Romane/Serien · Nachdenkliches

Von:    Tintentod      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 12. November 2010
Bei Webstories eingestellt: 12. November 2010
Anzahl gesehen: 1554
Seiten: 6

Diese Story ist Teil einer Reihe.

Verfügbarkeit:    Die Einzelteile der Reihe werden nach und nach bei Webstories veröffentlicht.

   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


16

Zwei Tage später lagen Rick und Dom auf bunten Badetüchern, in Badehosen und mit dunklen Sonnenbrillen an der Wassergrenze, die Bierflaschen lagen in einem Plastikeimer gefüllt mit Eis, das sie an der Tankstelle auf Monhegan besorgt hatten. Das Transistorradio war auf einem Stück Treibholz abgestellt, das sie bei Anbruch des Abends für das Lagerfeuer benutzen würden, und dudelte die Songs aus den Charts auf und ab und brachte lokale Nachrichten. Sie hatten Steaks und Spare Ribs gekauft, die noch im Kühlschrank auf ihren Einsatz warteten. Den ganzen Vormittag lagen sie in der Sonne, Dom trank mehr Wasser mit Zitronenscheiben als Bier, damit er den Abend noch erlebte, und sie hatten ihre Ruhe, bis jemand den Weg von der Straße herunterkam und einen Karton vor sich hertrug. An der Straße stand ein großer Lieferwagen, dessen seitliche Schiebetür offenstand. Eine andere Gestalt war dabei, weitere Kartons und Säcke auszuladen.

„Hey“, rief der Mann zu ihnen hinüber, „welches ist das Haus der Pelletiers?“

In einer synchronen Bewegung nahmen Rick und Dom ihre Sonnenbrillen ab und drehten sich zu ihm herum.

„Brauchen sie Hilfe?“ fragte Dom und deutete mit dem Kinn in Richtung Lieferwagen, „zu viert geht es schneller.“

Rick kommentierte das freundliche Angebot mit einem Brummen, das sehr unwillig klang, und er machte ein finsteres Gesicht, bis Dom ihn an der Schulter anstieß.

„Das dritte Haus, glaube ich“, sagte er, „das mit dem grünen Türrahmen. Wenn wir helfen sollen…“

„Nein, nein, danke, nicht nötig. Es sind nur Kartons und ein paar Klamotten, die wir ins Haus schaffen, der Rest kommt später.“ Er blieb einen Moment länger bei ihnen stehen, der Karton geriet ins Rutschen und er lehnte seinen Oberkörper leicht nach hinten, um das Gewicht abzustützen. Er schien etwas sagen zu wollen, aber Rick kam ihm zuvor.

„Wir schmeißen heute Abend einen Haufen Fleisch aufs Feuer“, sagte er, „wenn ihr euer Bier mitbringt, seid ihr eingeladen. Fleisch teilen wir, Bier nicht.“ Er grinste und der Mann mit dem Karton grinste leicht verunsichert zurück. Es dauerte, bis Rick begriff, was los war.

Als der Kartonmann endlich Richtung Haus mit dem grünen Türrahmen verschwand, schob Dom sich die dunkle Sonnenbrille ins Gesicht zurück und murmelte: „Er vermutet, wir sind zwei Homos.
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Rick drehte sich auf den Bauch, angelte mit einer Hand nach der nächsten Flasche Bier, und betrachtete dabei die kleinen und großen, die schwarz-weißen und farbigen Bilder auf seinem Arm. Jedes Einzelne hatte seine Bedeutung, einige waren nur Teil eines ganzen Bildes und fanden ihr Gegenstück auf der Haut eines anderen. Mascot. Die Tattoos waren es, die den Mann mit dem Karton verunsichert hatten. Vermutlich dachte er noch immer darüber nach, ob Rick nur einer in einer Rockband von der Westküste spielte, zu den Verrückten gehörte, die solche Dinge einfach aus Spaß mit sich anstellten, oder ob er gefährlich sein würde.

