Holidays in Kampodia Kap. II – Teil 2 KONFRONTATIONEN und KAMPODIA   74

Romane/Serien · Romantisches

Von:    Ingrid Alias I      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 8. März 2010
Bei Webstories eingestellt: 8. März 2010
Anzahl gesehen: 1538
Seiten: 10

Diese Story ist Teil einer Reihe.

Verfügbarkeit:    Die Einzelteile der Reihe werden nach und nach bei Webstories veröffentlicht.

   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Rebekka sah die beiden sofort, als sie die große gewundene Treppe herunterging. Unwillkürlich stockten ihre Schritte, denn sie machten so einen vertrauten Eindruck.

Nach einer Sekunde beruhigte sich aber ihr etwas schneller gewordener Puls. Sie würde schon aufpassen, Andy sollte nicht auf ihn hereinfallen. Gelassen steuerte sie auf den Tisch zu, an dem die beiden saßen.

„Hallo!“ sagte sie freundlich, ohne den Blick auf jemand bestimmtes zu richten. „Wo ist Morgaine?“

„Sie ist draußen bei Alfi“, berichtete Andromeda und deutete auf die Terrassentür.

„Alfi? Wer ist Alfi?“ Rebekka stellte sich unter Alfi automatisch einen morbiden englischen Liebhaber vor, dessen Charme ihr Töchterchen gerade verfallen war.

„Alfons ist ein Kater.“

„Stimmt, du hast mir ja gestern von ihm erzählt.“ Rebekka atmete erleichtert aus, Morgaine war ein so undurchschaubares, ein so unverständliches Kind, okay ein Kind eben, und manchmal hatte sie seltsame Vorlieben, zum Beispiel den Obdachlosen aus dem Park, oder die alte Frau mit dem vielen Müll... „Dann ist’s ja gut.“ Sie setzte sich neben Andy. „Musst du etwa zur Schule? Du bist ja ziemlich früh wach... Und du sowieso!“ Das lächelte sie in Richtung Daniel. Es tat gut, ihm zuzulächeln. Es signalisierte: Du bist ein Nichts für mich, und ich werde nicht zulassen, dass du deinen Charme an Andy auslässt!

„Oh nein, ich glaub’, ich hab’ den Bus verpasst!“ Andromeda stand hastig auf, winkte Rebekka, Daniel und auch Morgaine und dem Tiger auf der Terrasse zu und verschwand eilig aus dem Frühstücksraum. Eine Minute später war sie wieder da, nahm sich zwei Scheiben Brot und ein Stück Wurst, packte das ganze in eine der Frühstückstüten, die auf dem Tisch lagen, winkte verlegen zu Daniel und Rebekka hin und sagte: „Ich frag’ Max, ob er mich zur Schule fährt“, bevor sie endgültig verschwand.



„Das sieht gut aus“, Rebekka deutete auf Daniels Teller.

„Es schmeckt auch gut“, sagte Daniel. „Und man wird nicht dick davon...“

„Ich hol’ mir auch was.“ Sie ging nicht auf die Kaloriensache ein.

„Rebekka?“

„Ja was denn?“

„Geht es dir gut?“

„Mir geht’s blendend! Und dir?“ Rebekkas Tonfall ließ vermuten, dass es sie einen Dreck interessierte, wie es ihm ging.
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„Geht so...“, sagte Daniel zaghaft. Himmeldonnerwetter, sie war ja so mies drauf. Warum eigentlich? Er hatte ihr doch nichts getan, er hatte sich nur in sie verliebt damals...

„Das ist ja echt toll! Wen hast du denn diesmal auserkoren? Ich hoffe, es ist nicht Andy. Lass’ sie ja in Ruhe!“

„Bist du irre?“ Allmählich wurde Daniel sauer. Was sollte das Gequatsche?

