Die Frauen von Kampodia/Kapitel 8 – DER LAUF DER ZEIT   111

Nachdenkliches · Romane/Serien

Von:    Ingrid Alias I      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 10. Juni 2013
Bei Webstories eingestellt: 10. Juni 2013
Anzahl gesehen: 1136
Seiten: 10

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


„Bitte stell’ dich doch nicht so an!“

Morgan war erbost, sie hatte ihren Sohn Thomas doch nur gebeten, sie zu dieser Soiree zu begleiten. Und jetzt saß er furchtbar bockig neben ihr in der sportlichen Zweisitzerkutsche, einem Stanhope Gig – das auch schon ziemlich in die Jahre gekommen war – und schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein. Goodness, der Junge hatte doch wirklich nicht viel zu arbeiten, außer seine Gedichte zu schreiben oder andere Poeten zu lesen, da konnte er ihr doch diesen kleinen Gefallen tun.

Sie kam sich verloren vor ohne Frederic, manchmal hatte sie das Gefühl, als würden die anderen Frauen sie missbilligend anschauen, wenn sie ohne seriöse männliche Begleitung zu diversen Feiern erschien. Und deswegen hatte sie diesmal viel Wert auf die Gesellschaft ihres Erstgeborenen gelegt, hatte ihn förmlich überfahren mit den Worten: „Du begleitest mich heute Abend!“

Allmählich musste er lernen, dass er als der nächste Baron von Kampe so einiges an Verpflichtungen hatte. Machte er sich davon überhaupt eine Vorstellung? Nein, bestimmt nicht, und deswegen fuhr sie auch ein paar Stunden eher mit ihm los, sie wollte ihm den Besitz derer von Kampes zeigen.

Natürlich war nicht alles in dieser kurzen Zeit zu schaffen, aber ein bisschen davon doch. Sie wies auf die mittlerweile abgeernteten Kornfelder hin, die in großer Zahl zu sehen waren, auf die Wiesen, die immerfort Heu spendeten für die Kühe auf dem Gutshof – und auch in getrockneter Form für den Winter, auf die Gemüsefelder, auf die riesigen Bienenstöcke, in denen fleißige Bienen Honig für das Gut produzierten, auf die Knochenmühle, in denen Dünger für die Felder gemahlen wurde, auf die Wälder, in denen die von Kampes das Jagdrecht besaßen, auf die Bäche, in denen sie das Fischrecht hatten...

Allmählich musste er doch ein Bewusstsein für die Größe seines zukünftigen Besitzes entwickeln – und auch für die Verantwortung, die damit verbunden war.

Aber nein, ihr Sohn guckte geistesabwesend aus dem Fenster der Kutsche. Was war nur los mit dem Jungen? Sie schüttelte ratlos den Kopf.



Schließlich erreichten sie Helligenthal, das nächste Rittergut im Umkreis, dort hatten schon etliche von Kampes Lebensgefährtinnen gefunden, unter anderem auch Frederic seine erste Frau.
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Dieser Abend würde bestimmt grässlich werden. Doch sie musste nun einmal eine gewisse Anzahl gesellschaftlicher Konventionen aufrechterhalten, und außerdem brauchte sie ein paar Auskünfte...

Wie immer in vornehmen Kreisen, wurden künstlerische Vorträge präsentiert, vor allem am Klavier. Manchmal wurden die Vorträge auch gesungen, das war dann doch recht unerträglich, und Morgan musste in sich hineinkichern bei der Erinnerung an diverse missglückte Gesangseinlagen des Landadels, egal ob nun männlichen oder weiblichen Geschlechts.

Sie fühlte sich wohl in ihrem Kleid, es war hochgeschlossen, taillenbetont, mit weitem Rock und mit langen Ärmeln – der Stoff des Kleides stammte doch tatsächlich von einer Grotmudder Frederics. Die Hanna hatte wirklich eine exzellente Arbeit geleistet! So ein talentiertes Kind, sie musste sich unbedingt um das Mädchen kümmern.

Wie gut, dass diese grässliche französische Mode vorbei war, man hatte sich ja vollkommen entblößt gefühlt, die Brüste wie auf einem Kissen präsentiert, und die Taille war auch nicht an ihrem richtigen Platze. Das hatte ihnen natürlich dieser Napoleon beschert... Morgan hasste als geborene Engländerin die Franzosen, das war für sie Tradition.

