Die Zauberin von Vreen (9. Kapitel)   314

Romane/Serien · Fantastisches

Von:    Robin van Lindenbergh      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 16. Dezember 2007
Bei Webstories eingestellt: 16. Dezember 2007
Anzahl gesehen: 1450
Seiten: 12

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


9. Das Grian-stad-Oda



Noch 11 Tage bis zum Vollmond.



Nith, Hafgans Heimat und die Hauptstadt der Halbwesen, war eigentlich keine Stadt, wie man sich gemeinhin eine vorstellt. Ein hoher, spitzer Palisadenzaun umzäunte nur eine große Ansammlung von Bretterverschlägen und einfachen Zelte aus groben Stoffen. Überall in der Stadt brannten offene Feuer und an den Holzpalisaden sah man, dass es wohl schon öfter gebrannt hatte.

Das Land um Nith herum war karg. Nur wenige Krüppelkiefern standen in der flachen Heidelandschaft, wo das Land steil zum Meer abfiel. Kleine Strände erlaubten den Zugang zum Wasser, das sich hier tosend brach, nur um erneut anzugreifen. Dazu wehte ständig ein scharfer, kalter Wind über das Land und ließ die Luft salzig schmecken.

Ein hartes Land für harte Wesen, dachte Fiora, obwohl ihr dabei das gütige Gesicht Hafgans in den Sinn kam, der so überhaupt nicht in diese karge Landschaft hineinzupassen schien.

Viel mehr taten das die beiden Zentaurenwachen, die sie mit ihren scharfen Speeren bereits am Tor aufhielten. Trotz des eisigen Windes waren ihre menschlichen Oberkörper nackt und mit kunstvollen Symbolen in gelber und brauner Farbe bemalt. Es erinnerte an Kriegsbemalung.

„Halt, niemand reitet auf dem Rücken eines Tieres nach Nith ein“, befahl der erste.

Sie sahen ein, dass das für die Halbwesen etwas merkwürdig sein musste und saßen ab, aber die Wachen ließen ihre Speere immer noch nicht sinken.

„Mit welchem Begehr kommt ihr, als nicht zu unserer Art gehörende, nach Nith?“

„Wir kommen im Auftrag des großen Hafgan“, log Pelleas, obwohl Fiora sich sicher war, dass der alte Zentaurenzauberer nichts gegen diese Ausrede gehabt hätte. „Wir müssen zu Herrscherin Kryta.“

Die Antwort schien den Wachen zu genügen, denn sie ließen die Speere herunter und der jüngere von beiden bedeutete ihnen, ihm zu folgen, während der ältere am Tor zurückblieb.

In der Stadt war deutlich zu sehen, dass die Halbwesen ein Kriegervolk waren. Fiora hatte erfahren, dass sie mit Leonas’ Vorfahren Kestor in den Kampf gegen die Drachen gezogen und immer noch stolz darauf waren. Viele der Zelte schmückten Zeichnungen der blutigen Schlacht und in unzähligen Schmieden wurden ständig neue Rüstungen und Waffen gefertigt.
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Die Wache führte sie einmal quer durch die Stadt und Fiora musste feststellen, dass es hier gar keine Menschen gab, nicht einmal Kobolde oder Elfen, sondern ausnahmslos Halbwesen. Überall in den Straßen gab es Wesen, deren obere Körperhälfte zwar menschlich, deren untere aber die von den unterschiedlichsten Tieren war. Die meisten von ihnen trugen keine Kleidung oder nur leichte, lederne Brustpanzer, aber dennoch schienen es freundliche, rechtschaffene Leute zu sein, die ihnen zwar mit Vorsicht, aber nicht mit Unfreundlichkeit begegneten.

