Nachtzug nach Paris (Vierte Weihnachtsgeschichte)   217

Nachdenkliches · Kurzgeschichten · Winter/Weihnachten/Silvester

Von:    Michael Kuss      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 29. Oktober 2012
Bei Webstories eingestellt: 29. Oktober 2012
Anzahl gesehen: 1481
Seiten: 11

Er hätte ebenso gut eine Münze werfen können, um einen der wenigen Nachtzüge zu nehmen, die München am Weihnachtsabend noch verlassen würden. Wappen nach Hamburg, Zahl nach Berlin. Stattdessen schloss er die Augen, fuhr blind mit dem Finger über den Fahrplanaushang, hielt irgendwo an und sein Finger zeigte auf den Nachtzug nach Paris. Ob es im Leben Zufälle oder Vorbestimmungen gibt, darüber sollte er sich eine Stunde später Gedanken machen.

An diesem Weihnachtsabend und in seiner Situation war Paris ebenso gut wie jede andere Stadt. Warum also nicht Paris?! Die Idee hatte ihren Reiz. Ein paar Büchsen Bier mitnehmen, allmählich in den Schlaf gleiten, morgen Frühstück in Paris, unerkannt untertauchen zwischen Unbekannten, entspannt bei Croissants und Milchkaffee, weit weg von diesem Abend und diesen Menschen, die sich ‚Familie’ nennen! Andere Leute sehen, neue Eindrücke aufnehmen, tief durchatmen, Abstand gewinnen, ohne Stress die Seele baumeln lassen …

Er löste die Fahrkarte, vermied aber den Schlafwagen, fürchtete sich vor der Einsamkeit eines Schlafwagenabteils; einmal zugewiesen, konnte er ihm bis zum Ende der Fahrt kaum entrinnen. Danach deckte er sich mit Bier und belegten Brötchen ein und vorsorglich auch mit ein paar Flachmännern; man kann nie wissen, in welchem Tief oder Hoch man noch landen kann, nach einem solchen Abend wie diesem...

Der Bahnsteig war fast menschenleer. Wer fährt schon in der Weihnachtsnacht nach Paris? Wen treibt es in einer solchen Familiennacht überhaupt irgendwohin? Der Schaffner wird sich langweilen und eine ruhige Kugel schieben. Die Fahrt nach Paris würde endlos werden, er aber wird sich berauschen und vielleicht sogar etwas Schlaf finden und morgen in einer anderen Welt aufwachen. Besser, als sich in diesem München, in seinem München, über Weihnachten in einem Hotel zu verkriechen, so, als hätte er kein eigenes Zuhause.

Er durchstreifte die nahezu leeren Waggons und konnte sich nicht entscheiden. Aufgekratzt ließ er sich treiben und hatte doch eine unerklärte Sehnsucht nach einem Ziel. Er hatte sein Zuhause mit einem Gefühl der Befreiung verlassen, aber nach dem Gefühl der Befreiung war eine beunruhigende Leere eingetreten und er überlegte, ob er nicht doch noch aussteigen und zurückkehren sollte in seine ungeliebten Gewohnheiten.
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In einem Abteil saßen drei junge Japaner mit Rucksäcken; in einem anderen lag jemand über alle Sitze verteilt und hatte einen Schlafsack über sich gezogen. Die Frau saß ganz vorne im ersten Wagen und im ersten Abteil. Wie kann man sich in einem Zug nur ganz vorne direkt hinter die Lokomotive setzen? Potenzielle Selbstmörder machen das, oder Menschen, die nicht nachdenken, oder welche die zu viel nachdenken und bewusst alleine und auf Distanz sein möchten. Jedenfalls saß die Frau da, wohl ohne Gepäck, einen Mantel am Haken, als würde sie nur eine Station fahren und gleich zu Hause sein.