Dennoch fragte sie sich manchmal, ob Napoleon nicht besser für ihr Land gewesen wäre. Tatsächlich: IHR Land war nun das Königreich Hannover und nicht mehr das Vereinigte Königreich von Britannien. Er hatte viel Gutes gebracht, dieser ominöse Kaiser, abgesehen von dieser furchtbar entblößenden Mode natürlich. Zum Beispiel eine total neue Gesetzgebung, nämlich den Code Civil, ferner hatte er die Zünfte in ihre Schränken verwiesen, den Handel dadurch forciert, er hatte das Mitspracherecht der Bürger und auch der Juden verbessert.

Morgan kam dabei der Jud Jonathan Strauss in den Sinn. Seit Jahren zog der Händler durch Kampodia, versorgte sie mit allen gewünschten Waren, wohlriechende Cremes befanden sich in seinem Sortiment und auch Seifen, die einem nicht sofort die Haut verätzten. Außerdem bot er gute und vor allem haltbare Hosen aus Baumwolldrillich an, welche für die Arbeiter praktisch unverwüstlich waren.
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Sie mochte den Jonathan, obwohl sie manchmal in seiner Nähe seltsame Bilder sah, sie wollte das nicht zulassen. Alles, was aus der Zukunft kam, war mehr oder weniger erschreckend. Manchmal war es nur seltsam, skurril, absurd und unverständlich. Manchmal aber tauchten furchtbare Dinge auf, die sie instinktiv verdrängte.

Bis jetzt hatte dies auch gut funktioniert, aber die Schranken fielen allmählich, die Grenzen zu den anderen Welten wurden schwächer, und sie verspürte Angst, furchtbare Angst. Sie hatte niemanden, dem sie es sagen konnte, sie war allein... Auch das kleine Mädchen in der fernen Zukunft würde ihr nicht helfen können. Noch nicht…

Mühsam riss sie sich zusammen. Die neue Mode stand ihr gut. Die Männer kleideten sich allerdings schlicht, wie um ihre Geschäftsmäßigkeit und Seriosität zu unterstreichen. Die Kniebundhose war fast vollständig verschwunden. Die neue Hose war eng und lang. Dazu gehörten der Frack, eine kunstvoll geknotete Krawatte und der Zylinder.

Apropos neue Mode, wo war Thomas? Sie konnte ihn nirgendwo sehen. Hatte er etwa die Gesellschaft verlassen? Sie schüttelte unmerklich den Kopf. Der Junge, sie konnte ihn nicht erreichen, es schien so, als wäre er permanent geistig abwesend. Trotzdem wollte sie sich den Abend nicht verderben lassen.

Nachdem der kulturelle Teil der Soiree vorbei war, verlief alles ein wenig entspannter, und tatsächlich wurde auch getanzt. Morgan schaute zu, wie die Jüngeren sich im Walzertakt wiegten, während sie selber sich mit Verwandten unterhielt. Es gab viele Verwandte, alle verschwägert, alle sehr solide, alle schon etwas älter...

Gab es denn überhaupt keine jungen Leute mehr, die sie eventuell mit ihren Söhnen verheiraten konnte? Die, welche sich gerade im Walzertakt wiegten, waren alle schon über vierzig...

Thomas war immer noch nicht zu sehen, der Schlingel hatte sich verdrückt. Hoffentlich hatte er ihr die Kutsche dagelassen und war zu Fuß gegangen. Was war bloß los mit ihm?

„Möchte die Frau Baron tanzen?“, eine altväterliche Stimme unterbrach ihre Gedankengänge. Sie blickte erstaunt auf und sah den Geheimrat Strüwele vor sich.

„Nein“, sagte sie charmant, „aber ein bisschen spazieren gehen möchte ich wohl schon mit Ihm.
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Er bot ihr seinen Arm, und freundschaftlich gingen sie nebeneinander daher und unterhielten sich. Erst allgemein über ihren Gesundheitszustand – der alte Geheimrat dachte bestimmt, sie wäre fast schon im Grabe – dann über die Ernte und schließlich über die Politik.

