Dunkle Geheimnisse, Kapitel 1 bis 3   39

Romane/Serien · Spannendes · Fan-Fiction/Rollenspiele

Von:    Lady Athos      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 6. Dezember 2011
Bei Webstories eingestellt: 6. Dezember 2011
Anzahl gesehen: 1489
Seiten: 18

Diese Story ist Teil einer Reihe.

Verfügbarkeit:    Die Einzelteile der Reihe werden nach und nach bei Webstories veröffentlicht.

   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


In der Nähe von Orléans, Herbst 1640



Der kleine Raoul de Bragélonne, der Sohn des Grafen de La Fère ging fast jeden Tag in den Wald, der direkt hinter dem väterlichen Anwesen begann. Oft spielte er im Wald mit seinen Freunden aus dem Dorf Robin Hood, aber manchmal ging er auch alleine in den Wald, um auf Bäume zu klettern, was sein Vater ihm eigentlich nicht gestattete, oder mit seinem Degen, den er sich aus einem Ast selbst geschnitzt hatte, gegen imaginäre Gegner zu kämpfen, selbst das sah der Vater nicht gerne, aus Angst, dass er sich bei solchen Spielen verletzen könnte.

Bei jedem Windstoß lösten sich goldgelbe und leuchtend rote Blätter von den Bäumen, die dann sachte wie Schneeflocken zu Boden segelten. Im Herbst hatte der Wald eine besondere Magie, der sich Raoul nicht entziehen konnte. In seiner Fantasie wurde das goldgelbe Blätterdach mehrerer Bäume, deren Kronen ineinander verwachsen waren, zum Palast eines Elfenkönigs und er zum Musketier dieses Königs. Musketier spielte er oft, weil sein Vater ein Musketier gewesen war. Am liebsten würde er später selbst ein Musketier werden, doch er wusste, dass sein Vater ihm das niemals erlauben würde, denn der Vater erlaubte ihm fast gar nichts, weil ihm alles zu gefährlich erschien. Er wusste, dass der Vater ihn lieb hatte, aber er vestand nicht, warum er ihm dann so vieles, was doch so viel Spass machte, einfach verbot.

In den Wald durfte er zwar alleine gehen, sich aber dabei nie allzu weit vom Anwesen entfernen. Raoul liebte seinen Vater abgöttisch, doch er war auch oft wütend auf ihn. Er durfte nicht seinen Freunden aus dem Dorf zum Schwimmen in den Weiher, weil der Vater Angst hatte er könnte ertrinken. Ausserdem weigerte der Vater sich bisher standhaft, ihm das Reiten beizubringen, obwohl er ihn schon mehrmals darum gebeten hatte, weil er befürchtete, dass er dann vom Pferd fallen und sich das Genick brechen könnte. Auf Bäume klettern konnte er nur, wenn sein Vater nicht in Sichtweite war.

Dass er sich manchmal heimlich tiefer in den Wald wagte, durfte der Vater ebenfalls nicht wissen. Oft fragte der Siebenjährige sich, warum der Vater so um sein Leben bangte, und glaubte, ihn ständig vor allem beschützen zu müssen. Er war das Ein und Alles seines Vaters, das spürte er instinktiv, doch warum hatte dieser so große Angst ihn zu verlieren? War seine Mutter womöglich gestorben, und der Vater hatte auch Angst, dass auch er sterben könnte? Verbot er ihm deswegen so vieles?

Seine Freundeim Dorf hatten alle Mütter, er wer der einzige, der keine hatte.
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Wenn er den Vater danach fragte wo seine Mutter war, wechselte der immer rasch das Thema und wich seinem Blick aus.



Auch an diesem Nachmittag hatte der Junge sich wieder tiefer in den Wald begeben, als er es eigentlich durfte. Er wollte nicht ständig vom Vater wie ein rohes Ei behandelt werden, er wollte herumtoben, genau wie seine Freunde im Dorf. Und an diesem Herbsttag geschah schliesslich etwas, das das Kind sehr aufregend fand.

Auf einer Lichtung im Wald begegnete er einer Frau, deren blondes Haar in der Herbstsonne wie Gold glänzte. Im Haar trug die Frau einen aus roten und goldgelben Herbstblättern geflochtenen Kranz. Sie trug ein strahlend weißes Kleid und einen bordeauxroten Umhang. Als sie Raoul auf die Lichtung kommen sah, schenkte sie ihm ein freundliches Lächeln und ihre sanften blauen Augen ruhten auf ihm.

Diese Frau war so überirdisch schön, das musste eine Waldfee sein, so wie die Feen in den Geschichten, die die Amme ihm früher oft vorgelesen hatte. Er vermisste seine Amme, die vor über einem Jahr gestorben war, sehr, denn sie war für ihn wie eine Mutter gewesen. Damals hatte er viel geweint, und der Vater hatte ihn vergebens zu trösten versucht. Am Anfang hatte er gar nicht begreifen können, dass er sie niemals wiedersehen würde.



Die Frau, deren Umhang im Herbstwind wehte, winkte ihn näher zu sich heran.

“Komm her zu mir, kleiner Raoul. Du brauchst vor mir keine Angst zu haben, ich werde dir nichts tun.”

Verwundert blickte der Siebenjährige die Fremde an.

“Sagt, woher kennt Ihr denn meinen Namen?”

Noch wagte er sich nicht näher an die Frau heran, und betrachtete sie lieber neugierig aus der Ferne. Der Vater hatte ihm schliesslich eingeschärft, Fremden gegenüber immer misstrauisch zu sein.

“Ich bin eine Waldfee, kleiner Raoul de Bragelonne, und wir Waldfeen wissen alles. Deswegen kenne ich auch deinen Namen. Komm her zu mir, vor mir hast du nichts zu befürchten.”

Raoul blieb wo er war, und betrachtete die Fremde nachdenklich.
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Wenn sie wirklich eine Waldfee war und alles wusste, dann konnte sie ihm womöglich auch sagen, wo seine Mutter war, und ob sie noch lebte.

“Wenn Ihr wirklich alles wisst..könnt Ihr mir dann sagen, wo meine Mutter ist? Ob sie noch lebt? Vater sagt, wir wären auch alleine glücklich, wir bräuchten gar keine Frau bei uns, aber ich würde sie so gerne kennnlernen, wüsste gerne wer sie ist. Jeder hat doch eine Mutter, und ich will endlich auch eine haben.”