„Du warst doch immer schon bekannt dafür, dich in jede Tussi zu verlieben. Wer hat’s mir noch erzählt?“ Rebekka tat so, als würde sie überlegen. „Ach ja, es war Marissa persönlich, du bist Hand in Hand mit der größten Schlampe vom Eye-Q an ihr vorbeispaziert.“

„Bitte, Rebekka!“

„Und danach hast du Marissa angemacht, nachdem mit Susanne endgültig Schluss war!“, Rebekka konnte sich gut an die zarte und außergewöhnlich hübsche Exfreundin von Daniel erinnern. Marissa wiederum war die Freundin von Susanne und hing immer bei den beiden herum, wahrscheinlich weil sie wieder mal keinen Macker hatte...

„Oh Gott! Ja! Habe ich gemacht. Ich fand Marissa so anders, nicht so hysterisch wie Susanne.“

„Marissa ist nicht hysterisch, das stimmt. Marissa ist ja soooo beherrscht, sie leidet nur mit den Händen.“ Rebekka machte eine händeringende Bewegung und fügte aus tiefstem Herzen hinzu: „Marissa ist nur eine blöde Nuss!“

Daniel musste lachen, hörte aber sofort damit auf, als er ihren bösen Blick sah.



>>> Das Telefon bleibt stumm. Keiner will etwas mit ihr zu tun haben. Der Idiot, mit dem sie drei Jahre zusammen war, ist natürlich viel interessanter als sie. Hat sie eigentlich noch Freunde? Zwei bis drei vielleicht, die anderen sind alle bei ihrem Ex geblieben.

Nach ein paar Tagen der absoluten Telefonstille ruft sie Marissa an, mit der sie ab und zu was unternommen hat. Nicht oft, denn Marissas Gejammer ging ihr auf den Keks. Dieses Getue von wegen, warum betrügen sie mich alle? Und dann sang sie immer ihr Lieblingslied: Der Junge auf dem weißen Pferd, der kommt nicht mehr...

Jetzt hat sie ihn anscheinend doch noch gekriegt, den Jungen auf dem weißen Pferd. Aber muss es ausgerechnet Daniel sein? Rebekka hat zwar nie gewagt, von ihm zu träumen, aber sie hat ihn immer bewundert.
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Und dann geht er hin und verliebt sich in Marissa, in die blöde, ewig verlassende, an ihrer Misere absolut schuldlose Marissa? Kaum zu glauben...

Sie ruft also Marissa an und fragt, ob sie für den Abend schon was vorhätten. Auf die Schnelle fällt Marissa wohl nichts ein, und Rebekka kündigt blitzschnell ihren Besuch an. Marissa ist nicht begeistert, und Rebekka weiß auch warum, denn mittlerweile gilt sie wohl als Unperson, sie hat sich zu schnell getröstet nach dem endgültigen Scheitern ihrer Beziehung, sie hat nicht geweint, sondern einen Tag später mit einem neuen Mann geschlafen. Das ist unanständig, vor allem weil sie mit dem Neuen schon ein paar Wochen später Schluss gemacht hat. Aber keiner ahnt, wie beschissen und einsam sie sich fühlt. Oder ahnen sie es doch und ignorieren es?

Pünktlich um acht steht sie bei ihnen vor der Haustür. Marissa lächelt verkrampft bei der Begrüßungszeremonie. Daniel lächelt nicht ganz so verkrampft, was ihr egal sein kann, denn er hat nur Augen für seine Marissa.