Ihr Gesicht fiel ihm beim ersten kurzen Blick zwar angenehm auf, aber im schnellen Vorbeigehen konnte er keine Einzelheiten und vor allem ihre Augen nicht erkennen. Er zögerte für eine Sekunde vor ihrer Abteiltür, ging aber weiter; er konnte schlecht in einem leeren Zug die Abteiltür einer alleinreisenden Frau öffnen und töricht fragen, ’Gestatten Sie bitte, ist hier zufällig noch ein Plätzchen frei?’ Und ein besserer Spruch fiel ihm in diesem Moment nicht ein. Obwohl die Wahrheit natürlicher gewesen wäre. Aber wer hat in solchen Situationen den Mut und das Selbstbewusstsein, zu sagen: 'Guten Abend. Ich reise nach Paris und ich habe keine Lust alleine in einem Abteil zu sitzen. Es wäre mir angenehmer, in Begleitung zu reisen, auch wenn es nur ein paar Stationen sind? Sicher sind Sie gleich zu Hause, so ganz ohne Gepäck?'

Sie könnte nur Ja oder Nein sagen. Da er aber vor dem Nein Angst hatte, und sein Selbstbewusstsein in den letzten Tagen ausreichend Schiffbruch erlitten hatte, lief er weiter. Aber dann kam gleich die Plattform und die Lokomotive; er musste zurück, ging wieder am Abteil der Frau vorbei, schob die folgende Abteiltür auf und ließ sich auf die Sitzbank fallen. Das Abteil war geheizt. Nach ein paar Bier und den Flachmännern würde er wahrscheinlich bis Paris schlafen können.

Er zog den Mantel aus, drapierte seine Getränkebatterie auf dem Klapptisch, zog die Gardinen am Fenster zu, ließ die Rollos an der Tür herunter und dachte an die Frau, die einen Meter von ihm durch eine dünne Wand getrennt saß.

Als der Zug sich noch über das Gleisgewirr langsam aus dem Bahnhof schlängelte und Fahrt aufnahm, begann der Schaffner im Nebenabteil mit der Kontrolle.
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Er hörte ihn zu der Frau „Gute Fahrt und frohe Weihnachten!“ sagen, bevor er die Tür zuschob und zu ihm kam. Er sah erfahren aus, als hätte er schon viele Dienstjahre auf dem Buckel und etliche nächtliche Fernzüge hinter sich. Er zeigte ihm seine Karte, sagte „Nicht viel los heute Nacht“ und der Schaffner antwortete „Nee, fast der ganze Zug ist leer. Nur zwei einsame Herzen nach Paris und jedes Herz alleine in einem eigenen Abteil!“ Dabei deutete er mit einer Kopfbewegung nach nebenan.

Der Schaffner war ihm sympathisch. Gerade hatte er seine in vielen Dienstvorschriften geregelten Grenzen weit überschritten. Seltsam, dass man mitunter Regeln und Grenzen überschreiten muss, um Mensch zu sein. Vielleicht lag es an Weihnachten.

„Sie wird ihre Gründe haben!“ sagte er mit einer möglichst gleichgültig scheinenden Stimme. Bereits in der Tür antwortete der Schaffner: „Na ja, Sie haben sich ja für die Fahrt gut eingedeckt!“ Er deutete auf die Sammlung auf dem Klapptisch. „Jedenfalls wünsche ich Ihnen gute Fahrt und ein Frohes Weihnachtsfest!“ Er wünschte dem Schaffner ebenfalls Frohe Weihnachten und einen angenehmen Dienst und dachte, die Frau fährt also auch nach Paris, alleine und ganz ohne Gepäck, das war doch ein klarer Hinweis von dem Schaffner, aber trauen, nein, trauen würde er sich nicht; zu peinlich, wenn er sich lächerlich machen und einen Korb bekommen würde.

Er wickelte ein Brötchen aus, biss hinein, spülte mit Dosenbier nach und gönnte sich zum Nachtisch den ersten Flachmann. Dann schloss er die Augen und dachte an den Nachmittag und die letzten Stunden dieses Abends.

