Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten

Von:    Christian Dolle      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 22. Dezember 2015
Bei Webstories eingestellt: 22. Dezember 2015
Anzahl gesehen: 912
Seiten: 3

Böses Bärchen

Wen besucht der Nikolaus?











Alles fing mit dem Adventskalender an. Seit Jahren hatte ich keinen mehr, doch in diesem Jahr bekam ich ihn plötzlich für einen angeblich gelungenen Artikel in die Hand gedrückt. Als ich zwei Tage später nach Hause kam, waren alle Türchen offen, der Kalender leer und er saß mit schokoverschmierter Schnauze auf dem Sofa. „Wozu soll sowas gut sein?“, fragte er als ich ihm erklärte, dass man bei einem Adventskalender jeden Tag nur ein Türchen öffnete. Meine Erklärung mit dem Warten auf die Geburt Jesu schien ihn ebenso wenig zu beeindrucken wie der Hinweis, dass es zudem mein Kalender und nicht seiner war.

In den kommenden Tagen musste er sich intensiv mit den menschlichen Weihnachtsbräuchen auseinandergesetzt haben, denn als ich mich am Nikolaustag mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt treffen wollte, konnte ich meine Schuhe nicht finden. Sämtliche Schuhe. Erst als ich das Treffen längst mit einer fadenscheinigen Begründung abgesagt hatte, entdeckte ich meine Schuhe vor der Tür, natürlich nicht im Treppenhaus, sondern vor der Haustür und da es über Nacht ganz harztypisch durchgehend geregnet hatte, konnte ich den Weihnachtsmarktbesuch endgültig abschreiben.

Statt wenigstens ein bisschen Schuldbewusstsein zu zeigen, machte er seiner Empörung über die Arbeitsmoral des Nikolauses Luft. „Ihr dürft jeden Tag nur ein Stück Schokolade essen, aber dieser Typ hält sich nicht an seinen Teil der Abmachung und kommt einfach nicht!“, fluchte er vor sich hin. „Naja, das liegt daran, dass es ihn eigentlich gar nicht gibt“, versuchte ich ihn zu beschwichtigen. „Wie es gibt ihn nicht?“ „Es gab ihn schon, also früher mal. Jetzt ist er allerdings mehr so eine Erfindung für Kinder, um denen eine Freude zu machen“, sagte ich und bemerkte, wie er um Fassung rang. „Ihr lasst euch von einem virtuellen Clown im roten Mantel vorschreiben, wieviel Schokolade ihr essen dürft? Da sind ja die Weight Watchers mit ihrer Punktezählerei noch überzeugender.“

Sein Entsetzen steigerte sich noch als er im Internet las, dass der Nikolaus nicht nur Geschenke brachte, sondern das ganze Jahr über alles sieht und böse Kinder für ihre Vergehen dann mit der Rute bestraft.
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„Mal davon abgesehen, dass eine Strafe, die nicht sofort erfolgt, pädagogisch völlig unsinnig ist, verstehe ich nicht so ganz, warum ihr euch dann darüber aufregt, dass Google, Facebook und so weiter auch all eure Daten speichern“, kommentierte er und fügte mit bissigem Unterton hinzu: „Kein Bär würde seinen Nachkommen sowas antun.“

Trotzdem ließ das Thema Weihnachten mit all seinen Bräuchen ihn nicht los und in den kommenden Tagen probierte er sich durch unzählige Schokoladenweihnachtsmänner, Lebkuchen und Dominosteine, von denen schneller nur ein paar Krümel übrig blieben als ich für Nachschub sorgen konnte. „Vielleicht muss ich dich irgendwann doch noch bei den Weight Watchers anmelden“, stichelte ich. „Nee, das ist normal, ich brauche nun mal meinen Winterspeck. Das ist bei uns Tradition.“ Dass allerlei überteuerte Süßwaren zu dieser Tradition gehörten, war mir neu, doch es ließ mich aufhorchen.

