Der Hüter des Drachen - Kapitel 7   385

Romane/Serien · Fantastisches

Von:    Robin van Lindenbergh      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 5. November 2009
Bei Webstories eingestellt: 5. November 2009
Anzahl gesehen: 1760
Seiten: 13

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Meine Gedanken waren wirr und verschwommen als ich erwachte. Ich hatte das Gefühl keins meiner Glieder bewegen zu können, denn sie waren steif als hätte ich mich tagelang nicht bewegt. Meine Augen schienen blind zu sein, denn um mich herum war nur Schwärze, kein Licht, kein Leben. Alles was ich wahrnahm, war der verbrauchte Lehmgeruch des Bodens und die feuchte Kälte der Steinwände um mich herum.

Die Kälte durchdrang meinen gesamten Körper, kroch in meine Glieder und ließ mich zittern. Um nicht zu erfrieren musste ich mich erheben, ob ich wollte oder nicht. Es kostete mich jedes bisschen meiner Kraft, aber schließlich gelang es mir, mich auf Hände und Knie hochzustemmen, aber so sehr ich es auch versuchte, aufrichten konnte ich mich nicht. Es war als wäre mein Körper gar nicht dazu gemacht mich auf meine beiden Füße zu stellen. Eine Bewegung und ein scharrendes Geräusch in der Dunkelheit hinter mir ließ mich herumfahren, aber egal wie schnell ich mich drehte, es blieb hinter mir. Ich versuchte danach zu tasten, nur dass meine Hände nicht so feinfühlig wie sonst schienen. Sie kamen mir rau und grob vor und ich verletzte mich sogar als ich mich selbst berührte.

Dennoch wurde mir in dieser Sekunde klar, was mit mir nicht stimmte. Mit jeder Faser meines Seins wusste ich, dass es Tag war und ich in meinem menschlichen Körper sein sollte, aber es war meine Drachenhaut, die ich spürte, meine Krallen, die mich verletzt hatten und mein Schwanz, der mir bei jeder Bewegung folgte. Alles in mir schrie danach, dass ich menschlich sein sollte, aber ich war ein Drache und fühlte mich gefangen im eigenen Körper.

Panik ergriff mich und ich versuchte die Transformation mit Gewalt herbei zu führen, aber natürlich gelang mir das nicht. Erschöpft sank ich wieder auf den Boden und bemerkte einen feuchten Haufen Stroh, den man mir gelassen hatte.

Mein Kopf schmerzte als ich versuchte mich zu erinnern, was geschehen war, aber das einzige, worauf ich mich besinnen konnte, war das Bild des Kaisers. Ich wusste noch genau, wie ich am Nachmittag Orin und Jianne verlassen hatte und mich zum Palast aufgemacht hatte. Seltsam einfach war ich in die kaiserliche Residenz gelangt und hatte auch den Kaiser gefunden. Kurz wollte er mich verhaften lassen, aber dann hatte genau zum richtigen Zeitpunkt meine Transformation eingesetzt.
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Seine Reaktion hatte bewiesen wie allwissend der Kaiser war, denn sein Schock über meine Verwandlung war nur von kurzer Dauer gewesen. Dann hatte er mich gebeten, ihm meine Geschichte zu erzählen. Wir hatten gegessen und getrunken und dann… ich erinnerte mich nicht mehr.

Wieder schaffte ich es mühsam mich hoch zu rappeln. Wenn ich schon tagsüber meine Drachenkräfte hatte, konnte ich sie auch dazu verwenden mich zu befreien. Ich wunderte mich nur, dass ich nicht sah wie ein Drache. Die Dunkelheit war vollkommen und ich musste mich blind bewegen. Vorsichtig tastete ich mich vorwärts bis ich nach wenigen Schritten schmerzhaft an eine Wand stieß. Ich fühlte nichts als glatten, feuchten Fels. Stück für Stück tastete ich daran entlang und endlich berührten meine Klauen eine schwere Metalltür. Ich drückte und warf mich dagegen, aber sie gab keinen Millimeter nach.

In mir war keine Stärke und auch mein Feuer brannte nicht in mir.

Die Nacht kam und ich begann mich wieder wohler in meiner Haut zu fühlen, aber immer noch fehlte es mir an Kraft um meinem Gefängnis zu entkommen. Unruhig erwartete ich den Morgen, denn ich hoffte der Spuk würde mit meiner nächsten Transformation ein Ende haben.

