Ein außergewöhnliches Ereignis 2.Teil   69

Romane/Serien · Erinnerungen

Von:    doska      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 24. Mai 2011
Bei Webstories eingestellt: 24. Mai 2011
Anzahl gesehen: 1017
Seiten: 5

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Die Jahre vergingen und ich litt. Ich hatte Schlafstörungen und Albträume, aber meine Eltern holten mich einfach nicht mehr ab. Ich wusste, dass sie zusammen in einer kleinen gemütlichen Mietswohnung lebten und dass meine Mutter ihre lebensbedrohliche Erkrankung schnell und gut überstanden hatte.

Anscheinend hatten sie mich vergessen. Ich war nur ein Kind und hatte als Gegner drei erwachsene Menschen, die mich Jahr um Jahr hänselten und ärgerten, wo sie nur konnten. Oft schlug mich meine Großmutter, meist wenn sie nicht gut drauf war. Zwar war es eine Zeit wo die Kindererziehung halt mit Prügel einherging. Man kannte damals keinen anderen Weg, um sein Kind „zur Ordnung“ zu rufen. Und die viele Prügel verzeihe ich deshalb meiner Großmutter. Krumm nehme ich ihr jedoch, ihre Launenhaftigkeit. Mit vier Jahren hatte ich meiner Großmutter bereits im Haushalt zu helfen, denn ich war ja schließlich ein Mädchen und sollte schon früh auf meine Hausfrauenrolle vorbereitet sein. Leider entglitten beim Geschirrabtrocknen oft Tasse oder Teller meinen kleinen Händen. Und dann schrie sie mich an und drosch auf mich ein, denn Geschirr war damals sehr teuer. Auch ansonsten stellte ich mich im Haushalt nicht gerade geschickt an, was dann oft auf besagte Weise geahndet wurde.

Da mein Vater immer seltener zu Besuch kam, begann ich mir selber einen zu suchen. Meist, wenn ich alleine war, quatschte ich Männer, die mir gut gefielen, einfach auf der Straße an, schob dabei mein Händchen in deren große Hand und fragte: „ Willst du mein Papa sein?“ Die Männer reagierten meist verstört und entsetzt, besonders, wenn ich noch hinzufügte: „Bitte, nimm mich mit, bitte, bitte!“

Meiner Großmutter kam das dann einmal zu Ohren. Überraschenderweise haute sie mich diesmal nicht und sagte nur :„ Kind, das ist sehr gefährlich! Da könnte ein Mann darunter sein, der dich umbringt!“ Und dann erklärte sie mir, was ´umbringen` ist.

Ich war geschockt und ließ das künftig sein. Aber die Katze lässt ja bekanntlich das Mausen nicht. Wir hatten viele Handwerker, die das zerbombte Haus neu herrichten mussten und ich fand einen schöner als den anderen.

Man kann sich das heute gar nicht vorstellen, nur in einem Zimmer zu hausen und kaum etwas zu essen zu haben.
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Oft suchte Großmutter in der Umgebung nach Pilzen für uns Kinder und Sauerampfer, den wir als Delikatesse betrachteten.

Dann kam das große Richtfest, wo es mal viel zu essen gab. Da sah ich ihn wieder, etwas abseits von den anderen stehen, meinen selbst ausgesuchten tollen Papa, der dazu „Ja“ gesagt hatte. Er war jung und schön. Ich fand, der Schönste von allen, und ich hatte ihn immer wieder heimlich geküsst. „ Bald, „ hatte er gesagt, „ Bald werde ich dich mitnehmen!“

Ich freute mich schon darauf. Ach, ich wollte mit ihm sonst wohin gehen und alles für ihn tun, was er nur von mir verlangen würde. Hauptsachte, es liebte mich mal endlich irgendjemand.

Meine Großmutter sah aber, was sich bereits so anbahnte.

Als das Dach gedeckt wurde, winkte er mir von oben zu. Ich schaute glücklich hinauf. "Du winkst nicht zurück!“, fauchte sie. „Du weißt, was ich dir gesagt habe, und du lässt die Finger von ihm!“ Ich weinte still in mich hinein, aber ich gehorchte.

Ein andermal waren es die Zigeuner, die in unsere Nähe gezogen waren, die es mir angetan hatten. War es dort schön. Ich hüpfte durch ihre Wohnwagen, knutschte ihre Hunde und streichelte die weichen Schnauzen der Pferde. Die größeren Mädchen drückten mich eng an sich, wie eine große Puppe und ich dachte dabei an meine Mutter. „Wir behalten dich!“,sagten sie eines Tages. Und die dunklen Gesichter der Männer lachten dazu. Ihre weißen Zähne blitzten und die schwarzen Augen funkelten mich warm an. Ach, waren diese Menschen schön. Dumm war nur, dass ich nicht auch so eine herrliche andersfarbige Haut hatte, wie sie.

„Auja, auja!“, rief ich begeistert. „Nehmt mich mit! Nehmt mich doch mit, bitte!“

Auch das bekam meine Großmutter heraus. „Bist du verrückt?“,fauchte sie. „Was soll dann später aus dir werden? Du gehst mir da nicht mehr hin und damit, basta!“

Wieder weinte ich still in mich hinein.