Endlich hielt die Wache an und ließ sie vor einer steinernen Treppe allein. Zwanzig, vielleicht mehr, flache Stufen führten hinauf zu einem langen, flachen Haus, das man aus grob behauenen Steinen errichtet hatte. Es schien das einzige Steingebäude Niths zu sein. Vom Aussehen her konnte man seine Funktion nur schwer erraten. Als Palast einer Herrscherin war es zu farb- und prunklos, was auch gegen eine sakrale Nutzung sprach. Aber die Halbwesen selber verhielten sich dem Gebäude gegenüber ehrfürchtig und so musste es doch mehr als nur ein einfaches Stadt- oder Rathaus sein.

Langsam stiegen sie die Treppen hinauf, nur um sich dort der nächsten Wache gegenüber zu sehen. Dieses Mal war es einer Mischung aus Löwen und Mensch und Fiora erwartete halb, der kräftige Mann mit dem sehnigen Raubkatzenkörper würde ihnen wie in der alten Sage ein Rätsel aufgeben. Lösten sie es, konnten sie eintreten, wenn nicht, würde der Sphinx sie zerfleischen. Sehr freundlich sah er jedenfalls nicht aus und betrachtete sie nur eine Weile lauernd.

„Wir wollen zu eurer Herrscherin, Hafgan...“ begann Leonas, aber der Wachmann winkte ab.

„Unsere Herrscherin weiß schon längst von eurer Ankunft, aber niemand betritt das Varii mit Waffen.“

Eilig legte Leonas sein Schwert ab und auch Tyra entledigte sich ihres Dolches, aber damit schien der Sphinx noch nicht zufrieden zu sein und deutete auf Leonas’ und Pelleas’ Zauberstäbe.

„Das sind keine Waffen, sondern magische Stäbe“, klärte Pelleas ihn auf.

„Waffe ist Waffe.“ Er würde sie zwar anscheinend nicht zerfleischen, aber dennoch ließ er keinen Zweifel daran, dass er keinen von ihnen einlassen würde, wenn sie seinen Befehlen nicht nachkamen.
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Leonas lenkte ein, lehnte seinen Stab gegen die Wand des Varii und bedeutete Pelleas dasselbe zu tun. Der murrte zwar etwas, denn er trennte sich nur äußerst ungern von seinem Stab, aber dieser war im Moment sowieso für ihn nicht von großem Nutzen. Endlich ließ man sie passieren.

Das Varii bestand nur aus einer einzigen großen Halle ohne Fenster, sodass das gesamte Licht von der Tür und einigen Fackeln an der Wand kam. Rechts und links des Mittelganges waren viele lange Holztische aufgestellt und ließen den Raum als eine große Cafeteria oder Uni-Mensa erscheinen. Es gab keine Teppiche, kein Gold und nur zahlreiche, auf Hochglanz polierte Schwerter und Schilde schmückten den Raum. Dazu kam ein großes Schlachtengemälde, das fast die gesamte linke Wand des Variies einnahm. Fiora betrachtete es und fröstelte, denn was dort abgebildet war, sah nicht gerade aus, wie eine hübsche Dekoration. Zahlreiche Halbwesen und andere Bewohner Vreens waren eben dabei mit drei Drachen zu kämpfen, die bereits endliche Wunden hatten, aus denen das Blut floss. Daneben gab es auf dem Bild aber noch drei Menschen, zwei Männer und eine Frau. Der eine Mann war jung, schwer gerüstet und sah tatsächlich Leonas etwas ähnlich. Es musste sein Vorfahr König Kestor sein, der damals den Drachenkönig getötet hatte. Die zwei anderen Menschen – ein alter Mann und eine ältere, aber immer noch schöne Frau beteiligten sich nicht direkt am Kampf mit den Drachen, denn sie rangen mit magischen Kräften. Das waren Morgain und der Merlin. Erschreckenderweise sah die Zauberin genau aus wie Igraine, ebenso abgrundtief böse und ebenso grausam. Der Gedanke ließ Fiora die Temperatur im Raum als eisig empfinden. Eilig löste sie den Blick von dem Gemälde und achtete lieber darauf, was vor ihnen lag.