Man zeigt ihr das Schlafzimmer. Seltsamerweise ist ihr das unangenehm. Dann geht es ins Wohnzimmer, das recht sparsam möbliert ist, vielleicht weil sie noch auf einen Sperrmülltermin warten? Marissa ist ja begeisterte Sammlerin von Sachen, die umsonst sind… Daniel hat einen Hund und eine Katze, beide sollen sich prächtig verstehen, erzählt man ihr. Aber leider ist die Katze gar nicht da, und der Hund ist sehr groß…

Daniel und Marissa sitzen ihr gegenüber auf dem Sofa. Daniel hält Marissa im Arm, hat er Angst, sie könne ihm weglaufen? Seltsamerweise macht sie das wütend, er kann bestimmt was Besseres kriegen als die. Und die wird er auch nicht so schnell wieder los. Aber was soll’s? Kann ihr egal sein. Trotzdem tut es weh, die beiden zusammen zu sehen. Warum tut es weh? Sie weiß es nicht

Es ist ein langer Abend. Die beiden reden und reden und interessieren sich einen Dreck für sie. Sie reden über selbstgebackenes Brot und über Verwandte, sie reden über alles Mögliche, nur nicht über sie. Keine mitfühlende Frage wegen ihres Befindens. Seltsam, als sie noch mit Michael zusammen war, geizte man nicht mit Ratschlägen für die Trennung.
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Und jetzt hat sie sich getrennt, und es ist auch nicht recht, Marissa beäugt sie so misstrauisch, als wäre sie eine Bedrohung für die Institution des Zusammenlebens von Mann und Frau. Denn immerhin lebt sie schon seit Monaten alleine, und das ohne zu jammern...

Rebekka sitzt wie gelähmt auf ihrem Sessel. Die mit ihrem selbstgebackenen Brot und ihrem verliebten Getue! Von denen kann sie nichts erwarten.

Der Abschied findet schnell statt, nach dem Austauschen von lauwarmen Lügen und vagen Verabredungen irrt Rebekka durch ihre viel zu große und zu teure Wohnung, sie denkt flüchtig an ihren Exfreund, der ihr diese Wohnung hinterlassen hat. Das Thema ist mittlerweile gegessen, er ist ihr total egal, sie wundert sich vielmehr darüber, dass sie es so lange mit ihm ausgehalten hat. Trotzdem fühlt sie sich elend, aber sie will sich nicht elend fühlen, deswegen beschließt sie, sich ins Vergnügen zu stürzen, koste es was es wolle... <<<



„Marissa ist wirklich eine blöde Nuss! Und du bist auch nicht besser!“ Rebekka schaute Daniel dabei voll in die Augen. Es war die Wahrheit. Der mit seinen Weibern, hatte immer schon so einen auserlesenen Geschmack! Vor allem bei Marissa, das war die größte Schlampe von allen. Ließ sich dauernd den Arsch nachtragen, ließ sich von den unmöglichsten Gestalten zum Essen einladen, die geizige Kuh! Tatsächlich war – die Erkenntnis kam ihr plötzlich – der Geiz die hervorstechendste Eigenschaft Marissas, außer natürlich einer ungemeinen Selbstgefälligkeit.

Daniel schwieg und schaute gequält vor sich hin, während Rebekka vergnügt zum Frühstücksbüffet schlenderte und sich dort in lässiger Langsamkeit jede Menge leckeres Zeug auf ihren Teller lud. Dann ging sie nach draußen, um Morgaine und dem Kater Gesellschaft zu leisten. Dem hatte sie es gegeben, der mit seinen Frauengeschichten! Obwohl er ihr jetzt schon fast wieder leid tat. Die Kneipenschlampe war vielleicht das Beste gewesen, was ihm passieren konnte, denn das mit Marissa funktionierte zwar relativ lange, ungefähr ein Jahr, aber dann ging es in die Brüche. Rebekka hörte davon durch Bekannte und fragte sich manchmal, ob sie dafür die Verantwortung trug. Nein, sicherlich nicht, es wäre so oder so in die Hose gegangen, und so wichtig war sie nicht.
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..



~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~



„Was hat er gesagt?“

„Ach sei doch nicht so neugierig! Was kann er schon groß gesagt haben?“ Man merkte es Rebekka an, dass sie nicht über Daniel sprechen wollte.

„Irgendwas muss er doch gesagt haben.“

„Ich glaube, ich habe ihm keine Gelegenheit dazu gegeben“, Rebekka fühlte sich fast ein wenig elend deswegen.

