerfahren und ähnlich wie der Hund damals, schien es auch ihm nicht zu gelingen, sich den Fremdkörper selbst aus der Pfote zu entfernen.

Schließlich gab er es auf, seufzte sichtbar und legte seinen Kopf auf die Vorderpfoten. Er warf ihr einen langen unergründlichen Blick zu. Annabella hingegen starrte das Geschöpf ungläubig an. Sie konnte es einfach nicht glauben, dass sie den Wolf verstanden hatte.

Da ihr das Tier offenbar nichts zu leide tun wollte, machte es sich das Mädchen langsam und vorsichtig etwas bequemer. Er schien in ihr keine Nahrung zu sehen. Erneut warf sie einen Blick zu dem großen Tier und entdeckte, dass es mittlerweile die bernsteingelben Augen geschlossen hatte. Der Wolf wirkte irgendwie erschöpft auf das Mädchen, das nun auch langsam müde wurde. Nein sie war nicht einfach nur müde, sie war völlig fertig. Erst der Schrecken der Blaustein heimgesucht hatte, dann die kopflose Flucht und den Verlust ihrer Familie und dann noch ein riesengroßer, schwarzer Wolf, der sie zu Tode erschreckt hatte. Wenigstens wollte er ihr wohl nichts tun. Dennoch fragte sich die Kleine, wie in aller Götter Namen sie sich ausruhen sollte, wenn so ein gefährliches Wesen nur wenige Meter von ihr entfernt schlief.
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Sie entschloss sich zu einem Kompromiss und legte sich so hin, dass sie das Geschöpf immer noch im Auge behalten konnte. Das tat sie auch eine ganze Zeit lang, doch langsam gewann dann doch ihre eigene Erschöpfung die Überhand. Dem Mädchen fielen langsam und unaufhaltsam die Augen zu.

Bald schon war sie tief eingeschlafen.
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Kommentare zur Story:

  Hallo Dieter, vielen lieben Dank. Es freut mich, dass dir die Geschichte so gut gefällt.  
   Tis-Anariel  -  03.08.19 01:33

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Hallo Tis-anariel, eine wunderschöne Geschichte. Ich wünsche dir viel Erfolg.  
   Dieter Halle  -  01.08.19 12:26

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