„Ja, hmmm, wirklich, liebe Frau Baronin“, der Geheimrat räusperte sich und tätschelte ihre Hand. „Jetzt iss he woll daute, der alte Wilhelm...“ Er meinte Wilhelm den Vierten, der bis vor kurzem König des Vereinten Königreichs von Großbritannien und gleichzeitig auch vom Königreich Hannover gewesen war. Hier auf dem Land kamen die Nachrichten immer etwas später an, in Wirklichkeit war der alte Wilhelm schon vor einem halben Jahr gestorben...

„Jetzt iss he daute!“, sagte Morgan in perfektem Plattdeutsch, während sie am Arm des Geheimrats Strüwele dahin schlenderte. Der Rat war ja eigentlich ein netter Mann, nur so furchtbar verknöchert, so furchtbar unansehnlich, und das Auge wollte doch ein bisschen mitessen. Morgan verkniff sich ein Lachen.

„Und was wird nun passieren? Ich bin ja so nicht so bewandert in der Politik, bin schließlich nur eine Frau...“ Wieder musste sie sich ein Lachen verkneifen. Natürlich war sie nicht sehr an interessiert an Politik, aber dennoch hatte sie einiges mitgekriegt im Laufe der letzten Jahre. Und was sie alles aus England gehört hatte – viele Freundinnen schrieben ihr Briefe, in denen sie über Neuigkeiten am Hofe Londons informiert wurde und vor allem über die Skandale der Herrschenden – all das würde diesen biederen alten Mann furchtbar entsetzen. Nein, wahrscheinlich würde er es gar nicht glauben.

„Ich denke mal, dass der Ernst August nicht so ein Luftikus ist wie sein Vorgänger“, der Geheimrat räusperte sich. „Er wird, dem Himmel sein Dank, dem Adel wieder mehr Vorrechte verschaffen.“

„Ihr seid ja so gescheit“, Die Baronin lächelte charmant zurück. Im Innersten aber kochte sie. Wusste der alte Trottel nicht, dass der von ihm so bewunderte Ernst August sofort nach seinem Amtsantritt die seit 1833 geltende relativ liberale Verfassung durch eine knallharte absolutistische ersetzt hatte? Es gab Proteste, vor allem in Göttingen. Sieben Professoren, darunter auch Jakob und Wilhelm Grimm schrieben eine Protestschrift, die innerhalb von wenigen Tagen von vielen Studenten tausendfach vervielfältigt wurde und im ganzen Königreich kursierte.
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Und was passierte? Dieser Kommisskopp von König, dieser absolute Tory, verwies fast alle Verfasser außer Landes. Unglaublich das!

Der Geheimrat nickte geschmeichelt und tätschelte väterlich ihren Arm. „Das mag dahingestellt sein. Aber die Frau Baronin kennt sich dafür besser aus in der Gesellschaft von London.“

Wie schön, dass er ihr wenigstens das zubilligte! Die Gedanken der Baronin schweiften ab. Die Gesellschaft von London... Die kannte sie eigentlich nur von sporadischen Besuchen. Und das war schon sehr lange her. Damals herrschte Georg III über Großbritannien, Irland und das Kurfürstentum Hannover. Leider erschien der König nicht mehr oft in der Öffentlichkeit, denn er litt an einer heimtückischen Geisteskrankheit, die in Schüben auftrat und sich im Laufe der Zeit immer mehr verschlimmerte. Deswegen vertrat ihn des Öfteren sein ältester Sohn, der sich fortan Regent nennen durfte.

Es musste um 1815 gewesen sein, als sie ihm bei Hofe vorgestellt wurde. Der Regent und spätere König Georg IV war – schlicht gesagt – fett wie ein Fass, und sie fand ihn nicht sehr sympathisch. Man munkelte, dass er Bigamie betrieb, er hatte 1795 seine Cousine Caroline von Braunschweig aus Gründen der Apanage geheiratet, obwohl er zehn Jahre vorher eine andere geehelicht hatte. Ein Bigamist aus Geldgier! Das englische Volk stellte sich spontan auf die Seite der Caroline von Braunschweig, und das wurmte ihn sehr.

Morgan fand ihn grässlich, den dreiundfünfzigjährigen Lebemann mit dem fetten Körper, dem geschminkten Gesicht und seiner prunkvollen Kleidung.