Quälend langsam kam der Morgen, aber wieder geschah nichts, außer dass ich meine Drachensinne verlor. Ich war und blieb in meiner Drachengestalt gefangen.

Es musste Mittag sein als ich Schritte vor meiner Zelle hörte und schließlich ein Riegel vorgeschoben wurde. Die Tür glitt quietschend auf und ein helles Licht blendete mich, so dass ich nicht sehen konnte, wer der Schatten war, der mit einer Lampe den Raum betrat.

Hinter ihm wurde die Tür wieder sorgsam verschlossen, während er auf mich zukam und mich eingehend betrachtete. Das Licht ließ meine Augen tränen.

„Mancher Zauberer würde seinen linken Arm für Drachentränen geben. Wusstest du das?“ In diesem Moment erkannte ich den Kaiser, obwohl ich immer noch nicht mehr sah als seine Silhouette. „Das ist eigentlich ein Witz“, fuhr er fort. „Denn du und ich wissen, dass Drachen niemals weinen und deine Tränen rein menschlich sind.“

„Was geschieht mit mir?“ fragte ich.

Endlich stellte er die Lampe ab und setzte sich auf einen goldenen Schemel, den er sich mitgebracht hatte.
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Wir waren allein.

„Ich bin erfreut dich so zu sehen. Ich hatte schon befürchtet, dass der Zauber bei dir nicht gelingen würde. Nenn mir deinen Namen“, forderte er.

Ich hatte ihm meinen Namen am Abend zuvor genannt. Trotzdem wiederholte ich ihn. „Okuon.“

Der Kaiser nickte. „Lass mich dir eine Geschichte erzählen, Okuon.“

Ich war alles andere als in Stimmung für eine Märchenstunde, aber anscheinend bekam ich keine andere Antwort auf meine Fragen und vielleicht war seine Geschichte meine Antwort. Der Kaiser wartete nicht ab, dass ich reagierte.

„Vor langer Zeit lebte ein junger Mann als Geselle eines weisen Zauberers am Fuße des Priangebirges. Der Junge war begabt und nicht dumm und so missfiel es ihm, dass der alte Zauberer ihn die niedrigsten Aufgaben erledigen ließ. So wäre er beinah nicht gegangen, als ihn sein Meister hieß auf den Gipfel des höchsten Berges zu steigen, wo die schwarzen Drachen lebten.“

Schwarze Drachen waren mir ein Begriff, denn sie waren in den kollektiven Erinnerungen aller Drachen. Sie waren wilde, mächtige Bestien, die noch viel machtvoller waren als wir farbigen Drachen es je sein könnten. Angeblich waren sie so wild, dass sie noch nicht einmal die Sprache verwendeten, obwohl sie Wissen hatten. Die Erwähnung der Drachen machte mich neugierig.

Der Kaiser fuhr bereits fort. „Als der Junge sich weigerte, schlug ihn sein Meister grün und blau und schließlich fügte er sich. Einen ganzen Tag kletterte der Junge, riss sich dabei Hände und Füße auf bis das rohe Fleisch blutete. Am Ende des Tags gelangte er aber doch auf den Gipfel und fand dort keine Drachen, aber ein zurückgelassenes Ei. Er hob es auf um es seinem Meister zu bringen, aber in diesem Moment begann der Drache zu schlüpfen. Der Nestling war rasend und sprang auf den Jungen zu, biss und leckte Blut und so wusste der Junge sich auch nicht anders zu helfen und biss seinerseits in die Weichteile des Drachen, so dass er dessen Blut schmeckte.“

Was nun passiert war konnte ich mir denken, denn schließlich war es auch mir ähnlich ergangen, wenn nun auch meine Vereinigung etwas friedlicher verlaufen war. Es erstaunte mich, dass ich nicht das erste Wesen meiner Art sein sollte. Wenn der Kaiser diese Geschichte kannte, musste er von der Versklavung der Drachen doch auch wissen.
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„Du kannst erraten, was nun geschah“, fuhr der Kaiser fort, der meinen Blick gesehen haben musste. „Er wurde ein Drachenwesen, bei tage ein Mensch, nachts ein Drache. Aber da es ein schwarzer Drache gewesen war, wurde er wild und rasend. Er erinnerte sich an das Verhalten seines Meisters und flog nachts hin, um den Alten zu zerreißen. Erst tags wurde ihm klar, welche Chancen sich ihm dadurch boten. Mit dem Wissen des Drachen studierte er die Magie und lernte alles, was es über Drachen und Menschen zu lernen gab. Der alte Magier war ein Experte für Tränke gewesen und schließlich gelang es dem Jungen einen Trank zu brauen, der ihm die absolute Macht gab.“