„Heißt das, du hältst dann auch ein paar Monate Winterruhe?“, fragte ich, ohne dass ich den hoffnungsvollen Klang meiner Stimme dabei unterdrücken konnte. „Wie könnte ich, wenn ich ständig damit rechnen muss, dass mich ein NSA-Agent mit Rute aus dem Schlaf reißt?“, gab er zurück und stopfte ein weiteres Plätzchen in sich hinein.

Ein paar Tage später stand er vor der Krippe auf der Kommode, sah sie sich lange an und fragte dann: „Sag mal, ist das mit dem Kind, das angeblich an Weihnachten geboren wird, eigentlich auch nur Fake?“ Ich schüttelte den Kopf und erzählte von Bethlehem, der Geburt im Stall und den Weisen, die von weit her kamen, um den Messias zu sehen. Ich rechnete damit, dass er mich gleich wieder mit einer abfälligen Bemerkung unterbrechen würde, aber diesmal hörte er ruhig zu. Vielleicht war ihm auch nur der Christstollen auf den Magen geschlagen, doch ich sprach weiter von den Hoffnungen, die wir Menschen in die Geburt von Gottes Sohn legen und die Geborgenheit, die Weihnachten eben wirklich bedeutete.

Nach einer ganzen Weile guckte ich zu ihm runter und er sah aus seinen kleinen Knopfaugen zu mir hoch. „Was ist los?“, wollte ich wissen. Er ließ seinen Blick über die ganze kitschige Weihnachtsdeko aus bunten Lichterketten und blinkenden Schneemännern schweifen, die er in den letzten Wochen überall in der Wohnung aufgebaut hatte, dann sagte er leise: „Vielleicht seid ihr Menschen doch nicht so materialistisch, wie allgemein angenommen.
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Diese Bedeutung von Weihnachten ist jedenfalls echt schön.“

Tatsächlich wurden die letzten Tage vorm Fest dann doch relativ ruhig, die Weihnachtsdeko wurde zumindest nicht mehr und er beschränkte sich auf die Vernichtung aller Süßigkeiten. Anscheinend hatte er kapiert, dass es nicht um Glitzer und Geschenke ging, was mich zugegebenermaßen ein wenig stolz machte. Am Vormittag des Heiligen Abends wollte ich dann zu meinem Bruder aufbrechen, um mit der ganzen Familie gemeinsam zu feiern. Die Geschenke hatte ich diesmal schon früh gekauft, verpackt und sorgsam unter dem Bett deponiert. Als ich sie jetzt allerdings ins Auto laden wollte, zog ich nur noch zerfetztes Geschenkpapier hervor.

Wem ich das zu verdanken hatte, war mir schnell klar und ich stellte ihn zur Rede. Er hatte nicht nur alle Geschenke geöffnet, sondern sich auch noch alles unter den Nagel gerissen, was er gebrauchen konnte. Und gebrauchen konnte er ja grundsätzlich alles. „Woher sollte ich denn wissen, dass dir die Pakete da unterm Bett so wichtig sind?“, fragte er ohne jede Spur von Schuldbewusstsein, „Erstens lagen die da schon seit Wochen, ohne dass du sie je wieder angesehen hast, und zweitens hast du doch immer behauptet, dass es an Weihnachten nicht auf materielle Dinge ankommt.“
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Kommentare zur Story:

  Der ist ja einfach hinreißend, dein kleiner Bär. Sein rustikaler Charme hat mich auch diesmal zum Schmunzeln gebracht und in diesem Fall für eine heitere nachweihnachtliche Stimmung bei mir gesorgt.  
   Evi Apfel  -  29.12.15 11:37

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Kommentar von "Jean Paul Marat" zu "Warsteiner und kleiner Salat"

Lustige Darstellung von Stereotypen. Das sind auch nur Menschen. ---------------------------------------------- Nein, dass sind Armleuchter !!!!!

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