Sie war damals vierundzwanzig Jahre alt – ein sehr altes Mädchen – und verlobt mit Frederic von Kampe, einem viel älteren Witwer aus der Gegend um Hannover. Sie hatte sich auf Anhieb in ihn verliebt, und es war ihr egal, was jenseits des Kanals auf sie wartete. Mit jungen Männern hatte sie bisher nicht viel anfangen können – und die wohl auch nicht mit ihr. Trotz ihres doch recht passablen Aussehens schreckte sie vermeintliche Freier ab, und sie hatte sich schon damit abgefunden, bei einem ihrer zahlreichen Brüder das Kindermädchen spielen zu müssen, doch dann kam Frederic, und sie ließ sich fallen.
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In love...

Sie nahm seinen Antrag an und zog ein paar Monate später ins Königreich Hannover, vorher war es ein Kurfürstentum gewesen, aber nach Napoleons Niederlage teilten die Sieger Europa beim Wiener Kongress neu unter sich auf, wobei der Unruhestifter Frankreich kaum Einbußen an Größe erlitt.

Frederic war kinderlos trotz seiner langjährigen Ehe, und er wünschte sich gewiss viele Erben von ihr. Unter seinem beherrschten soldatischen Aussehen schwelte eine gewisse Glut, das ahnte sie, weil sie davon geträumt hatte, der Traum erschreckte sie ein wenig, sie wusste ja so gar nichts über ihren Körper und über den Körper der Männer.

Sie bereute ihren Entschluss nicht. Frederic entpuppte sich als sehr verständnisvoller Ehemann, er respektierte sie, er unterhielt sich mit ihr über Politik, fragte sie sogar nach ihrer Meinung. Und er war im Bett fantastisch, sie konnte es am Anfang kaum glauben, aber er war zurückhaltend und wild zugleich, und er hatte anscheinend viel Erfahrung. Woher kam die? Seine verstorbene Frau war lange Zeit krank und bettlägerig gewesen, da konnte es also nicht herrühren.

Schließlich fragte sie ihn einfach, es passierte in ihrem Ehebett.

Ob er vielleicht öfter das Recht der ersten Nacht in Anspruch genommen hätte, fragte sie ihn unverblümt. Tatsächlich sollte dieses Relikt noch existieren: Wenn eine der Jungfrauen im Dorf heiratete, dann hatte der Lehnsherr das Recht auf die erste Nacht mit der Braut...

Frederic stutzte zuerst, fing aber daraufhin an zu lachen: „Ich habe noch nie eine Frau zwingen müssen, mit mir ins Bett zu gehen.“

Morgan schaute ihn fragend an. „Aber jetzt tust du es doch nicht mehr, oder?“

Er schüttelte den Kopf, nahm ihre Hand und küsste sie, während seine andere Hand wohl ein Eigenleben entwickelte und ihre Brust streichelte. Sie überlegte kurz, ob sie ihm von ihrer Gabe erzählen sollte. Eigentlich war es gar keine Gabe, sondern ein Fluch, also erzählte sie ihm nichts davon, denn sie wollte ihn nicht durch so einen Unsinn belasten. Außerdem ließen seine Hände und seine Lippen sie immer alles andere vergessen...



„Yes“, sagte sie verführerisch zum Geheimrat Strüwele.
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„Ich wusste zwar nicht, wer unser neuer König sein würde“, sie machte eine spannungsvolle Pause, bevor sie fortfuhr: „Aber ich weiß, dass die Personalunion mit England nun vorbei ist. “

Der Geheimrat starrte sie fassungslos an. „Nein Madame, das kann nicht sein!“

„Oh doch“, seufzte die Baronin betrübt. „Habt Ihr die neue Flagge nicht bemerkt? Jetzt sind wir nur noch das Königreich Hannover, mit England ist es over...“

„Ja, aber warum denn, Frau Baronin?“ Der Geheimrat war stehengeblieben und bewegte nervös seine Hände.