Erneut winkte die geheimnisvolle Fremde ihn näher zu sich heran.

“Ich bin eine Waldfee, Raoul und ich kann alles sehen. Ich habe tief im Wald einen magischen Spiegel, und wenn wir da hineinschauen, dann könnten wir sehen, wo deine Mutter jetzt ist. Falls sie noch am Leben ist wirst du sie im Spiegel sehen. Du musst nur mit mir kommen, dann zeige ichs dir..”

Das klang für Raoul schon sehr verlockend, endlich schien sein Wunsch, mehr über seine Mutter zu erfahren, ihm zum Greifen nah.

“Das würde ich schon ganz gerne…wie weit ist es denn bis zu dem Spiegel? Weit darf ich nicht gehen, denn bald gibt es Abendessen, und wenn ich dann nicht zuhause bin, macht Vater sich gleich Sorgen..”

“Es ist nicht weit, Raoul, wir wären in zehn Minuten dort, dann schaust du kurz in den Spiegel, und danach bringe ich dich zurück”; lockte die schöne Frau, “dann wirst du endlich mehr über deine Mutter wissen, wie du es dir wünschst?”



Zaghaft ging Raoul ein paar Schritte auf die Fremde zu.

“Sagt, könnt Ihr auch zaubern?”

“Feen können immer zaubern, mein Kleiner”; antwortete die Fremde geheimnisvoll lächelnd.

“Könnt Ihr dann vielleicht machen, dass mein Vater mir mehr erlaubt? Dass ich endlich Reiten lernen und schwimmen darf, wie andere Jungen in meinem Alter…”

“Ich denke, das lässt sich einrichten”; erwiderte die schöne Waldfee lächelnd, “ich verspreche dir, dass sich bald einiges verändern wird. Und nun komm her zu mir, dann bringe ich dich zum magischen Spiegel…”

Nun fasste Raoul allmählich Vertrauen zu ihr. Er ging zu ihr und ließ es zu, dass sie seine kleine Hand in ihre nahm und mit ihm noch tiefer in den Wald ging.

Sie sprach jetzt nicht mehr mit ihm, und allmählich wurde ihm mulmig zumute.
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“Wie weit ist es denn noch?”; fragte er sie, “ich muss wirklich gleich zurück, es gibt bald Abendessen, und ich will nicht, dass Vater sich wieder Sorgen um mich macht..”

“Wir sind gleich da”; versicherte die Frau und zog ihn mit sich, “hab noch etwas Geduld, Raoul.”

Und so ging die Frau mit dem Kind immer tiefer in den Wald hinein, und Raoul sah nicht, wie ein hämisches Grinsen sich auf ihre Lippen stahl, als sie durch einen düsteren Teil des Waldes kamen, in dem die Bäume so dicht nebeneinanderstanden, dass ihre Kronen fast alle zusammengewachsen waren, und nur wenig Licht durch sie hindurch drang.

Athos wird leiden, dafür werde ich sorgen, dachte die Frau, während sie den Jungen immer tiefer in den Wald hineinführte. Ja, sie wollte Athos alles nehmen, so wie er ihr einst alles genommen hatte…Auge um Auge, Zahn um Zahn…das hatte sie sich schon vor langer Zeit geschworen.



“Grimaud, wo ist denn Raoul?”; fragte Athos seinen Diener, als um sieben Uhr das Abendessen auf den Tisch kommen sollte.

Grimaud hatte im Esszimmer bereits für Athos und seinen Sohn gedeckt, es sollte heute Hühnchen mit einer süssen Füllung aus Pflaumen und Kastanien, eine von Raouls Leibspeisen, geben.

Athos setzte sich an den Tisch und goss sich ein Glas Rotwein ein. Seitdem er Vater war, war er nicht mehr dem Laster des Trinkens erlegen, und genoss Alkohol nur noch in Maßen. Dank Raoul hatte er gelernt, das Leben wieder zu genießen, und die alten Wunden in seiner Seele waren mit den Jahren allmählich verheilt. Von dem Moment an, als er dein Säugling damals aus der Herberge mitgenommen hatte, hatte sich sein ganzes Leben zum Positiven verändert, dank der Fürsorge für dieses kleine Wesen trat sein jahrelang gewachsener Weltschmerz immer mehr in den Hintergrund, und er war nun endgültig von den Wunden befreit, die Mylady in sein Herz geschlagen hatte. Trotzdem gab es keine Frau in seinem Leben, denn dazu fühlte er sich trotz allem noch nicht bereit, er konnte den Frauen immer noch nicht bedingungslos vertrauen.

“Ich weiss nicht genau wo er ist. Ich werde ihn holen gehen…”; meinte Grimaud, “er kann ja nicht weit sein.”

Mit diesen Worten stand der Diener auf um Raoul suchen zu gehen.
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Früher hatten Athos und Grimaud sich fast nur wortlos verständigt, Athos hatte seinem Diener beigebracht, seine Gesten und Blicke richtig zu deuten. Doch mit Raouls Geburt hatte sich alles verändert, von da an war Athos nicht mehr so verschlossen gewesen wie früher und redete auch wieder mehr, und so war diese wortlose Verständigung nicht mehr notwendig gewesen.

Im Kamin prasselte ein gemütliches Feuer. Athos lehnte sich im Sessel gemütlich zurück, um auf Grimaud und Raoul zu warten. Wie jeden Tag so freute er sich auch heute auf die gemeinsame Zeit mit dem Sohn. Zuerst würden sie zusammen essen, dann würde er vielleicht noch eine Runde Karten mit Raoul spielen, oder ihm etwas vorlesen. Obwohl der Junge mittlerweile selbst lesen konnte, ließ er sich vor dem Schlafengehen noch immer gerne von ihm vorlesen.



Nach einer Weile kam Grimaud zurück, und blickte seinen Herrn mit ernster Miene an.

“Raoul ist nirgendwo zu finden, er ist nicht in seinem Zimmer, und draußen ist er auch nicht…”

Als Athos das hörte, gefror ihm regelrecht das Blut in den Adern. Raoul war nicht da…das konnte doch gar nicht sein….der Junge war bisher noch nie zu spät zum essen gekommen.

“Hast du auch überall nachgesehen, Grimaud? Vielleicht ist er ja in die Stallungen gegangen, du weisst ja, wie gerne er sich dort aufhält.”

