Mein Weg zum akademischen Versager - Teil 1   48

Erinnerungen · Romane/Serien

Von:    Homo Faber      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 15. Dezember 2012
Bei Webstories eingestellt: 15. Dezember 2012
Anzahl gesehen: 962
Seiten: 5

Anmerkung:

Alle Namen von Firmen und anderen Personen wurden, sofern die inhaltlichen Stellen auf wahrer Begebenheit beruhen, geändert. Einige Inhalte sind frei erfunden.

Dies gilt alle Teile dieser Erzählung.

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Eigentlich müsste die Geschichte schon eher beginnen. Aber dann müsste ich direkt bis zum Anfang zurückgehen und das wäre meine Geburt und daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, dass ich wohl zum Versagen geboren wurde und zu spät auf die Welt kam. Und seitdem komme ich immer irgendwie zu spät… - Nicht zu Verabredungen - davon habe ich nicht so viele und wenn, dann bin ich meist doch der einzige, der dorthin kommt - sondern zu spät, um das zu erreichen, was ich wollte. Manchmal lache ich selbst darüber, weil ich denke, das ist alles so bescheuert, dass es schon lustig ist. Manchmal könnte ich aber auch nur heulen und frage mich, wieso es mir nicht gelingt, es endlich zu ändern, bis mir irgendwann einfällt, dass ich zu spät komme.



***



Er trinkt einen Schluck aus seiner Tasse Kaffee. Dabei schließt er seine Augen und genießt einige Sekunden, bevor er sie wieder öffnet. Genauso wie sonst, wenn er bei mir ist.

„Herrlich, einfach nur herrlich. Es geht einfach nichts über eine Tasse guten Kaffee.“ Ähnliches sagt er jedes Mal. Jetzt gießt er wieder die Milch hinzu. Warum er nie sofort Milch in seinen Kaffee gießt und den ersten Schluck immer schwarz trinkt, weiß ich nicht, ich habe ihn auch nie danach gefragt. Auch wenn ich mir die Frage zwar in dem Moment stelle, interessiert es mich nicht wirklich.

Ich weiß nicht, ob ich ihn mag oder nicht. Ich denke ja, immerhin sehe ich ihn nicht so oft. Wenn ich ihn öfter sähe, fände ich ihn wahrscheinlich genauso bescheuert. Je mehr ich mich zum Versager entwickelt habe, desto mehr haben mich Menschen angekotzt. Ich finde sie einfach nur noch nervig und bin am liebsten allein.

Irgendwie tut er mir auch leid. Er hat zwar einen Job, aber dafür hat er keine Ahnung davon. Er hat es nur noch nicht gemerkt. Darum beneide ich ihn, wie schön wäre es, wenn ich gar nicht wüsste, was für ein Versager ich bin. Innerlich muss ich lachen.
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Nun ist wieder so ein Punkt, wo ich nur noch lachen kann, nur dass ich diesmal nicht über mich lache, sondern über ihn. Mein inneres Lachen muss wohl nach außen vorgedrungen sein, da er mich ganz fragend und gleichzeitig leicht amüsiert ansieht.

„Darf ich vielleicht auch lachen?“, fragt er. Wenn er wüsste.

„Ich glaub, da kann nur ich drüber lachen.“



***

Mein Ziel war es gewesen, nach dem Abitur zu studieren, da ich es später mal besser haben wollte. Ich wollte zwar kein Geschäftsführer oder Vorstandsmitglied eines Konzerns werden, aber einen guten Job wollte ich schon bekommen. Ich wollte einfach nur finanziell abgesichert sein und mir auch mal was leisten können.

Leider bekam ich in meinem Wunschfach keinen Studienplatz. So überlegte ich, was ich dann tun sollte. Schließlich entschied ich mich für eine kaufmännische Berufsausbildung und nahm mir vor, anschließend BWL zu studieren. Beides war ein Fehler, vor allem die Ausbildung vor dem Studium.