„Was meint Ihr damit?“

„Der Junge wollte das ganze Reich beherrschen, das war nichts für einen Drachen. Also band er seine Drachenhälfte in seinem menschlichen Körper. Er wäre dabei beinah gestorben, aber nach und nach flossen seine Drachenkräfte auch in seine menschliche Hälfte. So konnte er als Mensch Tag und Nacht sein, aber er war unverwundbar, konnte sehen und hören wie ein Drache und beherrschte sogar das Feuer.“

Ich begann zu verstehen, was mit mir geschah. Er hatte mich in meinem Drachenkörper gebunden. Die Frage blieb wieso und vor allem musste ich wissen, was nun mit mir geschehen würde. Ich beschloss ihn weiterreden zu lassen.

„Der Mann merkte schnell, wie er andere, farbige Drachen befehligen konnte und sie ihm bedingungslos folgten, auch wenn es die mächtigen Schwarzen nicht taten. Und so zwang er die Drachen das Reich für ihn zu erobern und machte sich zum Kaiser.“

„Wart Ihr dieser Junge?“ fragte ich neugierig.

„Nein, das ist zweihundert Jahre her. Der Mann war mein Urahn. Aber als sein Sohn im richtigen Alter war, zwang er ihn sich auch mit einem Schwarzen zu vereinen und auch der zwang seinen Sohn.“

„Dann seid auch Ihr ein halber Drache?“

„Ich sehe, du verstehst. Als ich von deiner Vereinigung erfuhr, war ich zunächst sehr zornig. Niemals sollte jemand außerhalb meiner Familie an die Drachenkräfte geraten. In meinem ersten Zorn befahl ich dem Abt dich mundtot zu machen und als er versagte, dich zu töten. Auch ich habe es versucht als ich den Wasserdrachen auf dein Schiff losließ.
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Aber zu deinem Glück hast du dich nicht mit einem Schwarzen vereinigt und ich erkannte, dass du auch meinen Ruf hören kannst. Ich sah meine Chance“

„Chance? Was meint Ihr?“

„Die farbigen Drachen sind leichter zu beherrschen, weshalb ich auch dich beherrschen kann.“

„Nein, ich habe mich Euren Befehlen widersetzt.“ Ich hatte den Wasserdrachen nicht getötet, sondern Orins Leben gerettet.

„Weil du zu menschlich warst. Ein paar Tage oder Wochen werde ich dich in deinem Drachenkörper binden und dann wirst du sicher zugänglicher werden.“

„Was wird mit mir geschehen?“

„Ich muss zugeben, dass ich das nicht genau weiß, aber da in meinem Fall die Drachenkräfte auf den menschlichen Körper übergegangen sind, wirst du wahrscheinlich deinen Drachenintellekt verlieren und ein folgsamer Drache werden.“

„Aber Ihr habt genügend folgsame Drachen? Wieso ich?“

„Du beginnst schon zu denken wie ein Mensch. Wieso ich ist eigennützig gedacht, Okuon. Wenn ich erst die volle Kontrolle über dich habe, werde ich dich neu formen und dich zu einem Drachenkrieger meines Willens machen. Vielleicht sperre ich dich dann in deine menschliche Form.“

Zufrieden lächelnd erhob er sich und verließ die Zelle, nachdem er mir versprochen hatte, bald wieder zu kommen. Ich blieb im Dunkeln zurück.



Ich konnte nicht leugnen, dass ich mich zu verändern begann. In den ersten Tagen litt ich schwer unter Hunger, denn alles, was ich zu Essen bekam war entweder rohes oder sogar noch lebendes Fleisch. Egal wie sehr mein Magen mich quälte, ich konnte mich nicht dazu überwinden dieses Essen anzurühren. Doch es lag nicht am Hunger, dass mir Tag für Tag das Essen immer schmackhafter erschien. Ich begann mir auszumalen wie ich meine Krallen in die Ratten und Mäuse schlug, die man mir brachte.