*

In Gedanken sah er Barbara und die ganze Sippschaft am gedeckten Weihnachtstisch sitzen. Links daneben ihr Bruder und gegenüber hockten wie aufgetakelte Habichte ihre Eltern und Elke, die Frau ihres Bruders.

Von seiner Familie war niemand gekommen. Sie waren schon vor Jahren übereingekommen, das Weihnachtsfest alleine zu begehen und nicht mit Familienbesuchen und den unweigerlichen Familienproblemen zu belasten. Aber wie jedes Jahr seit zwölf Jahren bestand Barbara darauf, Heiligabend sei Familiensache! Angeblich würden sie sich ja sonst kaum mit ihren Eltern treffen, was eine schmeichelhafte Umschreibung dafür war, dass sie mindestens auch den Sommerurlaub, Ostern und Sylvester gemeinsam verlebten, von den Wochenenden ganz abgesehen, bei denen Barbaras Mutter mal 'kurz hereinschaute', weil sie ja nur hundertdreißig Kilometer auseinander wohnen.
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Die ganze Mischpoke war also wieder einen Tag vor Heiligabend gekommen und würde das Haus bis unters Dach und bis zum Dreikönigstag bevölkern. „Wir sollten endlich gemeinsam über eure Probleme reden“, hatte Barbaras Mutter gleich nach der Ankunft gesagt, als sei ein Weihnachtstreffen zu nichts anderem da, als Eheprobleme zu wälzen. Es war wie eine Kampfansage für die anstehende Schlacht.

Zwar hatten Barbara und er tatsächlich alle möglichen Probleme, bereits seit etlichen Jahren, Gelddiskussionen, unerfüllte Kinderwünsche, falsch investierte und für seine Begriffe unnötige Neuanschaffungen, Eifersuchtsszenen, verschlissene Liebe und abgenutzte Tagesabläufe, von den lieblosen Nächten ganz zu schweigen. Eben das ganze Spektrum einer zwölfjährigen verfehlten Ehe. Aber er konnte nicht einsehen, was dies an Weihnachten im großen Familienrat zu suchen hatte. Das ist eine Angelegenheit zwischen Barbara und mir, überlegte er. Ein paar ruhige Tage zu zweit hätten gut getan, hätten die Situation beleuchten, vielleicht sogar klären können...

Doch auch er hatte sich vor einer Aussprache gedrückt. Man kennt die Probleme, aber, weiß der Kuckuck warum, sie werden immer wieder vor sich her und unter den Teppich geschoben. Und dann kommt Weihnachten, das Familienfest und Anlass zum Großreinemachen.

„Du hast deine Familie nur eingeladen, um mit mir nicht alleine sein zu müssen! Du willst jede Sekunde und jeden Winkel des Lebens mit Aktionen ausfüllen: Reitstunden, Fitnessklub, Yoga, einmal im Monat deine Tupper-Party, ansonsten vor der Glotze hocken, sich kitschige Liebesromanzen reinziehen, und wenn dir gar nichts mehr anderes einfällt, dann kommt deine Familie und geht uns auf den Keks!“ Er war laut geworden und Barbara hatte ihn mit ihren Tränen wieder in die Schranken und ins schlechte Gewissen verwiesen.