„Einhundertdreiundzwanzig Jahre... Aber es ist vorbei, alle tauglichen Söhne von Georg dem Dritten waren schon König, als da sind Georg der Vierte und William der Vierte, Gott schütze ihn“, die Baronin bekreuzigte sich – eine Angewohnheit aus ihrer Jugend, als sie noch den anglikanischen Gottesdienst besuchte, „doch keiner von denen hatte Nachfahren. Außer dem vierten Sohn von dem alten Georg, der ist zwar tot, aber er hat eine Tochter hinterlassen, namens Victoria. Und die ist nun Königin von England. Warum? Weil das Erbgesetz in England auch den Frauen erlaubt, den Titel zu erben. Hier in Hannover ist es anders. Deswegen ist die Personalunion mit England vorbei, und wir, wir kriegen den Ernst August, der ein noch jüngerer Sohn von dem alten Georg ist...“

Der Geheimrat musste ein Weilchen nachdenken, bis er all diese Zusammenhänge verstanden hatte.

„Madame ist eine sehr kluge Frau“, er tätschelte Morgans Hand.

„Nein, ich bin überhaupt nicht klug, ich bin nur eine dumme Frau, und im Augenblick gibt es soviel Probleme. Ich weiß einfach nicht, wo mir der Kopf steht...“

„Vertrau’ Sie sich mir an, ich bin ganz Ohr“, säuselte der Geheimrat.

„Ach“, zierte sich Morgan, „es ist einfach der Lauf der Zeit, die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse werden immer geringer, die Steuern werden immer höher, und ich habe soviel hungrige Mäuler zu stopfen.“ Sie machte eine effektvolle Pause, während der sie den Geheimrat hilflos anblickte.

„Ja, aber wie kann ich helfen?“

„Vielleicht kennt er ja die eine oder andere junge Person aus guter Familie mit einer ebenso guten Mitgift, die gewillt wäre, einen von Kampe zu heiraten.
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..“

Der Geheimrat blieb abrupt stehen und schien über ihre Worte nachzudenken. Dann schüttelte er zögerlich den Kopf. „Just im Moment“, er räusperte sich, „ist mir nichts bekannt, die Situation ist sehr schlecht“, wieder räusperte er sich. „Da sind so viele Landadelgüter in schlechter monetärer Verfassung. Andererseits gibt es so wenig mitgiftbegünstigte Töchter. Und wenn sie begünstigt sein sollten, dann handelt es sich um eine sehr kleine Mitgift. Ein Tropfen auf dem heißen Steine, mit Verlaub, liebe Frau Baronin...“

Diese wandte sich unmerklich ab. Die Worte des Rats hatten alles bestätigt, was sie schon vermutet und auch von anderen erfahren hatte: Für ihre Gesellschaftsschicht, also den Landadel gab es kein Money, er war an sich selber ausgeblutet. Shit! Sie musste also nach anderen Wegen suchen. Im Ort lebten einige vermögende Leute, sie gehörten zwar nicht dem Adel an, aber mit dem war es sowieso vorbei, die Zukunft gehörte den reichen Fabrikanten, dem Bürger- und Beamtentum und vor allem der Bürokratie. Ein erschreckender Gedanke.

Morgan erfasste wieder ein bekanntes Schwindelgefühl, und sie hielt sich automatisch am Arm des Geheimrats fest, sie sah auf einmal eine endlose Schlange von Menschen, sie besaßen zwar alle Bürgerrechte, von denen die Armen zu Morgans Zeit nur träumen konnten, doch hatten sie keine Arbeit mehr und wurden durch den Staat versorgt. Beraubt jeder Eigeninitiative, gelähmt durch die immer geringer werdenden ‚Gaben’ des Staates. Entsetzt schüttelte sie den Kopf. War das der Weg, zu dem alles hinführte. Aber wieso? Wie konnte das passieren?

Mühsam wandte sie sich wieder der Gegenwart zu. Also keine mitgiftträchtigen Töchter aus adeligen Familien. Gut, man drehe den Spieß um, vielleicht hatte ja der eine oder andere reiche Emporkömmling Interesse daran, sein gut mit Geld ausgestattetes Töchterlein mit einem Adelsspross zu vermählen. Das musste doch möglich sein. Morgan verspürte keinerlei Scheu vor bürgerlichem Blut in ihrer Familie. Blut war Blut und unterschied sich nicht durch den Stand. Doch sie wollte, dass ihre Söhne zumindest ein bisschen Glück erlebten, wenn sie schon verschachert wurden.