In welche Kategorie würdest du dich stecken? dachte Rick, wenn du dich selbst hier am Strand liegen siehst, auf einem Stück Handtuch und mit Bier am Mittag?

„Wir sind cool, oder? Selbst, wenn wir wie zwei Homos aussehen, die den ganzen Tag auf einer komischen Insel herumliegen.“

Dom warf ihm einen seltsamen Blick zu und schien über eine Antwort erst nachdenken zu müssen. Es war nahezu unmöglich, bei Rick in ein Fettnäpfchen zu treten, denn er zog selbst ständig alles durch den Kakao, und es schien auch sehr unwahrscheinlich, dass Rick es ernst meinte mit seiner Frage.

„Ich weiß nicht, ob ich cool bin, Rick, ich bin aus dem Alter raus, als dass ich mir über so etwas Gedanken machen würde. Ich habe noch bis vor Kurzem befürchtet, als Leiche auf dem OP-Tisch zu enden, da ist es mir ganz egal, ob ich cool bin oder nicht.“

Er setzte seine Sonnenbrille wieder auf und legte sich zurück. Rick schien seine Antwort nicht gehört zu haben. Er starrte noch immer auf die Tattoos an seinen Armen, über die er sich nie Gedanken gemacht hatte. Wer war auf die Idee gekommen, sich tätowieren zu lassen?

Sie ignorierten den Mann, der weiter Kartons ins Haus der Pelletiers trug, bis Carlos auftauchte und sich dort auf die Veranda setzte, in der Hoffnung, etwas Leckeres abstauben zu können.

„Hey“, sagte der Mann, setzte den Karton ab und blieb vor ihm stehen, „wer bist du denn?“

Carlos hechelte und grinste sein Hundegrinsen und hob erst die eine, dann die andere Pfote in die Luft. Er hatte einige kleiner Tricks auf Lager, die Rick ihm beigebracht, oder die er sich selbst ausgedacht hatte.
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„Du bist ja ein lustiger Kerl“, sagte er Mann, tätschelte seinen drahtigen Kopf und ging ins Haus. Er kam zurück, aber ohne die erhoffe Belohnung und Carlos verzog sich enttäuscht. Als Rick nach ihm pfiff, lief er zu ihm und legte ihm seinen Tennisball vor die Nase.



Die Wettervorhersage war optimistisch und am späten Nachmittag schleppten Rick und Dom das Fleisch, Salate und Dips nach draußen, stellten das Bier kalt in einem Bottich mit Eis und warfen den Grill an. Sie hatten ein Loch gegraben, es mit großen Steinen befestigt und genug Treibholz gesammelt, um es die ganze Nacht brennen zu lassen.

„Wir hätten Holzkohle besorgen sollen“, sagte Dom, „bis das Feuer heiß genug ist, werden wir Stunden brauchen.“

„Du kannst ja ein paar von deinen Geschichten erzählen, um uns die Zeit zu vertreiben.“

Das Feuer und der Rauch lockten die Männer an, die die Kartons getragen hatten und die sich als Johnny und Eric vorstellten. Sie hatten noch mehr Fleisch, Bier und Softdrinks mitgebracht. Sie trugen farblich aufeinander abgestimmte T-Shirts und Bermuda-Shorts.

„Wir verbringen ein paar Wochen hier auf der Insel“, sagte Johnny, „so das Übliche. Seevögel beobachten, die gute Luft genießen und Fischgerichte essen.“

Schwul, dachte Rick und grinste, und ich hab mir schon Sorgen gemacht.



Die erste Woche verbrachten sie weiter mit Nichtstun und Steaks verbrennen am Strand, dann hatte Rick das Gefühl, er müsse endlich das Haus, den Garten und den Geräteschuppen in Ordnung bringen. Es war keine Langeweile, die ihn befiel, es war Ungeduld und Unruhe, die von seinen alten Knochen verlangten, sich endlich wieder zu bewegen. Dom übernahm die leichteren Arbeiten und fuhr die nötigen Gerätschaften und Zubehör kaufen. Rick meinte, er würde ihm das Geld dafür wiedergeben, aber Dom winkte jedes Mal ab, wenn er es sagte.