“In den Stallungen bin ich gewesen, und auch sonst überall. Der Junge war wirklich nirgendwo zu finden, und die anderen Diener haben ihn alle nicht gesehen.”

Athos sprang so stürmisch auf, dass er dabei seinen Stuhl umstieß.

“Du musst dich irren, Grimaud, Raoul muss hier irgendwo sein! Du hast nur nicht gründlich gesucht..muss ich eben selbst nachschauen!”

Sein Herz pochte heftig, und in ihm keimte eine panische Angst auf. Was, wenn Raoul wirklich nirgendwo zu finden war?

Sofort machte er sich daran, das ganze Anwesen nach seinem Sohn zu durchsuchen. Zuerst schaute er in dessen Zimmer nach, dann in den Stallungen, im Rosengarten, und dann auch noch in die Küche, wo die Köchin den Jungen ab und zu mit ein paar leckeren Bissen verwöhnte, wenn er bei ihr vorbeischaute. Doch er war nirgendwo auf dem ganzen Anwesen zu finden.
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Nun geriet Athos in Panik. Was, wenn Raoul etwas Schlimmes zugestoßen war? Den Gedanken konnte er nicht ertragen, denn er wusste, dass ein Leben ohne seinen Sohn ihm sinnlos und leer erscheinen würde. Bestimmt hatte Raoul nur herumgetrödelt und beim Spielen die Zeit vergessen…



Athos verlor keine Zeit. Raoul schwebte womöglich in großer Gefahr und brauchte seine Hilfe. Raoul war bisher noch nie zu spät zum Essen gekommen, da musste etwas Schlimmes passiert sein.

“Los, komm, Grimaud, wir gehen zuerst ins Dorf. Bestimmt ist er bei seinen Freunden und hat darüber die Zeit vergessen…”

Doch als sie zum Dorf kamen, waren die Straßen bereits leer. Die Sonne würde bald untergehen, und die Bauernjungen, mit denen Raoul immer spielte, waren längst nach Hause gegangen. Sie klopften dennoch bei allen an die Tür, um zu sehen, ob Raoul vielleicht mit einem von ihnen mitgegangen war. Doch es stellte sich heraus, dass keiner der Jungen Raoul an diesem Tag schon gesehen hatte.

“Wo kann er nur sein, mein armer kleiner Liebling..hoffentlich geht es ihm gut”; klagte Athos, “ich hätte ihm niemals erlauben dürfen, alleine zum Spielen nach draußen zu gehen. Das ist viel zu gefährlich. Hätte ich nur besser auf ihn aufgepasst…”

“Wir finden ihn, da bin ich sicher”; versuchte Grimaud seinem Herrn Mut zu machen, “vielleicht ist er ja nach Hause gekommen, während wir im Dorf waren.”

Also gingen sie zurück zum Anwesen und schauten dort nach, nur um feststellen zu müssen, dass Raoul nicht nach Hause gekommen war. Die Sonne ging gerade unter und tauchte die umliegende Landschaft für wenige Augenblicke in ein rotgoldenes Licht. Bald würde es dunkel werden.

Der Gedanke, dass Raoul ganz alleine im Dunkeln draußen herumirren könnte, war Athos unterträglich. Wo konnte der Junge bloß sein?

Konnte es sein, dass Raoul sein Verbot missachtet hatte und tiefer in den Wald gegangen war?

“Komm, Grimaud, wir gehen in den Wald, vielleicht finden wir Raoul ja dort…”

Der Diener rief ein paar andere Diener zusammen, und zusammen mit Athos durchsuchten sie den ganzen Wald. Athos gebärderte sich wie ein Bessener, er bestand darauf, nicht eher nach Hause zu gehen, bis sie Raoul gefunden hatten.
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Und so suchten sie den ganzen, mindestens zwanzig Meilen langen Wald ab, doch auch diesmal fanden sie keine Spur von dem Jungen.

“Raoul! Raoul! Wo bist du? Mein Kleiner, kannst du mich hören?”; rief Athos immer wieder, bis seine Stimme ganz heiser war, “bitte, Raoul, antwortete doch.

Tränen liefen über seine Wangen und er zitterte am ganzen Körper.

“Wir sollten jetzt nach Hause gehen, heute finden wir ihn ja doch nicht mehr”; wagte Grimaud schliesslich einzuwenden, “morgen früh, wenn es hell wird, können wir ja weitersuchen, im Dunkeln kommen wir ohnehin nicht mehr weit.”

Athos funkelte ihn böse an.

“Niemand geht nach Hause, bevor wir Raoul gefunden haben! Verdammt, Grimaud! Es geht hier um das Leben meines Sohnes…wie kann ich daheim im Bett liegen, wenn er womöglich gerade irgendwo um sein Leben kämpfen muss….”

Und so suchten sie die ganze Nacht, doch sie fanden Raoul nicht….



Raoul hatte mittlerweile längst gemerkt, dass mit der vermeintlichen Waldfee etwas nicht stimmte. Die Fremde hielt seine Hand so fest umklammert, dass er sich nicht losreißen konnte. Sie ging nun viel schneller, so dass er auch schneller gehen musste, und für den kleinen Jungen war es eine Strapaze, mit der Erwachsenen Schritt halten zu müssen.

“Ich will nicht weitergehen”; protestierte er und brach in Tränen aus, “ich muss nach Hause, und Vater macht sich bestimmt schon Sorgen.”

Als die blonde Frau sich zu ihm umdrehte, sah Raoul, dass ihr schönes, engelsgleiches Gesicht sich zu einer hässlichen Fratze des Hasses verzerrt hatte, und das machte ihm große Angst.

“Was schwert mich dein Vater, du dummes Balg! Er ist ein bösartiger Mensch, ein Monster. Aber schon bald wird er niemandem mehr wehtun können. Die Gerechtigkeit wird siegen.”

Er verstand das nicht. Wieso glaubte diese Frau, dass sein Vater böse war? Sein Vater, der den Eltern seiner Freunde aus dem Dorf bei schlechten Ernten die Steuer erließ und ihnen sogar noch Vorräte schenkte, die ihnen über den nächsten Winter helfen sollten, sein Vater, der ihm immer wieder einschärfte, dass wahrer Adel von Herzen käme.