Der große Mittelgang führte auf einen steinernen Thron zu, auf dem die Herrscherin Kryta ruhte. Sie war eine Hindin und von außergewöhnlicher Schönheit. Das Fell ihres Hirschkörpers war glatt und seidig und glänzte golden, was zu ihrem langen, goldblonden Haar passte, das ihr schmales Gesicht umrahmte. In gebührendem Abstand vor ihr blieben die Reisenden stehen.

„Lady Fiora, es ist schön, dich wieder gesund zu sehen.
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Prinz Leoniases, Meister Pelleas“, begrüßte Kryta die Ankömmlinge mit einem Kopfnicken.

Auf dem Weg hierher hatte Leonas Fiora viel von Kryta erzählt, obwohl sie sich eine wesentlich ältere Frau vorgestellt hatte. Das Wesen vor ihr schien nach ihren Maßstäben höchstens Mitte dreißig zu sein und doch war sie eine der mächtigsten Frauen Vreens. Jedes Halbwesen Vreens folgte ihren Befehlen blind und so war es sehr wichtig, dass das Königshaus Vreens und der Magierrat eine äußerst enge Beziehung mit ihr pflegte. Außerdem hatte Leonas zu berichten gewusst, dass sie eine große Zahl Spione und Kundschafter auf der ganzen Insel hatte. Ein Agentennetz, das ihr auch noch die unwichtigsten Kleinigkeiten mitteilte. Kryta wusste daher alles und meistens mehr, als sie sich anmerken ließ.

Erst jetzt wandte sie sich an Tyra. „Nur über dich konnte man mir nichts berichten, Hexe.“

„Ich bin Tyra. Ich bin, nein ich war die Hexe von Kar“, stellte sie sich vor.

Die Hindin begann zu lachen. „Von dir habe ich gehört. Du warst es doch, die dem Stadthalter von Kar einen Ringelschwanz verpasst hat.“

Tyra schien es etwas unangenehm zu sein, bewies es aber wie gut Kryta im Bilde war.

„Das war nicht meine Schuld. Schließlich bin ich erst seit Kurzem auf mich allein gestellt. Dieser miese Zwerg wollte etwas Potenzsteigerndes und das hat er ja auch bekommen. Was kann ich denn für die Nebenwirkungen?“ gab Tyra zu.

Die Herrscherin war augenscheinlich mit dieser Antwort ganz zufrieden, obwohl es Fiora schien, als hätte sie die Geschichte schon gekannt. Endlich hörte sie auf zu lachen. „Man sagte mir, Hafgan schickt euch zu mir?“ Ihr Ton verriet, dass sie auch schon wusste, dass das nicht stimmte.

„Nicht ganz“, räumte Leonas ein, „aber die Zeit drängte etwas. Tatsächlich braucht Königin Charis Eure Hilfe. Sie wurde versteinert und kann nur mit der Macht Eures heiligen Erdsteins erlöst werden.“

„Wir bräuchten ihn nur kurz und würden ihn dann sofort wieder Hafgan übergeben“, ergänzte Pelleas.

Die Herrscherin erhob sich langsam von ihrem Thron und stand nun in ihrer ganzen Erhabenheit vor ihnen. „Ihr wisst, dass das Volk der Halbwesen den Königen von Vreen immer treu zur Seite gestanden hat und den Magiern vertrauen wir völlig, aber leider liegt euer Anliegen nicht in meiner Macht.
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„Aber in wessen Macht liegt es dann, wenn nicht in Eurer?“ fragte Leonas, bereit alles Nötige zu tun.

„Ùir-Clach gehört nicht mir, nicht ich habe über ihn zu entscheiden“, fuhr die Hindin fort. „Jedes Jahr zu Grian-stad – dem Sonnenwendfest – veranstalten die Frauen unseres Volkes ein großes Rennen. Der Siegerin gebührt der Stein und sie trifft die Entscheidungen über ihn.“

„Wen müssen wir denn dann nach dem Stein fragen?“ wollte Fiora wissen. Kryta schien es ausnehmend gut zu gefallen, sich alle Informationen einzeln entlocken zu lassen.