Fünf Tage hielt ich durch, erinnerte mich an meine Menschlichkeit, aber dann brachte man mir ein lebendiges Kaninchen. Sein Geruch weckte tiefste Urinstinkte in mir und eh ich mich versah hatte ich meine Fänge hineingeschlagen und verschlang das Tier mitsamt Fell und Knochen. Ich wollte mich übergeben, aber ich konnte nicht.

Dazu kam, dass mir immer öfter meine Gedanken entglitten.
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Ich dachte wohl noch nach, aber es waren tierische Gedanken, die sich um Fressen, Saufen und Schlafen drehten. Anfangs versuchte ich mich auf Jianne und Orin zu konzentrieren, aber nach und nach verblasste ihr Bild und sie wurden zu nichts als schattenhaften Erinnerungen, die mir unwichtig wurden. Der einzige reale Mensch für mich war der Kaiser, der tagtäglich kam, um meine Fortschritte zu begutachten.

Ich muss zugeben, dass ich an diesen Tagen gar nicht mehr fähig gewesen wäre, diese Sätze niederzuschreiben, denn ich war kaum mehr als ein wildes Tier geworden. Hatte ich anfangs noch mit mir selbst gesprochen, so hatte ich das Sprechen inzwischen beinah verlernt. Wie viele Tage vergangen waren, konnte ich nicht mehr sagen, selbst wenn ich noch zum Zählen in der Lage gewesen wäre.

„Sag mir deinen Namen“, forderte der Kaiser wie jeden Tag, wenn er mich in dem Kellerloch besuchte.

Es wollte mir nicht einfallen. Noch gestern hatte ich meinen Namen gewusst und mich einen ganzen Tag an ihm festgehalten, aber nun war er fort.

Ich knurrte nur als Antwort.

„Hast du einen Namen?“ fragte der Kaiser weiter.

Mein tumbes Gehirn überlegte, aber es hatte keine Verwendung für einen Namen. „Nein.“

„Gut, du bist bereit. Folge mir.“

Damit erhob sich der Kaiser und ich folgte ihm wie ein Hund. Es war so einfach ihn für mich denken zu lassen und jeden seiner Wünsche zu erfüllen. Also stieg ich behäbig hinter ihm die Treppen hinauf und folgte ihm durch die Gänge des Palastes. Die Flure waren von wenigen Fackeln erhellt, denn es war dunkele Nacht. Nicht einmal der Mond schien und im ganzen Palast war es ruhig. Heute weiß ich, dass der Kaiser nicht wollte, dass ihn jemand bei seinem Tun beobachtete und etwas über seine üblen Machenschaften herausfand. Ich wünschte, ich hätte damals den Mut und das Wissen gehabt, ihn mit einem Streich meiner Krallen zu zerfetzen, aber diese Gedanken waren mir nicht geblieben.

Nach endlosen Korridoren und Treppen führte mich der Kaiser in eine Kammer mit einem sauberen Steinfußboden. Es gab keine Fenster und die einzigen Möbelstücke vor den gekalkten Wänden waren ein Tisch und ein Regal. Beides war bedeckt mit Tiegeln und Flaschen und auf dem Tisch kochte und brodelte ein süßlich riechender Trank in einer großen Glasflasche.
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Irgendwann während mein Gehirn träger geworden war, waren meine Drachensinne zu mir zurückgekehrt und ich wusste, dass ich diesen Trank schon einmal gerochen und sogar gekostet hatte. Ein tierischer Sinn für Gefahr warnte mich eindringlich dem Gebräu zu nahe zu kommen.

Der Kaiser war inzwischen an den Tisch herangetreten und zog lächelnd den süßlichen Geruch ein. „Genau rechtzeitig für dich fertig“, entschied er und nahm nun die Glasflasche vom Feuer. Er schwenkte sie noch einmal und goss ihren Inhalt dann in eine flache Schüssel, die er vor mich stellte. „Trink es!“ befahl er.

Die Gefahrenwarnung verschwamm ins Nichts und ich senkte gehorsam meinen Kopf und leckte die bräunliche Flüssigkeit auf bis nichts mehr davon übrig war. Sie brannte in meinem Inneren. Ich hatte das Gefühl als würden mein gesamter Körper und sogar mein Gehirn in Flammen stehen. Angstvoll brüllte ich auf, aber meiner Kehle entkam kein Drachenlaut, sondern nur eine dünne, menschliche Stimme.

