Mein Weg zum akademischen Versager - Teil 10   51

Erinnerungen · Romane/Serien

Von:    Homo Faber      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 16. März 2013
Bei Webstories eingestellt: 16. März 2013
Anzahl gesehen: 1181
Seiten: 6

Ich hatte noch nie irgendwo so ein Chaos erlebt wie im chemischen Einkauf. Es war mir schon, als ich während der Ausbildung dort war, aufgefallen, aber nun merkte ich es noch mehr. Ich erkannte absolut kein Ablagesystem. Es wunderte mich immer, wie Herr Sumseck, der Chef dort noch durchblicken konnte und alles fand. Aber er war ja auch schon seit fast 20 Jahren in der Abteilung, irgendwann wusste man sicherlich, wo was zu finden war. Aber als Neuling konnte man dort nichts finden, mal war es nach Produkten geordnet, mal nach Lieferant, mal nach Betrieb, mal nach Dokumenttyp.

Herr Sumseck verlangte einerseits Eigeninitiative, aber andererseits durfte man nichts selbst machen. Er gab nur Anweisungen: „Rufen Sie mal dort an und fragen…“ „Verbinden Sie mich mal mit…“ „Schreiben Sie mal ein Fax…“ Dabei gab er schon immer vor, was ich ins Fax schreiben sollte, er schrieb schon immer in Stichpunkten auf ein Blatt Papier, was reinsollte, ich sollte es dann nur auf dem PC ausformulieren. Mit dem PC arbeiten, das konnte er gar nicht. Aber er war, wie er selbst sagte, das Sprachorgan.

Einige Tage später bekamen wir eine Praktikantin, eine Frau von 40 Jahren, die eine Umschulung machte. Ihr Eindruck von der Abteilung entsprach nach einem Tag schon meinem.

„Ist der immer so hektisch?“, fragte sie mich den Chef.

„Das ist noch harmlos“, erklärte ich. „Am besten ist es immer, wenn er anfängt, etwas zu erklären und dann mitten im Satz abbricht.“

Nach einigen Tagen scherzten wir schon über ihn, wie er gleich reinkommen würde.

„Gleich geht es wieder los“, sagte ich.

„Wo ist dies, wo ist das?“, machte die Praktikantin ihn nach. Meist waren wir morgens immer vor ihm da und genossen die Zeit, noch in Ruhe arbeiten zu können. Und Kaffee musste schon immer gekocht sein, wenn er kam.

„Ach du Scheiße. Der Kaffee ist alle“, meinte die Praktikantin eines Morgens.

„Ooooh, das ist ein Problem. Na ja, dann soll er sich eben einen aus der Kantine holen“, meinte ich.

„Na, das wird ja gleich was geben, wenn er kommt.“



„Wieso ist denn noch kein Kaffee gekocht?“, fragte er, als er kam.

„Es war leider keiner mehr da“, antwortete ich.

„Ach Mensch, wieso sagt denn dann keiner bescheid, so dass neuer gekauft wird?“

„Gestern morgen war noch welcher da, nachdem ich welchen gekocht hatte.
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Wahrscheinlich hat die andere Abteilung den Rest verbraucht.“

„Aber es hätte trotzdem schon neuer Vorrat besorgt werden müssen. Wir machen hier doch keinen Just-in-Time-Kauf.“

Er hatte schon Recht, aber ich war davon ausgegangen, dass sich die Sekretärin, die für beide Abteilungen zuständig war, sich darum kümmerte. Und außerdem hätte es ihm auch auffallen können, wenn er zur Abwechslung mal welchen gekocht hätte. Er trank ja den meisten Kaffee, ich trank nur hin und wieder morgens mal eine Tasse, ich trank meistens Tee und davon brachte ich meinen eigenen mit.

Dummerweise hatte er auch noch sein Frühstücksbrot zu Hause vergessen, weshalb seine Laune noch gereizter war.

„Wie früher“, rief er plötzlich, als er einen Vertrag studierte und haute auf den Tisch. „Kein Kaffee da, kein Butterbrot“. Mit einer Wucht haute er einen Ordner vom Tisch. Die Praktikantin und ich sahen uns nur an und mussten uns beherrschen, dass wir nicht loslachten. Dann wäre er wahrscheinlich ganz ausgerastet.