„Zurzeit niemanden. Morgen ist Grian-stad und am frühen Morgen beginnt das Rennen. Erst danach hat der Ùir-Clach wieder eine Besitzerin. Ich fürchte nur, nicht jede unseres Volkes wird ihn euch so einfach überlassen. Bleibt und wartet ab, seid meine Gäste.“

Mit diesen Worten waren sie anscheinend entlassen.



Als sie wieder hinaus vor das Varii traten, bemerkte Fiora, dass die Vorbereitungen für das Fest tatsächlich bereits begonnen hatten. Die sonst so spartanischen Halbwesen schmückten die Straßen mit Fahnen und Girlanden. Grian-stad war ihr höchstes Fest, weil der Sonnenwendtag zufällig auch der Jahrestag der siegreichen Schlacht gegen die Drachen war. Viele Halbwesen waren aus ganz Vreen wegen der Feiern nach Nith gekommen. Leider war Hafgan wegen Igraine in Vreen geblieben. Wahrscheinlich wäre es dem Obersten Magier sehr viel leichter gefallen, die Siegerin zu überzeugen.

Die Herrscherin hatte ihnen ein einfaches Zelt in der Nähe des Palisadenzauns zugewiesen, in das die Sphinxwache sie nun führte. Schwerer Wein und leicht angedünstetes Gemüse waren für sie bereitgestellt worden, schließlich waren die Halbwesen trotz ihrer Kriegslust zumeist Vegetarier. Fiora und Tyra waren hungrig und müde, obwohl es erst Mittag war, denn der Ritt von Tahat hierher hatte zwar nur einen knappen halben Tag gedauert und sie hatten in Hosk übernachtet, aber nicht sehr komfortabel in einer alten Schutzhütte. Zudem hatte es die halbe Nacht gewittert, gestürmt und sogar gehagelt. Viel zu oft war der Blitz ganz dicht neben der Hütte eingeschlagen.
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Fiora dachte nach. Was sollte werden, wenn die Siegerin des Rennens nicht bereit war, ihnen den Stein zu überlassen? Schließlich hatte sie schon genug Wesen in Vreen erlebt, die sich nicht um das Wohl der Königin scherten. Sie sprach ihre Bedenken laut aus.

„Wir können nur hoffen, dass die Richtige gewinnt“, sagte Leonas resignierend.

„Oder wir sorgen dafür, dass die Richtige gewinnt“, meinte Pelleas plötzlich und grinste.

„Du hast einen Plan, mein Freund?“ freute sich Leonas.

„Ja, obwohl ich nicht glaube, dass er dir gefällt. Fiora müsste das Rennen gewinnen.“

„Ich?“ wunderte sich Fiora. Meinte der Kobold das ernst? „Ich bin doch nicht einmal ein Halbwesen.“

„Habe ich dir denn gar nichts beigebracht“, entrüstete er sich. „Du kannst alles sein, was du willst.“

Er hatte ja Recht. Wozu war sie eine Magierin, wenn sie nicht einmal ein einfaches Wettrennen gewinnen konnte? Die Idee war großartig.

Leonas sah das anscheinend anders. „Keine Chance. Du machst da nicht mit. Die Halbwesen sind Krieger, das ist bestimmt kein einfaches Wettrennen und außerdem bist du das Laufen mit vier Beinen doch gar nicht gewohnt, geschweige denn das Rennen. Ich sage, wir warten ab.“

„Und ich sage, ich mache es. Basta!“ Leonas hatte keine Chance.



Früh am nächsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang, ging Fiora mit Pelleas aus der Siedlung. Niemand musste erfahren, was sie vorhatten. Leonas hatte beschlossen sich die Rennstrecke anzusehen, Tyra schlief noch und Fiora hatte sie nicht wecken wollen, schließlich brauchten sie die Hexe nicht.

Kaum waren die anderen weg, erwachte Tyra. Aber nicht, weil sie allein war, sondern das Gegenteil war der Fall. Jemand war in ihrem Zelt, der nicht dorthin gehörte. Sie öffnete die Augen und vor ihr stand eine Fremde, deren ganzer Körper von einem langen schwarzen Mantel bedeckt war, nicht einmal ihr Gesicht konnte man erkennen.