Dann kamen sie angereist. Er hatte sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen und Barbaras Mutter kam ohne anzuklopfen hereingeschneit: „Klaus, es hat gar keinen Zweck sich dem Gespräch zu entziehen! Wir sind EINE Familie und müssen zusammenhalten! Barbara hat mir alles erzählt! Jetzt müssen wir darüber sprechen! Das ist schließlich das Fest des Friedens und der Liebe!“ Sie begann, die Kissen auf seinem Sessel aufzuschütteln.
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„Lass das, Mutter!“ sagte er mürrisch. „Du weist genau, dass ich das nicht möchte!“ Dann machte er den Fehler und fügte hinzu: „Es reicht, wenn Barbara ungefragt in meinen Sachen wühlt! Könnt ihr mir denn überhaupt keinen Millimeter Freiraum lassen?“

„Wenn Barbara sich nicht um alles kümmern würde, wären eure Probleme noch größer! Gott sei Dank habe ich meine Tochter zu einem anständigen und verantwortungsbewussten Menschen erzogen! Aber du, du kannst dich ja nicht anpassen, spielst immer den großen Individualisten! Aber in einer Ehe gibt es nun mal keinen Individualismus! Wann lernst du das endlich? Und jetzt komm runter, wir warten mit dem Essen!“

Er hätte sie anbrüllen, ja sogar würgen mögen, aber er schluckte wieder alles hinunter und gab des lieben Friedenswillen klein bei. Das Weltbild von Barbaras Mutter war unerschütterlich und ihre Tochter war zu ihrem Ebenbild geworden. Je länger er mit Barbara verheiratet war, umso sicherer war er: In wenigen Jahren wird er auch von Barbara nur noch diese Phrasen hören. Nicht nur an Weihnachten! Den ganzen Rest seines banalen Lebens!

Aber, überlegt er, warum habe ich dann nicht die Kraft es zu ändern? Welcher kleine Schritt ist notwendig, um diesen großen Schritt zu tun? Mit verschlossenem Gesicht setzte er sich ratlos an den großen Familientisch und löffelte brav wie alle anderen seine Suppe.

Zwei Tage hatte das Gewitter Zeit, um sich zusammenzubrauen. Das Grollen und Grummeln war schon seit ihrer Ankunft zu spüren. Dann brach es endlich aus. Vielleicht suchte er unbewusst und doch zielstrebig die Konfrontation, als wollte er in der Provokation plötzlich eine radikale Lösung finden.

*

In der Kirche saßen sie brav und herausgeputzt wie die Orgelpfeifen nebeneinander und er flüsterte zu seinem Schwager, den er eigentlich noch für einigermaßen selbstkritisch hielt: „Schau dir diese Heuchler an!" Er deutete mit den Augen auf die Reihen vor ihnen. "Gesichter wie die Heiligen auf alten Gemälden! Dabei könnte ich dir über fast jeden von ihnen einen Kriminal- oder Sittenroman erzählen!“

Der Schwager schwieg und heftete seinen Blick auf das Gesangbuch.
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Barbaras Mutter hatte es gehört und ihr Blick sagte ’Wage dich nicht! Sonst reden wir später!’ Ihr Mann zog eine Grimasse und drehte eilig den Kopf zur Seite, um sein Grinsen zu verbergen.

Warum musste er bei den Worten des Pfarrers an Schmierseife denken? „Und diese Liebe der Weihnachtsbotschaft werden alle Menschen draußen in der Welt empfangen", salbaderte der brave Pope. "Kinderaugen werden leuchten, unser Hunger wird gestillt sein und die frohe Botschaft geht von Herz zu Herz, von Berlin bis Adis Abeba, von New York bis Kalkutta! In diesem Augenblick erfüllt es die Herzen der Millionäre von Sankt Moritz und die Herzen der Ärmsten unter den Armen in Afrika und für Stunden verebbt in dieser Nacht der Kriegslärm in…!“

Vielleicht hätte er auch diesmal seinen Mund gehalten. Aber als der fromme Mann noch mitten in der Aufzählung seiner Phrasen war, da platze der Kragen und das Herz lief ihm über, wie der letzte Tropfen ein übervolles Fass zum Überlaufen bringt. Er stand auf und rief in den Kirchensaal „So ein Schwachsinn! So eine Heuchelei! Das ist ja nicht zum Aushalten! Bei uns brennen die Weihnachtskerzen und irgendwo in der Welt in einem Krieg brennen die Kinder, aber wir müssen uns dieses Gesülze anhören!“

