The Village – ein Dorf vor dem Wald, II   167

Romane/Serien · Erinnerungen

Von:    Ingrid Alias I      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 5. Februar 2010
Bei Webstories eingestellt: 5. Februar 2010
Anzahl gesehen: 2482
Seiten: 8

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Also das Foto: Der kleine blonde Knubbel vorne, das bin ich, links daneben meine 'Tante' Lore, neben ihr dreimal entfernte Verwandtschaft, ich habe keine Ahnung, wer das war, aber die beiden Kleinen rechts, das sind 1.) Zwillinge und 2.) die Kinder der jüngsten Schwester meiner Oma, sie sind nur ein Jahr älter als ich, aber trotzdem Onkel und Tante von mir. ;)



Dorfschule und neue Verwandte:

Meine Tante Helga heiratete, als ich acht Jahre alt war. Die Hochzeit fand vierzehn Tage vor meinen Sommerferien statt, und meine Eltern trafen eine ungewöhnliche Übereinkunft mit der Schulleitung. Ich sollte diese vierzehn Tage schulfrei bekommen, wenn ich im Gegenzug vierzehn Tage in der Dorfschule von Daarau verbringen würde (ich sage absichtlich „verbringen“, denn von Lernen konnte keine Rede sein).

Und tatsächlich verbrachte ich nach der Hochzeit vierzehn Tage in der Schule des Dorfes, einem schmucklosen zweigeschossigen Bau aus roten Backsteinen. Es gab zwei Lehrer, und diese unterrichten jeweils vier Klassen in einem Raum. Die Jüngsten saßen mehr vorne, und die Älteren mehr hinten.

Die anderen Kinder konnten bei weitem nicht so viel wie ich. Ich las fließend von der Tafel ab, während die anderen sich einen abstammelten, und ich schrieb auch ganz gut, bis auf die Flüchtigkeitsfehler, die wohl meiner Faulheit zuzuschreiben waren. Jedenfalls erlebte ich eine herrliche Zeit, denn ich war endlich einmal die Klügste und die Beste in der Klasse, und das obwohl ich keinen Finger krumm machte. Meine Hausaufgaben erledigte ich so flüchtig und schnell, dass mich deswegen wohl das schlechte Gewissen zwackte, denn als die Frau Lehrerin meine Oma besuchte, da versteckte ich mich im Garten.



Noch interessanter als die Schulepisode war der Mann meiner Tante Helga. Er hieß Gerhard und stammte aus einer Familie, die am unteren Ende des Unteren Dorfes wohnte. Es waren Flüchtlinge aus Schlesien, sie sprachen irgendwie komisch, und sie hatten wohl den gleichen Status wie die Familie meiner Mutter, als sie gen Ende des Krieges hier im Dorf strandete.

Ich mochte meinen neuen Onkel. Er war sehr freundlich zu mir, hatte ein gutmütiges Wesen und lachte gerne und oft. Und auch seine Familie fand ich äußerst faszinierend, denn sein Vater – ein kleiner dünner Mann – hatte nur zwei Löcher dort, wo die Nase eigentlich sitzen sollte.
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Zuerst schüchterte mich diese fehlende Nase ziemlich ein, sie zog mich aber auch magisch an, bis ich gar nicht mehr darauf achtete, denn er war einfach toll, dieser kleine Schlesier – genannt Vattel Kosta – mit seinen seltsamen Sprüchen, die immer mit ‚LÄÄRRRGE’ begannen...

Diese schlesische Familie bestand aus Vattel Kosta, Muttel Kosta, dem ältesten Sohn Werner, dem mittleren Sohn Gerhard und dem jüngsten Sohn Volker. Volker war ein wirklich hübscher Kerl. Bisschen leichtsinnig vielleicht, aber sehr anziehend. Auch der älteste Bruder Werner sah gut aus mit seinem breiten slawischen Gesicht, und auch er verschmähte das weibliche Geschlecht nicht, er hat übrigens nie geheiratet, und Jahre später wurde er von einem meiner städtischen Onkel als der „Dorfpapagalli von Darau“ bezeichnet.



Die Teiche und das Herrenhaus:

Daarau war ein Dorf der Teiche, es gab tatsächlich drei davon, und sie teilten das Dorf in zwei Teile, nämlich in das Untere- und in das Obere Dorf. Wenn man nach Daarau hineinfuhr, dann gelangte man kurz darauf an den Oberen Teich, und auf der anderen Seite des Teiches sah man die Rückseite des Herrenhauses, welches seit eh und den Baronen von Daarau gehörte.