Es war 1997, ich leistete gerade meinen Zivildienst, als ich begann, mich um eine Ausbildungsstelle zu bewerben. Das hieß leider auch, dass meine langen Haare ab mussten. Von der Rockerzeit musste ich mich verabschieden, zumindest optisch. Eigentlich wollte ich es etwas herauszögern und für das Bewerbungsfoto die Haare so zusammenbinden, dass es wie eine Kurzhaarfrisur aussieht und sie erst vor dem ersten Vorstellungsgespräch abschneiden. Aber leider klappte es nicht so, egal wie ich die Haare zusammenband, man sah trotzdem, dass sie lang waren. Also mussten sie doch runter. Ich kaufte eine Schermaschine und erledigte es sogar selbst. Erst einmal stand ich etwa für eine halbe Stunde mit der Maschine nur vor dem Spiegel, weil ich es einfach nicht fertig brachte, sie einzuschalten und anzusetzen. Aber es musste sein. Fest biss ich die Zähne zusammen und legte schließlich los. Am liebsten hätte ich die Augen dabei geschlossen, aber ich musste ja sehen, wo ich mit der Maschine entlang fuhr.

Bis auf einen Zentimeter kürzte ich die Haare - wenn schon kurze Haare, dann richtig. Den Pony ließ ich etwas länger. Eigentlich sah das Ergebnis gar nicht so schlecht aus. Für jemanden, der mich nicht kannte, sah die Frisur sicherlich völlig in Ordnung aus, aber für mich sah es schrecklich aus.
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Mir kamen die Tränen. Auch der etwa 5 cm lange Spitzbart wurde auf 1 cm gekürzt, was aber nicht ganz so wehtat.

Wie würden meine Freunde und Bekannte nur reagieren, wenn sie mich sahen. Angekündigt hatte ich es ja schon, dass die Haare runter mussten. Meine Rockerkollegen konnten sich alle schön lustig machen, die einen waren noch Schüler, die anderen studierten, manche hatten Berufe, wo auch lange Haare in Ordnung waren und einige machten überhaupt nichts. Jedenfalls hatte keiner von ihnen das Problem, sich von ihren langen Haaren trennen zu müssen. An diesem Tag setzte ich jedenfalls keinen Fuß mehr vor die Tür.

Am nächsten Tag wollte ich Bewerbungsfotos machen lassen. Natürlich konnte ich auch nicht mit Lederjacke, Metal-T-Shirt und Nieten bekleidet das Foto machen lassen, sondern musste mich dafür kleiden, wie sich jemand kleidet, der eine kaufmännische Ausbildung machen möchte. So zog ich ein Sakko an. Ich war mir selbst total fremd, als ich mich im Spiegel sah.

„Du wirst dich schon noch dran gewöhnen“, meinte meine Mutter.

Verschämt fuhr ich in die Stadt. Ich hoffte, dass mich niemand sah, der mich kannte, obwohl es Quatsch war, so zu denken, denn irgendwann würde man mich ja doch sehen.

Ich kam gerade zurück vom Fotograf und wollte zur U-Bahnhaltestelle, als ich Jakob und Mattis sah. Oh je, hoffentlich sehen die mich jetzt so nicht. Schlimm genug, dass die mich mit kurzen Haaren sehen würden, aber in dem Outfit müssten die mich nicht auch noch sehen. Aber vielleicht würden sie mich auch gar nicht erkennen, ich hätte mich ja selbst kaum erkannt. Doch genau in dem Moment sah mich Mattis und er erkannte mich sofort auf dem ersten Blick. Ein Lachen zog sich schon über sein Gesicht, dabei stieß er Jakob an und zeigte auf mich. Jakob blickte erst verwirrt und brauchte eine Sekunde, um mich zu erkennen, dann bekam er ebenfalls einen lauten Lachanfall. Einige Leute guckten schon ganz blöd, die nicht verstanden, was mit den beiden los war. Na Toll, dachte ich nur. Immer noch laut lachend, kamen die beiden auf mich zu. Am liebsten hätte ich ihnen dafür eine Kahlrasur verpasst.

„Du Scheiße, was ist denn mit dir passiert?“, meinte Mattis nur.

„Hat dir schon jemand gesagt, dass du beschissen aussiehst?“, fragte Jakob.
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Beide hatten sich noch immer nicht eingekriegt.

