Nachdenkliches · Kurzgeschichten

Von:    Christian Dolle      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 15. Januar 2015
Bei Webstories eingestellt: 15. Januar 2015
Anzahl gesehen: 1190
Seiten: 4

Der Läufer





Es war einmal ein weißer König. Er hatte viele Untertanen, die ihm zur Seite standen und vertrauensvoll mit ihm in jede Schlacht zogen. Im Kampf gegen die Truppen des schwarzen Königs taten sie alles, um ihren Herrn zu schützen, selbst, wenn sie sich dafür in Gefahr bringen mussten. Daher war es eine ruhmreiche und ehrenvolle Aufgabe, am Hofe des Königs dienen zu dürfen. Selbst die Bauern, die für den König in den Krieg zogen, waren geachtete Leute, und erst recht die Offiziere, denen jedermann seine Bewunderung entgegenbrachte. Die angesehensten unter ihnen aber waren die Läufer. Sie waren die Leibwache des Königs, standen immer Seite an Seite mit ihm und der Königin, und zumeist waren die Läufer auch diejenigen, die sich vor allen anderen dem Gegner in den Weg stellten. Darum wurden sie vom ganzen Volk für ihren Mut und ihre Treue bewundert.

Wann immer ein Läufer aus dem Dienst des Königs ausschied, wurde mit Spannung verfolgt, wer daraufhin zu seinem Nachfolger gewählt wurde. Zumeist entstammten die Läufer einem ehrwürdigen Adelsgeschlecht, und die Ehre und Aufgabe, Läufer zu sein, wurde vom Vater an den Sohn weitervererbt. Auch jetzt war es wieder so, dass die beiden Ämter der Leibwache des Königs von einem Vater und seinem Sohn bekleidet wurden. Naveen, der Vater, war alt geworden und des Kämpfens müde. Deshalb wollte er sein Amt aufgeben, und es stand wieder einmal die Suche nach einem Nachfolger an, der im ganzen Land mit Spannung erwartet wurde. Doch Anwar, der Sohn, hatte wiederum zwei Söhne, Ram und Rohan, und er wusste nicht, welchen von beiden er zum neuen Läufer berufen sollte. Ram und Rohan waren beide am Hofe des Königs ausgebildet worden, beide hatten sie die höfische Bildung genossen, und beide hatten von den Soldaten des Königs das Kämpfen erlernt. Keiner von ihnen war besser oder schlechter als der andere.

"Du könntest einen Wettkampf veranstalten, um herauszufinden, welcher deiner Söhne der besserer ist.", überlegte Naveen. "Überlege doch", widersprach Anwar, "bei den Wettstreiten, an denen Ram und Rohan bisher teilgenommen hatten, gewann mal der eine und mal der andere. Zumeist war Rohan im Kampf etwas geschickter, während Ram besser mit Worten umgehen und strategischer planen konnte.
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" Das sah der Alte ein, und weder Anwar noch sein Vater vermochte zu sagen, was von beidem die bessere Eigenschaft war. Dann bat er den König um eine Entscheidung, doch der weise Herrscher sagte ihm: "Auch ich kann nicht entscheiden, von wem ich mich in Zukunft beschützen lassen will, da ich beiden Jünglingen Vertrauen schenken kann. Ich habe beide an meinem Hofe aufwachsen sehen und weiß, dass sowohl Ram als auch Rohan in allem ausgebildet sind, was es zu lernen gibt, und beide auch die nötige Charakterstärke mitbringen, um gute Ritter zu werden. Also vermag auch ich nicht, einen dem anderen vorzuziehen." So war es doch an Anwar und Naveen, über die Nachfolge des alten Läufers zu beraten.

Die beiden Leibwächter setzten sich drei Tage und drei Nächte zusammen, um eine Entscheidung zu treffen, und Ram und Rohan konnten das Ergebnis kaum abwarten, wenn sie sich auch nur schwer damit abfinden konnten, plötzlich zu Konkurrenten geworden zu sein, wo sie doch bisher alle Aufgaben, Prüfungen und Probleme gemeinsam bewältigt hatten. Natürlich hatten die Brüder auch Spaß daran, sich im Kampf zu messen, doch sie wussten, wenn einer von ihnen jetzt der neue Läufer wurde und der andere nicht, würde sich ihr Leben von Grund auf ändern.

Nachdem die drei Tage vergangen waren, ließ Anwar seine Söhne zu sich kommen und teilte ihnen seine Entscheidung mit. Doch was er sagte, gefiel Ram und Rohan gar nicht. "Wir haben beschlossen, euch beiden die Entscheidung, wer von euch in den Stand eines Läufers erhoben werden würde, selbst zu überlassen. Ihr habt nun die Aufgabe, bis zum Abend mir oder dem Großvater mitzuteilen, wer das Amt übernahm und wer zurücktritt. Falls ihr allerdings zu keinem Ergebnis kommt", kündigte Anwar an, "will ich die Nachfolge dem Sohn einer anderen Adelsfamilie überlassen."