Ganz früher beherrschte das Herrenhaus das Dorf und gab vielen Leuten Arbeit, zum Beispiel auf den großen Gemüsefeldern, auf denen auch noch in den 60er Jahren die Frauen des Dorfes Erbsen und Bohnen pflückten. Sie erhielten dafür pro Zentner acht Mark. Für dicke Bohnen gab es zwei Mark, denn die wogen natürlich viel mehr.

Hinter dem Herrenhaus gab es einen breiten Pfad, er führte an einer Backsteinmauer entlang, von der Efeu und wilder Wein rankten. Man kam an Bauerngärten vorbei, in denen Dahlien, steife Gladiolen und duftender Phlox buntsommerlich blühten – und sogar das vorherrschende Gemüse sah prächtig aus. Ab und zu erhaschte man einen Blick auf den Mittleren Teich, der mit Entengrütze bedeckt war und auf dem Schwäne schwammen. Dann war der Teich zuende, und man stand vor der Straße, die ins Nachbardorf führte. Auf der anderen Seite dieser Straße lag das Untere Dorf, der älteste Teil von Daarau.

Ein paar ärmliche Häuser standen dort, doch ihre abenteuerlichen Anbauten machten sie viel anziehender als die reichen Bauerngehöfte im Oberen Dorf.
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Und dann konnte man endlich den Unteren Teich sehen. Er war lang gezogen, von Weiden gesäumt, und ein paar Enten paddelten auf ihm herum. Die Weiden setzten sich in einer geschlängelten Reihe fort, und an ihnen konnte man den Lauf des Baches erkennen. Abends stieg aus dem Teich immer leichter Nebel auf. Erlkönig... Das dachte ich immer, wenn ich dort entlangging.



Alle drei Teiche wurden von einem Bächlein gespeist, das den unpoetischen Namen 'Strulle' trug und direkt aus dem Wald kam, das letzte Stück allerdings unterirdisch. Es sammelte sich in einem kleinen gemauerten Becken, und das Wasser war so klar und gut, dass man es bedenkenlos trinken konnte. Es war auch sehr kalt, und an den wenigen heißen Tagen konnte man die Füße wunderbar darin kühlen. Außerdem wurden Kartoffeln darin gewaschen. Dieser Bachlauf speiste also die drei Teiche von Daarau, die einer hinten dem anderen lagen.



Das Obere Dorf war bei weitem nicht so romantisch wie das Untere, aber dafür war es sehr viel größer. Mich zog da nicht viel hin, außer natürlich die Besuche bei der Familie Kosta mit Vattel, Muttel und meinen beiden angeheirateten Onkeln. Sie wohnten mittlerweile in einem Niedersachsen-Haus im reichen Oberen Dorf.



Der Wald:

In Richtung Wald, der kein natürlicher Wald war, sondern ein von den Alliierten nach dem Krieg künstlich angelegter Nadelnutzwald, lag das mit Kartoffeln bestellte Feld meiner Oma . Ein paar Tage im Sommer musste die ganze Familie dort die schädlichen Larven des Kartoffelkäfers von den zarten Kartoffelpflanzen abpflücken. Eigentlich waren diese Larven recht hübsch, sie hatten eine hübsche Streifung zwischen braun und lachsrosa – und sie wurden nach der Sammlung verbrannt. Rein ökologisch und sauber, die Sache...



Der Weg in den Wald war mein Lieblingsweg. Zuerst ging es leicht bergauf durch ein paar Felder, zuerst durchwachsen mit ein paar Himbeerbüschen, dann erschienen sporadisch Heidepflanzen und Birken, bevor es endgültig in den Nadelwald ging. Seltsamerweise habe ich diesen künstlich angelegten Nadelwald immer als DEN natürlichen Wald empfunden, obwohl er eine rein ökonomische Monokultur war und nur zum Abholzen bestimmt.
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Aber ich fand immer, ER war der Märchenwald, der typische Wald, der finstre Tann, eben mein Idealwald.

Es gab mitten im Wald eine große Lichtung, eine natürliche Wiese, umsummt von allerlei Insekten. Ich kletterte immer auf den Hochsitz am Rande dieser Lichtung, es war eine wackelige altersschwache Kiste, und wenn man sich eine Weile still verhielt, kamen Rehe auf die Lichtung, um dort zu äsen.

