Mit gebrochenen Flügeln - Kapitel 1   0

Nachdenkliches · Romane/Serien

Von:    Annie S.      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 17. September 2014
Bei Webstories eingestellt: 17. September 2014
Anzahl gesehen: 814
Kapitel: 0, Seiten: 0

Diese Story ist die Beschreibung und Inhaltsverzeichnis einer Reihe.

Verfügbarkeit:    Die Einzelteile der Reihe werden nach und nach bei Webstories veröffentlicht.

Kapitel 1



Ein gewöhnlicher Tag im Leben des Jesse King



P.o.V Jesse



„Jess…wo bleibst du bloß? Du bist ja schlimmer als jede Frau…!“, Cassies Glocken helle Stimme und ihr alle für sich gewinnendes Lachen dringen an mein Ohr. Aber ich versuche mich nicht angesprochen zu fühlen. Weiß ich doch schließlich gar nicht, was sie meint. Ich kann gerade Mal höchstens Fünfundvierzig Minuten im Bad verbracht haben, und das kann weiß Gott ja nicht zu viel verlangt sein, wenn man gut Aussehen will, oder? Als ich dann aus dem Badezimmer trete höre ich das klackende Geräusch der zufallenden Badtür gar nicht richtig, so gefesselt bin ich von Cassies Aussehen. Sie hat eine Top Figur, hatte sie schon immer, aber in diesem hautengen pinken Kleid, dass ihre wundervollen Kurven noch einmal betont, ist sie absolut ein Engel. Sie lächelt mich an, ist sich voll und ganz bewusst, dass sie umwerfend aussieht. „Wow…“, entfährt es mir. „Ich dachte wir wollen zur Uni… von einer Party war nicht die rede…“, ich bin tatsächlich völlig überwältigt von diesem Anblick. Wenn sie nicht sowieso meine Freundin wäre, dann würde ich sie spätestens jetzt auf Knien anflehen. Sie kichert und meint „Naja, ich dachte ich putze mich mal heraus. Schließlich schreibe ich heute meine Abschlussarbeit und damit die Arbeit meines Lebens…außerdem wollte ich dich schon die ganze Zeit nach deiner Meinung zu meinem neuen Kleid fragen, aber da du jetzt sabbernd vor mir stehst, gehe ich davon aus, dass ich gut aussehen“, sie grinst nachdem sie ihren Satz vollendet hat und ich ziehe sie spielerisch und mit sanfter Gewalt zu mir. „Was heißt hier sabbernd? Ich glaub’ ich habe mich verhört …“, sie wird von meinen Armen umschlossen und drückt sich schon an mich, als ich beginne sie zu kitzeln, worauf ein leichter Aufschrei ihrerseits und ein halbherziger Protestversuch folgt. Wir albern noch eine Weile so rum. Bis unsere Blicke wieder zur Uhr wandern. Verdammt, nun sind wir wirklich spät dran. Alles nur wegen des blöden Kleides, wehe jemand sagt je wieder, ich würde Zeit verschwenden…



Ich parke meinen kleinen grünen Smart nahe des Campus und so langsam kann man auch Cassie ansehen, wie aufgeregt sie wirklich ist. Sie tut zwar immer so, als sei das ganze keine große Sache und sie sei sich völlig sicher diese Arbeit ohne größere Probleme zu überstehen, aber ich kenne meine Freundin nun mal besser.
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Sie ist unglaublich aufgeregt. Allein die Tatsache, dass sie in den letzten Wochen fast jede Nacht durch gelernt hat, was zugegeben auch mich um den Schlaf gebracht hat – zeigt wie viel Angst sie wirklich vor dieser Prüfung hat, denn sonst lernt sie auch nie mehr als unbedingt nötig. In dem Fall passt der Spruch „Ein gutes Pferd springt nur so hoch wie es muss“ wie die Faust aufs Auge. Beruhigend lege ich ihr eine Hand auf den Oberschenkel. „ Hey, du schaffst das schon“, sie kaut nervös auf ihrer Lippe, lächelt mich dann aber an. „ Klar, war um auch nicht?“, meint sie im gespielt lockeren Ton. Mir fielen da schon ein oder zwei Gründe ein, weshalb, aber die muss ich ihr ja nicht auch noch auf die Nase binden, stattdessen nicke ich nur und erwidere ein kurzes „...eben“.

Beim aussteigen aus dem Auto werde ich schlagartig daran erinnert, dass wir Mitte November haben, denn ein kräftiger Herbstwind fegt durch die Bäume und dicke Regentropfen benetzen die Erde. Vielleicht brauchte man keine Jacke von unserem Apartment bis zur Tiefgarage in der mein Wagen geparkt war, schließlich ist beides miteinander verbunden, aber jetzt bin ich froh meine graue Herbstjacke zu tragen. Ganz im Gegensatz zu Cassie, die ohne eine Jacke nur in ihrem Hauch dünnen Kleid da steht. „ Nicht das richtige Outfit für den Herbst, hm?“ necke ich sie, gebe ihr aber im gleichen Atemzug meine Jacke, damit sie zumindest etwas vor Wind und Wetter geschützt ist. Außerdem bekomme ich zu hören, dass sie mir mit diesem Kleid jawohl auch einen Gefallen getan habe und wo sie recht hat, hat sie recht.