Ich schrumpfte zusammen und hatte dabei das Gefühl man würde mich zusammenpressen. Ich verlor meine Schwingen, meinen Schwanz, meine Krallen und meine Schuppen und lag schließlich als zitternder, schwacher Mensch auf dem kalten Boden der Kammer. Alles an mir brannte immer noch und dieser Körper fühlte sich falsch, viel zu klein und unsagbar verletzlich an.

Einen Moment ließ mich der Kaiser als wimmernden Haufen Elend liegen, aber dann beugte er sich über mich. „Steh auf!“ befahl er.

Es war keine Frage, ob ich dem Befehl nachkommen wollte, denn ich musste es. Also versuchte ich mich zu erheben, schaffte es aber zunächst nur auf alle Viere bis er mich schließlich zwang mich hinzustellen. Ich musste mich an dem Regal festkrallen um das Gleichgewicht zu halten.

„Beinah wieder der Alte, nicht wahr?“ sagte der Kaiser ausgelassen. „Wie ist dein Name?“

Die Frage hatte immer noch keinen Sinn für mich, auch wenn ich bereits merkte, dass mir das Denken wieder etwas leichter fiel.

„Ich weiß es nicht“, antwortete ich wahrheitsgemäß mit dieser dünnen, menschlichen Stimme.

„Sehr schön. Ich glaube, ich werde dich Tumbai nennen, das ist kurz für Tumbara Durai.
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Es bedeutet Drachensklave. Gefällt dir das?“

„Ja, Meister.“

Der Kaiser hatte es geschafft. Er hatte Okuon und den grünen Drachen gleichermaßen vernichtet und aus mir ein neues, folgsames Wesen gemacht, das ihm gehörte.



Mein Gehirn lernte langsam wieder, was es hieß zu denken auch wenn ich die Entscheidungen über mein Leben weiter gerne dem Kaiser überließ. Seine Entscheidungen waren göttlich und ich war… ja, was ich genau war, wusste ich nicht zu sagen. Er nannte mich Tumbai, seinen Drachensklaven, und lehrte mich in den Nächten wie ich in menschlicher Form meine Drachenkräfte gebrauchen konnte. In mir brannte wieder ein Feuer, aber es brannte nicht für mich sondern nur für ihn.

In mir herrschte Leere, wo er sie nicht gefüllt hatte. Ich wusste nichts von Okuon, dem grünen Drachen, Jianne und Orin. Andere Menschen existierten für mich nur in Person der Wachen im Palast. Erst drei Wochen nachdem er mich in meinen menschlichen Körper gesperrt hatte, erlaubte er mir tagsüber die kleine Kammer zu verlassen, in der ich sonst untätig auf seine Befehle wartete.

Man brachte mir eine feine Robe in schwarz und half mir sie anzulegen. Zum ersten Mal trug ich wieder menschliche Kleider und sogar Schuhe, sie engten mich noch mehr ein als der menschliche Körper. Dann führten mich die Wachen zu meinem Kaiser.

„Majestät“, ich verneigte mich tief und voller demütiger Ehrfurcht.

Wie immer wenn er mich sah, lächelte der Kaiser zufrieden darüber, was er aus mir gemacht hatte.

„Tumbai, heute werde ich eine Audienz geben. Ich erwarte, dass einige meiner Feinde im Palast sein werden. Mische dich unter dir Leute und finde meine Feinde.“

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand der Feind meines Kaisers sein konnte, aber dennoch wusste ich, dass Feinde da sein würden, wenn er es vorhersah.

Wie befohlen begab ich mich in den großen Saal, den der Kaiser für Audienzen verwendete. Ein Gefühl beschlich mich schon einmal dort gewesen zu sein, aber ich konnte mich nicht erinnern und es kam mir auch unwichtig vor angesichts der Tatsache, dass etwa zweihundert Menschen in diesem Raum waren und sich Feinde meines Kaisers unter ihnen befanden.

Ich sah junge und alte, Männer und Frauen und vor allem arme und reiche.
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Die Wachen hatten darüber gesprochen, dass an diesem besonderen Tag jeder ein Recht hatte den Kaiser zu sehen und um etwas zu bitten und anscheinend hatten endliche dieses auch vor.