Es war der Wald, in dem meine Oma Blaubeeren sammelte und wo sie mit mir nach Himbeeren suchte. Sie rochen so gut, ich pflückte sie begeistert und behielt sie in meiner Hand, bis ich merkte, dass mitten in diesen Himbeeren weiße Maden herumkrochen. Mit einem Kreischen ließ ich alles fallen, was meiner Oma einen unwilligen Ausruf entlockte. Denn Verschwendung war ihr zuwider.



Immer wenn die Ferien endgültig vorbei waren und ich zurück musste in die Großstadt, machte ich einen Abendspaziergang. Ich schlenderte am Herrenhaus vorbei, bog an der kleinen Kirche ab und spazierte durch die Gemeindegärten – wo jeder im Dorf ein großes Stück Land bearbeiten konnte – in Richtung Wald. Wenn ich dann endlich dort war und mich die vollkommene Ruhe umfing, hatte ich immer das Gefühl, jemand ginge neben mir. Und diese unbestimmte unbekannte Gestalt erweckte unbestimmte unbekannte Sehnsüchte in mir, aber ich wusste nicht, wer es war. Vielleicht war es ein Gefühl aus der Zukunft, vielleicht war es mein Geliebter aus der Zukunft. Jedenfalls war ich dann immer so traumhaft glücklich, dass es mir nicht mehr so schlimm erschien, wieder in die Stadt zurückzukehren.



Die engere Verwandtschaft:

Aber noch waren meine Ferien nicht vorbei. Denn wenn endlich meine Tante Lore in Daarau eintraf, kannte mein Glück keine Grenzen. Ich durfte nie Tante zu ihr sagen, denn sie meinte, wir wären wie Schwestern, und tatsächlich trennten uns altersmäßig nur zwölf Jahre. Sie fuhr ein winziges Auto und war damit eine der wenigen Frauen, die nicht nur den Führerschein besaß so wie meine Mutter, sondern ihn auch benutzte – und das sogar in einem eigenen Auto. Lore liebte klassische Musik, vor allem Opern, in denen Maria Callas sang, und sie hatte ein Faible für Königspudel. Lore war klein, zierlich und sehr hübsch mit ihrer hellen zarten Haut, dem weißblonden Haar und den feinen Gesichtszügen.
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Die Männer waren schwer hinter ihr her, aber sie scheute es, sich früh zu binden. Als sie sich mit sechsundzwanzig Jahren dann doch richtig verliebte, entpuppte sich der Mann, er war so ein Gentleman-Typ, als ein „Geschiedener“ mit fünf Kindern. Sie ließ ihn sausen. Ich weiß bis heute noch nicht warum. War es damals so schlimm, geschieden zu sein? Gut, fünf Kinder waren ein bisschen viel, wenn man die auf einmal kriegte. Oder konnte sie ihm seine Unehrlichkeit nicht verzeihen? Ja, vielleicht war es das.

Ähnlich hübsch, aber nicht so extravagant war meine Tante Helga, ihr fehlte auch der Hang zur Koketterie, der Lore auszeichnete. Tante Helga hatte eher etwas solides mütterliches.

Ich liebte Lore, mit der ich oft in der Gegend herumfuhr, und natürlich liebte ich auch Tante Helga, aber auf andere Weise.



Ein Jahr nach der Hochzeit meiner Tante Helga mit Onkel Gerhard stand in der Wohnküche eine Wiege, und in dieser Wiege lag ein Baby, als ich pünktlich zu Beginn der Ferien in Daarau eintraf. Meine Mutter brachte mich meistens mit dem Zug hin und fuhr dann nach zwei Tagen wieder zurück. Ich war zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt.

Das Baby war meine erste Cousine und hieß Manuela.

Sie war so süß und hübsch! Ich strich ihr über das flaumige Haar und freute mich gewaltig. Endlich ein Baby! Meine Eltern hatten mir immer ein Geschwisterchen vorenthalten. Bis ich merkte, dass Tante Helga angefangen hatte zu weinen. Ich schaute sie fragend an, weil ich absolut nicht wusste, weshalb sie weinte.

