Romane/Serien · Nachdenkliches

Von:    Tintentod      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 27. Oktober 2010
Bei Webstories eingestellt: 27. Oktober 2010
Anzahl gesehen: 2122
Seiten: 5

Diese Story ist Teil einer Reihe.

Verfügbarkeit:    Die Einzelteile der Reihe werden nach und nach bei Webstories veröffentlicht.

   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


11

Es war früher Abend, als er zurück in der Stadt war, die Shadow vor einem Restaurant in der MacDougal Street in Greenwich Village abstellte und von einer öffentlichen Telefonzelle die Nummer anrief, die er nur im Notfall benutzte. Er ließ es zweimal klingeln und legte auf. Bereits Sekunden später gab sein Pieper, den er in der Hand hielt, das Signal und er las, er solle zum Restaurant kommen.

Da bin ich schon, dachte er, ich hab gewusst, dass wir uns hier treffen werden.

Es waren keine Gäste in dem spanischen Restaurant. Am Eingang stand ein junger Mann mit breiten Schultern in einem gut geschnittenen schwarzen Anzug, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er nickte Rick zu und deutete in den hinteren Bereich.

Der Mann saß an einem großen Ecktisch, in der Nische direkt neben der Schwingtür zur Küche. Auf dem dunklen Holztisch gab es weder Tischdecke noch Dekoration, José hatte nur einen Teller mit Vorspeisen vor sich stehen. Sein Jackett hing über einem der freien Stühle, er trug ein hellblaues Hemd ohne Krawatte. Er sah auf, als Rick zwei Meter vor dem Tisch stehen blieb.

„Das ging schnell. Du hast vor der Tür gewartet.“

„Ja“, sagte Rick.

„Setz dich. Wenn du was essen möchtest, bestell dir was.“ José winkte dem Kellner, der neben der Küchentür stand, zu und er verschwand, kam mit Wein und Mineralwasser zurück. Rick setzte sich José gegenüber, zog umständlich seine Jacke aus, legte den Helm auf dem Boden ab. Er überließ José das Sprechen, bis er die richtigen Fragen gestellt bekam. Zu dem Zeitpunkt hatten sich die Angestellten längst in den Hintergrund verzogen, sie waren ungestört.

„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie wir uns hier kennengelernt haben. Du hast mir das Leben gerettet, obwohl ich bis heute nicht weiß, wie du es angestellt hast. Dein Alarmsystem.“ José grinste. „Was würde ich darum geben, so ein System zu haben.“

„Du hast genug Leute um dich herum“, sagte Rick. José goss ihm Wasser und Wein ein, lehnte sich zurück und schob den Teller zur Seite.

„Wir kennen uns lange genug, Rick, du weißt, wie es hier läuft. Ich habe dir zwei Monate gegeben, damit du dir darüber klar werden kannst, was du tun willst.
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In all den Jahren habe ich so viele Leute kommen und gehen sehen, manche sind gestorben, manche haben mich betrogen, haben versucht, mich übers Ohr zu hauen. Wie oft habe ich dich gefragt, ob du für mich arbeiten willst?“

„So oft, dass ich es nicht mehr weiß. Aber ich weiß, was ich jedes Mal antworte.“

Für ihn war es nie eine Frage gewesen, ob er für José arbeiten wollte. Unter anderen Umständen hätte er vielleicht beim ersten Mal zugesagt und den Job, den José ihm anbot, mit Freuden genommen, aber er hatte in einem seltsamen fremden Flashback gesehen, zu welchen Dingen der Mann fähig war.

Es wird gefährlich genug sein, ihn zu kennen, hatte er gedacht, oder mit ihm befreundet zu sein.

Vermutlich ahnte José etwas davon, und er akzeptierte es.

Als Rick ihn kennengelernt hatte, agierte José noch unter einem anderen Namen, vermutlich war auch der Erste nicht sein Richtiger. Offiziell war er Kaffeeimporteur aus Kolumbien, der nebenbei ein paar Restaurants und Nachtclubs besaß. José Quintero Ramos war ein Geschäftsmann, erfolgreich und unauffällig. Seine dunkle Seite bekam niemand zu sehen, der sie nicht sehen sollte. Anfangs hatte Rick kleine Aufträge für ihn übernommen. Pakete von A nach B transportiert, Gäste vom Flughafen abgeholt, Autos besorgt. Irgendwann fuhr Rick zwei Nutten, die sich Tänzerinnen nannten, vom Flughafen zum gerade eröffneten Nachtclub. Sie waren vollgedröhnt mit Koks und Alkohol und lachten die ganze Zeit so laut und hysterisch, dass es Rick in den Ohren wehtat und er sich kaum auf die Straße konzentrieren konnte. Sie boten ihm von dem Koks an, aber er lehnte ab. Er sei nur der Fahrer und wollte nicht in Schwierigkeiten kommen. Sie luden ihn zur Party ein, aber auch das lehnte er ab.