Sabine schüttelte wissend den Kopf. Rebekka war ja so eine sture Person...

„Wen juckt’s, was er gesagt hat“, sagte Rebekka schließlich unwillig. „Und außerdem hat er nichts gesagt! Komm’, wir gehen jetzt spazieren. Morgaine ist noch irgendwo da unten, aber die finden wir schon.“



Natürlich fanden sie Morgaine, aber sie kam Rebekka ein wenig bockig vor, ihr Töchterchen verlies nur ungern den Stall inklusive Kater, und Daniel übte anscheinend auch große Faszination auf sie aus, aber Daniel war nicht mehr da, und das war gut so.

Sie gingen den Weg am Herrenhaus entlang, Rebekka hatte ihn bei ihrer Ankunft erspäht. Rechts vom Weg erstreckte sich eine hohe Backsteinmauer, es musste die Mauer sein, die man von der Terrasse des Herrenhauses aus sah. Wilder Wein rankte über die Mauer herunter. Kurz darauf führte der Weg leicht nach links, und ein paar ältliche Häuser tauchten auf. Sie wirkten idyllisch trotz mancher Bausünden, denn alles war wunderbar grün ummantelt, und die Blumen in den Gemüsegärten leuchteten sommerlich bunt. Manche der Blumen kannte sie gar nicht, obwohl sie doch auf dem Land aufgewachsen war.

„Die gibt es nicht im Blumengeschäft“, Sabine blieb stehen, um sich die langstieligen steifen Gladiolen näher anzuschauen.

„Oh nein, Morgy, fass’ das nicht an!“ Rebekka lief schnell zu ihrer Tochter und hielt ihr die Hände fest, damit sie den knackig runden Pferdeapfel nicht aufheben konnte.

„Haben! Will es haben!“ Morgaine guckte ihre Mutter fordernd an. Mist, sie hatte gerade eine ihrer Babyphasen, was Rebekka ziemlich ärgerte, Morgaine war wirklich zu groß dafür, aber es schien ihr Spaß zu machen.

„Nein Morgy, das ist nicht gut. Das ist Babba!“ Sie musste lachen, weil sie als Reaktion auf Morgaines Babyphase die beknackte Erwachsenen-Babysprache anwandte, um Morgaine etwas klarzumachen.
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„Na ja, eigentlich ist es Scheiße“, fuhr sie fort, „und es ist... ungesund.“

„Scheiße?“ fragte Morgaine, während ihr Gesicht gelinde Zweifel an dieser Aussage erkennen ließ.

„Ja, Scheiße“, sagte Rebekka

Morgaine gab den Versuch auf, sich den Pferdeapfel anzueignen und tanzte stattdessen um ihn herum, während sie vor sich hinplapperte: „Sseiße Sseiße Sseiße Sseiße Sseiße Sseiße...“

„Und schon wieder ein Wort gelernt“, sagte Sabine lächelnd.

„Wie hätte ich es denn ausdrücken sollen. Als Pferdeapfel? Hinterher hätte sie noch versucht, ihn zu essen, den Apfel...“

„Darf Bine Sseiße?“ Morgaine hatte mit dem Tanz rund um den Pferdeapfel aufgehört und deutete mit der Hand auf Sabine.

„Nein Morgy, Sabine darf auch keine Sseiße, äääh... Scheiße“, Rebekka kriegte allmählich die Krise.

„Mammi?“

„Nein, verdammt noch mal! Mammi auch nicht!“

Morgaine hörte gar nicht mehr auf ihre Antwort, sie war nämlich fasziniert von einem großem, flitschig flachen Haufen, der sich, als Rebekka näher hinsah, als ein von Fliegen umschwärmter Kuhfladen entpuppte. Hilfe!!!