Tyra verfluchte sich. Hatte sie doch gedacht, bei den Halbwesen, die Geld bekanntlich ablehnten, sicher zu sein. Viel zu offen, hatte sie dieser hochnäsigen Hindin alles erzählt. Aber einfach würde sie es der Kopfgeldjägerin nicht machen.
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Rasch zog sie ihren Dolch.

„Bleib ruhig“, sagte die Fremde und mit einer ihrer Handbewegungen flog der Dolch aus Tyras Hand.

„Du weißt nicht, mit wem du dich anlegst“, warnte sie.

„Ganz im Gegenteil. Ich weiß genau, wer du bist, Tyra, Hexe von Kar. Aber keine Angst, ich habe es nicht auf das Kopfgeld abgesehen. Ich schlage dir ein Geschäft vor, dass dir bei all deinen Problemen helfen wird.“

Das klang doch mal interessant.

„Sprich weiter, ich höre zu.“



„Ich weiß schon, ich weiß schon“, unterbrach Fiora den Kobold, bevor er auch nur etwas sagen konnte. „Konzentrieren und daran denken, wie es ist. Kein Problem.“ Pelleas nickte.

Sie versuchte es. Schließlich war es ihr schon einmal gelungen und wer weiß, wie viele Male vorher schon. Sie schloss die Augen und versuchte sich zu konzentrieren. Wahrscheinlich war ein Zentaur die richtige Wahl, denn sie waren schnell wie Rennpferde. Sie stellte sich vor, wie sie mit donnernden Hufen über die Weiten von Vreen dahinflog, wie sich der Wind in ihrer Mähne fing.

Als sie die Augen wieder öffnete, merkte sie, dass sie übertrieben hatte, denn sie hatte sich nicht in einen Zentauren, sondern in ein Pferd verwandelt.

Pelleas begann zu lachen, wofür er sich einen bitterbösen Blick einfing, der ihn augenblicklich verstummen ließ. „Versuch es einfach noch mal, du schaffst das schon.“

Sie wollte ihm antworten, aber nur ein hohes Wiehern entkam ihrer Kehle. Jede Faser ihres Körpers war die eines Pferdes. Einen Moment lang wurde sie panisch, dass sie für immer so bleiben könnte, zwang sich dann aber zur Ruhe und Konzentration. Der zweite Anlauf klappte dann auch wesentlich besser. Als sie dieses Mal die Augen öffnete war sie tatsächlich eine Zentaurin – von der Hüfte abwärts kein Mensch mehr, sondern eine rotbraune Stute.

„Es hat geklappt“, jubelte sie und versuchte ein paar Schritte zu gehen, aber leider hatte Leonas Recht gehabt, das Gehen mit vier Füßen war nicht so einfach und sie stolperte.

Ein helles Kinderlachen war plötzlich zu hören und hinter einem Busch entdeckte Pelleas ein kleines Zentaurenmädchen mit schwarz, weiß geschecktem Fell und braunen Zöpfen. Nach menschlichen Maßstäben wäre sie fünf, vielleicht sechs, gewesen.
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Ihr Gesicht war voll und rund und zeigte noch deutliche Ansätze von Babyspeck, aber trotzdem fühlte sie sich wohl schon sehr erwachsen.

„Du bist eine Zauberin“, stellte die Kleine mit einem Blick auf Fiora fest.

„Ja, das stimmt“, antwortete sie und versuchte noch ein paar Schritte zu gehen, verwechselte aber wieder die Beine.

Die Kleine brach erneut in Lachen aus. „Du machst das ganz falsch“, sagte sie und zeigte Fiora, wann sie welches Bein benutzen musste. Nach ein paar Minuten ging es richtig gut.

„Willst du beim Oda mitlaufen?“ fragte die Kleine neugierig.