Wie befohlen mischte ich mich unter die Menschen und ging langsam durch die Reihen der Wartenden. Alle meine Sinne waren darauf abgestellt die Verräter zu finden. Ich sah jeden einzelnen an und versuchte besondere Aufregung zu erkennen, Sprengstoff zu riechen oder verdächtige Geräusche zu hören, aber so sehr ich mich bemühte, ich fand nichts. Es machte mich unzufrieden, weil ich nicht das tat, was mein Kaiser von mir erwartete.

Noch einmal ließ ich meinen Blick über den Audienzsaal schweifen und endlich sah ich sie. Eine junge Frau stand in der Nähe des Tores und blickte besorgt in den Raum. Sie hatte glänzendes, braunes Haar und trug das blaue Gewand einer Tuchhändlerin. Suchend sah sie sich zwischen den Menschen um als würde sie etwas suchen. Ihr Atem ging schnell und ihre Körpertemperatur war erhöht. Auch andere Bittsteller waren aufgeregt, weil sie vor den Kaiser traten, aber etwas an dieser Frau wirkte sehr verdächtig.

In diesem Moment trafen sich unsere Blicke und sie wurde augenblicklich blass. Ich hatte sie entdeckt und sie starrte mich fassungslos an bevor sie sich eilig aus dem Tor stahl.

Ich hatte sie gefunden. Das musste der Feind sein, von dem der Kaiser gesprochen hatte. Ihre Aufregung und vor allem ihre Flucht verrieten sie.

Ich beeilte mich schnell zwischen den Wartenden hindurch zu kommen und erreichte wenige Augenblicke nach der Frau das Tor. Draußen auf dem Schlosshof hatte mein gütiger Kaiser einigen Händlern die Erlaubnis gegeben ihre Stände aufzubauen. Dicht gedrängt gab es beinahe alles, was ein Mensch sich wünschen konnte. Ich roch verschiedene Köstlichkeiten, stark gewürztes Fleisch und süße Leckereien, Biere und Weine. Daneben boten Goldschmiede, Schuster, Weber, Bildhauer und Maler ihre Waren feil, die von den Audienzsuchenden gerne angenommen wurden. Der Göttliche Kaiser hätte sich nie in eine solche Gefahr begeben dürfen.

Rücksichtslos schob ich mich durch die Käufer und Verkäufer und drängte mich suchend durch die Reihen. Zweimal glaubte ich die Frau gefunden zu haben, aber beide Male erwies sich diejenige als die Falsche.
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Ich kam vor lauter Menschen kaum vorwärts und würde die Frau wohl endgültig verlieren, wenn ich sie nicht bald einholte.

Eigentlich blieb nur eine Möglichkeit. Wenn ich zwischen den Menschen nicht vorankam, würde ich mich über ihnen bewegen müssen. Ich drängte mich an den Rand des Marktes und sprang mit einem Satz auf das Dach des Palastes. Meine Drachensinne erlaubten es mir, trotzdem alles unter mir sehen und vor allem hören zu können. So hatte ich einen viel besseren Überblick und schon nach wenigen Minuten entdeckte ich den Stand des Tuchhändlers. Er lag ganz hinten, am äußersten Ende des Marktes und das bewies mir, dass er nur als Tarnung für die üblen Machenschaften dieses Gesindels diente. Eben erreichte die Frau den Stand, hinter dem ein Mann mit einem großen Strohhut stand.

„Ich habe ihn gesehen, er ist hier!“, stieß die Frau atemlos hervor.

„Wo?“ fragte der Mann und auch seine Körpertemperatur stieg vor Aufregung deutlich an.

„Er war im Palast, es waren keine Wachen in seiner Nähe.“

„Hast du ihn gesprochen?“

„Ich weiß nicht, ob er mich gesehen hat. Überall sind Soldaten. Ich wollte dich holen.“

„Dann lass uns gehen, eine solche Chance bekommen wir nicht so schnell wieder.“

Kurz überlegte ich sie auf frischer Tat zu erwischen, aber das würde meinen Herren nur stören. Also ließ ich mich mit einem eleganten Sprung vor ihnen fallen.

Beide Verräter erschraken und wichen zurück, aber blitzschnell verfielen sie auf eine neue Taktik, denn beide kamen nun auf mich zu und umarmten mich stürmisch.

„Okuon, ich dachte ich sehe dich nie wieder“, sagte die Frau und ließ sogar eine Träne ihre Wange hinunterfließen.

„Du sollst mich doch nicht so erschrecken“, fügte der Mann hinzu.