„Nicht anfassen! Scheiße!“ rief sie, als Morgaine sich zu dem Fladen hinunterbeugte und die Hand nach ihm ausstreckte.

„Ääääh?“ Morgaine schenkte ihr einen ungläubigen Blick, denn das konnte doch nicht sein, dass das auch Sseiße war, das sah ja ganz anders aus...

„Es ist andere Scheiße“, versuchte Rebekka zu erklären, aber Töchterchen sah sie an, als ob sie bescheuert wäre. Und Rebekka kam sich tatsächlich auch ein wenig bescheuert vor.

„Darf Bine denn…“

„Nein, nein, nein! Und Mammi auch nicht! Und jetzt lauf’ und rede nicht so ein dummes Zeug!“

Morgaine warf ihr einen verschmitzten Blick zu, lief nun munter vor ihnen her und suchte nach weiterer Sseiße, fand aber nur noch diverse Pferdeäpfel und einen winzigen Kuhfladen. Also nichts Aufregendes.

„Was für Gespräche!“ Sabine musste lachen.
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„Könnt ihr euch eigentlich nur über Scheiße unterhalten?“

„Sieht so aus“, brummelte Rebekka. „Es Kuhfladen zu nennen, das wäre schlecht, da denkt man automatisch an Fladenbrot, also an etwas Essbares...“

„Das ist ja echt ein Dilemma!“ Sabine kam gut mit Morgaine klar, aber sie hatte noch nie drüber nachgedacht, ob sie eventuell mal ein eigenes Kind... Und wenn, von wem?



Ein paar malerisch mit Grünzeug zugewachsene Häuser weiter standen sie auf der Hauptstraße vor einem Hinweisschild auf den nächsten Ort. Er hieß ‚Schießheim’ und war drei Kilometer von Kampodia entfernt.

„Och, das war’s schon?“, meinte Sabine bedauernd.

„Schießheim... Da drängt sich einem doch glatt ein anderer Name auf.“ Jetzt war Rebekka an der Reihe zu lachen.

„Also wirklich, Rebekka...“ Sabine konnte nicht anders, als hemmungslos mitzulachen.



„Es muss hier noch einen Teich geben“, sagte Rebekka schließlich. Sie gingen auf der Dorfstraße zurück, kamen an eine Brücke und schauten auf den Mittleren Teich, den Rebekka schon vom Park des Herrenhauses aus gesehen hatte. Schwäne schwammen dort zwischen dem grünen Zeug, das Archie Entengrütze genannt hatte. Und unter der Brücke murmelte etwas, es war der Bach namens Strulle, der alle Teiche speiste, und jetzt trieb er sogar auf der anderen Seite der Straße ein Mühlrad an.

Ein Mühlrad an einer richtigen MÜHLE!.

„Oh, mein Gott“, sagte Sabine ehrfürchtig.

„Hier ist die Zeit wohl stehen geblieben“, Rebekka schüttelte verwundert den Kopf, obwohl die Mühle eigentlich nur ein kleines Steinhäuschen mit einem großen Mühlrad an der Seite war.

Sie folgten dem Bachlauf so gut es ging, denn er wurde immer wieder durch ältere ärmliche Häuschen versperrt, die aber wegen ihrer abenteuerlichen bizarren Anbauten nett und originell aussahen.

Irgendwann gab es dann kaum noch Häuser, und sie sahen ihn endlich, den Unteren Teich. Weiden standen an seinen Ufern, er war lang gezogen, nicht sehr breit, und ein paar Enten schwammen auf ihm herum. Aber durch die Abwesenheit von Häusern war er wohl der schönste Teich in Kampodia. Rebekka stellte sich automatisch die nahezu lautlose Stille und Einsamkeit vor, die abends an diesem Teich herrschen musste.
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Vielleicht hörte man ein paar Vogelstimmen oder andere undefinierbare Geräusche, bevor die Dunkelheit vollends hereinbrach. Es war bestimmt überwältigend, vielleicht tröstlich, aber vielleicht auch schwer zu ertragen, wenn man sich ganz alleine hier befand.