“Wie könnt Ihr nur so etwas Gemeines sagen? Ihr kennt meinen Vater doch gar nicht!”; erwiderte er noch immer weinend.
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Die Frau gab keine Antwort und zerrte ihn einfach energisch mit sich. Ihre zierliche Hand, die dennoch so energisch zupackte, fühlte sich schweissnass an.



Dann lichtete sich der Wald, und sie kamen zu einer Landstraße, die an einer großen, mit leuchtend roten Mohnblumen übersähten Wiese entlangführte. Dort stand eine Kutsche, vor die zwei schwarze Hengste gespannt waren, und direkt bei der Kutsche standen zwei Männer. Der Jüngere der beiden war in Samt und Seide gehüllt, seine Kleidung war in Blautönen gehalten.

Raoul fiel sofort auf, dass er das gleiche blonde Haar wie die Frau, und auch ähnliche Gesichtszüge hatte, wenn er auch nicht ganz so schön war wie sie. Der zweite Mann, der ungefähr im Alter seines Vater sein musste, machte Raoul große Angst. Er war ganz in Schwarz gekleidet, wenn man einmal von dem weissen Kragen absah, selbst sein breitkrempiger Hut war schwarz, und sein linkes Auge war von einer ebenfalls schwarzen Augenklappe verdeckt, was ihm ein düsteres, nicht gerade vertrauenerweckendes Aussehen verlieh. Auf dem Kutschbock saß ein weiterer Mann, der nicht zu den beiden anderen zu gehören, sondern nur ihr Kutscher zu sein schien.

Als der blonde Mann die Frau sah, blickte er sie finster an.

“Verdammt, Jeanne, wieso hat das so lange gedauert? Die Sonne wird bald untergehen, und bestimmt ist dieser Mistkerl bereits auf der Suche nach seiner Brut. Wir müssen jetzt schnell verschwinden. Glaub mir, wenn der Graf uns hier erwischt, dann wird er uns töten, genau wie er sie damals getötet hat…dieser Mann ist unberechenbar. Du hattest wirklich Glück, dass du ihm nicht in die Hände gefallen bist.”



Raoul zitterte am ganzen Körper, als er sah, wie die Augen der blonden Frau, die der Mann Jeanne genannt hatte, eisig kalt zu funkeln begannen.

“Glaub mir, Bruder, ich hätte diesen kleinen Bastard hier am liebsten schon im Wald getötet. Aber es wird für de La Fère schlimmer sein, wenn er dabei zuschauen muss. Er soll so leiden, wie wir gelitten haben, als sie nicht mehr nach Hause kam.”

“Wir müssen jetzt aufbrechen, es wird bald dunkel. Je eher wir den Bankert hier wegbringen, desto besser”; mischte sich nun der Mann mit der Augenklappe ein, “und unsere Rache wird süss sein”

Mit diesen Worten packte er Raoul grob am Kragen und stieß ihn in die Kutsche, dann stieg er ebenfalls ein und setzte sich dem Jungen gegenüber hin, bedachte ihn mit einem hämischen Grinsen, durch das sein piratenhaft anmutendes Gesicht noch schauderhafter wirkte.
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Raoul schrie laut um Hilfe, aber da lachte der Mann nur.

“Hier draußen wird dich niemand hören, Junge. Das hier ist die reinste Einöde, hier sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht..”



Der blonde Mann und Jeanne stiegen nun ebenfalls ein, der Blonde setzte sich neben den Mann mit der Augenklappe, Jeanne nahm neben Raoul Platz.

“Warum tut ihr das?”; wimmmerte der Junge, “bitte, ich will nach Hause.”

Das alles war zuviel für ihn, er stand Todesängste aus, und nun lief ein regelrechter Sturzbach von Tränen seine Wangen hinunter, und er zitterte erneut am ganzen Körper.

Jeanne blickte ihn mitleidlos an.

“Heul hier nicht so rum, du dummes Gör, du weisst doch gar nicht was wahres Leid ist. Als ich in deinem Alter war, wurde meine Mutter brutal ermordet, und ich habe tagelang nur geweint.”

Raoul zitterte noch immer und blickte sie mit großen Augen an.

“Das tut mir leid. Wisst Ihr, ich hab auch keine Mutter.”

Jeanne blickte ihn mit finsterer Miene an.

“Halt den Mund du dummer kleiner Bastard! Ich hasse dich!”

Raoul verstand nicht, warum diese Frau ihn so verabscheute, und er begriff auch nicht, warum diese Leute ihn entführt hatten.



Die Kutsche fuhr nun los, und da wusste Raoul, dass er verloren war. Wohin diese Leute wohl mit ihm fuhren? Der Vater wusste nicht, dass er in eine Kutsche gezerrt und weggebracht worden war, wie sollte er ihn da jemals finden?

Und dann sagte der Blonde auch noch etwas, das seine Angst noch größer machte.

“Sobald der kleine Bastard und der Graf im Moor versenkt sind, können wir dein Erbe antreten, Jeanne. Mein Vater und ich werden es für dich verwalten. Als Frau kannst du es ja nicht alleine antreten.”

Da kamen Raoul erneut die Tränen. In ein Moor wollten sie ihn und den Vater werfen, und das war nur seine Schuld, weil er viel zu weit in den Wald hineingegangen war.
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Warum hatte er bloß nicht auf den Vater gehört?

“Bitte lasst mich gehen! Ich will nicht sterben! Und ich will auch nicht dass Vater stirbt! Bitte, ich werd Vater auch nichts erzählen!”

Er hatte natürlich nicht vor, sich an dieses Versprechen zu halten, aber das durften diese Leute auf keinen Fall bemerken.

Doch niemand antwortete ihm, denn nun gerieten die drei Fremden in Streit.

“Ich bin doch längst volljährig”; erwiderte Jeanne und blickte ihren Bruder trotzig an, ich brauche niemanden der mein Erbe verwaltet, ich komme alleine klar. Ich kann viel besser mit Geld umgehen als du, Bruder. Auf keinen Fall werde ich tatenlos mitansehen, wie du mein Vermögen für deine Spielsucht und deine Hurerei verschleuderst, so wie du es mit Lord de Winters Vermögen getan hast. Nur wegen dir haben wir jetzt fast das ganze Geld aufgebraucht, und dein Vater ist auch nicht viel besser, auch er hat seinen Teil zu unserer finanziellen Misere beigetragen. Nein, das ist mein Vermögen, mein Gut, meine Ländereien, mein Name. Und du und dein Vater, ihr dürft nur bleiben, wenn ihr euch an meine Regeln haltet. Mein Geld geht nicht für eure Spielsucht drauf und auch nicht für Alkohol und Huren. Ich bin nicht dazu da, um euch beide immer wieder aus dem Schuldensumpf zu ziehen…”



Der Blonde blickte sie traurig an und tätschelte liebevoll ihren Arm.