„Ich muss es sogar gewinnen, weil ich jemandem helfen will“, erklärte Fiora ihr. „Läufst du auch mit?“

„Nein, ich bin doch noch zu jung. Meine Mami läuft aber mit, sie ist sehr schnell. Ich bin Hanja und wer bist du?“

„Ich bin Fiora und das ist mein Freund Pelleas“, stellte sie vor. „Er ist auch ein Zauberer, aber im Moment kein sehr guter.“ Der Kobold hatte schließlich noch eine Strafe, wegen des Auslachens verdient.

„Hey“, empörte er sich, aber Hanja lachte.

In diesem Moment erklang das Hornsignal, das die Teilnehmer zum Rennen rief. Fiora hoffte nur, dass sie schnell genug sein konnte.



Nith lag an der Ostküste Vreens, direkt an steilen, steinigen Klippen. Hier herrschte fast immer ein raues Klima und meist wehte ein starker Wind, der vom Meer her kam und der sich erst an den entfernten Bergen brach. Hier über der Ebene gab es nur ein paar lichte Kiefernwälder und wenige Gewächse, die sich der Witterung angepasst hatten.

Der Lauf sollte einmal durch den Wald und dann an den felsigen Klippen entlang und zurück zur Stadt ausgetragen werden. Für einen Menschen ein sehr langer Parcours, aber die Halbwesen waren ausdauernder als sie. An der Startlinie hatten sich bereits eine ganze Reihe von ihnen eingefunden, ausnahmslos Frauen: zwei Satyrinnen, deren kurze Ziegenbeine aber keinen Sieg versprachen, eine Gruppe Zentaurinnen, Hindinnen und verschiedene andere, die Mischungen aus Antilope, Reh oder Zebra zu sein schienen. Die Herrscherin Kryta ruhte auf einem steinernen Thron, von dem aus sie die ganze Rennstrecke übersehen konnte. Vor ihr stand ein orangebrauner, leuchtender, faustgroßer Stein auf einem Sockel, Ùir-Clach, der Erdstein.
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Der Sage nach, hatte sich das Herz des Drachenkönigs in diesen Stein verwandelt, nachdem Kestor ihn getötet hatte. Zum Dank für ihre Hilfe hatte er ihn der damaligen Herrscherin der Halbwesen geschenkt.

Ihre Nachfolgerin lachte, als sie Fiora bemerkte. „Du kannst gerne teilnehmen, Lady Fiora, aber auf eigene Gefahr und nur unter der Bedingung, dass du deine Magie nicht einsetzt.“

Fiora war einverstanden und froh, dass die Herrscherin allem Anschein nach nicht wusste, dass es mit ihrer Magie im Moment nicht sehr weit her war. Allerdings war das auch kein Wunder, denn die Magier und der gesamte Königshof hatten dafür gesorgt, dass ihr Verschwinden nicht allgemein bekannt geworden war. Offiziell war sie ja schwer krank gewesen.

Ein zweites Hornsignal ertönte und das Rennen begann. Der Waldboden, der das erste Teilstück bildete, war geradezu ideal für Pferdehufe und Fiora überholte bereits nach kurzer Zeit die beiden Satyrn und kurz danach das Mittelfeld. Als sie den lichten Wald verließen, sah sie, dass sie tatsächlich nur noch zwei Hindinnen und eine Zentaurin vor sich hatte. Sie konnte es schaffen, sie würde gewinnen, für Charis. Eilig legte sie noch an Geschwindigkeit zu und überholte auf dem freien Stück bis zu den Klippen die beiden Hindinnen. Sie lag nur noch eine Schweiflänge hinter der Führenden.