„Da hinten geht der Bach weiter“, Sabine deutete auf die lange Reihe von Bäumen, und tatsächlich konnte man den Lauf des Baches an den feuchtigkeitssuchenden Weiden erkennen.

„Es ist wunderschön“. Rebekka stand ganz still da, um die Enten nicht zu stören, die sich gerade anschickten, ans Ufer zu klettern. Sie machten seltsame leise Quak-Geräusche dabei, und Morgaine schaute ihnen verzückt zu.



„Dann sollten wir jetzt das Obere Dorf erkunden.“ Sabine brach den Zauber, und Rebekka stimmte ihr wortlos zu. Sie gingen zurück, und diesmal nahmen sie nicht den Weg entlang des Gutshofs, sondern folgten einfach der Dorfstraße, Rebekka hielt Morgaine an der Hand, denn ab und zu kam ihnen ein Auto entgegen – und tatsächlich erreichten sie nach fünf Minuten die Stelle, wo Rebekka zum ersten Mal den Oberen Teich und das Herrenhaus gesehen hatte, dort wo es nur nach rechts oder nach links gegangen war.

„Allmählich blicke ich durch“, sagte sie zufrieden.

Alte Frauen saßen auf Bänken vor ihren Häusern und grüßten freundlich, als sie vorbeigingen. Sie grüßten zurück.

Dieses Jeden-und-alles-grüßen war gewöhnungsbedürftig, aber eigentlich nicht übel. In Rebekkas Stadt waren die Nachbarn froh, wenn man sie nicht mit Grüßen, geschweige denn mit Gesprächen belästigte. Normalerweise fand Rebekka das auch gut, aber manchmal verspürte sie das Bedürfnis nach ein wenig mehr Freundlichkeit.

„Hier kennt jeder jeden“, sagte sie zu Sabine. „Und ich schätze mal, die wissen alle ganz genau, wer wir sind. Bis ins Detail...“

„Alles wissen sie natürlich nicht“, sagte Sabine vielsagend. „Das wäre ja noch schöner...“

„Genau!“



Das Obere Dorf war bei weitem nicht so romantisch wie das Untere, aber dafür war es sehr viel größer.
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Von der Hauptstraße gingen zwei neuere Straßen ab, doch entlang dieser Straßen wurden die Häuser immer moderner und nichtssagender. Sie kehrten nach kurzen enttäuschenden Ausflügen schnell auf die alte Hauptstraße zurück, an der fette Gehöfte lagen, die mit Schiefer behangen waren oder altes Fachwerk hatten. Sie kamen vorbei an einem winzigen Supermarkt mit Postabteilung, einem Elektroladen, einer Art Boutique und einer Metzgerei.

Schließlich erreichten sie die kleine unauffällige Bäckerei, die quasi am anderen Ende des Dorfes lag, nämlich dort, wo es zum nächsten Ort „Landsende“ ging.

Sabine blickte Rebekka fragend an. „Sollen wir mal reingehen?“

„Klar, warum nicht.“

Als sie die Tür öffneten, erklang ein leises altmelodisches RING–RING–RING.

Es roch so, wie es nur einer uralten Bäckerei riechen konnte, eine in der seit mindestens hundert Jahren gebacken wurde.

Aus der Backstube kam eine mollige ältere Frau heraus und nickte ihnen freundlich zu.

„Einen schönen guten Morgen! Sie sind zu Besuch auf dem Gut, nicht wahr?“ Sie schaute Rebekka kurz an und setzte hinzu: „Sind Sie vielleicht mit Claudia verwandt? Sie sehen ein bisschen aus wie sie.“

„Nein, ich bin nicht mit ihr verwandt“, Rebekka schüttelte den Kopf.