Es brauchte nicht viel Kraft um die beiden von mir zu schieben. „Ihr seid enttarnt, elende Verräter.“ Der Gedanke, dass diese beiden meinen Kaiser bedrohten, machte mich rasend und ich bedauerte ihnen nicht die verräterischen Herzen herausreißen zu dürfen.

Der Mann wurde weiß vor Schreck als er merkte, dass sein Plan entdeckt war, und auch die Frau musterte mich nun mit einem verstörten Blick.
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„Aber Okuon, wir sind es doch: Jianne und Orin.“

„Eure Quellen sind schlecht. Mein Name ist nicht Okuon, sondern Tumbai und für euren Verrat am Göttlichen Kaiser werdet ihr beide sterben.“

„Nein“, schrie die Frau verzweifelt, „was hat er mit dir getan? Du bist Okuon, mein Drachenretter.“ Dichte Tränen liefen ihre Wangen hinab.

Drachenretter – Drachensklave – Drachenretter – Drachensklave. Die Worte dröhnten in meinem Kopf, sodass ich nicht denken konnte. Was tat diese Frau mit mir? Sie verwirrte mich, aber da gab es immer noch einen Rettungsanker für mich: meinen Kaiser.

Ich schlug sie ins Gesicht, auch wenn ich nur wenig Kraft in den Schlag legte. „Hüte deine Zunge, du Hexe.“

Inzwischen waren die Wachen auf uns aufmerksam geworden und ich sah dabei zu, wie die beiden von ihnen abgeführt wurden. Drachenretter, der Klang des Wortes hallte immer weiter durch meinen Kopf.





Alle dreißig Tage kurz vor Sonnenuntergang erwartete mich mein Kaiser in seinem Labor, wo er mir die nächste Dosis des Tranks vorsetzte, der mich weiterhin in meinen Menschenkörper sperren würde. Als ich eintrat leerte er gerade einen Becher.

„Ah, Tumbai“, begrüßte er mich, als er mich bemerkte. „Pünktlich wie immer.“

Damit füllte er meinen Becher mit dem süßlichen Gebräu. Ich betrachtete das Gefäß eine Weile, trank aber nicht. Drachenretter! Das Wort wurde nicht leiser. Eigentlich hätte ich es ihm erzählen müssen, aber ich konnte nicht.

„Ich gratuliere dir zu deinem Erfolg heute. Du bist wirklich eine Bereicherung meiner Sklaven. Mehr wert als zehn Drachen.“

„Danke, Herr“, sagte ich abwesend. „Dürfte ich die Gefangenen noch einmal sehen?“

Der Kaiser betrachtete mich eine Weile misstrauisch. „Warum?“

„Ich möchte verstehen, warum sie nach Eurem Leben trachten. Ihr seid ein so weiser und gerechter Herrscher. Ich verstehe es nicht.“ Mir wurde bewusst, dass ich meinem Kaiser nicht die ganze Wahrheit sagte, aber in Wirklichkeit verstand ich meinen Wunsch selber nicht.

„Die Menschen verstehen es manchmal nicht, wenn ich ihnen Gutes tue.
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Es ist wie bei einem Hund, der einen beißt, wenn man seine Wunden verarzten möchte. Ich bin ihnen nicht böse, eines Tages werden sie es verstehen.“

„Dann lasst ihr sie am Leben?“

„Nein, das kann ich nicht. Andere würden es ihnen nachtun. Sie müssen sterben als Warnung für andere Verblendete. Sprich ruhig mit ihnen, du wirst sehen, dass sie meine Herrlichkeit nicht begreifen können. Aber jetzt trink erst mal, die Sonne geht schon unter.“

Er hatte Recht – natürlich. Mein Körper kribbelte bereits, weil die Wirkung des Tranks verklang. Mir war nicht mehr bewusst, dass nur dieses Gebräu mich davon abhielt in meinen Drachenkörper zurückzukehren. Ich nahm ihn, weil ich ein gehorsamer Sklave war, der den Willen seines Herrschers befolgte.

Wie in jedem Monat brannte der Trank in meiner Kehle und in meinem Körper und vernichtete dabei das zarte Pflänzchen meines eigenen Bewusstseins, das mir geblieben war und mutig immer wieder austrieb.



Mein Wunsch die Verräter im Kerker zu sehen wurde kleiner und ich stieg nur noch die moosigen Treppen hinab, weil mein Kaiser mir gesagt hatte, dass ich es tun könnte.