Er schob sich hinter Barbaras Rücken aus der Bank und rannte aus der Kirche. Es war keine Flucht, keine Angst vor der Menge, die zuerst erstarrt war, um gleich darauf mit sichtlich empörten Gesichtern Empörung zu zeigen. Barbaras Mutter wollte vor Scham im Fußboden versinken. Er aber war aufgewühlt und verärgert und zugleich überkam ihn eine unbekannte Freude, ein befreiendes Glücksgefühl. Er ahnte, er war den Schritt gegangen, dem weitere Schritte folgen würden. Eine Entscheidung lag unaufschiebbar in der Luft...

*

„Das war ja wieder typisch für dich! Aber diesmal bist du entschieden zu weit gegangen!“ Barbaras Mutter beendete das verbissene Schweigen auf ihre Art. Barbara hatte ihre Mutter mit jenen dankbaren Blicken angesehen, die sie immer benutzt, wenn ihre Mutter Stellung gegen ihn bezieht.
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Die Schwägerin sagte zu ihrem Mann gewandt: „Musste er das denn tun? Wie er uns blamiert hat!“ Und der Schwager antwortete: „Na ja, ich weiß nicht recht…“, was betretenes Schweigen und vorwurfsvolle Blicke hervorrief.

„Warum habt ihr euch diesen Stuss angehört?“ rief er empört zurück. „Warum revoltiert denn keiner von euch bei dieser Heuchelei?“ Er hatte keine Lust mehr, den Angeklagten zu spielen und drehte den Spieß um.

„Weil Weihnachten ist!“ sagte Barbaras Mutter mit Bestimmtheit. „Ganz einfach: weil Weihnachten ist! UND weil es sich nicht gehört! Basta!“ Sie stieß mit dem Finger in die Luft, als wollte sie dort das Ausrufezeichen hinter ‚Basta’ setzen.

Dann redeten alle durcheinander. Er konnte nicht mehr erkennen, wer gegen und wer für ihn spricht und es war ihm auch vollkommen gleichgültig. Bis Barbaras Mutter losheulte und unter Tränen schluchzte: „Nun lasst uns diesen schrecklichen Abend erst einmal vergessen und ein neues Kapitel aufschlagen! Lasst uns das Weihnachtslied singen und die Geschenke auspacken! Wir können den Fall ja später klären. Nicht wahr!?“ Die Generalin hatte die Befehlsgewalt zurückerobert und jeder Satz von ihr schmerzte, als hätte sie Säure versprüht. Jetzt, dachte er, jetzt werden wir also nach allem auch noch „Stille Nacht, Heilige Nacht!“ singen, uns an den Händen fassen und Geschenke verteilen und so tun, als würden wir uns alle lieben.

Widerspruchslos stimmten sie zu. Als Barbara zum Lichtschalter ging, als das Zimmer ins Halbdunkel der Christbaumbeleuchtung glitt und alle für einen Augenblick auf den Baum schauten und wie jedes Jahr „Ah“ oder „Oh“ hauchten und nicht auf ihn achteten sondern ihr Blick schon auf den Geschenken und der Baumbeleuchtung lag, schlich er hinaus, schnappte Mantel, Handy und Brieftasche, lief zum Taxistand und fuhr zum Bahnhof.

*

Durch das Geräusch der Abteiltür wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Er öffnete die Augen. Die Frau stand in der Abteiltür und ihm war, als hätte sie ihn schon eine Weile angesehen.

„Bitte entschuldigen Sie!“ Sie sprach leise und mit einer angenehmen, unaufdringlichen Stimme. „Ich wollte Sie nicht wecken. Es tut mir leid. Aber ich habe mitbekommen …, das heißt, es war nicht zu überhören, dass Sie auch nach Paris fahren.
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Und ich dachte, es ist eine lange Fahrt bis Paris …“.