„Vielen Dank“, jetzt fühle ich mich schon viel besser.

„Hast du schon ein Vorstellungsgespräch oder wo willst du so hin?“

„Nein, ich war nur Bewerbungsfotos machen und wollte jetzt nach Hause.“

„Also auf den Schreck muss ich mir erstmal einen kiffen“, meinte Jakob dann und beide begannen wieder laut zu lachen.

„Kommst du heute Abend?“, fragte er dann. Ich nickte.

„Okay, bis heute Abend dann.“

„Und…lass dir mal die Haare wachsen“, rief Mattis noch beim Weggehen. Und wieder lachten beide uns schlugen mit den Händen ein. Genauso hatte ich es mir vorgestellt und es war noch nicht vorbei.

Zuhause zog ich erstmal sie unbequemen Sachen aus und meine Rocker-Kluft an. So fühlte ich mich schon wieder etwas besser.



Spätestens während des nervigen Bewerbungsprozesses hätte mir klar werden müssen, dass diese Berufsrichtung letztendlich nichts für mich ist. Eigentlich war es mir auch klar, ich verdrängte es nur immer wieder und hoffte durch das anschließende Studium doch noch andere Möglichkeiten offen zu haben.

Damals war es noch nicht üblich, Bewerbungen wie heutzutage per Email zu versenden, sondern es wurde noch alles per Post verschickt. Jede Bewerbungsmappe kostete Geld und war letztendlich doch umsonst. Schon irgendwie paradox, dass etwas teuer und doch umsonst ist. Aber ich denke, jeder weiß, wie ich es meine. Es war ja schön, dass die Bewerbungsmappen mit den Absagen immer zurückgeschickt wurden, nur konnte ich sie nicht mehr benutzen, so zerknickt die Blätter waren und nicht durch mein Verschulden. Manche Mappen enthielten auch Notizen, die ich kaum entziffern und deuten konnte. Einige Unterlagen waren voll mit Kaffeeflecken, als ich sie zurückbekam. Es ist immer schön, festzustellen, wie respektvoll eine Bewerbung behandelt wird. Ein ganz Schlauer, der sich wohl keinen ausreichend großen Briefumschlag leisten konnte, hatte meine Mappe einfach geknickt, so dass sie in einen Din A5 Umschlag passte. Damals regte mich das alles noch nicht so auf, ich war noch zu grün hinter den Ohren und hielt es für Ausnahmen. Meine Sorge war es nur, was ich machen sollte, wenn ich doch keine Lehrstelle finde.
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Dass ich meine Haare dann umsonst abgeschnitten hatte, war das geringste Problem. Inzwischen hatte ich mich sogar schon ein wenig an die kurzen Haare gewöhnt.



Eines Tages, als ich vom Zivildienst nach Hause kam, wurde ich bereits von meinen Eltern erwartet. Beide sahen richtig zufrieden aus.

„Was ist los?“, fragte ich.

„Du hast Post bekommen“, erzählte meine Mutter. „Du hast eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch.“

Dass sie einfach meine Post geöffnet hatte, nahm ich ihr in diesem Fall mal nicht übel. Schließlich machten sich meine Eltern auch Sorgen, dass ich nichts mehr finde.

„Schön, wo denn?“

„Bei CDTS.“

Ah, beim Club der toten Säufer also. Natürlich standen die Initialen für einen anderen Namen, nämlich für „Chemieunternehmen der Teer- und Straßenbauindustrie“. Aber diese Scherz- oder Spottbezeichnung stammt von eigenen Mitarbeitern und war auch ein wenig innerhalb der Stadt an die Öffentlichkeit geraten. Thorsten, der Sohn eines unserer Nachbarn, der dort eine Ausbildung im Labor machte, erklärte scherzhaft, dass, wenn man sich dort bewerben wolle, man am besten mit einer Flasche Schnaps in der einen und einer Bildzeitung in der anderen Hand zum Vorstellungsgespräch erscheinen solle. In Wahrheit war es aber ein sehr erfolgreiches Unternehmen, das auch auf dem globalen Markt vertreten war. Der weitere Bewerbungsprozess war auch nicht wirklich einfach.



Fortsetzung folgt...
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