Später stellte sich heraus, sie weinte, weil das Baby eine Hasenscharte hatte, die Oberlippe war ein bisschen gespalten, aber es sah wirklich nicht schlimm aus, und ich hatte es gar nicht gesehen. Tante Helga schien froh darüber zu sein, und aus weiteren Gesprächen, die sie mit meiner Mutter führte, konnte ich hören, dass sie schon an eine Operation dachte, um diese Scharte sozusagen auszuwetzen.

Ich glaube, ein Jahr später war Manuela schon operiert. Man sah nur noch eine zarte Narbe an ihrer Oberlippe, und diese Narbe gab ihr einen zusätzlichen Charme, sie sah nämlich ein bisschen aus wie ein Kätzchen... Und tatsächlich gewannen meine ohnehin schon herrlichen Ferien noch etwas an Qualität dazu: Eine Cousine zum Spielen.
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Die Dorfkneipe:

Ganz früher gab es in Daraau zwei Dorfkneipen, und beide hatten immer gut zu tun, was für den Durst und die Geselligkeit der Dorfbewohner spricht. Irgendwann wurde eine davon nur noch als Lottoannahmestelle genutzt und außerdem als Filmvorführsaal, denn das richtige Kino war drei Kilometer weit entfernt in der Kleinstadt. Als ich meinen ersten Film in diesem Saal sah, erlitt ein junger männlicher Verwandter von mir dort einen epileptischen Anfall. Es war grauenhaft, nie werde ich seine Krämpfe und Zuckungen vergessen...

In der übrig gebliebenden Dorfkneipe traf man fast nur Männer an, vor allem beim sonntäglichen Frühschoppen. Das war reine ‚Men’s World’. Während der Duft von Schweinebraten in der Luft lag, machten wir Kinder uns auf, um den Herren der Schöpfung das Geld aus der Tasche zu ziehen. Jeder meiner Onkels – und ich hatte viele davon – ließ zumindest einen Schein springen, und ich legte das Geld später in Capri-Eis an. Welch Entzücken, an einem heißen Tag Capri-Eis zu essen, gut gegen Hitze und Durst und gekauft in dem einzigen Lebensmittelladen des Dorfes, der gleichzeitig auch die Poststelle innehatte.

Ich war reich zu diesen Zeiten, egal ob gefühlsmäßig oder materiell, ich war reich...



Ein Haus der 60er Jahre:

Als ich elf Jahre alt war, bauten Tante Helga und Onkel Gerhard ihr Haus. Mein Vater kam extra angereist, um beim Ausschachten des Kellers zu helfen. Wir brauchten keinen Bagger, sondern machten alles mit der Hand, denn das hielt die Kosten niedrig. Das Haus hatte zwei Stockwerke, unten wohnten Tante und Onkel, und oben wohnten Oma und meine Cousine Manuela. Das Haus stellte einen gewaltigen Fortschritt in heiztechnischer und vor allem in hygienischer Beziehung dar, in dem neuen Haus gab es eine Nachtspeicherheizung, alles war wohlig warm im Winter, und es gab ein Badezimmer mit einem riesigen Warmwasserboiler...

Auch zu diesem Haus gehörte ein großer Gemüsegarten, doch leider ohne Wiese, ohne Hühner und ohne Ziegen, allerdings hielt Onkel Gerhard Kaninchen, aber es tat ihm immer leid, sie zu schlachten.

In diesem hellhörigen Haus der 60er verbrachte ich die Ferien der nächsten Jahre.
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Es war okay. Nein, es war gut, allerdings anders als in dem alten Haus, aber es war gut.



Die Dunkelheit:

Die Dunkelheit in Daarau war wohl die vollkommenste Dunkelheit, die man sich vorstellen kann. Die Straßenlaternen wurden um 22.00 Uhr ausgeschaltet, und danach musste man sehen, wie man klar kam. Das war im Sommer kein großes Problem, aber wenn man im Winter spät heimkam – zu Fuß natürlich, denn Autos gab es damals noch nicht viele – musste man sich förmlich nach Hause TASTEN. Und wenn man dann im Bett lag, war die mit der Dunkelheit Hand in Hand gehende Stille so überwältigend, dass man das Blut in den Adern rauschen hörte und der eigene Herzschlag das einzige Zeichen war, dass man existierte.

Es war so dunkel, dass ich mir manchmal die Augen rieb, um wenigstens einen Reflex von Helligkeit zu sehen, und es war so still, dass ich froh war über das Summen eines Flugzeugs weit über mir in der Tiefe der Nacht...