Er war nur einmal auf einer der Partys gelandet. Es war nicht José gewesen, der ihn davon überzeugt hatte, dass es mit ihm verdammt gefährlich werden konnte, sondern die Gäste. Sie alle hatten sich gebärdet wie Wahnsinnige, absolut unberechenbar.

Mascot hatte behauptet, alle Kolumbianer seien verrückt und José mache da keine Ausnahme, ganz egal, wie teuer die Anzüge waren, die er trug und wie freundlich er sein konnte.

Der erste Eindruck war die Party, der zweite und entscheidende Eindruck kam zwei Wochen später, als Rick mitten in der Nacht über den Pager die Nachricht bekam, er solle sofort vorbeikommen.
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Er hatte keine Fragen gestellt.

José hatte ihn an die Hintertür des kleinen Nachtclubs in Newark bestellt, wie gewöhnlich kam Rick mit der schwarzen LeSabre Limousine, die er fuhr, wenn er mit José unterwegs war. Er hatte sie aus der Garage in Manhattan abgeholt und war mit einem unruhigen Gefühl in der Magengegend nach Newark gefahren.

Die Hintertür des Nachtclubs lag höher als der Fußweg, weil dort früher Waren direkt aus den Lastwagen angeliefert worden waren und später hatte man eine schmale Treppe mit Stahlgeländer angebaut. Rick stellte den Wagen vor der Treppe ab, wartete. Er reagierte nicht darauf, als zwei von Josés Männern einen großen schwarzen Müllsack durch die Tür und die Treppe heruntertrugen, der offensichtlich zu schwer war für einen Mann allein, und diesen in den Kofferraum legten.

Wieder etwas wegzuschaffen, dachte Rick, aber die Männer verhielten sich ungewöhnlich. Normalerweise rauchten sie noch eine schnelle Zigarette vor der Tür, oder wechselten mit Rick ein paar Worte, machten Scherze. Diesmal warfen sie nicht einmal einen Blick in den LeSabre, verschwanden sofort wieder durch den Hintereingang. Einige Minuten später erschien José, setzte sich auf die Rückbank und sagte: „Fahr los.“

Rick warf einen Blick in den Rückspiegel und sparte sich die Frage, wo er hinfahren solle. José sah furchtbar aus. Er war offensichtlich voll auf Koks, gleichzeitig todmüde und aufgedreht, er sah aus, als sei er einen Marathon in seinem Anzug gelaufen. Sein Haar hing ihm verschwitzt im Gesicht, Hemd und Jackett waren mit Blutspritzern übersät, und während sie durch Newark fuhren, drehte er sich ständig um und überprüfte, ob ihnen niemand folgte. Er nannte Rick die Adresse, zu der er fahren sollte und obwohl Rick davon nichts hören wollte, sagte er: „Bring mich niemals dazu, dir zu misstrauen, Rick. Ich hab ihm vertraut, ich kannte ihn seit fünfzehn Jahren und was macht der Scheißkerl? Lässt sich auf einen Deal mit der DEA ein. Wenn er Geld brauchte, hätte ich es ihm gegeben. Ich hätte ihn einfach abservieren können, dass er nicht einmal begriffen hätte, was los ist, aber er hat mich hintergangen.
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Zwei Tage war ich bei ihm im Keller.“

Rick zuckte zusammen. José brauchte nicht weiter erklären, was dort zwei Tage lang mit dem Mann passiert war. Vermutlich war die abschließende Kugel zwischen die Augen für ihn mehr als willkommen gewesen.

José betrachtete seine verschmierten Hände, wühlte unruhig in seinen Taschen nach seinen Zigaretten und fand sie endlich. Eine der zerdrückten Zigaretten steckte er sich zwischen die Lippen, aber er zündete sie nicht an.

„Einige meiner Männer hatten versucht mich zu überreden, es zu beenden, aber sie haben es nicht geschafft. Hättest du versucht, mich aufzuhalten, Rick?“

Es waren die Fragen, die José in solchen Situationen stellte, die Rick den kalten Schauer über den Rücken jagten. Wie sollte er darauf antworten, wo er nicht einmal wusste, ob José ihm diese Fragen nur stellte, weil er von dem Koks, das er sich reingezogen hatte, vollkommen schizo und gefangen in seinem Verfolgungswahn war. Auf eine solche Frage mochte es keine richtige Antwort geben.

