Erinnerungen · Kurzgeschichten

Von:    Frank Bao Carter      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 9. Januar 2016
Bei Webstories eingestellt: 9. Januar 2016
Anzahl gesehen: 1125
Seiten: 4

„Oh Papa, ist es endlich so weit?“ Ungläubig schaute Barbara ihren Vater an.

„Nein, mein Kind.“ Tief in Gedanken versunken blickte der ältere Mann aus dem Fenster und drehte die kleine Schallplatte in seiner Hand.

„Seitdem ich denken kann, ist diese Single versiegelt. Magst Du heute darüber sprechen?“

„Ich kann nicht, Barbara.“

„Hat es mit dem Tod von Mutter zu tun?“

„Wo denkst Du hin, mein Mädchen.“ Zärtlich drückte er seine Tochter an seine Brust. Sein verzerrtes Lächeln, sie konnte es nicht sehen. Brauchte es nicht. Dieses Gesicht kannte sie. Ihr Vater trug es immer, wenn er die Single „Hotel California“ von den Eagles in seiner Hand hielt. Seit achtzehn Jahren. Ihr ganzes Leben lang.



Jetzt aber hörte sie sein Herz rasen, als wollte es wild im Zimmer umherspringen. Zu eng war das Gefängnis in seinem Körper geworden. Es wollte hinaus. Aus dem Fenster, in die Gustav-Adolf-Straße, in die Welt. Tanzen um das Obentrautdenkmal, fliegen über den Schmuckplatz, um die St. Martinskirche hüpfen, tingeln durch die Arbeitersiedlung der alten „Chemischen“. Singend wollte es durch ganz Seele eilen, von Schmerz und Hoffnung künden.



Was hatte dieses Lied mit ihrem Vater gemacht?

Warum weigerte er sich immer, darüber zu sprechen?

Natürlich hatte sie dieses Siegel schon viele Male gebrochen. Immer, wenn er nicht da gewesen war. Das Lied war ausgesprochen schön und ging ins Ohr. Es behandelte eine tragische Geschichte. Aber musste Vater es deswegen einsperren?



„Komm, lass uns die Platte auflegen und gemeinsam durch das Zimmer schwofen.“

„Niemals.“

Er zitterte am ganzen Körper. Jetzt hielt nicht mehr der Vater die Tochter in seinen starken Armen. Nun wurde Markus von seiner Barbara gestützt. Sie hörte sein Herz rasseln. Die Erinnerungen rüttelten an den Ketten. Stärker als je zuvor. Vom Kopf und von den Füßen her erstürmten Wachen den Turm. Laut hallten ihre Schritte in den kargen Treppenhäusern. Schaurig war ihr Rufen, er möge durchhalten. Barbara war, als wäre es ein Bann der Hexen. Wie sonst hätte dieses Lied solche Fesseln schmieden können? Sein Herz zerrte und schrie, gefangen an den Quadern des düsteren Kellers. Licht brachten die Fackeln der Wachen. Aber nur, um ihn fester zu binden. Barbara hörte das Blut in ihrem Vater brodeln, roch das rostige Eisen seiner Handschellen, gepaart mit frischem Blut, das aus den aufgescheuerten Wunden rann.
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Der Geruch von fauligen Steinen raubte ihr fast den Verstand: „Vater?“, stammelte sie leise. Nun war es ihr Körper, der bebte. Sie hatte Angst. Nie zuvor war es so schlimm mit Dad gewesen.



„Keine Bange, mein Kind. Alles ist gut.“

Diese infame Lüge. Nichts war gut. Dieses Mal sollte seine Zärtlichkeit sie nicht besänftigen. Achtzehn Jahre lang hatte sie sich immer wieder mit einem Bonbon abspeisen lassen. Hatte ein schlechtes Gewissen, wenn er sie mit der Single in der Hand überraschte. Schämte sich ihrer Neugier, grämte sich, das Verbot überschritten zu haben.



„Es war vor über sechsunddreißig Jahren . . . lass die alten Geschichten ruhen, mein Kind.“

Wie sollte sie, wo sie in ihrem Vater so viel Radau schlugen, dass sie sich um seine Gesundheit ängstigte? Sie spürte, er wollte reden. Wie konnte sie nur die Mauern einreißen, ihn die steinerne Wendeltreppe hinauf zum Licht führen? Hoch zu der Spitze des Turmes. Wo Pegasus wartete, beide über die Welt zu tragen. Hin zu der Quelle seines Spleens, hin zu der Nymphe, die ihn mit einem Kuss heilen könnte.



„Diese Geschichten wühlen Dich auf, Dad. Meinst Du, ich spüre es nicht?“

„Überhaupt nicht, Kind. Sie sind wunderschön. Es war eine der schönsten Nächte meines Lebens.“

Sein Herz sprach eine andere Sprache. Wenn die Nacht so schön gewesen war, warum verschloss er sich dem Erlebten?

Seine Augen wirkten verklärt. Aber ganz tief drinnen sah sie einen winzigen Stern. Er pulsierte. Wie eine Sonne, die sich nicht entschließen konnte, zu erstrahlen oder zu implodieren.



„Was war so schön?“ Vorwitzig kniff sie ihn in die Wange. Auf keinem Fall durfte er ihr Vorhaben erkennen.

„Wir haben getanzt. Die ganze Nacht. Immer wieder zu diesem Lied.“

Aha. Und weil er dieses Lied nicht hören kann, ohne an sie zu denken, musste es versiegelt werden. Oder liegt dahinter eine große Schuld? „Wie tanzt man nach so einem langsamen Lied?“ Natürlich wusste Barbara das. Aber sie musste ihren Vater weiter zum Licht hin locken.