„Holen Sie sich doch in der Kantine etwas. Kaffee gibt es dort auch“, schlug ich ihm vor.

„Was haben die denn da?“, fragte er. 20 Jahre arbeitete er dort bereits, aß dort jeden Tag zu Mittag, aber dass man dort auch morgens Brötchen kaufen konnte, wusste er nicht? Das wusste ich nach nicht einmal einer Woche.

„Da gibt es verschiedene belegte Brötchen mit Salami, Käse, Ei. Croissants gibt es dort auch.“

„Was kostet das?“

„Ein belegtes Brötchen 1,10 DM und ein Becher Kaffee 50 Pfennig.“

Er holte sein Portemonaie heraus und reichte mir vier Mark. „Ok, dann bringen Sie mir mal bitte zwei Brötchen mit Salami und einen Kaffee mit.“

Na Klasse, dachte ich nur. Hätte ich mir doch gleich denken können, dass er nicht selbst geht, sondern ich es ihm holen darf. Ich fand es zwar sehr nett, dass er mir die 1,30 DM Restgeld schenkte, als ich sie ihm zurückgeben wollte, aber ich fühlte mich trotzdem mehr wie ein Laufbursche als wie ein fertiger Industriekaufmann. Aber wenigstens besserte sich seine Laune, jetzt wo er seinen Kaffee und etwas zu essen hatte.



Was mich neben dem ganzen Chaos und der ganzen Hektik, die er den ganzen Tag über verbreitete, störte war, dass ich nichts selbständig machen durfte, sondern nur nach Anweisung arbeiten durfte.
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Klar, ich war gerade erst mit der Ausbildung fertig, ich war noch sehr unerfahren, aber trotzdem musste ich ja auch irgendwie mal anfangen. Als er eines Tages dienstlich verreist war und ich mit der Praktikantin allein war, kam es zu Problemen. Ein Lieferant meldete, dass es zu Komplikationen kam und er die Ware nicht liefern könne. Da das Produkt aber an dem Tag auch vom Betrieb benötigt wurde, da ein Auftrag für einen besonders schwierigen Kunden gefertigt werden musste, war dies alles andere als eine erfreuliche Nachricht. Fest stand, wir brauchten diese Ware, und wenn unser Lieferant, diese nicht oder nicht rechtzeitig liefern konnte, musste sich eben ein anderer Lieferant finden, der das Produkt vorrätig hatte und noch an dem Tag liefern konnte. Ich musste schnell handeln. Es blieb keine Zeit, um Angebote anzufordern, der Preis spielte in dem Fall keine Rolle mehr, ich musste zusehen, dass ich einen Lieferant fand.

„Willst du nicht besser erst den Sumseck anrufen und fragen, was er dazu meint?“, fragte die Praktikantin.

„Was soll ich ihn anrufen? Wir brauchen das Zeug, ich kann doch jetzt nicht erst warten, bis ich schriftliche Angebote habe, um dann die Preise zu vergleichen. Bis die mal antworten, vergehen Stunden. Dann kostet es eben mehr, Hauptsache der Betrieb kriegt es.“

Außerdem war das jetzt meine Chance, etwas selbständig zu regeln. Nein, da brauchte ich keinen Chef für. Ich telefonierte all unsere Lieferanten durch, fast hatte ich schon die Hoffnung aufgegeben, bis ich beim vorletzten Glück hatte. Er hatte das Produkt vorrätig und konnte liefern. Und er war nicht einmal teurer als der ursprüngliche Lieferant. Mir fiel ein Stein vom Herzen, erleichtert rief ich beim Betrieb an, um ihm die Nachricht mitzuteilen.

„Gott sei Dank“, atmete der Produktionsmeister auf. „Sie haben uns echt gerettet. Der Kunde hätte uns die Hölle heiß gemacht, wenn wir den Auftrag nicht hinbekommen hätten.“

Ich war zufrieden. Ich freute mich, dass ich helfen konnte.

