Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten · Sommer/Urlaub/Reise

Von:    ThiloS      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 9. Januar 2017
Bei Webstories eingestellt: 9. Januar 2017
Anzahl gesehen: 838
Seiten: 3

Der Tag war schön, aber lange und er war lange, aber schön. Deswegen liege ich um Drölf Uhr nachts brav im Bettchen, die Frau des Herzens an meiner Seite, und habe nur einen einzigen Wunsch. Ich will schlafen. Ohne Doppeldeutigkeit. Augen zumachen, System auf „stand-by“, nur noch das vegetative Nervensystem arbeiten lassen. Verdauen und Atmen. Das soll es sein.



Isses aber nicht. Denn ich muss mitten in der Nacht kurz raus, weil a) mein vegetatives Nervensystem einen Job beendet hat und b) mich irgendetwas am Oberarm juckt. Also tu ich, was ein Mann tun muss und auch mit nur halboffenen Augen tun kann und steige zurück in den Hort der Ruhe. Doof ist es, wenn die Frau des Herzens einen leichten Schlaf hat. „Was machst Du?“ fragt sie und ich antworte brav „ich war auf dem Klo“ und schließe die Augen, um da weiter zu machen, wo ich aufgehört habe. Es ist absolut still im Zimmer.

„Du?“ höre ich im Halbeinschlaf. „Duhu? Geht’s Dir gut?“ „Hmm“ brumme ich zurück, weil mir für „ja“ die Kraft fehlt und damit wäre das Thema für mich erledigt. Da bin ich aber der einzige. „Duhu?“ höre ich durch die Halle des Petersdomes, in der ich mich gerade befinde, „Duhu? Geht es Dir WIRKLICH gut?“ „Jagehtgut!“



Anscheinend ist die Antwort aber unbefriedigend. „Duhu? Was juckt Dich? Du kratzt Dich da am Arm…“ Das hatte ich verdrängt, ich war gerade am Einschlafen und was mich juckte, juckte mich eigentlich schon nicht mehr, weil ich mich gekratzt hatte und gerade auf den Arc de Triomphe in Rom zulief. „Dahatmichwohletwasgestochen“ seufze ich und lege ihr vorsichtshalber die Hand auf den Mund. Sie dreht den Kopf aus der Hand. „Duhu? Was hat Dich denn gestochen?“ will sie wissen.



Ich weiß es nicht. Ich will es auch nicht wissen. Ich will schlafen. Ich schaue morgen nach. Nicht jetzt. Vielleicht eine Mücke, vielleicht ein Floh, vielleicht die Gesamtsituation, keine Ahnung. Ich will schlafen. „Weissischnitt“ brummle ich zurück.



Schweigen.



Etwa 30 Sekunden. Genau so lange, wie vom Arc de Triomphe links zur Hagia Sophia in Berlin abzubiegen.



„Duhuu? Woran denkst Du gerade?“



Okay.



Der Fachausdruck lautet „Kriegserklärung“.



Dann reden wir eben. Ich habe ja gerade nichts Besseres zu tun.
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„Ich denke gerade daran, dass das Finanzamt von mir einen Haufen Geld haben will, von dem ich interessiert wäre, woher ich es nehmen soll. Ich denke daran, dass wir die „sichere Drittstaatenregelung“ einführen oder alternativ für unsichere Drittstaaten eine Reisewarnung aussprechen sollten. Ich denke daran, dass trotz der derzeitigen Niedrigzinsphase meine Altersversorgung wegen der Inflation den Bach hinuntergehen wird und ich mir eigentlich eine vermietete Immobilie kaufen müsste, zu der ich durchaus das Eigenkapital hätte, wenn das Finanzamt auf meine Steuern verzichten würde, die es aber dazu braucht, mir später eine Grundhilfe und soziale Absicherung zu finanzieren, weil ja meine Altersversorgung von der Inflation und später dann von der Abgeltungssteuer aufgefressen wird, ich denke daran, dass ich, wenn ich einen handwerklichen Beruf gelernt hätte, morgen problemlos nach Österreich oder Polen auswandern könnte, weil ein Dachstuhl ein Dachstuhl ist und es völlig egal ist, wo er aufgestellt wird, aber da ich in der Finanzdienstleistungsbranche arbeite, eben nicht einfach auswandern kann, weil es in Österreich nicht das BGB gibt und in Großbritannien anglikanisches und nicht römisches Recht gilt und ich komplett umlernen müsste und dafür mit 50 Lenzen schon etwas zu alt bin, ganz abgesehen davon, dass ich keine Ahnung habe, was „Privathaftpflichtversicherung“ auf thai oder „Schadenersatzausfalldeckung“ auf polnisch oder „Unterversicherungsverzichtsklausel“ auf slowakisch heißt, ich also vulgo keine Chance habe, dieses wunderbare Fleckchen Erde hier als „schon immer hier Seiender“ zu verlassen und irgendwo „neu hinzu zu kommen“, was ich ziemlich scheiße finde, da mir dieser Staat und seine Politik böse auf den Schweif gehen, ferner überlege ich, was mich wohl gestochen haben könnte, weil, es juckt wirklich wie Sau und ich könnte mir im Moment die Haut in Fetzen vom Oberarm kratzen und wenn das, mitten im Winter, wirklich eine Stechmücke gewesen wäre, sie ungefähr jetzt die Größe einer Amsel haben müsste, es mit Sicherheit auch kein Flohbiss ist, da ich keine Haustieren halte und Menschen mit Haustieren meide und ich außerdem dann, so habe ich es vorhin bei Wikipedia auf dem Klo gelesen, mehrere Stiche in einer Linie haben müsste, was ich aber nicht habe, es aber auch keine Zecke gewesen sein kann, da ich freie Natur eigentlich nach Möglichkeit meide, was dazu führt, dass ich Übergewicht habe, was mich andererseits wiederum vielleicht sterben lässt, bevor mir das Geld aus der Rente komplett ausgegangen ist, womit sich wieder der Kreis zum Finanzamt und meinem erbärmlichen Kontostand schließt und zu einer tiefsitzenden Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation führt, die mir den Schlaf raubt.
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Außerdem muss ich, glaube ich, schon wieder pinkeln, weil mir Deine Hand auf die Blase drückt. So sieht das aus. Weitere Fragen?“



Die Antwort ist ein tiefes Schnarchen. Sie ist eingeschlafen. Wahrscheinlich läuft sie gerade von der Hagia Sophia zum Big Ben in Wien. Aber sie hat ja auch eine Gute-Nacht-Geschichte bekommen. Sie hat es gut. Sie kann schlafen.



Ich nicht. Ich bin so wach wie ein Solartaschenrechner im Hochsommer. Ich gehe raus auf die Loggia, zünde mir eine Zigarette an und schreibe mir meine Schlaflosigkeit von der Sssssss… wrkskrftl
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Kommentare zur Story:

  Köstlich! Ich konnte mir das so richtig bildlich vorstellen. Sehr gelungen.  
   Evi Apfel  -  12.01.17 22:18

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