Sie ließ ihre Gedanken schweifen, und als erstes kam ihr der riesige Gasthof von Kampodia in den Sinn, er wurde ‚Wagenrad’ genannt, hatte enormen Zulauf, lebte in nicht ganz so guten Zeiten von den Hochzeiten und Feiern, die dort pompös und routiniert ausgerichtet wurden – und jetzt fiel der Baronin ein: Man besaß jetzt sogar eine eigene Brauerei, mitsamt der Brauerlaubnis!

Ein bewundernder Laut entwich Morgans Lippen.
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Wie klug! Man braute eigenes Bier, konnte es in der eigenen Kaschemme verkaufen und zusätzlich auch noch woanders hin. Sie musste unbedingt dieses Bier probieren, es war bestimmt gut zur Stärkung des Körpers und des Geistes. Natürlich konnte sie nicht selber die Schankstube besuchen, aber sie würde jemanden dorthin schicken.

Denn very interesting war, dass eine Frau den Laden führte, nämlich die Maladessin, so genannt nach ihrem verstorbenen Gatten, dem Herrn Maladess. Sie war nicht viel älter als Morgan, aber viel üppiger von der Gestalt her. Und sie hatte eine Tochter, ein hübsches Ding, bisschen hochmütig vielleicht – aber kaltblütig genug, um nicht den erstbesten hübschen Kerl zu nehmen. Man munkelte, dass sie ein Auge auf den Karl Heuer geworfen hatte.

Morgan spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Wieder musste sie an den Tag denken, als dem Karl im Wald begegnete. Sie hatte sich so einsam gefühlt. Und dann war es urplötzlich passiert, als ihre Hände sich streiften, war etwas in ihr aufgelodert. Aus, vorbei, Morgan! Denk nicht mehr dran! Es gibt keine Zukunft für euch, vorbei, vorbei, vorbei... Er wird sein eigenes Leben leben, und es wird gut sein.

„Ich denke aber, die Zeiten werden nun wieder angenehmer für den Adel werden, also sei Sie froh darüber.“ Dieser Idiot von Geheimrat unterbrach gerade ihre intimsten Gedanken.

Ja sicher, dachte Morgan ironisch bei sich, das Königreich Hannover würde wieder total absolutistisch werden, denn der neue Herrscher war erzkonservativ – und außerdem ein verkommenes Schwein. Er hatte Notzucht mit seiner Schwester getrieben, und seine Ehefrau sollte ihre beiden früheren Gatten umgebracht haben. Ein sauberes Pärchen! Aber das konnte sie dem Geheimrat natürlich nicht erzählen. In diesem Augenblick bemerkte sie, dass Thomas in den Ballsaal gekommen war. Erleichtert atmete sie auf.

Aber Thomas sah schlecht aus, als ob er Fieber hätte.
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Sie ging schnell auf ihn zu. „Was ist denn los mit dir, mein Junge?“, fragte sie ihn und berührte mit der Hand seine Stirn.

Sie hatte Hitze erwartet, doch seine Stirn fühlte sich kühl an, fast schon kalt. Also hatte er kein Fieber. Wieder kam ihr die Vision in den Sinn, Thomas mit einem eingefallenen grauen Gesicht. Hoffentlich war es nicht... Nein, das konnte nicht sein, das durfte nicht sein, sie hatte sich gewiss geirrt.

„Ich bitte euch, mich zu entschuldigen“, sagte sie laut in die Runde. „Thomas geht es nicht gut.“

Sie blickte nicht zurück, als sie mit Thomas die Gesellschaft verließ. Sie stützte ihn, und zusammen stolperten sie dahin, bis sie endlich das Gig fand, ihren Sohn mühsam hinaufhievte auf die Bank und sich selber dann der Zügel annahm.
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Kommentare zur Story:

  danke doska, freu mich immer über deine kommentare. ;-)
was mit thomas geschieht, kommt erst im übernächsten teil - und es ist nicht erfreulich...
lieben gruß an dich  
   Ingrid Alias I  -  12.06.13 15:41

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Spannend! Noch immer weiß man nicht , was mit Thomas geschehen ist. Es sieht für den ältesten Sohn der Baronin nicht gerade gut aus. Wer will seinen Tod?  
   doska  -  10.06.13 22:43

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