Später rief Herr Sumseck an, um sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung sei. Gut gelaunt erzählte ich ihm von dem Vorfall.

„Mensch Herr Meier“, kam darauf aber von ihm.
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„Wieso haben Sie mich dann nicht angerufen.“

„Warum denn, es hat doch alles funktioniert. Und es war auch im Interesse des Betriebs.“

„Die haben nichts zu sagen. Das nächste Mal melden Sie sich erst bei mir. Sie können doch nicht einfach solche Alleingänge durchziehen.“

Meine gute Laune war auch schon wieder verflogen. Diese Worte waren sehr enttäuschend. Eigentlich hatte ich mit einem Lob gerechnet. Und dann diese Aussage von ihm, der Betrieb habe nichts zu sagen. Natürlich hat er was zu sagen, schließlich beschaffen wir für ihn. Der erste, der was zu sagen hat, ist der Kunde. Er erteilt unserem Vertrieb den Auftrag. Und der Vertrieb leitet den Auftrag an die Produktion weiter, er beauftragt diese also den Auftrag durchzuführen. Und die Produktion beauftragt uns wiederum, die dafür erforderliche Ware zu beschaffen. So läuft es nun einmal. Aber Herr Sumseck wollte ja nur einfach immer das letzte Wort haben. Aber eigentlich konnte es mir egal sein, ich wollte ja eh bald studieren. Meine Bewerbung um einen Studienplatz war auch inzwischen abgeschickt. Wenn alles gut ging, wäre ich in nicht einmal zwei Monaten weg. Ich musste nur eine Zulassung kriegen. Ich hatte keine Lust, noch ein halbes Jahr länger auf dem Arbeitsplatz zu verweilen, vor allem, nachdem mein Vertrag höchstwahrscheinlich verlängert würde.

„Um noch mal auf gestern zurückzukommen“, kam er am nächsten Morgen auf mich zu. „Ja, Sie haben alles richtig gemacht. Ich finde auch gut, dass Sie Initiative ergriffen haben, aber das nächste Mal trotzdem bitte erst vorher auf mich zukommen, so dass wir uns abstimmen können.“

Ich zeigte mich einverstanden. Wenigstens gab er zu, dass meine Vorgehensweise richtig gewesen war und brachte sogar ein halbes Lob heraus. Aber trotzdem fühlte ich mich dort nicht mehr wohl, es macht einfach kein Spaß, in dem Durcheinander zu arbeiten. So ging es ja allen, die Praktikantin konnte es kaum erwarten, endlich mal die Abteilung zu wechseln und auch alle anderen Azubis, die diese Abteilung kannten, wollten nie wieder dorthin zurück.



Einige Tage später fand ich einen Brief von der ZVS, der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen im Briefkasten. Das war entweder meine Zulassung oder eine Ablehnung.
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Hastig öffnete ich den Brief.

„[…] leider konnten Sie noch keinen Studienplatz erhalten […]“

„Das ist doch nicht wahr“, wimmerte ich vor mir her. „Das ist doch nicht wahr. Verdammte SCHEISSE!“ Noch ein halbes Jahr in der Firma, in der Abteilung. Ich wollte dort nicht bleiben. „ICH HAB KEIN BOCK MEHR!“ Ich musste jetzt ein halbes Jahr warten und was wäre, wenn ich dann auch keinen Studienplatz bekäme? Es waren nur noch ein paar Wochen bis zu meinem 25. Geburtstag, mir lief die Zeit davon. Ich sprang vor Wut und vor Verzweiflung hin und her. Was die Nachbarn dachten, interessierte mich in dem Moment nicht. Ich wusste nur, dass ich keine Lust mehr hatte, morgen wieder arbeiten zu gehen.

Die Praktikantin hatte einmal zu mir gesagt, da ich schon oft mit mieser Laune morgens dort ankam, dass sie sich jeden Morgen frage, wie ich wohl gelaunt sein werde. Am nächsten Morgen saß ich fast regungslos da, als sie das Büro betrat.

„Guten Morgen“, sagte sie.