Die meisten Zuschauer hatten es vorgezogen kurz vor der Ziellinie in der Stadt Aufstellung zu nehmen. Gerade in diesem Moment befand sich Fiora zusammen mit der Führenden, einer schwarzfelligen Zentaurin, außer Sichtweite der Stadtbevölkerung. Vor ihr fiel das Land über die Klippen etwa 200 Meter steil zum Meer ab. Trotzdem waren die beiden Läuferinnen keineswegs allein, denn ein paar Zuschauer gab es hier. Direkt vor ihnen stand ein hohes Felsgebilde, durch jahrhundertlange Witterungseinflüsse aus dem Stein geformt. Ein wunderbarer Aussichtspunkt um die ganze Rennstrecke zu überblicken und das schienen sich auch ein paar Kinder gedacht zu haben. Fünf oder sechs von ihnen waren auf den Felsen geklettert und aus dem Augenwinkel erkannte Fiora auch Hanja unter ihnen. Das kleine Zentaurenmädchen hatte sich besonders weit vorgewagt und hüpfte dabei voller Übermut auf und ab.
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Eine Schweiflänge trennte Fiora immer noch von der Führenden und leider musste sie feststellen, dass der Abstand immer größer wurde. Leonas hatte recht gehabt, sie war das Rennen nicht gewohnt und fiel immer weiter zurück. Ihre Lungen brannten und mit jedem Schritt wurde es schwieriger. Sie waren jetzt kurz vor der Wendemarke und die schwarze Zentaurin hatte diese bereits erreicht und setzte mit donnernden Hufen ihren Weg Richtung Stadt fort. Fiora musste sich rasch etwas einfallen lassen, wenn sie noch gewinnen wollte. Sie konnte es schaffen, sagte sie sich, wenn sie nur ihre Kraftreserven mobilisieren konnte.

Noch einmal fiel ihr Blick auf Hanja, denn der Felsen lag direkt vor ihr. Immer noch sprang das Mädchen auf und ab, aber plötzlich brach ein großer Teil des Steins unter ihr ab. Sie verlor den Halt und rutschte in die Tiefe auf das tosende Meer zu.

Fiora überlegte nicht lange und änderte den Kurs. Das Rennen würde sie zwar verlieren, aber das war egal, sie musste die Kleine retten. Ohne darüber nachzudenken, was sie da tat, hob sie die Hand und ließ die Magie fließen. Das kleine Mädchen wurde in sanftes, grünes Licht getaucht und schwebte unbeschadet wieder auf sicheren Boden.

Jeder Muskel in Fioras Körper begann zu zittern, sie musste sich setzten. Die ungewohnte Bewegung und die starke Magie verlangten ihren Tribut. Sie fühlte sich elend und schwindelig. Keine Frage, das Rennen hatte sie verloren und damit auch die beste Chance auf Charis’ Rettung.

Als sie sich umdrehte, fiel ihr auf, dass ihre Rettungsaktion nicht unbemerkt geblieben war. Fast alle nachfolgenden Läuferinnen waren stehen geblieben und hatten alles mit angesehen. Kurz keimte in Fiora Hoffnung auf, dass vielleicht auch die Führende auf sie gewartet hatte, aber in dieser Sekunde verkündete ein weiteres Hornsignal das Ende des Odas. Sie hatte verloren.

Kaum eine Minute verging, bevor eine große Traube der Zuschauer ihnen aus der Stadt entgegen kam. Auch Pelleas und Leonas waren da und eilten sofort zu ihr, als sie Fiora auf dem Boden kauernd sahen.

„Ist dir was passiert? Bist du verletzt?“ fragte Leonas ganz aufgeregt.

„Ich habe versagt“, schluchzte Fiora und versteckte ihr Gesicht an seiner Brust.

„Was ist denn passiert?“ wollte nun auch Pelleas wissen.
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„Das möchte ich aber auch hören.“ Kryta hatte sich ihren Weg durch die Menge gebahnt. „Das hat es noch nie gegeben, dass beim Grian-stad-Oda nur eine Läuferin durch das Ziel kommt.“

Neben sie war eine große, schwarzfellige Zentaurin getreten. Ihr langes, schwarzes Haar klebte schweißig an ihrem Gesicht und sie atmete schwer. Auch sie starrte Fiora an, dann wanderte ihr Blick aber zu Hanja, die immer noch unter Schock zu stehen schien. Sie hatte sich nicht von dem Fleck wegbewegt, an dem Fiora sie abgesetzt hatte.