“Ach Jeanne, Schwesterchen, wie kannst du nur so mit mir reden, weisst du denn nicht, wie traurig du mich damit machst? Ich war doch immer für dich da, habe dich beschützt. Erinnerst du dich denn nicht mehr daran, wie mein Vater mich nach Mutters Tod zu sich genommen hat, und ich ihn angefleht habe, auch dich mitzunehmen. Du ahnst ja nicht, in welch großer Gefahr du damals schwebtest, denn nachdem der Graf unsere Mutter getötet hatte, trachtete er auch dir nach dem Leben, weil er Angst hatte, du könntest als mögliche Erbin eines Tages sein Vermögen beanspruchen. Vater und ich haben dich gerettet, du solltest meinem Vater dankbar sein, dass er dich aufgezogen und dir in all den Jahren Schutz vor dem Grafen gewährt hat. Uns verdankst du dein Leben, und da willst du uns einfach wie räudige Straßenhunde fortjagen? Wir sind doch deine Familie, Jeanne.”

Die junge Frau wischte sich verstohlen eine Träne von der Wange.
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“Ja, das seid ihr. Wenn ich euch nicht hätte, wäre ich ja ganz alleine, und ich bin auch sehr dankbar, dass ihr mich gerettet habt, und dass du immer für mich da warst, Bruder. Ich werde euch nicht davonjagen, und euch auch etwas von dem Geld abgeben.”

Der blonde junge Mann blickte sie stirnrunzelnd an.

“Weisst du, Jeanne, selbst wenn der Graf tot ist, wirst du meine und Vaters Hilfe brauchen, denn nur wenn wir dein Vermögen verwalten, hast du auch jemanden der dich beschützt. Denn wenn der Graf tot ist, werden seine drei besten Freunde seinen Tod rächen wollen. Du weisst schon, Porthos, Aramis und d ártagnan, die damals bei Mutters Ermordung seine Komplizen waren. Der Graf hat einfach selbst das Urteil über sie gesprochen, und das war nicht rechtens. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es der Graf war, der Lord de Winter ermordet hat, und nicht Mutter. Er hat den Lord ermordet, um einen Vorwand zu haben, Mutter zu Tode bringen zu können, und auch dich will er aus dem Weg räumen. Vor vier Wochen habe ich in Orléans zufällig ein Gespräch des Grafen mit einem Mann, den er beauftragt hat dich zu ermorden, belauscht. Ich habe den gedungenen Mörder natürlich getötet, sobald der Graf ausser Sichtweite war. Aber er wird gewiss wieder einen anderen Attentäter suchen.. Wenn Vater und ich dich nicht beschützen und alles für dich regeln, bist du deines Lebens nicht mehr sicher, Jeanne. Aber keine Sorge, ich lasse dich nicht im Stich. War das mit der Entführung nicht eine gute Idee von mir?”

Die junge Frau schmiegte sich an ihren Bruder und fing an zu weinen.

“Ach Bruder, ich will, dass es endlich ein Ende hat. Die Angst vor dem Grafen und seinen Freunden hat schon meine ganze Kindheit überschattet, ich will endlich wieder ein ruhiges Leben führen können, ohne ständig Angst zu haben, er könnte irgendwo auftauchen um mich zu töten. Nun sind wir es zum Glück, die die Fäden in der Hand halten. Hoffentlich wird nun alles gut. Weisst du, ich frage mich oft, warum er Mutter so gehasst hat.”

“Weil er ein böser Mensch ist, der es liebt andere zu quälen”; erwiderte der Blonde, “er ist der Teufel in Menschengestalt, und unsere arme Mutter hatte eben das Pech ihm zu begegnen und sein Opfer zu werden.
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Aber nun wird er für seine Schandtat büßen..”

“Ich hasse ihn, ich hasse ihn”; schluchzte Jeanne, “er ist schuld, dass wir so eine traurige Kindheit hatten…er ist schuld, dass wir keine Mutter mehr haben. Er muss sterben.”

Nun meldete sich auch der Mann mit der Augenklappe wieder zu Wort.

“Mordaunt hat Recht, Kleines. Wir sind eine Familie, und Familien müssen nun einmal zusammenhalten. Und du weisst, dass du für mich wie eine eigene Tochter bist, und dass ich dir helfen werde, diesen Plan jetzt in die Tat umzusetzen. Weisst du, ich habe deine Mutter sehr geliebt. Ich habe mein Auge beim Versuch, sie zu retten verloren, ja, ich hätte gar mein Leben für sie gegeben. Aber ich hatte keine Chance, denn die Männer waren ja zu sechst..die vier Musketiere und Lord de Winter und noch dieser Henker von Lille. Ich hatte dir das ja schon ein paarmal erzählt…damit du siehst, zu welchen Grausamkeiten der Graf fähig ist. Doch wenn wir drei zusammenhalten, dann können wir das Böse besiegen und alles wird wieder gut..”

Raoul verstand nicht so genau, was diese blonde Frau mit seinem Vater zu tun hatte, er war noch zu klein um zu begreifen was hier vorging.

Aber eines hatte er begriffen. Mit diesem Grafen war sein Vater gemeint, und diese Männer wollten die junge Frau gegen seinen Vater aufhetzen. Doch warum? Er wusste, dass sein Vater ganz bestimmt nicht die Mutter dieser beiden jungen Leute umgebracht hatte. Doch warum glaubten diese das dann?

Verzweifelt fragte er sich, ob sich für ihn irgendwann eine Möglichkeit zur Flucht bieten würde. Dann hatte er eine Idee. Ja, das könnte funktionieren.

“Ich muss mal…könnten wir mal anhalten?”, fragte er, in der Hoffnung, dann beim Aussteigen eine Gelegenheit zum Fliehen zu bekommen.