Vielleicht war es diese Dunkelheit und diese Stille, die so viele junge Leute dazu verleitete, früh miteinander ins Bett zu gehen. Meistens wurde dabei ein Kind gezeugt, und kurz darauf heiratete man. Manchmal ging es mit der Ehe gut, meistens aber nicht, denn irgendwann ließ man sich scheiden und träumte neue Sehnsüchte in der Dunkelheit und der Stille des Dorfes.



Das Ende:

Ungefähr als ich dreizehn Jahre alt war, endeten meine Ferien in Daarau, nicht abrupt sondern allmählich. Fortan reisten wir nach Holland an die Nordseeküste, und es war gar nicht schlecht, die Pommes und die Frikandellen, die Nasi- und die Bamiballen, die Seeluft, das eiskalte Meerwasser und die Sonnenbrände, die man sich unverhofft und irgendwie fleckig zuzog, all das war etwas Neues.

Und danach bin ich nie wieder für längere Zeit in Daarau gewesen. Vielleicht, weil sich dort viel verändert hatte im Laufe der Zeit.

Mein zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ganz so junger, aber immer noch hübscher Onkel Volker starb bei einem Wohnungsbrand, weil er besoffen mit einer Zigarette im Bett eingeschlafen war.

Onkel Gerhard selber, der in Wirklichkeit schwermütig und melancholisch war, und dieses hatte immer durch seine Fröhlichkeit hindurch geschimmert, erhängte sich im Wald. Seine Frau, meine Tante Helga fand ihn dort, wo er immer Pilze gesammelt hatte.
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Seitdem war auch Tante Helga nicht mehr die gleiche, sie suchte immer verzweifelt nach einem Ersatz für ihren Mann, sie suchte lange Zeit, und sie hat bei dieser Suche viele Fehler gemacht.

Meine Oma starb mit sechsundachtzig Jahren, nachdem sie bis zuletzt von meinen Eltern gepflegt wurde, besser gesagt von meiner Mutter. Tatsächlich waren meine Eltern wieder in die Heimat zurückgezogen.



Auch ich bin wieder da, wenn auch nur kurzfristig zur Beerdigung meiner Großmutter. Die Teiche sind verlandet, bis auf den Unteren Teich, aber der war ja immer schon mehr ein breites Bächlein als ein Teich. Und bevor man das Dorf erreicht, sieht man keine reine Landschaft mehr, sondern eine Anhäufung von Gewerbegebieten. Die Verwandtschaft ist nicht mehr so zahlreich wie früher, die Jüngeren sind weggezogen, aber manche Alten erkennen mich immer noch, und das nach über vierzig Jahren.

Das Herrenhaus ist ein Reiterhof geworden, die Kinder des Barons leben nun in Südfrankreich.



Nur der Weg in den Wald ist der gleiche geblieben.

Wieder gehe ich in der Abenddämmerung auf dem Waldweg entlang, und wieder habe ich das Gefühl, jemand geht neben mir. Aber ich weiß nun, dass es nicht mein Geliebter aus der Zukunft ist. Ich habe ihn irgendwie verpasst.

Da ist niemand, und seltsamerweise kommen mir die Tränen. Warum nur, so schlecht geht es mir doch gar nicht...

Doch dann sehe ich durch meine Tränen hindurch ein Kind neben mir. Wer ist dieses Kind? Es kann nicht sein, ich bin es selber im Alter von vielleicht neun Jahren. Das Kind schaut mich an, es lächelt und nimmt meine Hand. Du darfst nicht traurig sein, sagt es.

Ich bin es selber! Und plötzlich sehe ich alle kleinen Mädchen, die ich einmal war, eine endlose Reihe von blonden Köpfen, und ich möchte sie alle trösten und sie vor dem warnen, was auf sie zukommen wird. Ich möchte sie davor warnen, ihr Herz zu verhärten in Reaktion auf kommende Ereignisse. Ich möchte ihnen raten, zu weinen und die Tränen nicht zu unterdrücken, ich möchte ihnen zeigen, dass sie geliebt werden, auch wenn sie es später nicht glauben können.

Ich möchte sie in den Arm nehmen und feste an mich drücken.
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Ich möchte ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind und dass ich sie liebe.

Und durch diese Liebe fange ich an zu sein.