„Man hält sich gegenseitig in den Armen, schwebt mit den Tönen durch Zeit und Raum, hat alles um sich herum vergessen, fühlt sich eins mit der Anderen, auf einer Woge des Glückes und der Liebe.
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Unendlich süß schmeckten ihre Küsse. Sowie ich „Hotel California“ höre, halte ich Martina wieder in meinem Armen.“



Martina? Martina . . . heißt so nicht die fremde Frau, die unten bei Tante Stefanie in der Küche sitzt? „Woher kanntest Du Martina?“



„Ich kannte sie vorher nicht. Jennifer und ich hatten in unserem Garten eine Klassenfeier unserer Berufsschulklasse organisiert. Zur Feier brachte Jennifer ihre jüngere Schwester mit, Martina. Zwischen uns hatte es sofort gefunkt. Stundenlang hielten wir uns in unseren Armen.“

„Wie ging der Abend weiter?“ Sein plötzliches Erstarren ängstigte sie. Eine andere Frage hämmerte heftig in ihrem Hirn: Warum ist Martina nicht meine Mutter geworden?



„In unserem Hobbykeller bauten wir ein Matratzenlager. Dort haben alle Gäste geschlafen. Tante Stefanie und ich sind hoch in unsere Zimmer gegangen. Am Morgen gab es Umarmungen, Küsse und Abschied.“

„Und dann?“ Der sehnsuchtsvolle Schmerz in den Augen ihres Vaters bescherte ihr ein sehr flaues Gefühl im Magen.

„Dann kamen die Angst und die Zweifel. Geschürt von Opa, der mir ins Gewissen redete, ich sei zu jung für eine Partnerschaft.“

„Du hast ihm sicherlich die Leviten gelesen.“



„Nein, ich habe meine Liebe verraten. Ein paar Tage später kam Martina mich besuchen. Ich hatte es telefonisch mit ihr abgesprochen. Doch als sie klingelte, huschte ich nach oben in mein Zimmer und bat meiner Schwester, Martina mitzuteilen, dass ich sie nicht sehen wollte.“



„Das hast Du wirklich getan? Die Frau zeigte Dir voll und ganz, dass sie es ehrlich mit Dir meinte, und Du hast sie abgewiesen?“ Barbara musste mehrfach schlucken.

„Viel schlimmer! Zwei Mal noch klopfte Stefanie an meine Tür. Beide Male ließ ich mich nicht erweichen. Ich lag auf meinem Bett und weinte und war dennoch froh, als Martina endlich ging.“



„Du hast Dich nie wieder bei ihr gemeldet?“

„Nein.“

„Und sie?“

„Auch nicht bei mir. Ich muss ihr so sehr vor den Kopf gestoßen haben, dass sie sofort eine riesige Mauer aus Stein um ihr Herz gebaut haben muss. Bis zum Mond und noch viel weiter.
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„Obwohl Du durch dieses Lied laufend an ihr erinnert wirst, ist Dir nie der Gedanke gekommen, sie anzurufen?“

„Nein. Ich bin zufrieden, wie es ist. Es war eine wunderschöne Nacht mit zauberhaften Küssen. Immer denke ich mit einem warmen Herzen daran zurück.“

Ein ewiger Kuss in seinem Herzen. Auf seinem Mund nur für eine Nacht.

„Zufrieden? Belüge mich nicht. Belüge Dich nicht, Papa.“



„Markus, bitte mach auf. Ich möchte Dich sehen.“ Martina hatte lange genug bei Stefanie in der Küche gesessen. Dieses Mal würde sie sich nicht so schnell abwimmeln lassen. Mit der Reife einer gestandenen Frau war sie zitterndes Knies die Treppe hinauf gegangen.

„Das geht nicht. Ich kann nicht.“

„Verbinde Deine Augen mit einem Schal. Dann musst Du mich nicht sehen, wenn ich vor Dir stehe und mit Dir rede.“

Barbara handelte.

Schnell verband sie die Augen ihres Vaters. „Was meinst Du wohl, warum diese Frau nach sechsunddreißig Jahren zu Dir gekommen ist? Um Dir den Kopf abzureißen? Mit Sicherheit nicht.“



Ihn im Türrahmen des Wohnzimmers stehen lassend, öffnete die Tochter die Eingangstür. Vor ihr stand eine sehr attraktive Frau.

Barbara schloss hinter dem Besuch die Tür.

Abwartend blieb Martina im Flur stehen.

Markus rührte sich nicht.

Barbara legte ihren Mund an das Ohr ihres Vaters: „Wenn Du diese Frau erneut verprellst, spreche ich nie wieder ein Wort mit Dir.“ Eifrig huschte sie ins Wohnzimmer.



Martina schritt ganz langsam auf den erstarrten Mann zu. Dicht vor ihm blieb sie stehen. Er spürte ihren warmen Atem an seinem Kinn. Langsam krabbelte er herunter in sein Herz. Automatisch legte sich sein Arm um ihre Taille. Oh Gott, wie hatte er dieses Gefühl vermisst. Martina legte ihre Wange an seine Brust. Langsam wurden sie eins.

Mit den ersten Tönen von „Hotel California“ fanden ihre Münder zueinander.

Barbara legte die Single immer wieder von Neuem auf.



Auf dem Flur, die Küssenden, entrückten der Zeit.

„Fangen wir noch einmal von vorne an, Markus?“

„Dieses Mal auf eine erwachsene Art, mein Schatz.“



Copyright Foto: Jamari Lior
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Kommentare zur Story:

  Ich musste sogar ein kleines Tränchen vergießen. Sehr gelungen.  
   Dieter Halle  -  12.01.16 18:16

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