Um überhaupt etwas zu sagen, antwortete er hölzern: „Zwei einsame Seelen fahren in einem einsamen Nachtzug nach Paris. Und das am Heiligabend!“

„Wo haben Sie denn diesen schönen, romantischen Kitsch her?“ fragte die Frau und lächelte.

„Mir fiel auf die Schnelle nichts Besseres ein!“ gestand er und wollte dem Schaffner die Urheberrechte nicht überlassen. „Aber möchten Sie sich nicht setzen?“ Mit einer Rundumbewegung der Hand deutete er auf die freien Sitze und auf seine Schätze auf dem Klapptisch. „Eingedeckt sind wir! Das reicht für beide! Außerdem können wir bei einem Zwischenstopp auf einem Bahnsteig oder direkt beim Schlafwagenschaffner Nachschub holen!“

Einen Augenblick zögerte sie und sah ihn aufmerksam abschätzend an. Dann sagte sie leiser und mit weniger Festigkeit in der Stimme: „Bitte verstehen Sie mich nicht falsch! Ich suche keine Männerbekanntschaften, ich meine, keine von denen, die…, Sie wissen schon...“ Wieder zögerte sie. „Aber ich möchte mit einem Menschen reden. Also, in einer solchen Nacht kommt einem doch dies oder jenes in den Sinn, oder…“

Sie setzte sich auf den Platz gegenüber und er gestand in einer ihm unbekannten Offenheit: „Ich freue mich, dass Sie gekommen sind! Immerhin haben Sie einen Schritt getan, den ich mich nicht getraut habe! Ich hatte daran gedacht, aber …“

Sie bemerkte sein Stocken und erwiderte schnell: „Noch heute Morgen hätte ich mich so etwas auch nicht getraut. Seit heute Abend ist alles anders. Aber …“, sie unterbrach und schaute ihn wieder an. „Aber ich möchte dafür keine Erklärungen abgeben müssen! Könnten Sie das akzeptieren?“

Jetzt bemerkte er es. Ihr rechtes Auge war blau unterlaufen. Auch am Unterarm hatte sie blaue und grüne Flecken; auf dem Handrücken klebte ein frisches Pflaster. Die Fingernägel waren gepflegt und lackiert und das Kleid war sicher nicht von Woolworth.

„Keine persönlichen Fragen!“ sagte er. „Ehrenwort!“

„Es ist kein absolutes Tabu“, lenkte sie ein. „Sie müssen mir nur ein bisschen Zeit lassen! Vielleicht erzähle ich später von selbst! Geht das für Sie in Ordnung?“ Sie sah ihn mit einer Mischung von Skepsis und Hoffnung an, griff dann aber wie selbstverständlich zu einer Büchse Bier und sagte einfach „Darf ich?“

Sie tranken eine Weile und wussten nicht wie sie die Stille überbrücken sollten.
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Plötzlich unterbrach sie das Schweigen: „Ich bin heute aus dem Gefängnis ausgebrochen!“

„Weihnachten ist ein guter Anlass, um aus einem Gefängnis auszubrechen!“ antwortete er unbeeindruckt.

„Sie glauben mir nicht?“

„Doch, ich glaube Ihnen! Es gibt schließlich viele Arten Gefängnisse. Und bei Ihrer Flucht haben Sie sich gestoßen oder Ihr Gefängniswärter wollte sie aufhalten und hat Sie hier und da noch ein bisschen verletzt?!“

„Ein paar kleinere Kollateralschäden!“ Ihre Stimme war jetzt zwischen Ironie und Zynismus angesiedelt, aber sie lächelte dabei. „Bei einer Flucht oder einer Befreiungsaktion bleiben Schäden meistens nicht aus. Freiheit hat ihren Preis!“

„Ja!“ sagte er. „Freiheit hat tatsächlich ihren Preis! Sie sagen es! Aber solche äußeren Wunden verheilen irgendwann!“ Er deutete auf das Veilchen an ihrem Auge. Dann fügte er hinzu: „Andere Wunden sitzen tiefer; man sieht sie nicht und sie heilen auch schlecht! Das dauert länger…“

„Haben Sie Erfahrung damit?“ fragte sie.