ENDE





PS: Ich könnte noch unendlich erzählen über das Dorf, aber ich tue es nicht, ich weiß nur, dass es in meinen Gedanken ist, ich habe in Romanen darüber geschrieben, es verklärt und erklärt. Und ich fahre nicht mehr dort hin, es soll so bleiben, wie es in meinen Erinnerungen war...
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Kommentare zur Story:

  im augenblick verliere ich alles, jeder kommentar ist weg - aber zumindest das geschriebene bleibt... ;-)  
   Ingrid Alias I  -  16.09.13 17:22

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  Hach. Lese mich gerade in Deine Kindheitserinnerungen ein: MEHR DAVON!
Sehr, sehr gerne gelesen!  
   Gringa  -  16.09.13 15:54

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  Hallo Ingrid, danke für die Aufklärung. Der arme Vattel Kosta hat also seine Nase im Krieg verloren, aber Gottseidank den Tod seiner Söhne nicht miterlebt. Das beruhigt mich irgendwie. Ich glaube nicht, dass dein eigenes Leben nicht interessant für mich wäre. Du schreibst nämlich supergut. Und das ist das Wichtigste, finde ich. Der kleine blonde stirnrunzelnde Wicht vorne im Foto bist also du. Wie niiiiiiiedlich! Schön, dass du das alles hinzu geschrieben hast.  
   Petra  -  08.02.10 21:22

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  @ else08, petra, jochen, doska, rosmarin
ein danke schön an alle!
es stimmt, das wirkliche leben ist meistens schlimmer als ein erdachtes, mein eigenes ist aber solalla, und ein bisschen davon steckt in allen meinen geschichten und romanen...
jedenfalls freut es mich sehr, dass ihr an meinen erinnerungen teilgenommen habt - und dass sogar tränen gekommen sind. das macht sie noch unvergesslicher. die erinnerungen natürlich. ;)
ps: die nase hat er im krieg verloren, und er war 'zum glück' schon tot, als seine söhne starben.
lieben gruß an euch alle  
   Ingrid Alias I  -  07.02.10 22:27

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  Da mag ich mich anschließen. Klasse Rückblick in die Kindheit.  
   Else08  -  07.02.10 13:37

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  Das war wirklich ein sehr schöner zweiter Teil. Diese tollen Landschaften- du beschreibst sie so supergut und dann dieses einfache Leben, sehr mitreißend! Ich finde immer, das Leben ist eigentlich viel chaotischer als Ausgedachtes. Mir tat deine arme Tante Helga ganz besonders leid. Erst ein Kind mit Hasenscharte bekommen und dann den geliebten Mann auf eine so tragische Weise verlieren, das muss fuchtbar für sie gewesen sein. Auch der Vater, schon gestraft genug - keine Nase im Gesicht zu haben( etwa durch einen Unfall?) und dann auch noch beide Söhne zu verlieren, das ist doch einfach grausam. Wie ist der Mann nur darüber hinweg gekommen? Und da ich schon mal beim Fragen angekommen bin, frage ich dich mal gleich, wer denn eigentlich die Kinder und Leute auf dem Foto sind? Kannst du das nicht noch in deinem Text als kleinen Vermerk hinzufügen?
Jedenfalls danke ich dir, dass du mich in deine Vergangenheit hast reisen lassen. Es war toll.  
   Petra  -  06.02.10 22:55

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  Der zweite Teil deiner Waldgeschichte ist fast noch schöner als der erste. Sehr gelungen. Doch wird man darüber auch sehr neugierig auf DEIN Leben, denn eigentlich schreibst du fast nur über die anderen, die dir als Kind begegnet sind und was aus ihnen wurde. Erst am Schluss, wagst du etwas mehr über dich selbst zu schreiben.  
   Jochen  -  06.02.10 16:33

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  Tja, was soll ich sagen. Einfach spitzenmäßig geschrieben. Besonders deine letzten Zeilen haben mich sehr berührt. Alles verändert sich - leider - aber unsere Erinnerungen können wir immer wieder in unserem Herzen aufleben lassen. Sie verändern sich nicht.  
   doska  -  05.02.10 23:37

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  ach, menesch, ingrid, der letzte abschnitt ist ja sehr berührend, da sind sogar mir die tränen gekommen. vielleicht waren ja deine tränen, die tränen der sehnsucht nach etwas unwiderbringlich verlorenem. der kindheit.
grüß dich  
   rosmarin  -  05.02.10 21:20

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