Als er nicht antwortete, beugte José sich zu ihm vor, legte eine Hand auf seine Schulter und zwang ihn, den Kopf zu wenden. Rick bemühte sich, den Wagen auf der Straße zu halten.

„Hättest du versucht, mich aufzuhalten? Mich daran zu erinnern, was richtig und was falsch ist?“

„Du weißt, was richtig und was falsch ist“, sagte Rick, ohne darüber nachzudenken, „aber du machst das, was nötig ist. Wäre ich dabei gewesen, hätte ich dich aufgehalten und dich gefragt, ob es nötig ist.“

„Es war nötig.“ José klopfte ihm auf die Schulter, lehnte sich wieder zurück und blieb stumm, bis sie am Ziel angekommen waren. Er hatte den Mann getötet, aber zwei seiner Männer in New Jersey kümmerten sich um die Entsorgung des Körpers. Sein Verschwinden blieb unbemerkt und Rick ahnte, dass er einer der vielen illegalen Einwanderer aus Südamerika gewesen sein könnte. José sprach nie wieder über ihn, aber die Erinnerung hatte sich in Ricks Hirn eingebrannt. Er wusste, wozu José fähig war.

„Also“, sagte José, „wie hast du dich entschieden? Kommst du zurück?“

„Ich arbeite nicht für dich“, sagte Rick, „nicht direkt.
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Wir sind befreundet und ich erledige ab und zu ein paar Dinge für dich.“

„Vergiss nicht, wer dir ständig hilft, wenn du dich irgendwo in die Scheiße geritten hast. Ich kann dich nicht gehen lassen, Rick, du weißt du viel über mich. Ich wüsste nie, ob du nicht doch auf die dumme Idee kommst, mich zu hintergehen.“

„Das würde ich niemals tun“, sagte Rick, „und du weißt das. Ich muss dich nur davon überzeugen, dass du mich gehen lässt und ich für dich arbeite, wenn du es willst. Ich kann herkommen, wann immer du willst. Ich bin schon öfters für eine Weile verschwunden, oder? Das war nie ein Thema. Ich bin nicht aus der Welt, wenn du anrufst, kann ich in ein paar Stunden hier sein.“

„Nein“, sagte José, „wenn du einmal in Maine bist, werde ich dich nicht mehr anrufen. Wirst du dort bleiben?“

„Wenn ich es ertrage, bleibe ich da. Wir wissen noch nicht, wo wir leben werden, ich werde aber auf keinem Fall im Haus ihrer Eltern bleiben. Zu viel Familie, wenn du mich fragst. Hab ich erzählt, dass Sophie schwanger ist?“

„Damit rückst du reichlich spät raus. Darf ich gratulieren?“ Er sagte das so gelassen, grinste Rick entgegen und prostete ihm mit dem Weinglas zu, dass Rick ahnte, was los war.

„Du hast es gewusst, was?“

José grinste und wiederholte: „Was ist, darf ich dir gratulieren?“



Sie saßen stundenlang zusammen, tranken Wein und Rick erzählte von Sophie, von der Familie, von Blue Hill. Obwohl er sich die ganze Zeit in Blue Hill nicht sicher gewesen war, ob er das Leben dort mochte und so weiterleben wollte, klang jetzt alles so, als sei es das Beste, was ihm hatte passieren können. Was es vermutlich auch war, wenn er es auch nicht zugeben wollte.

„Wenn du verschwindest, gebe ich dir etwas mit. Ich werde sicher gehen, dass du an mich denkst. Und ich werde sicher gehen, dass ab und zu jemand bei dir nach dem Rechten sieht. Ohne, dass du es merkst. Das ist die Voraussetzung, dass ich dich gehen lasse.“

Damit konnte Rick leben. Und das Abschiedsgeschenk, was José für ihn hatte, war mehr, als er jemals erwartet hätte.
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Punktestand der Geschichte:   284
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Kommentare zur Story:

  Huh, das ist schon nicht mehr spannend sondern echt gruselig. Der arme Rick, mit Jose hat er sich etwas äußerst Kompliziertes, ja, fast schon Lebensgefährliches aufgehalst. Ein ganz hervorragendes Kapitel, da es alles höchst authentisch beschreibt.  
   Petra  -  17.01.11 19:56

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Ich habe es ja geahnt. Dieser José gefällt mir ganz und gar nicht. Sehr spannendes Kapitel.  
   Jochen  -  05.11.10 22:25

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  DASS erinnert mich an die wirklich guuten
Mafia Filme, und du hast es perfekt umgesetzt...sehr, sehr perfekt...beste Grüße  
   Jürgen Hellweg  -  31.10.10 19:41

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Interessante Kommentare

Kommentar von "Aya" zu "Der kleine Vogel"

finde ich auch echt gut.

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