Ich wünschte, ich hätte die Shadow hier, dachte er. Er hatte herausgefunden, dass der Dodge noch immer sein Traumwagen war, aber er seinen Reiz verloren hatte. Er brauchte etwas anderes, denn an dem Dodge hingen zu viele Erinnerungen. Gute und schlechte, aber er hatte sich entschieden, sie alle hinter sich zu lassen.
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Nur einen kleinen Teil, der noch immer in seinem Herzen war, behielt er. Es war der Karton, in dem er die letzten Erinnerungen an Mascot aufbewahrt hatte. Aber ein Karton reichte nicht. In Port Clyde kaufte er eine Metallkiste, die er mit einem kleinen Vorhängeschloss verschließen konnte, und er legte jedes Teil, was Mascot gehört hatte, dort hinein, nachdem er es lange betrachtet hatte. Er schloss die Kiste, sagte sich, dass er bei nächster Gelegenheit ein Schloss kaufen würde, und legte die Kiste auf das oberste Regalbrett im Geräteschuppen. Dabei erschreckte er den schwarzen Kater, der aus der hintersten Ecke des Schuppens geschossen kam, wo er sich versteckt hatte. Rick zuckte zurück und stolperte rückwärts über einen rostigen Handrasenmäher, ruderte mit den Armen und fand das Gleichgewicht wieder.

„Carlos!“ rief er, „ich dachte, du hättest dich um unser Katzenproblem gekümmert?“

Carlos kam in den Garten getrabt, dachte wohl, es gäbe außerplanmäßig etwas zu essen. Rick tätschelte ihm den Kopf, drehte sich zum Schuppen um und begann, den rostigen alten Kram nach draußen in den Garten zu werfen.

Dom hatte Holzlatten und Pflöcke besorgt und sie errichteten einen Zaun um das Grundstück, der nicht perfekt wurde, aber seinen Zweck erfüllte.

Um die letzten Handgriffe und Verbesserungen zu dokumentieren, machte Dom eine Menge Fotos, die sie in einem Ein-Stunden-Labor in Port Clyde entwickeln ließen. Sie betrachteten die Fotos, die sie von sich selbst geschossen hatten und Rick meinte: „Du siehst aus wie ein Bankangestellter im Urlaub.“

Dom hob eines der Fotos direkt vor sein Gesicht, machte ein zufriedenes Geräusch und erwiderte: „Ich sehe gesünder aus als noch vor Jahren, aber vielleicht macht das auch nur die Sonnenbräune. Du hingegen“, er reichte Rick eines seiner Fotos, „du siehst aus wie ein entflohener Sträfling.“

„Nicht schlimmer als die Typen, die hier zum Hummerfischen rausfahren.“ Rick grinste. Er saß am Steuer des Dodges und sie warteten am Anleger auf die Fähre, die sie wieder auf die Insel bringen würde.

„Nur eines“, sagte Dom plötzlich, „eines musst du mir versprechen. Sobald das Baby da ist, rufst du deinen Bruder an. Du rufst ihn zuerst an, damit er die gute Nachricht bekommt, Okay?“

Rick verzog das Gesicht, als habe er auf etwas sehr Bitteres gebissen.
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Er wusste, was Dom damit sagen wollte, aber er mochte es nicht. Er versprach, Curtis anzurufen, sobald er auch nur ein Haar des Babys sehen würde, aber er behielt den unglücklichen Ausdruck auf seinem Gesicht, bis Dom ihn anstieß und meinte, er solle damit aufhören.

„Familie, du Holzkopf“, sagte er, „das ist es, worauf du dich konzentrieren wirst. Curtis gehört dazu und er hat es mehr als verdient, dass du ihn einbeziehst. Er hat eine Menge für dich getan.“

Curtis hatte sich als älterer Bruder ganz gut geschlagen, das musste Rick zugeben. Es gab keinen alten Streit, keinen Zwist mehr zwischen ihnen, aber er war die heikle Verbindung zum Rest der Familie.