“Du musst warten, dummes Balg!”; fuhr Jeanne ihn an, “wir halten gewiss nicht extra wegen dir an, reiss dich gefälligst zusammen! Wir tanzen hier nicht nach deiner Pfeife, ist das klar?”

“Bitte, nur ganz kurz, ich halts nicht länger aus”, versuchte Raoul es wieder.

“Nein, und nun halt den Mund, du dreckiger Bankert!”, schrie der Blonde ihn wutentbrannt an, “und wehe du machst dir in die Hosen, dann verprügele ich dich, dass dir hören und Sehen vergeht.”

Derart eingeschüchtert, schwieg Raoul erst einmal.
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Er spürte unter sich das Rattern der Kutschenräder, doch da Jeanne die Vorhänge zugezogen hatte, konnte er nicht sehen, wo er sich befand, er hatte keine Ahnung, wohin die Fahrt ging.

Armer Vater, dachte er, er muss schon ganz verrückt vor lauter Angst um mich sein.

Er war sich sicher, dass sein Vater nach ihm suchen würde, doch wie sollte er das ohne einen Anhaltspunkt machen?



Tours, am späten Abend



Als die Kutsche schließlich zum Stehen kam, war es draußen längst dunkel. Normalerweise wurde Raoul um diese Zeit von seinem Vater ins Bett gebracht und bekam eine Gutenachtgeschichte erzählt, dieses Ritual hatten sie beibehalten, obwohl er längst lesen konnte. Der Gedanke, dass sein Vater zu Hause auf ihn wartete, und sich bestimmt schon große Sorgen machte, trieb ihm erneut die Tränen in die Augen. Was, wenn er ihn niemals wiedersehen würde?

Beim Aussteigen sah er, dass die Kutsche in einer gepflasterten, von Fachwerkhäusern gesämten Straße hielt. Sie mussten in irgendeiner Stadt sein, vielleicht Blois oder Orleans, wo er ab und zu mit seinem Vater gewesen war. Straßen wie diese gab es in jeder Stadt, auf diese Weise bekam er keinen Anhaltspunkt wo er sich befand. Es musste schon sehr spät sein, denn bis auf ein paar laut vor sich hingröhlende Zecher waren keine Menschen mehr in den Straßen unterwegs. Die Kutsche hielt vor einem windschief gebauten, großen, heruntergekommen aussehenden zweistöckigen Fachwerkhaus, das ein Schild über der Tür als “Gasthaus zum wilden Eber” auswies.

Als Jeanne das Haus sah, verfinsterte sich ihre Miene.

“Was sollen wir in diesem heruntergekommenen Gasthaus? In solchen Kaschemmen sind wir doch sonst auch nie abgestiegen.”

“Wir haben fast kein Geld mehr, Schwesterchen. Glaub mir, mir gefällt das auch nicht, aber im Moment haben wir keine andere Wahl. Wenn der Graf und sein Balg erst einmal tot sind, haben wir auch endlich wieder viel Geld, ein kleines Vermögen sogar”; versuchte der blonde Mann sie zu beschwichtigen.

“Wenn du und dein Vater nicht so viel gespielt, gehurt und gesoffen hättet, dann hätten wir jetzt auch mehr Geld”; warf sie ihrem Bruder vor, “sicher, ich verstehe ja, dass ihr viele Unkosten hattet, weil ihr mich vor dem Grafen schützen müsst, aber wir kämen mit dem Geld besser aus, wenn ihr nicht ständig spielen und saufen würdet.
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.”



Mordaunt musste ihr eine Weile gut zureden, bevor sie sich schliesslich, wenn auch nur widerwillig, fügte und mit hineinging, wobei sie Raoul grob am Arm packte, und ihn mit sich zog.

“Du dummes Gör, du bist Schuld an unserem Elend!”; warf sie ihm vor, “du und dein bösartiger Vater, ihr habt mein Leben kaputtgemacht.”

Raoul schniefte leise und wagte kein Wort des Widerspruches, eingeschüchtert blickte er die blonde Frau an, und fragte sich, wieso sie so gemein zu ihm war. Er hatte ihr doch nichts getan, und sein Vater erst recht nicht. Warum hasste sie ihn so? Bisher hatte er in seinem Leben noch nie Hass kennengelernt, war in einer liebevollen, ruhigen Umgebung aufgewachsen, mit einem Vater, der alles für ihn getan hätte, und auch die Bediensteten waren immer liebevoll und freundlich mit ihm umgegangen, die Amme für ihn wie eine Mutter gewesen. Solche Bosheit wie diese Leute sie an den Tag legten, war ihm daher völlig fremd und machte ihm Angst.

Zum ersten Mal in seinem Leben betrat der Siebenjährige nun ein Gasthaus, und wusste gar nicht wie ihm geschah, so viele Eindrücke, Geräusche und Gerüche stürmten nun auf einmal auf ihn ein. Die Schankstube war an diesem Abend voll besetzt, ein Gewirr unzähliger Stimmen und Gelächter und Gesang durchzog den weitläufigen Raum. Einzige Lichtquelle im Raum war das im Kamin flackernde Feuer, in dem ein Braten am Spieß zubereitet wurde, zwei kleine Küchenjungen drehen den Spieß hin und her, fingen das heruntertropfende Fett mit einer Schüssel auf, und gossen es immer wieder über den Braten.

Raoul konnte im Dämmerlicht spärlich bekleidete Frauen erkennen, die bei den Männern auf dem Schoß saßen und sich von ihnen küssen und streicheln ließen. An einem Tisch, wo dank der Nähe des Kamins ausreichend Licht war, wurde Karten gespielt, an einem anderen, direkt daneben, konnte man sein Glück beim Würfeln versuchen. Viele Männer im Schankraum waren bereits so betrunken, dass sie von den Stühlen fielen, und dann einfach laut schnarchend liegen blieben, einer der Trunkenbolde übergab sich gerade in der Nähe des Thresens in eine Ecke.
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Eine Schankmagd, die ein paar Tagelöhnern ihr Bier hinstellte, gewährte dabei tiefe Blicke in ihren Ausschnitt, und einer der Männer griff lüstern hinein, woraufhin sie ihm eine schallende Ohrfeige versetzte. Irgendwo gab jemand ein zotiges Lied zum Besten, das von den milchigweißen Brüsten einer schönen Jungfer handelte, und von dem Raoul mit seinen sieben Jahren überhaupt nichts verstand. Ihm gefiel es hier nicht, er wollte einfach nur von hier weg.