Er konnte nicht erkennen, ob Ironie, Sarkasmus oder Anerkennung in ihren Worten lag. Deshalb sagte er schnell: „Wie dem auch sei, immerhin ist Ihnen die Flucht geglückt, das ist erst einmal die Hauptsache! Jetzt werden Sie sicher darüber nachdenken, wie Sie mit der neuen Freiheit umgehen sollen. Wer das nämlich nicht gelernt hat, könnte Anfangsschwierigkeiten bekommen…?!“

„Ich habe bereits damit begonnen!“ Sie sah ihn ruhig an; ihre Stimme klang jetzt sicherer. „Erst habe ich mich aus der Gefangenschaft befreit, dann habe ich spontan und ohne die üblichen Planungen diesen Zug genommen. Und schließlich habe ich Sie einfach angesprochen. Das hätte ich mich früher niemals getraut …“

„Früher? “

„Bis vor ein paar Stunden!“ sagte sie. „Bis vor ein paar Stunden war ich ein anderer Mensch! Können Sie sich das vorstellen?“ Sie machte eine Pause. „Ausgerechnet unterm Weihnachtsbaum habe ich mich entschlossen, endlich aus meinem Käfig auszubrechen und mein Leben zu ändern!“ Sie sah ihm aufmerksam in die Augen, als wollte sie dort die Wirkung ihrer Worte ablesen.
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Er beugte sich zu ihr hinüber und berührte mit einem Finger ihren Arm. Sie ließ es geschehen und lächelte. Beide schwiegen, als würde jeder auf den nächsten Schritt warten und doch Scheu davor haben.

Plötzlich griff sie für ihn unvorbereitet zu den Polsterschlaufen der Sitze und sagte: „Und jetzt will ich auch nicht auf halbem Wege stehen bleiben!“ Sie zog die Sitzreihe mit einer praktischen Selbstverständlichkeit zusammen, bis das Abteil zu einer großen Liege wurde. Sprachlos und irritiert saß er mit angezogenen Knien in der Fensterecke. Bis sie ihn aus seiner Maulsperre herausriss, ihre Hand auf seine Schultern legte und dabei wie zufällig seine Wange streifte „Kommen Sie!“ sagte sie. „Warum legen wir uns nicht nebeneinander? Sie suchen doch auch menschliche Nähe?! Wir sollten zu unseren Wünschen stehen! Und heute habe ich ein besonders großes Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Nähe. Das können Sie sich als Mann wahrscheinlich nicht vorstellen! Oder? Können Sie verstehen, dass ich zu Ihnen ein Gefühl von Vertrautheit habe? Es ist einfach so ein Gefühl. So, als hätte ich einen Seelenverwandten getroffen! Aber vielleicht halten Sie mich auch für eine durchgeknallte Verrückte, die aus einer Anstalt entlaufen ist? Oder was denken Sie über mich?“

Einen Augenblick zögerten beide noch. Dann legte sie sich quer über die ausgezogenen Sitze, kuschelte die Beine an den Bauch und schloss die Augen. Er hatte sich neben sie gelegt, hatte seinen Arm unter ihren Kopf geschoben, roch ihre Haare und flüsterte: „Deine Haare duften nach verbranntem Tannengrün“.

„Unser Christbaum ist bei der Flucht abgebrannt! Das ganze Haus riecht danach!“

„Ein abgebrannter Christbaum scheint mir aber kein Grund, an Weihnachten alleine nach Paris zu fahren!“

„Nein!“ sagte sie. „Das alleine ist kein Grund!“

„War der Gefängnisausbruch denn geplant?“ Er drückte sein Gesicht in ihre Haare.