An der Tür zum Universitätsgebäude verabschieden wir uns mit einem kurzen Kuss von einander und ich schaue ihr noch eine Weile hinterher, während sie den Gang entlang hastet, auf dem Weg zu ihrem Hörsaal. Was ich jetzt allerdings machen soll, ist mir nicht klar. Denn meine ersten Vorlesungen dieses Tages beginnen erst in zwei Stunden, der einzige Grund für mich, hierher zu fahren war Cassie, die ja heute ihr Abschluss Examen schreibt. Gelangweilt schlurfe ich die Flure entlang, mein Ziel ist nun die Bibliothek. Zum Glück muss ich dafür nicht wieder raus in den Regen.
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Zwar steht die Bibliothek am anderem Ende des Campus, aber die gesamte Universität ist über lang Flure mit kompletter Glasfront verbunden. Der Weg ist zwar etwas länger, als wenn man Querfeldein geht, aber dafür bleibt man mit Sicherheit trocken. Zum Glück! Denn das letzte was ich jetzt will ist eine unfreiwillige Dusche.



Als ich die große Flügeltür aus Ebenholz öffne, die den Blick ins innere der Bibliothek verwährt. Fahre ich fast zusammen, so laut ist das quietschende Geräusch das sie von sich gibt. Komisch. Vorher ist es mir noch nie aufgefallen. Aber vermutlich liegt das an dieser unglaublichen Stille, die sonst nicht auf den Gängen herrscht. Heute scheint die Universität wie leer gefegt. Woran das liegt vermag ich nicht zu sagen, aber ohne Cassie wäre ich ja schließlich auch nicht hier. Ganz alleine bin ich dennoch nicht, denn Mrs. Norton strahlt mich schon von ihrem Schalter aus an, noch bevor ich überhaupt ganz drinnen bin. Man sieht in Filmen ja oft diese Schreckschrauben von Bibliothekaren, die bei jedem kleinen Räuspern gleich an die Decke gehen, aber so ist sie definitiv nicht. Vielmehr ist sie die gute Seele dieser heiligen Hallen, die mit Rat und Tat zur Seite steht. Im Ernst! Diese Frau kennt deinen Stundenplan für das kommende Semester, bevor du ihn selbst kennst. Vielleicht hätte sie Wahrsagerin werden sollen, obgleich ich sie hier ja nicht missen möchte.



„Hallo Jesse, so früh schon da?“

„Ach, ich habe Cassie nur hier abgesetzt, sie schreibt doch heute ihr Examen und nun ja, es lohnt sich einfach nicht für zwei Stunden nach Hause zu fahren. Da habe ich mir gedacht ich leiste ihnen ganz uneigennützig Gesellschaft, da se hier ja so allein sind“, erwidere ich.

Das wird von ihr so gleich mit einem Lächeln quittiert.

„Natürlich, ich arme alte Frau komme sonst noch um vor Einsamkeit…“, sagt sie mit todernstem Gesicht und einer erheiterten Stimme, „außerdem kann ich hier gerade ganz gut zwei starke Arme gebrauchen und da du ja so hilfsbereit bist…“, sie zeigt mit einer kurzen Geste auf einen Stapel alter Bücher, die in Kisten einsortiert sind „ räumst du die doch sicher für mich auf Seite, oder? Ansonsten liege ich nämlich bald mit einem Hexenschuss daheim im Bett.“

„Für sie doch immer Mrs.
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Norton“, erkläre ich in aller feinster Schwiegersohn Manier und mache mich an den Kisten zu schaffen, die in der Tat recht schwer sind.



Wir plaudern so über dies und das, Gott und die Welt. Sie fragt mich nach Cassies weiteren Plänen, ob ich mir schon etwas für unser Sechs - Jähriges ausgedacht habe und was ich mir für die Zukunft erhoffe. Im Gegenzug interessiere ich mich dafür, wie ihre letzte Chemo gelaufen ist, sie kämpft nun schon eine Weile gegen den Krebs, was ihre Kinder so machen und wie der Urlaub ihr gefallen hat. Sie berichtet mir stolz, dass sie zum 2. Mal Großmutter geworden ist. Eine Sekunde lang stelle ich mir vor, was meine Mutter wohl für eine Großmutter wäre, verwerfe diesen Gedanken allerdings gleich wieder. Schließlich ist Mum um einiges jünger als Mrs. Norton. Meine kleine Schwester Lilly ist erst Fünf. Außerdem will ich jetzt noch sicher keine Kinder, dafür bin ich einfach noch zu jung. Auch wenn man mit Mitte Zwanzig bekanntlich schon auf die Dreißig zugeht. Aber Mrs. Norton mit ihren rosigen Wangen, der rundlichen Statur die eine Oma eben hat und dem passenden Alter mit ihren fast Fünfzig Jahren, die fügt sich für mich perfekt in das Bild ein, welches ich von einer Großmutter habe.

