Irrungen/Wirrungen, mein Traum vom 06.02.2016   48

Experimentelles · Nachdenkliches · Kurzgeschichten

Von:    Ben Pen      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 6. Februar 2016
Bei Webstories eingestellt: 6. Februar 2016
Anzahl gesehen: 856
Seiten: 2

Sie war zu Besuch da, suchte meine Nähe. Dass ich vergeben war, schien sie nicht zu stören, im Gegenteil: Fordernd schmiegte sie sich an mich. Sie wollte, dass ich auf sie einging, sie nahm, so, wie sie war, jetzt und hier.

Ich kannte sie. Früher war ich verliebt in sie gewesen. Zwischenzeitlich waren mir ihre Oberflächlichkeit aufgefallen. Heute sah ich sie wieder anders – mit neugierigen, interessierten Augen; doch im Gegensatz zu ihr wollte ich nichts herausfordern.

Auch meine Oma war da. Ansonsten war ich allein zu Hause, weder mein Bruder noch meine Mutter waren vor Ort. Unser Haus lag verlassen da, getaucht in ein sonnenwarmes, einlullendes Frühlingslicht.

Meine Großmutter ist keine große, allerdings eine sehr schwere Frau, ihre Haare: zu einem Dutt geflochten, schwarz gefärbt. Sie war mit dem Bus gekommen, aus dem weit entfernten Batten angereist.

Wir gingen spazieren, zu dritt; mein Besuch, Lara hieß sie, hatte sich bei mir eingehakt. Ihr Kopf lag auf meiner Schulter; in mein Ohr flüsterte sie Liebesbotschaften. Meine Oma sah der Sache misstrauisch entgegen; wiederholt mahnte sie mich mit Blicken.

Dann kamen wir zu einer Kirche, einer, die gar nicht aussah wie eine, vielmehr wie ein Pub. Farbige drängten sich in ihrem Eingangsbereich; ein Älterer nickte mir wohlwollend zu. Ich sagte so etwas wie: „Ich bin ja auch schwarz, ne? Also darf ich hier rein, oder?“ Mein Gegenüber nickte, leicht irritiert.

Ich besah mir das Gebäude genauer; in die Knie gehend, nestelte ich an einer Art Gitter, platziert vor einem Kellerfenster. Ich drückte einen Stein hindurch. Das dahinterliegende Glas zerplatzte. Ich sah auf. Die Wartenden starrten mich an. Einen Vorwurf machten sie mir allerdings nicht. Meine Großmutter sagte sogar: „Das war schon so.“ Womit sie nicht meinte, dass die Scheibe bereits kaputt, vielmehr, dass sie angeknackst, dahingehend also geradezu prädestiniert gewesen war, schon in Folge der kleinsten meiner Berührungen explosionsartig zu zerspringen.

Drinnen war es dunkel. Es war nur ein kleiner Raum, alles aus Holz gezimmert. Freundliche Gesichter sahen uns entgegen. Wir setzten uns in die letzte Reihe. Vorne wäre auch noch etwas frei gewesen, da wir jedoch zum ersten Mal hier waren, wollten wir nicht unbedingt die Kirchgänger raushängen lassen.

Während des Gottesdienstes machte Lara wiederholt Anstalten; sie zappelte, ein kleines Kind, zog und zerrte an mir.
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Laut sagte sie: „Komm schon! Lass uns gehen! Ich weiß doch, dass du es auch willst!“ Ihre Augen signalisierten Sex. Ich ließ mich von ihr mitreißen; Hand in Hand stürmten wir aus der Kirche.

Draußen war sie eine andere, ein Mischung vieler Frauen.

Meine Oma wollte nach Hause; sie fragte: „Wenn ich nach Batten will, fahr ich doch am besten zum Busbahnhof nach Neustadt und nehme da dann den nächsten nach Hilders, oder!?“ Ich hob die Schultern, ließ sie wieder fallen. „Keine Ahnung“, erwiderte ich. Anschließend bezweifelte ich, dass um diese Uhrzeit noch ein Bus nach Batten gehen würde; die Sonne sank bereits hinter die Hügel; es dämmerte. Bald würde es vollständig dunkel sein. Ich begleitete sie also.

In Brendlorenzen war die Hölle los. Aus meiner Großmutter waren mein Vater und mein Bruder geworden. In einem Buchladen nahm ich Comichefte unter die Lupe, suchte gute Wolverine- und/oder Batman-Ausgaben. Wieder und wieder lupfte ich Stapel. Für welches Heft würde ich mich wohl entscheiden?

Mein Vater drängte: „Los doch! Ich will nicht länger warten!“ Zwar hatte auch mein Bruder indes Gefallen an den Auslagen gefunden, ich allerdings noch immer nichts entdeckt, für das ich gewillt war, zu bezahlen.

Schließlich besann ich mich auf eine Ausgabe, die zumindest ansatzweise meinen Vorstellungen entsprochen hatte. Aufgrund des hohen Kundenandrangs war der Stapel mit eben dieser bereits geräumt; lediglich ein einziges Heftchen lag noch, eingeschweißt in Plastikfolie, da, obenauf: ein leeres Blatt, ebenfalls verpackt.

Ich nahm es in Augenschein: Es war nicht das, wonach ich gesucht hatte, sondern eines ohne Geschichte, eines, das eine Anleitung enthielt – zum Zeichnen meines eigenen, ganz privaten Comicheftes.
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Punktestand der Geschichte:   48
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Kommentare zur Story:

  @Michael Brushwood: Stimmt. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie rund und deutbar meine Träume doch sind. Und damit meine ich nicht im Sinne der psychologischen Traumdeutung, sondern im literarischen, lyrischen Sinne. Deswegen betrachte ich meine Träume auch mehr als Poesie als als Kurzgeschichten. Meine Auflage: Nichts dazuerfinden!  
   Ben Pen  -  23.05.16 14:27

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  Tief im Inneren sitzende Sehnsüchte, die kurz
nach dem Wiedersehen erneut aufgeflammt sind
- was bei einer einstigen Liebesbeziehung
wirklich nicht selten ist - sind leider nicht in
Erfüllung gegangen. Und auch die gewünschten
Comic-Hefte waren leider auch nicht vorhanden.
Träume gehen leider nur zu selten in Erfüllung.
Eine tolle Geschichte, bei der der Leser,
aufgrund von Laras Nähe, Hoffnung auf ein
Abenteuer legt, dessen Hoffnung sich
letztendlich aber doch nicht erfüllt. Aber auch
das gehört zum Leben. Es kann nicht immer nur
ein Happy-End geben!
LG. Michael  
   Michael Brushwood  -  23.05.16 13:54

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