Schauriges · Kurzgeschichten

Von:    ThiloS      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 5. September 2007
Bei Webstories eingestellt: 5. September 2007
Anzahl gesehen: 12592
Seiten: 6

Peter hasste diese Wohnung. Diese miese Absteige. Dieses gammelige Loch aus dem ausgehenden 19ten Jahrhundert. Dieses kombinierte Wohnschlafzimmer. Aber es war die einzige Wohnung, die er sich von seinem Studenteneinkommen leisten konnte und wollte. Er war sparsam. Da nahm er den Dreck im Treppenhaus, den Müll im Hof, die undichten Fenster und die schmuddelige Umgebung eben in Kauf.



Am meisten aber hasste er die Wände. In ruhigen Nächten konnte er seinen Nachbarn schnarchen hören. Oder seine Fernsehsendungen mitverfolgen. Oder seine beschissene Marschmusik mithören. Heute allerdings drangen weit angenehmere Geräusche durch die Schlafzimmerwand. Sein Nebenbewohner hatte sich anscheinend irgendeine Schlampe aufgerissen oder auf dem Strich angeheuert. Der alte Knabe schien jedenfalls Spaß zu haben. Peter hörte ihn stöhnen und keuchen, dazwischen die leisen Schreie einer Frau, gelegentlich konnte man sogar die Federn der Matratze quietschen hören. Wirklich verdammt dünne Wände. Irgendeine Trockenbauscheiße, die der Besitzer wohl in den 80ern mal hatte einziehen lassen, um aus einer kleinen Wohnung zwei winzige Wohnungen zu machen.



Peter legte sein Buch mit dem sperrigen Titel „Anazyklisches Verhalten von Säuren und Gasen“ auf den Boden und wälzte sich in seinem Bett herum. An Lernen war bei den Geräuschen da eh nicht zu denken. Er streckte sich lang aus, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und überlegte sich, ob es Sinn machen würde, ein wenig zu dem Gekeuche hinter der Wand zu masturbieren. Verdammt, er musste morgen früh raus, um pünktlich zu seinem Job in dieser stinkenden Molkerei zu kommen.



Das Stöhnen aus dem Nebenraum wurde heftiger. Anscheinend hatten die beiden da hinter der Wand einen guten Ritt. Er griff sich mit der Rechten in den Schritt seiner Boxershorts. Hörte, wie sein Nachbar, dieses fette schmierige Schwein mit den Geheimratsecken und dem widerlichen Mundgeruch, immer lauter wurde und dann anfing „Oh mein Gott, oh mein Gott“ zu ächzen. Dazwischen die kieksenden Schreie seiner Bettgespielin. Nein, an eine kleine Gute-Nacht-Masturbation war bei der Vorstellung, wie dieser hässliche Watz auf irgendeiner Schickse seine Aerobic-Übungen durchführte, nicht zu denken.



„OH MEIN GOTT“. Dann Stille.
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Anscheinend war die fleischgewordene Monströsität auf der anderen Seite fertig. Gut so. Dann würde er jetzt schlafen können. Oder sich noch einmal mit seinen Säuren und Gasen beschäftigen.



„Berny?“ das war die Stimme der Frau. „Berny?“ Nanu? War Berny weggegangen? Jetzt lauter: „Berny? Berny?“ Für Peters Geschmack klang die Frau eindeutig nicht befriedigt. Eher irgendwie - panisch. „Berny? BERNY! Verdammt, wasisnmitdir?“ Peter setzte sich auf. Irgendetwas war da wohl nicht in Ordnung. Ganz und gar nicht in Ordnung. Er legte sein Ohr an die Wand und kam sich einen Moment wie ein lächerlicher Spanner vor. „BERNY, VERDAMMTE SCHEISSE, MACH KEIN´N MIST!“ Eindeutig. Die Frau hatte Panik. „NEIN, HILFE, BITTE NICHT, NEIN, SCHEISSE, BITTE NICHT“ und dann ein lauter, kreischender Schrei.