„Hanja!“ rief die Zentaurin erschüttert. „Bei den Göttern, fehlt dir was?“ Eilig rannte sie zu dem Mädchen und umarmte sie stürmisch, befühlte Arme, Beine und den Kopf, um zu sehen, ob es der Kleinen gut ging.

Endlich löste sich die Erstarrung des Mädchens. „Mami. Sei nicht böse, aber ich bin auf den Felsen geklettert und plötzlich bin ich heruntergefallen“, berichtete sie unter Tränen.

Noch einmal überprüfte die Mutter ihre Tochter. „Aber du bist gar nicht verletzt.“

„Sie“, Hanja deutete auf Fiora, „ist eine Zauberin. Sie hat mich gerettet.“

Mit verwundertem Blick sah die Zentaurin auf Fiora. „Aber du warst doch direkt hinter mir. Warum habe ich es nicht gesehen?“

Jetzt erst erkannte Fiora in ihr ihre Rivalin. „Du warst schon hinter der Wendmarke“, erklärte sie der anderen.

„Aber du hättest gewinnen können. Niemand hat mir bislang so ein hartes Oda geliefert wie du.“

Fiora nickte und fühlte sich erneuet ganz elend.

„Hätte sie nicht“, mischte sich Kryta nun zur allgemeinen Verwunderung ein. „Ich hatte dir gesagt, Lady Fiora, dass du deine Magie nicht einsetzten darfst. Ich muss dich disqualifizieren und erkläre hiermit Lynja zur Siegerin.“

Der Jubel, der nun ausbrach, war bei weitem nicht so laut, wie er sein sollte. Endliches Murren war zu hören und viele meinten, unter diesen Umständen sollte das Oda wiederholt werden. Kryta blieb hart.

„Lynja hat nach allen Regeln gewonnen und nur ihr allein steht der Stein zu. Sie hat nun zu bestimmen, was damit werden soll. An sie müsst ihr nun eure Bitte richten, Lady Fiora.“

„Um was handelt es sich?“ erkundigte sich Lynja sofort.
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„Wir brauchen den Erdstein, um das Leben von Königin Charis zu retten“, erklärte Fiora. „Könntest du ihn uns für ein paar Tage ausleihen?“

„Nun ja“, begann die Zentaurin. „Eigentlich steht der Stein ja nur mir zu“, – Fiora wurde blass – „aber, du hast mein Fohlen gerettet und mir damit ein viel größeres Geschenk gemacht.“ Sie begann zu lächeln. „Natürlich könnt ihr den Stein bekommen. Unter einer Bedingung.“

„Nenn sie“, forderte Fiora sie auf. Sie würde alles tun.

Lynjas Lächeln wurde breiter. „Du kehrst nächstes Jahr zurück und wir beenden das Oda, das wir heute begonnen haben.“

Fiora stand langsam auf und brachte einen letzten Rest Kraft auf, um sich wieder in einen Menschen verwandeln zu können. „Einverstanden, dann habe ich ja noch wenigstens etwas Zeit vorher zu trainieren.“

Lauter Jubel brach aus, denn mit dieser Übereinkunft waren alle zufrieden. Ein Blick in Krytas Augen verriet Fiora sofort, dass sie mit diesem Ausgang gerechnet hatte. Kryta wusste alles, was in Nith und Vreen vorging.



Eigentlich wollte Leonas so schnell wie möglich weiter nach Edyn, schließlich drängte die Zeit, aber die Herrscherin von Nith ließ sie nicht gehen, denn am Abend war ein berauschendes Fest angesetzt. Die Halbwesen feierten und bis tief in die Nacht war das Land erfüllt von Musik, Lachen, dem Stampfen von tanzenden Hufen und Pfoten und dem Geruch von Met und köstlichem Essen.





!! Achtung: Kapitel 10 steht nicht in der Kategorie Phantastisch (Mein Fehler)!!
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Kommentare zur Story:

  Wieder schön geschrieben. Doch irgenwie geht mir alles zu glatt.  
UweB  -  18.12.07 12:33

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