Dann kam ich in die Schule. Da ich ziemlich gute Leistungen brachte, und mein Cousin nicht, lief meine Tante zum Lehrer und verlangte – mit der Unterstreichung, sie wäre ja selbst Lehrerin- , dass beide Kinder stets die gleichen Zensuren erhalten sollten. Dem jungen unerfahrenen Lehrer war das egal.
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„Ihr Sohn ist nicht gut genug“, sagte er schlicht, „ um seine Zensuren hinauf zu setzen, aber ich könnte ja die Leistungen ihres Pflegekindes auf sein Niveau herabsetzen.“ Das war ihr recht. Wahrscheinlich hatte sie ihm auch noch gesagt, dass er mich nicht zu loben habe, weil das meinen Cousin ärgern würde. Auch wenn es mir manchmal so erschien, als wäre ich sogar die Beste der ganzen Klasse – weil das Lernen mir große Freunde bereitete – sprach er niemals ein Lob für mich aus. Hingegen andere lobte er lange und sehr überschwänglich. Ich ahnte, da stimmt etwas nicht. Später erfuhr ich, dass es tatsächlich so gewesen ist.

Mein Cousin sollte in allem möglichst besser sein, als ich. Diese Erwartungen erfüllte er aber nicht. Doch um sein Selbstwertgefühl zu heben, wurde er oft beschenkt und das möglichst vor meinen Augen, damit ich dazu traurig dreinblicken konnte. Er lachte dann immer und freute sich riesig über meinen Blick. Ich hatte den Eindruck, dass ihm eine Sache immer erst dann gefiel, wenn ich sie auch haben wollte. Er bekam tollere Kleidung, mehr zu essen und zu trinken und wurde auch ansonsten stets vorgezogen. Anderen Leuten gegenüber durfte er meist frech werden. die Familie unterstützte es. Ich weiß bis heute nicht weshalb.

Oft stand ich auf der kleinen Terrasse und wünschte mir, ich könnte fliegen. Dann würde ich bei meinen Eltern landen und die könnten mich endlich in ihre Arme nehmen, mich an sich drücken und nie mehr loslassen. Doch dann kamen mir stets die Tränen, denn insgeheim wusste ich ja, dass sie mich nicht mehr haben wollten. Aber es war halt so ein schöner Traum. Mit der Zeit lernte ich, die Gegebenheiten anzunehmen, wie sie halt waren, ohne mich immer wieder aufs neue darüber aufzuregen und mich stattdessen manchmal total in Träume hinein zu flüchten. Die tollsten Geschichten entstanden, wenn ich alleine war, auf den Terrassenstufen sitzen und der untergehenden Sonne zuschauen konnte. Meine Welt war dann unbeschreiblich schön.

Manchmal inspirierten mich auch Zeitungsbilder, um mir Geschichten daraus zu spinnen, in denen ich Trost finden konnte. Ich entsinne mich dabei an das Foto eines uralten indischen Gemäldes. Zu sehen war eine blauhäutige Frau mit langem schwarzen Haar und einem roten Punkt auf der Stirn. Ich fand sie einfach toll.
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Sie war für mich eine Prinzessin, eine Göttin, eben wie meine Mutter, die ja auch so lange schwarze Haare hatte. Und ich dachte mir Geschichten mit blauhäutigen Gestalten aus, die nicht von unserer Erde waren, die sie jedoch heimlich besuchten. Woher sie kamen, darüber hatte ich mir noch keinen Kopf gemacht. Ich suchte nur nach einem Namen für dieses Volk. Und ich dachte auch oft an den Prinzen aus dem alten Märchenbuch, aus dem meine Großmutter manchmal vorlas, wenn sie gut gelaunt war. Dieser Prinz auf dem Bild sah so unendlich traurig aus, wie mein Papa, als er neulich zu Besuch gewesen war. Er hatte kaum ein Wort mit mir gesprochen, war geistig irgendwie ganz woanders gewesen. Ich ahnte, etwas Schlimmes bewegte ihn. Aber was konnte es sein, denn meine Mutter war doch wieder gesund? Der Prinz in dem Märchen suchte am Ufer des Meeres nach einem goldenen Ring, den ihm schließlich ein Fisch brachte, um endlich einen Ausweg für sein Problem zu finden. Woraus genau mein Papa einen Ausweg finden wollte, war mir trotz langen Grübelns einfach nicht klar. Aber ich hoffte, dass ich das Problem für ihn lösen könnte.

Gerade als ich wieder einmal bei dem Wort ´Fisch` gedanklich angekommen war, bewegte sich das Gras dicht vor mir. Für mich war es klar, das war der Fisch, der endlich dem Prinzen den erlösenden Ring brachte. Ich erhob mich von den Stufen, um zu sehen, was es wirklich war, auch wenn ich ungern meine Träume unterbrach, denn ich war sehr neugierig geworden.