Sie sprachen es beide nicht aus, dass ihre gemeinsame Zeit sich langsam dem Ende neigte, aber sie wussten es. Dom würde seine Sachen in den Dodge packen und nach Hause fahren, Rick unterwegs in Blue Hill absetzen, damit er kurz eine in die breite gegangene Sophie an sich drücken und ihr alles Gute wünschen konnte. Er würde wieder nach Hause verschwinden und versuchen, seinen eintönigen Alltag zu meistern, ohne sich von der allgegenwärtigen Angst auffressen zu lassen.

Abends hockten sie am Lagerfeuer am Strand, die Jungs aus dem Haus der Pelletiers gesellten sich für zwei Bier zu ihnen und erzählten sehr ausführlich von ihrem Tag bei den Möwen und anderen Tieren, die weiße Flatschen auf den Autos hinterließen.

Rick, Carlos und Dom verließen Monhegan Island, während die beiden Vogelbeobachter noch da waren, sie boten an, nach dem Rechten zu sehen, aber Rick meinte, es sei vollkommen unnötig, bei ihm gäbe es nichts zu klauen.

Die Begegnung zwischen Dom und Sophie war sehr herzlich und viel zu kurz. Sie redeten mehr über das Baby als über Rick und die alten Zeiten, ließen Doms Krankheit vollkommen außer Acht. Als Sophie nach seinem Befinden fragte, winkte er energisch ab und sagte, darüber wolle er später sprechen, wenn überhaupt.

„Er ist mehr als eine Vaterfigur“, erklärte Sophie ihrem Vater, als Dom Richtung New York abgefahren war, versprochen hatte, vorsichtig zu sein, „er war nicht immer gerecht, welcher Vater kann das schon sein, wenn er sich Sorgen macht, aber er wollte immer das Beste.
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Es ist eine Schande, dass er so krank geworden ist.“ Sie unterbrach sich selbst, als Rick hereinkam und sich die Fernsehzeitung vom Tisch nahm.

„Er passt schon auf sich auf“, sagte er, ohne die beiden anzusehen, „er nimmt sich eine Auszeit und erholt sich.“

Er sagte es in einem nebensächlichen Ton, aber er war vollkommen überzeugt davon. Dom fuhr nach Hause und es würde ihm besser gehen.

Vor dem Haus hatten sie Abschied genommen und Dom hatte versprochen, sich zu melden und Rick an sein eigenes Versprechen erinnert.

„Und damit du daran denkst, habe ich hier was für dich“, sagte er, drückte Rick etwas in die Hand und fügte hinzu: „Das ist ein Geschenk von deinem Bruder. Er hat es mir mit der Post geschickt, weil er nicht wusste, ob du es annehmen würdest.“

Hätte ich es angenommen? dachte Rick, Curtis kennt mich – vermutlich wäre ich noch vor Monaten tierisch wütend geworden.

Er hatte keine Ahnung, wie Curtis auf so eine Idee gekommen war, aber es war eine verdammt Gute.
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Kommentare zur Story:

  Schön, dass Curtis seinen kleinen Bruder nie vergessen konnte und nun versucht, ihm über Dom ein Geschenk zu machen.  
   Petra  -  19.01.11 19:56

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  ...wirklich beeindruckend, dein solider Schreibstil...lese gerne in dieser Story, fühle mich gut dabei...beste Grüße  
   Jürgen Hellweg  -  04.12.10 23:21

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Tja, nun ist die Story vorläufig zu Ende. Hat mir Freude bereitet sie zu lesen. Wunderbarer Schreibstil und alles war so authentisch geschildert, dass man das Gefühl hatte direkt dabei zu sein. Ich werde geduldig warten bis du weiterschreibst.  
   Jochen  -  15.11.10 22:40

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Interessante Kommentare

Kommentar von "Tintenkleckschen" zu "Bitte bitte"

Ja, gefällt mir ganz gut. P.S.: Relaxen schreibt man mit a.

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