Erinnerungen · Kurzgeschichten

Von:    Waldkind      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 3. Februar 2018
Bei Webstories eingestellt: 3. Februar 2018
Anzahl gesehen: 1150
Seiten: 4

Unter einem Baum wird es sein.

Unter einem Baum werde ich stehen und meinen Blick nach oben schweifen lassen.

Ich werde wissen, dass deine Asche nah bei seinen Wurzeln ruht.

Unter diesem Baum wird es sein dass ich daran denke, wie reich du uns alle gemacht hast.

Über die zerfurchte Rinde werde ich meinen Blick in die Baumkrone lenken und mich dabei wundern,

dass du selbst in deinen letzten Atemzügen irgendwie zu jung für dein Alter ausgesehen hast.

Du hast mir (und uns) irgendwie immer vorgegaukelt, unkaputtbar, ergo- ewig haltbar, zu sein.

Mit den Jahren ist dein Schauspiel aber nicht immer undurchschaubar geblieben.

Atemlosigkeit machte dir zu schaffen.

Dein körperliches Herz war "unsportlich" geworden.

Das Alter und der körperliche Zerfall nagt eben auch an genau den Menschen, die man noch weniger als alle anderen vermissen möchte und die der Nimbus der Unsterblichkeit umweht.

Du bist der Mensch, der meine Kinderseele rund gemacht hat.

Oft musste ich gerade nach solch runden Momenten weinen, weil mir bewusst wurde, wie unrund meine Kinderseele eigentlich sonst gewesen ist.

Du bist der Mensch, der mir Reinheit in jedem Gefühl schenkte, weil du ehrlich und aufrichtig und einfach großartig bist- warst?

Du bist ja noch so fast hier.

Dein Atem geht schwer und spätestens nach achtundzwanzig Sekunden durchlüftet er neuerlich deine vom Asbest gequälten Lungenbläschen. Du lässt den Atem leicht prustend wieder aus dir heraus und erinnerst mich damit an so manchen Moment, in dem ich dich grinsend beim Schnarchen beobachtete. In deinem lauten Ausatmen kann ich noch deine warme, tiefe Stimme erkennen, mit der du oft brummende Laute formtest um mich zu trösten. Aber jetzt sehe ich, dass deine Schläfen eingefallen sind und dein Gesicht wächsern aussieht. Der Urin in deinem Beutel ist braun. Du wirst mich nicht mehr auf den Schoß nehmen, mir über den Rücken streichen und dabei brummen. Davon abgesehen, bin ich ja aus dem Alter schon so ein zwei Jährchen raus. Und zwar so viele ein zwei Jährchen, dass ich vor ein paar Tagen mit dir über die grauen Haare redete, die mir langsam über den Kopf wachsen.....

..... dabei hatte ich auch noch mit dir lachen können und dich daran erinnert, dass du einhundertundsieben Jahre alt werden willst. Das wäre ein schönes Alter, hattest du mir bereits in frühester Kindheit eingetrichtert.
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Ich weiß jetzt, dass du nicht so alt werden wirst. Du bist 78 (Es ist wichtig, sich jetzt die Ziffern zu betrachten.) Wenn wir die 7 hinten an stellen und aus der 8 eine kleine o nehmen, aus dem Rest eine gerade I biegen, schaffen wir auch eine Io7. Ich werde das für dich so gelten lassen.

Leider kann ich dir das heute nicht mehr sagen.

Es wird dir aber auch egal sein jetzt.

Was ich dir auch sagte an diesem Abend, war, dass ich einzig dich damals im Krankenhaus als Besuch wollte, als ich mit fünfzehn und einer Alkoholvergiftung dort lag. Jede Peinlichkeit oder schlechte Gefühl zerstörtest du dann auch mit diesem ersten Satz beim Betreten meines Zimmers: "Na, haste gestern Abend einen Schoppen gemacht?" Jeder der dich kennt weiß, dass du in genau dem Moment, genau 'dieses' Lächeln in deinem Gesicht hattest. Unser darauf folgende Gespräch war es, das mich über all die böse Kritik und Häme der nächsten Wochen getragen hat.

Nach dem letzten Satz habe ich eine Weile geschlafen. Während ich schlief, zuckte ich um 15:40Uhr heftig zusammen-

(Mein Herzensmann berichtete mir dies. Weil er sicher war, dass die Uhrzeit wichtig sei, hatte er sich den Zeitpunkt meines Zuckers gemerkt.) -und als ich noch im Dämmerschlaf war, wollte ich mein Telefon nehmen, weil ich sicher war, darauf die Nachricht von deinem Tod lesen zu müssen. Wach wurde ich aber erst, als mein Bruder mich anrief. Überrascht war ich nicht, ich wusste bereits heute Mittag, dass ich mich verabschiedet hatte. Nun wird es also doch ein Nachruf. Immerhin hatte ich dir gedanklich noch vor deinem Tod die 107 zugesichert, du bist also mit dem Erreichen des endgültigsten Zieles abgetreten.