Ich fuhr erschrocken und überrascht zurück, denn dicht vor mir schob sich eine weiße Schlange durch die langen Halme. Erst hielt ich es für reine Fantasie, denn ich entdeckte außerdem zwei leicht transparente Ohren an ihrem hoch erhobenen Haupt. Ich war total verzückt und hielt den Atem an, denn ich wusste, das war zwar kein Fisch aber gewiss DIE Schlange für den traurigen Prinzen. Das Zauberwesen hielt zwar keinen Ring bereit, wollte mir aber mit seiner eigenartigen Gestalt verraten: Der Prinz wird einen Weg aus seiner Traurigkeit finden. Du musst ihm nur dabei helfen!“

„Eine Schlange!“, hörte ich auch sogleich meinen Cousin boshaft kreischen. Er kam verfrüht vom Einkauf mit der Großmutter heim und rannte direkt auf die Schlange zu, um nach ihr zu treten.

„ Nein“, sagte diesmal zu meiner Überraschung die Großmutter.
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„ Ist diese Schlange nicht wunderschön?“ Sie war sehr tierlieb und riss ihn am Arm zurück. „ Lass` das Tierchen in Frieden davon kriechen. “

Und so konnte die Ohrenschlange ungestört durch den Maschendraht des Nachbarzauns verschwinden. Ich winkte ihr hinterher und wisperte ihr zu : „Ich werde einen Weg für den traurigen Prinzen finden „Quenn“ ganz bestimmt!“

„Quenn!“, echote meine Großmutter erstaunt. „Was ist das für ein verrückter Name? Aber das ist typisch du!“ Sie lachte.

Da es keine weißen Schlangen und noch dazu mit Ohren gibt, nehme ich mal ganz stark an, dass sich nur eine Blindschleiche gehäutet hatte und daher uns silbrig weiß erschien. Einige alte Hautlappen werden wie Ohren vom Kopf abstanden haben. Das war der ganze Zauber.

Jedenfalls gab mir dieser sonderbare Moment sehr viel Mut. Ich war jetzt sieben Jahre alt und wollte mehr tun, um hier Einiges zu verändern. Nur wusste ich noch nicht wie.
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Punktestand der Geschichte:   69
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Kommentare zur Story:

  Hallo ihr Lieben, ich danke euch für die Kommentare.
@Ingrid, im Nachhinein bin ich meiner Großmutter dankbar, dass sie darin so gut aufgepasst hatte. Als Kind verstand ich sie leider nicht und dachte, sie wäre nur neidisch. Danke für das dicke Lob.
@Michael, schön, dass du es spannend fandest. Es ist schlimm, dass du Ähnliches durchmachen musstest. Aber ich denke manchmal auch, dass die Erwachsenen im Umgang mit Kindern einfach zu wenig nachdenken.
@Gerald, diese Sehnsucht war furchtbar. Sie war eigentlich für mich das Schlimmste.
@Holdriander, sich von überhaupt niemanden geliebt zu fühlen ist schrecklich. Ich staune, wie manchmal Waisenkinder dennoch gut geraten können. Schön, dass dir mein Schreibstil zu diesen kindlichen Erinnerungen gefallen hat.  
   doska  -  02.06.11 17:38

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  Hallo, liebe doska, sehr anrührend und schlicht geschrieben. Guter Stil.
Es macht einen unglaublich traurig, solche Sachen zu lesen, beinahe wie bei Charles Dickens "Oliver Twist". Aber noch trauriger ist, dass deine Geschichte nicht ausgedacht ist . . .
ganz lieb grüßt  
   holdriander  -  28.05.11 05:26

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  Traurig, wenn ein Kind so sehnsüchtig zu seinen Eltern zurück will und einfach nicht mehr angenommen wird. Flüssig und spannend geschrieben. Warte auf die Fortsetzung. Denn ich frage mich, wie so ein kleines Kind in solch einer verfahrenen Situation überhaupt noch etwas für sich verbessern kann.  
   Gerald W.  -  26.05.11 13:54

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  Auch den zweiten Teil deiner Geschiche finde ich wieder total spannend. Ich habe richtig mitgelitten, zumal auch ich aus eigener Erfahrung weiß, wie entsetzlich es ist, wenn man ständig ungerechtfertigte Kritik einstecken muss. Ich bin gespannt, wie lange die "Eiszeit" zwischen dir und deiner Oma, bzw. deinem Cosin noch gehen wird. Die abschließende Szene mit der Schlange versprühte wenigstens ein winziges Fünkchen Hoffnung.
LG. Michael  
   Michael Brushwood  -  24.05.11 17:43

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  ist tragisch, wenn so ein armes kind überall seinen papa sucht. das könnte wirklich gefährlich werden, aber immerhin hat die oma aufgepasst, allmählich wird sie mir sympathischer...
die tante ist auch gut, verlangt von der lehrerin die gleichen noten für ihren unbegabten sohn... ;-) uupps und oh, da vergeht mir das lachen, die kriegt er zwar nicht, aber dafür kriegst DU schlechtere und nie ein lob? unglaublich! versöhnlich ist die geschichte mit der schlange, ich glaube, das lässt mich hoffen.
unglaublich eindrucksvoll geschrieben!  
   Ingrid Alias I  -  24.05.11 15:21

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