„Ich dachte nur so... Also, was möchten Sie? Ich habe gerade frischen Butterkuchen gemacht, der ist wirklich gut.“

„Jaaaa“, hauchte Morgaine liebreizend und drückte ihre Nase an die gläserne Vitrine, in der nicht viel zu sehen war, außer ein paar Brötchen und paar Gläsern Marmelade.

Rebekka realisierte erst ein paar Augenblicke später, dass die Frau nicht Andy genannt hatte, sondern Claudia Mansell. Aber die sah doch total anders aus als sie, mit ihrem blonden Haar, und außerdem fiel ihr diese angebliche Ähnlichseherei allmählich auf den Keks. Demnächst sah sie noch Archie ähnlich...

Die Frau nahm Morgaines gehauchtes Jaaaa als Aufforderung, in der Backstube zu verschwinden. Nach kurzer Zeit kam sie wieder heraus mit einem Papptablett, das mit weißem Papier abgedeckt war.

Sie wollte kein Geld annehmen, sondern drückte Rebekka das Tablett in die Hand mit den Worten: „Dann guten Appetit!“

„Vielen Dank“, sagte Rebekka ganz perplex, „und einen schönen Tag noch.
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„Wie können die hier überhaupt was verdienen?“ meinte sie verwundert, als sie ein paar Meter vom Laden weg waren. „Sind die etwa alle miteinander verwandt?“

„Ich fand’s nett“, sagte Sabine leise, ihre Nase nahm den Duft des Butterkuchens wahr, der sich durch das Papier hindurch einen Weg nach draußen suchte. „Er riecht so gut... Ich brauche frischen Kaffee dazu!“

„Ich glaube, an der Bar stand eine Kaffeemaschine mit allem, was dazu gehört“, erinnerte sich Rebekka.

„Gut, dann also ab nach Hause, ach du lieber Himmel, jetzt sag’ ich schon ‚nach Hause’, das ist irre!“

„Dieser Ort hat seltsame Fähigkeiten“, Rebekka wunderte sich auch ein bisschen. „Aber die Vorstellung ist schön: Wir setzen uns nach draußen und essen Kuchen.“

„Erst Kaffee machen und dann nach draußen setzen!“

„Okay! Und was machen wir später?“ fragte Rebekka

„Ich werde mir den Garten anschauen, ich mag diese riesigen alten Bauerngärten.“ Sabine hatte einen verträumten Ausdruck im Gesicht.

„Und ich werde mir die Bibliothek anschauen, die ist bestimmt hochinteressant“, sagte Rebekka, die eine Zeitlang ihren Bedarf an Büchern in der öffentlichen Stadtbücherei gedeckt hatte. Leider hatte sie jetzt kaum noch Zeit zum Lesen. „Kommst du mit, Morgy?“

„Och, weiß nicht“, Morgaine druckste ein bisschen herum.

„Ach ja, es interessiert dich bestimmt nicht. Willst du denn mit Sabine gehen?“ Rebekka schaute sie aufmunternd an.

„Och, nein, ich will zu Tante Claudi!“

„Na gut, dann geh’ zu ihr.“ Morgaine wollte also bei dieser ihr wildfremden Frau bleiben. Aber Rebekka hatte festgestellt, dass Morgaine sich niemals in Menschen täuschte, sie hatte das absolute Händchen, beziehungsweise Köpfchen dafür, wem sie vertrauen konnte und wem nicht. Ich wünschte, ich hätte das auch, dachte sie.

„Ich könnte mich jetzt schon ärgern, dass ich am Freitag wieder nach Hause muss.“ Sabines Stimme klang bedauernd.