Missmutig ließ Jeanne ihren Blick durch den weitläufigen Schankraum schweifen.

“So tief sind wir also schon gesunken, dass wir in so einer Lasterhöhle übernachten müssen.”

Dann blickte sie zu Raoul, und in ihren Augen stand der blanke Hass. Sie hob die Hand und versetzte dem Jungen eine schallende Ohrfeige.

Raoul, dessen Wange vor Schmerz brannte, fing an zu weinen.

“Warum seid ihr so gemein zu mir? Ich hab Euch doch gar nichs getan..”

“Du bist sein Sohn, das genügt um dich zu hassen. Du und dein verfluchter Vater, ihr seid Schuld, dass wir jetzt hier übernachten müssen.”

Raoul wollte protestieren, seinen Vater verteidigen, doch als er den Hass in ihren Augen sah, brachte er kein Wort mehr heraus.

Jeanne packte ihn am Arm und zog ihn mit sich, dann folgte sie ihrem Bruder und dem Mann mit der Augenklappe zum einzigen freien Tisch im Schankraum, der ein gutes Stück vom Kamin entfernt und direkt bei der Tür war, einer der unbeliebtesten Plätze im Schankraum, weil es dort meist kalt und zugig war.

Es stank so entsetzlich nach Schweiß, Urin, altem Essen und schalem Bier, dass es Raoul ganz schlecht wurde, und er sich übergeben musste. Sie waren schon fast beim Tisch angekommen, als seine Knie ganz weich wurden, und er zu Boden glitt, und dann, ehe er es verhindern konnte, erbrach er sich ausgerechnet auf Jeannes feine weiße Stiefel.

Ängstlich blickte er zu der blonden Frau auf, und er wusste, dass er jetzt bestimmt wieder Schläge bekommen würde.

Jeanne packte ihn am Kragen, zog ihn unsanft hoch, dann schlug sie ihn erneut, diesmal traf sie seine Nase, die sofort zu bluten anfing.

“Du dummes Balg! Das mit den Stiefeln hast du doch absichtlich gemacht!”; brüllte sie und blickte angewidert auf ihre beschmutzten Stiefel, “du bist genauso bösartig wie dein Vater! Strafe muss sein, du wirst heute abend nichts zu essen und zu trinken bekommen.
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Und wehe du heulst weiter so herum, dann gerbe ich dir gleich nochmal das Fell.”

Mit diesen Worten stieß sie ihn unsanft auf einen Stuhl an dem Tisch, an dem Mordaunt und Rochefort Platz genommen hatten.

Mühsam unterdrückte Raoul seine Tränen, denn er hatte Angst, dass sie ihn wieder schlagen könnte, wenn er erneut weinte. Er hielt seinen rechten Arm vor die Nase, um so die Blutung zu stoppen.

“Das Balg bekommt kein Essen, die miese kleine Ratte hat meine Stiefel ruiniert”, erklärte Jeanne ihrem Bruder und Rochefort, “das wird ihm dann hoffentlich eine Lehre sein.”



Als eine der Schankmägde zu ihrem Tisch kam, bestellte Mordaunt Wein und Eintopf für drei, und als Jeanne das hörte, protestierte sie.

“Wieso bestellst du Eintopf, Bruder? Hier gibt es doch auch Spießbraten, ja, darauf hätte ich jetzt Lust..”

“Wir haben aber für Spießbraten kein Geld” erklärte Mordaunt ihr missmutig, “wir sind arm wie die Kirchenmäuse, Lord Winters Vermögen ist endgültig aufgebraucht. Der Graf ist schuld, dass wir jetzt kein Fleisch essen können. Er hat unser Leben ruiniert. Wenn er dir nicht ständig nach dem Leben trachten würde, hätten wir nicht so häufig umziehen müssen, und das Geld hätte dann auch länger gereicht.”

Mit diesen Worten schürte er erneut ihren ohnehin schon starken Hass auf den Grafen de La Fère, und somit auch auf Raoul.

Als dann der Eintopf kam, eine dünne Brühe, in der ein paar Möhren-und Kartoffelstücke herumschwammen, stocherte sie nur lustlos darin herum anstatt zu essen.



Raoul kamen erneut die Tränen, als er daran dachte, wie er am Mittag noch mit dem Vater beim Essen gesessen, und wie sie beide herumgealbert hatten. Es hatte Wildpastete gegeben, eines der Leibgerichte des Vaters, und wie immer hatte es einfach köstlich geschmeckt. Seit dem Mittagessen hatte er nichts mehr in den Magen bekommen, doch nun weinte er nicht nur, weil ihm ganz schwindelig vor Hunger war, sondern auch, weil er sich nach dem Vater sehnte.
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Wie gerne hätte er sich jetzt von ihm in die Arme schließen lassen, und sogar die ganzen Verbote hingenommen, die der Vater ihm immer erteilte.

Diesmal trugen seine Tränen ihm keine Schläge ein, denn weil der Tisch so weit vom Kamin, der einzigen Lichtquelle im Schankraum, war, konnte Jeanne seine Tränen nicht sehen.



Die junge Frau trank ihren Wein in wenigen Zügen leer, während Mordaunt und Rochefort aufstanden.

“So, es wird nun Zeit, das wenige Geld, das uns noch geblieben ist, für uns arbeiten zu lassen. Wir haben noch Geld für eine Übernachtung, und hier bietet sich uns die ideale Gelegenheit, dieses Geld zu vermehren. Vater und ich sind gute Kartenspieler, du wirst sehen, wir machen das schon”; erklärte Mordaunt seiner Schwester, “dann bestelle ich dir nachher auch Spießbraten.”

“Nein, das dürft ihr nicht tun, Mordaunt”; beschwor sie ihn, wenn ihr verliert, haben wir nicht einmal mehr Geld für eine Übernachtung hier und sitzen draußen auf der Straße. Dieses Gasthaus hier ist einfach grauenvoll, aber es ist immer noch besser als draußen schlafen zu müssen.”

“Ach was, wir können gar nicht verlieren”; erklärte Mordaunt im Brustton der Überzeugung, “wir schaffen das schon, heute abend noch machen wir den ganz großen Gewinn..”

Jeannes Miene verfinsterte sich.