Ram und Rohan waren bestürzt über die schwere Bürde, die ihnen damit auferlegt war, und nun war es an ihnen, sich zur Beratung zurückzuziehen. Es war die schwerste Aufgabe, die sie in ihrem bisherigen Leben zu bewältigen hatten, und beiden war klar, dass ihre Entscheidung weitreichende Folgen haben würde. Naveen und Anwar sahen ihnen nach, wie sie sich in ein abgelegenes Turmzimmer einschlossen, und waren gespannt, was passieren würde, wenn sie wieder herauskamen.
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Sie wussten nicht, auf welche Weise die beiden Jünglinge ihre Wahl treffen würden, ob sie berieten, wer von ihnen besser als Leibgarde des Königs geeignet war, oder ob sie es in einem Schwertkampf ausfochten, doch sie waren froh, dass die Last der Entscheidung nun nicht mehr auf ihren Schultern ruhte. Und Anwar hatte während der ganzen Zeit ein Lächeln auf den Lippen, das sein Wissen zu zeigen schien, alles richtig gemacht zu haben. Auch das Volk, der gesamte Hofstaat und auch der König und die Königin erwarteten mit Spannung, wer zukünftig in den Ritterstand erhoben würde. Aber niemand vermochte zu wetten, welchen der beiden Anwärter es treffen würde. Einige meinten, Rohan sei die bessere Wahl, weil die Armee des Königs einen starken und geschickten Kämpfer brauchen konnte, andere hielten Ram für geeigneter, weil er dem König ein guter Berater sein könne, doch die meisten waren sich einig, es wäre das beste, wenn sie sich den Posten teilen könnten.

Am Abend endlich als die Sonne schon lange hinter dem Horizont verschwunden war, öffnete sich die Tür des Turmes wieder, und die Brüder traten vor ihren Vater. Anwar umarmte beide, dann fragte er, ob sie sich einigen konnten. "Ja", sagten sie ihm, "geeinigt haben wir uns, nur wissen wir nicht, ob dir unsere Antwort gefällt." Der Vater verstand nicht, was die Söhne damit sagen wollten, und er bat sie, es ihm zu erklären. Ram berichtete: "Wir haben lange überlegt, wer von uns zurücktreten sollte, doch es war uns unmöglich zu entscheiden, wer von uns der geeignetere Läufer sein würde." Und Rohan fuhr fort: "Wir sind letztlich zu dem Entschluss gekommen, beide zu verzichten. Nur so wird es keine Zwietracht zwischen uns geben, und dann soll lieber jemand anderes der neue Läufer werden, bevor wir deshalb unser Leben lang mit der Angst vor dem Neid des anderen leben wollen."

Bei der Rede seiner Söhne verstummte Anwar, und auch Naveen brachte es nicht übers Herz, sie zu unterbrechen. Doch dann sahen sich die beiden Alten an und lächelten. "Es ist eine weise Antwort", erklärte Anwar den Brüdern, "ein mutiger Schritt, der von Weitsicht, Klugheit und Liebe zeugt. Doch für das Königreich wird es ein schmerzlicher Verlust sein, einen jeden von euch zu missen.
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Und jetzt, da ich um die Weisheit meiner Söhne weiß und ihr eure Fähigkeit, mit schwierigen Prüfungen fertig zu werden, unter Beweis gestellte habt, kann auch ich mich beruhigt zur Ruhe setzen." Ram und Rohan staunten nicht schlecht als sie die Worte des Vaters vernahmen, aber sie waren bereit, die neuen Aufgaben zu übernehmen.

Noch am selben Abend wurden Ram und Rohan unter dem Jubel des ganzen Volkes vom König in den Stand des Läufers erhoben. Naveen und Anwar zogen sich zurück, und in den folgenden Jahren erwiesen sich die beiden jungen Läufer als würdige Leibwache des Königs, als kluge Berater und als ruhmreiche Krieger.
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Kommentare zur Story:

  Hallo Christian,

hier hast Du ein sehr schönes Märchen geschrieben, das mich in seinem Erzählstil an die Grimm´schen erinnert. Einfach wunderbar zu lesen.
Die Sinnlosigkeit über einen Wettstreit, ob handwerkliche Begabung oder Intellekt die bessere Eigenschaft seien, hast Du sehr gut heraus gearbeitet.  
   Frank Bao Carter  -  23.01.15 21:55

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