„Nein! Spontan! Ich habe einfach den nächsten Fernzug genommen, der heute Nacht noch von München abfuhr! Ich wollte nur irgendwohin, wo er mich nicht findet …“

„Er …?“

„Mein Gefängniswärter!“

„War es so schlimm?“

„Möchtest du regelmäßig von einem Betrunkenen verprügelt werden? Das war schon schlimm genug.
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Aber der Psychoterror eines Mannes mit Minderwertigkeitskomplexen war noch viel schlimmer als die Schläge!“

„Hast du Kinder?“

„Eine Tochter von Zwanzig! Sie ist schon vor zwei Jahren ausgezogen und lebt unverheiratet mit ihrem Freund!“

„Dann hast du also noch zwei Jahre für den Gefängnisausbruch benötigt?“

„Ja! Noch zwei lange Jahre. Bis heute! Heute war Schluss“. Sie überlegte einen Augenblick und fuhr fort. „Wenn ich es heute nicht geschafft hätte, ich glaube, ich hätte mich umgebracht…“

„Dann hätten wir uns nicht getroffen!“ sagte er und versuchte mit einem Lachen dem Gespräch eine angenehmere Wendung zu geben. „Und was wirst du Weihnachten in Paris machen?“

„Ich weiß es nicht. Ich hab keine konkreten Vorstellungen! Ich wollte nur möglichst weit weg!“ Sie gähnte und hielt sich die Hand vor den Mund. „Nach der Ankunft In Paris wohl erst ein Hotel suchen, frühstücken und ausschlafen. Und dann mal sehen, was man für ein paar Tage in Paris machen kann. Erst mal alles auf mich zukommen lassen. Entscheidungen über das Wie und Weiter kann ich nach Weihnachten noch früh genug treffen. Das kann man ohnehin nicht übers Knie brechen. Schließlich fängt ja für mich ein vollkommen neues Leben an…!“ Sie schwiegen und sahen sich an und kannten beide den nächsten Schritt, der jetzt folgen würde. Und dann war sie es die sagte: „Aber warum reden wir von morgen und übermorgen? Lass’ uns doch einfach den Moment genießen!“ Sie schmiegte sich noch näher an ihn heran und er dachte, ja, warum sich nicht einfach fallenlassen und sie ließen sich fallen und genossen den Moment…

*

„Und wie wirst du Weihnachten in Paris verbringen?“ fragte sie, als sie sich aus der Umarmung gelöst hatte. „Du hast sicher eine Familie, die dich dort erwartet? Eine Freundin oder eine Geliebte? Oder warum fährst du ausgerechnet heute nach Paris?“

„Lass uns versuchen ein bisschen zu schlafen“, antwortete er lächelnd und deckte seinen Mantel über ihre Schultern.
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"Ich erkläre dir alles in Ruhe morgen am Frühstückstisch unseres Hotels! Oder hast du keine Lust, dieses Weihnachtsfest gemeinsam mit mir in Paris feiern! Wäre das eine Idee?"

„Ja!“ flüsterte sie und kuschelte sich erneute in seine Arme. Er schloss die Augen. Auf seiner Stirn spürte er die Sanftheit ihres Mundes.

„Fühlst du dich wohl?“ fragte er schläfrig und sie flüsterte „Ich fühle mich sicher!“

Als nach der Landesgrenze der französische Schaffner die Abteiltür öffnete, schaute er auf zwei schlafende Menschen, ineinander gekuschelt wie junge Katzen. Im fahlen Licht des Zugabteils lag eine Ruhe und Vertrautheit über den beiden Gesichtern, dass der Schaffner schmunzelte und leise und vorsichtig die Tür schloss.



*
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Kommentare zur Story:

  So sind er und sie doch noch zu einem schönen Weihnachtsfest gekommen, wenn auch von ganz eigener Art.  
   doska  -  30.10.12 21:26

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