“Das hast du gestern Abend in Blois auch schon gesagt, und nun sieh dir an, wohin uns das gebracht hat. Ich flehe dich an, mach unser Unglück nicht noch größer, als es ohnehin schon ist.”

“Ich weiss was ich tue, Schwesterchen, du wirst schon sehen”; erwiderte Mordaunt selbstbewusst, und dann verschwand er einfach mit seinem Vater in Richtung der Spieltische.

Jeanne legte ihren Kopf auf die Tischplatte und fing an zu weinen. Raoul saß wie zur Salzsäule erstarrt da, erstaunt darüber, dass diese so boshafte und gefühllos wirkende Frau, die ihm Schläge angedroht hatte falls er wieder weinte, nun selbst ihren Tränen freien Lauf ließ. Er hätte sie gerne getröstet, ihr ein paar aufmunternde Worte gesagt, aber er wagte es nicht, aus Angst, dann wieder Schläge zu bekommen. Obwohl sie so gemein zu ihm gewesen war, tat sie ihm sehr leid, denn er hatte erkannt, dass ihr Bruder und der Mann mit der Augenklappe sie nur ausnutzten und betrogen.
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Er fragte sich, was für eine Verbindung es da wohl zwischen Jeanne und ihrem Vater gab, und wieso sie glaubte, er habe ihr Leben kaputtgemacht. Er kannte seinen Vater, und dieser hatte niemandem etwas Böses angetan, da war er sich sicher.



Als Rochefort und Mordaunt schliesslich zurückkamen, hatten sie einen dicken, etwa fünfzigjährigen Mann im Schlepptau, der Kleidung nach zu urteilen vermutlich ein wohlhabender Kaufmann oder Ratsherr, unter denen es etliche gab, die in solchen Spelunken ihr Vergnügen beim eigentlich verbotenen Glücksspiel suchten.

Als Jeanne den Mann sah, fing sie erneut an zu weinen.

“Ach nein, Mordaunt, bitte nicht schon wieder…das kannst du mir doch nicht antun…ich habe dir doch gesagt, dass ich das nicht mehr mache, ich bin doch keine Dirne…du darfst das nicht immer wieder von mir verlangen..”

Der kleine Raoul verstand nicht, worum es da gerade ging, und er wusste auch nicht, was eine Dirne war, aber er begriff, dass die Männer etwas Böses mit Jeanne vorhatten, und es machte ihn traurig, dass er noch so klein war, und ihr nicht helfen konnte.

“Ach komm, Schwesterchen, nur noch dieses eine Mal…der Monsieur hier ist bereit, hundert Pistolen dafür zu bezahlen….damit kommen wir eine Weile über die Runden….das wird reichen, bis du die Gräfin de La Fère bist.”

Jeanne schüttelte energisch den Kopf.

“Nein, ich will das nicht! Ich mache das nicht noch einmal, Mordaunt, ich ertrage es nicht, ich fühle mich dann immer wie ein Stück Dreck hinterher.”

Mordaunt nahm ihre Hand und streichelte sie sanft.

“Weisst du, Schwesterchen, wenn du es nicht machst, dann müssen wir heute Nacht draußen schlafen, irgendwo in den düsteren Straßen, und dort ist es nicht sicher. Der Graf hat seine Spione überall, und bestimmmt hat er schon herausgefunden wo wir sind, und einen weiteren Mordbuben auf dich angesetzt, der womöglich eben jetzt gerade in den Straßen von Tours herumläuft und nach dir sucht. Hier in diesem Gasthaus sind wir jedoch sicher, denn der Graf würde niemals vermuten, dass wir in so einer verkommenen Spelunke wie dieser absteigen könnten.
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Bitte, du musst es tun, nur noch dieses eine Mal, nur so können Vater und ich dich vor dem Grafen und seinen Schergen retten.”



Raoul fiel auf, dass Jeanne jedesmal diesen panischen Gesichtsausdruck bekam, wenn die Männer von seinem Vater sprachen, und er fand es gemein, dass sie ihr solche Angst machten und ihr solche Lügen erzählten. Er begriff nicht, was Jeanne mit dem alten Kaufmann machen sollte, aber er ahnte, dass es etwas war, dass für sie grauenhaft war. Es machte ihn traurig, dass er noch so klein war und ihr nicht helfen konnte.

“Ja, dein Bruder hat Recht”; mischte sich nun auch der Mann mit der Augenklappe ein, “nur hier drinnen sind wir sicher. Aber wenn du das nicht tust, dann werden sie uns rauswerfen, weil wir kein Geld mehr haben. Nur noch dieses eine Mal, bitte, Jeanne, danach bist du bald Gräfin und musst so etwas nie wieder tun.”



Raoul fiel auf, dass ihn alle drei gerade überhaupt nicht beachteten, und so ließ er sich unauffällig vom Stuhl zu Boden gleiten, und krabbelte in Richtung Tür. Ihm war klar, dass er Jeanne im Moment nicht helfen konnte, aber er nahm sich vor, seinem Vater gleich von ihr zu erzählen, wenn er wieder nach Hause kam, vielleicht konnte er ihr ja dann helfen, der Vater half schliesslich immer Leuten, die in Not waren, und bestimmt würde er es auch diesmal tun.

Die Tür war nicht weit fort, gerade mal einen Meter vom Tisch entfernt, und gerade als er dort ankam, bemerkte Mordaunt was er vorhatte.

“Das Balg will fliehen! Sofort hinterher!”; brüllte er und stürmte in Richtung Tür, aber da war Raoul auch schon draußen, und rannte die Straße entlang. Er wusste, wenn er es jetzt schaffte, Mordaunt abzuschütteln, würde er wieder nach Hause zurückkehren können.

Er rannte was seine Beine noch hergaben, doch der Abstand zwischen ihm und Mordaunt wurde immer kürzer…hatte er überhaupt eine Chance? Obwohl seine Lungen schon bald wie Feuer brannten, rannte er immer weiter, bog schliesslich in eine andere Gasse ab, dann gleich in eine weitere, in der Hoffnung, Mordaunt so abhängen zu können
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Kommentare zur Story:

  Spannend. Ich hoffe sehr, dass es Raoul schafft zu entkommen, aber das ist wohl kaum möglich. Erwachsene Beine sind nun mal länger als Kinderbeine. Ich hoffe, dass es weitergeht.  
   Else08  -  12.12.11 21:46

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