Vielleicht, weil ich selbst ja keine habe. Die Mutter meines Vaters, hat die Familie verlassen, als er noch ein kleiner Junge war und die meiner Mutter ist früh verstorben. Überhaupt scheint der Tod momentan einen Schleier über die Familie meiner Mutter zu halten. Opa Will liegt mit einer starken Lungenentzündung im Krankenhaus und Onkel Henry, Mum’s jüngerer und einziger Bruder, ist vor einigen Wochen an einem Herzinfarkt gestorben. Ich habe ihn sehr gerne gemocht, er war ein offener, fröhlicher Mensch, aber ich hätte offen gestanden auf den kleinen Supermarkt verzichten können, den er mir vererbt hat. Ich weiß, er hatte eben keine eigenen Kinder und ich will mich nicht beschweren. Nur weiß ich mit meinem Erbe so gar nichts anzufangen. Mum würde es wohl nicht passen, wenn ich ihn verkaufen würde.



Ich bin auf meinem Platz, inmitten all der Bücherregale tatsächlich sehr in meine Aufzeichnungen der letzten Anatomie Stunde vertieft, als die gute Mrs. Norton so freundlich ist, mich daran zu erinnern, dass ich jetzt eine Vorlesung habe.
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Was sag’ ich? Die Frau kennt jeden Stundenplan! Da Cassies Examen nur wenig früher endet, als meine Vorlesungen für diesen Tag, haben wir und für den Mittag in einem kleinen Café verabredet. Es regnet noch immer unaufhörlich, als ich durch die Lowood Avenue dort hin eile. Notiz an mich, nächstes Mal einen Regenschirm ins Auto packen.



„Hey Schatz!“, sie begrüßt mich freudig mit einer Umarmung, auch wenn sie riskiert dabei nass zu werden. Sie hat sich einen schönen Platz am Fenster ausgesucht und ich setzte mich zu ihr. Ich frage sie im selben Moment nach ihrem Examen, wie sie mich nach meinen Vorlesungen und wir beginnen beide zu lachen.

„Also?“, erwarte ich gespannt ihre Antwort.

„Nun…, ich denke es ist ganz gut gelaufen. Zumindest kann ich mich keiner Aufgabe entsinnen, die ich gar nicht hinbekommen habe. Aber ich bin natürlich trotzdem gespannt, obwohl ich mir nach meiner Facharbeit eigentlich keine Gedanken mehr mache. Gott, ich meine, bald bin ich eine Lehrerin. Ich kann es kaum erwarten!“



Sie lächelt mich so zufrieden an und ich kann nicht anders als ihr einen Kuss zu geben. Sie hat Recht, sie braucht sich eigentlich keine Sorgen machen. Ihre Facharbeit hatte die Bestnote und ist somit natürlich bestanden. Mit dem bestandenen Examen ist die dann fertig, denn beides zusammen bildet ihren Abschluss und ich zweifle nicht im geringsten daran, dass sie es geschafft hat.



„Und wie waren deine Vorlesungen nun?“

„Ach, die waren eigentlich wie immer. Du weißt schon, ganz viel Anatomie und Biologie, von der du gar nichts hören möchtest, glaube mir. Für mich hoch interessant, für dich eher…sagen wir ich denke nicht, dass du jemals in die Situation kommen wirst, jemanden ein Körperteil amputieren zu müssen“, sie verzieht das Gesicht und ich muss grinsen „…siehst du? Ich hatte Recht. Jedenfalls kann nicht jeder das Glück haben, so schnell fertig studiert zu haben“ Dabei zucke ich einmal mit den Augenbrauen und sie muss lachen. Sie meint, ich habe es mir ja schließlich so ausgesucht, dann bestellen wir uns Kuchen. Natürlich hat sie Recht und ich bin auch ohne Zweifel zufrieden. Ich würde nichts anders machen.



Es ist gegen 22:00 Uhr am Abend, Cassie und ich liegen eng aneinander geschmiegt im Bett und ich möchte um keinen Preis der Welt aufstehen, als mir einfallt, dass ich meiner Mum versprochen habe, mir Onkel Henrys Supermarkt noch diese Woche einmal anzusehen.
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Verdammt. Morgen ist Samstag, da kommt man ja doch wieder zu nichts. Meine Freundin schaut mich an, als sei ich von einem anderen Planeten, als ich ihr erkläre, dass ich jetzt noch einmal zum Supermarkt fahre und den Schlüssel vom Brett nehme, der mir vor gut einer Woche ausgehändigt wurde. Doch sie protestiert auch nicht wirklich, weiß sie doch, dass ich mich sowieso nicht umstimmen lasse und schüttelt den Kopf, als ich ihr anbiete mitzukommen.
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