Mein Kaiser ließ alle seine Feinde immer schnell hinrichten und so befand sich niemand außer den beiden Verrätern in den Kellerzellen als ich sie erreichte. Kurz vor den Zellen nahm ich eine Fackel aus der Wand und blies mein Feuer daran, so dass sie sich rasch entzündete. Die Frau war allein in dem feuchten, vergitterten Raum. Anscheinend hatten die Wachen den Mann woanders eingesperrt oder sie verhörten ihn gerade.

Als sie das Aufflammen der Fackel sah, stürmte sie an die Gitter und dabei war so viel Freude in ihren Augen als sie mich erblickte. Aber schon nach wenigen Augenblicken wechselte es zu erstaunen.

„Du bist ein Mensch! Aber es ist Nacht! Du müsstest ein Drache sein!“

Ich musterte sie und erkannte, dass die Wachen sie nicht verletzt hatten. Einzig eine dunkle Rötung in ihrem Gesicht wies auf meinen Schlag hin. Dass ich sie geschlagen hatte, tat mir plötzlich leid. Sie war noch jung, beinah noch ein Mädchen. Was dachte sie von mir zu wissen?

„Wovon redest du?“

„Du selbst hast es mir erzählt und gezeigt, Okuon.
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Was ist mit dir geschehen?“ Vorsichtig strich sie mit ihrem Finger über meine Wange und die Berührung erzeugte eine tiefe Wärme in mir.

Ich war plötzlich unsicher, was ich fühlen und denken sollte. Also konzentrierte ich mich auf die Dinge, die ich ganz sicher wusste.

„Ich habe dir gesagt, dass mein Name nicht Okuon ist. Ich hatte keinen Namen bis mich der Göttliche Tumbai nannte.“

„Oh doch, du hattest einen Namen und sogar zwei Leben, die du in letzter Zeit mit mir und Orin verbracht hast. Wir sind Freunde.“

„Verräter am Kaiser können nicht meine Freunde sein“, warf ich ein. Wieso hörte ich einer Denunziantin überhaupt zu? „Erkläre mir, wieso du den Göttlichen verraten wolltest?“

„Was? Ich hatte nichts mit dem Kaiser vor.“

„Ich habe dich beobachtet. Du hattest etwas zu verbergen, du bist vor mir geflohen und du warst sehr aufgeregt.“

„Ich war aufgeregt, weil ich dich endlich gefunden hatte. Wir waren nur hier, um dich endlich wieder zu finden. Als du nicht wiederkamst… wir befürchteten…“ Ihre Stimme erstarb in leisem Schluchzen.

Ihr Weinen regte mein Herz, aber alles in mir hieß mich dem Urteil des Kaisers zu trauen. „Eine wirklich gute Geschichte.“

„Keine Geschichte, die Wahrheit und das weißt du auch, Okuon.“

„Nichts weiß ich. Aber du solltest wissen, dass mein Kaiser dich hinrichten wird.“

„Das würde mein Drachenretter nie zulassen.“

Entschieden blies ich die Fackel aus und ließ sie im Dunkeln zurück. Ihr Schluchzen wurde lauter und es tat mir weh. Trotzdem verließ ich sie.
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Punktestand der Geschichte:   385
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Kommentare zur Story:

  Ich freue mich schon jedes Mal auf eine Fortsetzung von dir. Der Kaiser also auch ein Drache. Hoffen wir mal, dass die Liebe Okuons Hörigkeit besiegen kann.  
   doska  -  09.11.09 11:44

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Mann, das ist aber eine Überraschung. Wer hätte so etwas vom Kaiser gedacht? Fies hatte ich ihn ja schon eingeschätzt, aber so fies nun auch wieder nicht. Aber jetzt wird mir so manches klar. Jetzt weiß ich zum Beispiel, wer damals zu Okuon gesprochen und ihm das Meeresungeheuer auf den Hals gehetzt hatte. Bin gespannt wie das Problem mit dem Getränk gelöst wird.  
   Petra  -  07.11.09 18:48

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Sehr spannend, toller Text. Mir gefällt auch immer wieder, wie du den Drachen in "Ich-Form" erzählen lässt. Ein schrecklicher Kaiser. Man fragt sich, wie sich Okuon da noch aus dem ganzen Schlammassel herauswinden wird.  
   Jochen  -  07.11.09 11:50

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