Schade, dass du mir auch prophezeit hattest, nie unsere neue Wohnung zu betreten, weil dir da zu viele Stufen in den dritten Stock führen. Jetzt bist du noch weiter oben und warst trotzdem nie hier. Passt zu deiner Art von Humor, hmmm?

Ach Hermännche, du, der du diesen einzigartigen Flugplatz auf deinem Schädel trugst, für die Fliege mit dem goldenen Arsch. Ich habe sie nie gesehen. Vorgestellt habe ich sie mir, genau wie du. Ich kenne keinen anderen Menschen, der mit einer nahenden Glatze derart umgegangen wäre, wie du.

Was hast du mich verlieren lassen. So viele Male hast du mich verhöhnt und angestachelt. Bei so vielen Spielen.
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Du hast mich dazu gebracht, gewinnen zu wollen und wenn ich es gegen dich tat, war ich der größte Mensch auf der ganzen Welt und stolz auf meine Fähigkeit und den Mut, es gegen dich zu wagen.

Es gibt so viele kleine und schöne Momente und Erinnerungen an dich.

Du hast mir gezeigt, wie man die Axt führt, obwohl ich 'nur' ein Mädchen war.

Du hast mir gezeigt, wie ich schnitze, ohne mich zu verletzen.

Du hast mir Fichtenspitzentee am Lagerfeuer gekocht.

Heute kann ich dir endlich sagen, dass er scheußlich geschmeckt hat. Damals würgte ich ihn mit acht Löffeln Zucker hinunter, weil ich nie etwas, das von dir kam, schlecht reden hätte können.

Ich hörte deine Geschichten, sog sie mit Begeisterung auf und bewunderte dich.

Ich sah zu dir auf und dennoch gabst du mir in all den gemeinsamen Momenten nie das Gefühl, klein zu sein.

Bei und mit dir war ich stolz, zu sein.

...

Ich trug meine weißen Kommunionschuhe. Wir liefen die Sandgasse entlang. Ich trat in einen Hundehaufen.

Du rettetest mich, indem du mich hochhobst, auf einen -was auch immer- gesetzt hast und mit einem Taschentuch meinen Schuh säubertest. Wegen der Abwesenheit (oder vielleicht bewusst ignorierten Anwesenheit) eines Mülleimers stecktest du dann schelmisch grinsend das stinkende Kacktuch in den Briefkasten eines dir bekannten Mannes. Mit dieser Handlung zogst du mehr Tadel meiner Mutter auf dich, als ich mit meiner Unachtsamkeit. Ich lache noch heute darüber.

Du warst und wirst immer mein Held bleiben.

Über dein Leben könnte man ein wahrlich geniales Buch schreiben und dennoch steht hier so wenig über dich.

Ich sagte heute, kurz nachdem du gestorben bist zu meinem Lieblingsmenschen, denn er sprach nur einmal mit dir:

"Es ist ein Verlust ihn -also dich- nicht gekannt zu haben."

Ach, ich freue mich jetzt auf den Baum und das Wispern seiner Blätter.

Wenn sie meinen Blick nach oben gezogen haben, werde ich ihn in die Wolken gleiten lassen und mir so viele glückliche Momente mit dir vorstellen und froh sein, dass dein Leben mein Leben berührt und bereichert hat.

Ich werde auch wieder weinen, damit du dich oben herrlich über 'die und ihre Flennerei' aufregen kannst.

Einen Zopf werde ich allerdings nicht tragen.
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Der würde dir nicht gefallen.

Nachdem ich mir wispernde Blätter vorstelle, kommt mir jetzt auch gerade der Gedanke, dass du unter einer Tanne ruhen könntest.

Entspräche auch irgendwie deiner Form von Humor, hmmm....

Deine Geschichten bleiben mir hoffentlich unvergessen.

Draußen geht das Leben einfach weiter.

Für mich jedoch, stoppte es heute für einen wahrlich langen Moment.

Ich danke dir in diesem und darüber hinaus ganz bewusst.

Ich wünsche dir, einen guten Übergang gehabt zu haben.

Und ich werde unter diesem Baum stehen - ganz egal, welcher es ist - die Rinde betrachten und niemals, niemals vergessen wie ewig jung du irgendwie immer warst.
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Kommentare zur Story:

  Liebe Evi, ich danke dir für offenherziges Lesen.  
   Waldkind  -  07.02.18 21:06

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Trifft mich mitten ins Herz. Sehr gelungen. Wer es auch immer ist, er bekommt deine Liebe in diesen zärtlichen Worten zu spüren.  
   Evi Apfel  -  05.02.18 19:47

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