„Der Geburtstag von deiner Mutter?“

„Ja, aber das ist schon okay. Und du, du willst doch bestimmt hier bleiben?“ Es klang eher nach Feststellung als nach Frage, so wie Sabine das sagte.
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„Ich denke ja, irgendwie fühle ich mich hier wohl...“ Rebekka hatte bis jetzt gar nicht gewusst, dass sie hier bleiben wollte. Aber es war so, dieser Ort hielt sie fest, aus was für Gründen auch immer. „Wir haben ja erst Montag“, versuchte sie Sabine zu trösten. „Aber wie kommst du nach Hause? Willst du das Auto haben?“

„Nicht nötig. Ich schaff’s schon irgendwie. Ich fahre vielleicht mit Georg und der.... äääh Schnorrergurke zurück.“

„Okay, hört sich gut an“, sagte Rebekka, aber dann fiel ihr ein: „Und wie kommt Daniel dann nach Hause?“ Seltsamerweise nahm Rebekka fest an, dass Daniel auch bleiben würde.

„Ist mir doch egal!“ Dann stutzte Sabine. „Er bleibt also hier? Hat er das gesagt?“

„Warum sollte er hier bleiben?“ fragte Rebekka nun unschuldig.

Sabine fing an zu lachen.



Fortsetzung ?
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Kommentare zur Story:

  @ doska
die gegend ist zwar karg, aber wirklich schön, vor allem im sommer, nee eigentlich immer. und der butter- oder zuckerkuchen, der ist fantastisch! hmmm, jetzt krieg' ich da auch appetit drauf...

@ petra
rebekka hat nicht viel ahnung von dem, was sie fühlt oder fühlte, deswegen geht rebekka auch nicht aus sich heraus, damals hatte sie sowieso keine möglichkeit dazu, denn diese beiden waren schon ein paar, als SIE sich gerade trennte. alles war zu spät - oder zu früh... ;))

@ jochen
die sonne scheint wirklich herrlich, ich bin guter hoffnung. ;)) und das problem ist nicht rebekka zurückzugewinnen, er hat sie ja nie richtig gehabt, außer einmal... *gg*, das problem ist rebekka selber - und ihre probleme.

lieben gruß an euch!  
   Ingrid Alias I  -  11.03.10 14:07

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  Bei mir scheint gerade so herrlich die Sonne zum Fenster herein, da passt deine Geschichte ausgesprochen gut dazu. Rebekka will nicht zu Daniel zurück. Dennoch ist sie sehr aufgeregt, sobald sie ihn sieht. Ob es ihm gelingt, sie zurück gewinnen? Witzig wie die kleine Morgaine ihre Umgebung erkundet. Kinder interessieren sich eben sehr fürs Detail.*grins* War wieder ein gemütliches aber auch charmantes Kapitel.  
   Jochen  -  10.03.10 12:16

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  Ist natürlich hart, ausgerechnet bei einer Freundin den Mann seiner Träume als Gastgeber zu haben. Die Beiden sind ein Paar und man darf dabei zuschauen, wie gut sie sich verstehen. Aber ich glaube, Rebekka ging auch nie so richtig aus sich heraus. Vielleicht wusste Daniel deswegen nicht, dass sie ihn wirklich liebt, aber weiß sie es denn überhaupt selber?  
   Petra  -  09.03.10 21:41

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  Also, ich kann mich nur Rosmarin anschließen. Traumhaft schöne Gegend- jedenfalls liest sich das so. Da bekommt man regelrecht Lust zu verreisen und Sehnsucht nach dem Sommer. Ach, der Butterzuckerkuchen - lecker! Muss mir mal so ein Stückchen von unserem Bäcker besorgen, auch wenn die tolle Landschaft und Sonnenwärme dazu fehlt. Hat sich wieder leicht und flüssig gelesen.  
   doska  -  09.03.10 14:04

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  danke rosmarin,
ich frische dadurch auch meine erinnerungen auf. ;))
lieben gruß und schönen abend noch!  
   Ingrid Alias I  -  08.03.10 21:00

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  hallo, ingrid, wieder ein sehr schönes ausführliches kapitel. der spaziergang durch das dorf hat mir sehr gut getan. ich liebe dorfteiche.
grüß dich  
   rosmarin  -  08.03.10 16:12

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