„Morgen“, gab ich leise zurück, ohne sie anzusehen.

„Oh je, du bist wieder nicht gut drauf“, meinte sie. Ich schüttelte den Kopf.

„Was ist denn los?“

„Ich hab´ `ne Absage bekommen.“

„Von den Unis?“

Ich nickte.

„Ach du Scheiße, dann musst du jetzt noch über ein halbes Jahr hier bleiben?“

Ich nickte wieder.

„Oh je, das ist echt Scheiße. Das tut mir leid. Ich wechsele ja bald die Abteilung zum Glück, ich hätte auch keine Lust, hier noch ein halbes Jahr zu bleiben. Ich kann dich verstehen.“

Das tröstete mich nur in dem Moment auch nicht weiter.



Die nächsten Monate verliefen sich so vor sich hin. Auf dem Arbeitsplatz änderte sich nicht viel, ich arbeitete nach wie vor nur nach Vorschrift, durfte nichts selbständig entscheiden. In dem Chaos durchzublicken, war mir immer noch nicht gelungen. Aber nun waren es nur noch sechs Wochen, denn ich hatte mein Arbeitsverhältnis zum 28. Februar 2002 gekündigt. Ab dem 1. März war ich Student und zwar definitiv. Ja, ich hatte einen Studienplatz bekommen! Endlich! Und eigentlich waren es nur noch drei Wochen, denn ich hatte inzwischen etwa 100 Überstunden angesammelt, was fast drei Arbeitswochen entsprach, die ich abfeiern konnte.
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Herr Sumseck, der nicht begeistert darüber war, dass ich aufhörte, versuchte mich zu überreden, dass ich mir die Überstunden auszahlen lasse und ihm somit noch sechs Wochen zur Verfügung stehe. Einerseits konnte ich das Geld fürs Studium gut gebrauchen. Aber andererseits würde wegen der ganzen Abzüge an Steuern und Sozialversichtungsbeiträge nicht viel übrig bleiben. Meine bisherigen Ersparnisse reichten noch locker, um ein halbes Jahr davon leben zu können.

„Lassen Sie sich bloß nichts auszahlen, feiern Sie Ihre Überstunden ab“, riet mir ein Mitarbeiter aus der Buchhaltung, als ich mich beim Mittagessen mit ihm darüber unterhielt. „Denken Sie daran, Freizeit ist 100 %, Gehalt nicht!“ Damit hatte er Recht. Außerdem wollte ich gern noch ein wenig Urlaub haben, bevor das Studium begann. Ich wusste ja nicht, wie viel Freizeit ich während des Studiums haben würde, nebenbei müsste ich ja auch arbeiten, vor allem in den Semesterferien. Ich rechnete nicht damit, dass ich Bafög bekommen würde, auch wenn ich inzwischen nicht mehr bei meinen Eltern lebte. So entschied ich, die Überstunden abzufeiern, auch wenn ich ein schlechtes Gewissen hatte, dass ich Herrn Sumseck nun allein ließ. Die Praktikantin war nicht mehr dort und die neue Mitarbeiterin war nur eine Teilzeitkraft. Aber andererseits war es ja eigentlich egal, ob er nun drei Wochen eher oder später allein war. Nein, ich blieb dabei, ich nahm die drei Wochen frei, um noch ein wenig zu entspannen und mich auch schon mal um einen Nebenjob zu bemühen.
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Kommentare zur Story:

  Hallo Gringa, es freut mich, dass die Erzählung dir
gefallen hat. Sie ist noch lange nicht
abgeschlossen. Obwohl der Großteil auf wahrer
Begebenheit beruht und ich mir daher nur wenig
ausdenken muss, weiß ich momentan nicht, wie
ich es niederschreiben soll und bin daher nicht
weiter gekommen. Aber sie wird auf jeden Fall
weiter gehen.  
   Homo Faber  -  09.08.13 19:31

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Gut geschrieben, habe mal in den letzten Teil reingeschaut, weil ich die Überschrift gut fand - und muss jetzt weiterlesen...


Gerne gelesen!

Gruß, Gringa  
   Gringa  -  09.08.13 10:11

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