Peter schnellte aus dem Bett, stolperte durch den kurzen Flur, riss die Eingangstüre auf und stürzte zur Wohnungstüre seines Nachbarn. Drinnen hörte er die Frau hysterisch kreischen und schluchzen. Er rüttelte an der Klinke. Abgeschlossen. Natürlich. Er nahm einen kurzen Anlauf, rannte gegen das Holz und fiel krachend mitsamt der Türe in die Wohnung. „Mit der Tür ins Haus fallen“ schoss es ihm durch den Kopf.



Er rappelte sich auf. Ein bizarrer Anblick. Auf dem Bett lag eine splitternackte Frau, die mit Handschellen an das Stahlgestänge des Bettes gekettet war, auf ihr, wie ein nacktes, weißes, haariges fettes Schwein, Berny, die Arme grotesk wie Jesus am Kreuz gespreizt. Sehr deutlich war ein Ekzem unter seinem linken Arm zu sehen. Abartig. Es stank entsetzlich nach Urin, Schweiß und ungewaschenen Eiern. Das Gesicht der Frau, voller Tränen und Rotz und mit panisch geweiteten Augen. Sie schluchzte und heulte und lag in ihrer Pisse, die sie anscheinend vor Angst entleert hatte.



Peter ging auf das Bett zu und fasste ihr an die Stirn. „Ist er…? Ist er…?“ schluchzte sie. Peter packte Berny und wälzte den Koloss von der Frau. Seine Glieder waren leblos wie die einer Marionette. Der Fleischklops plumpste aus dem Bett und schlug mit einem widerlichen Klatschen auf dem Boden auf. „Er hat es hinter sich“ hörte er sich zu seinem eigenen Erstaunen sagen. Das Bild brannte sich in sein Gehirn. Berny, fett, körperbehaart wie ein Gorilla, weiß wie ein Blatt Papier, noch mit halb erigiertem Penis und glasigen Augen auf dem dreckigen Dielenboden vor dem Bett.
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Peter hätte in seinem Gesicht fast ein Grinsen erwartet, aber der Ausdruck sprach eher für Entsetzen. Bernys Lippen waren blau angelaufen. Anscheinend Herzinfarkt. Peter stand nur da, betrachtete den Toten. Seine Gedanken flitzten in alle Richtungen, bis er sich des gefesselten, schluchzenden Elends da auf dem Bett besann.



„Die Schlüssel! Wo sind die Schlüssel?“ fragte er. „Da, auf dem Nachschram…“ Ein leises Winseln. Peter nahm die Schlüssel von der Nachttischkommode und schloss die Handschellen auf. Die Frau blieb trotz der geöffneten Fesseln noch in ihrer Position und wimmerte. Er schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. „Kommen sie zu sich.“ Sie hörte abrupt auf und sah ihn an. „Hahamduch“ schluchzte sie.



Peter ging in das zu seiner Wohnung seitenverkehrte Bad, riss ein Duschhandtuch von der Handtuchstange und warf es ihr zu. Sie wickelte sich immer noch schluchzend ein und blieb auf dem Bett liegen, die Beine schamhaft angezogen. „Wawas jetzt?“ fragte sie. „Zuerst einmal zu mir. Ich wohne nebenan.“



Er reichte ihr seine Hand, die sie zaghaft ergriff, immer bedacht, dass das Handtuch nicht verrutschte und ließ sich von ihm aus dem Bett ziehen. Gemeinsam gingen sie in seine Wohnung, die Frau etwas hinter ihm mit leise trippelnden Schritten.



Er schloss die Türe. „Ich mache Ihnen jetzt erst einmal einen Tee“ sagte er. „Die Dusche – na, sie kennen sich ja aus.“ Die Frau nickte nur kurz, wischte sich mit der linken Hand etwas Rotz von der Nase und verschwand im Badezimmer. Während Peter das Wasser im Wasserkocher bewachte, lauschte er dem Rauschen der Dusche. Was für eine schizophrene Situation. Nebenan lag sein Nachbar, der sich mit seinem Fischstäbchen zu Tode gefickt hatte, mit halbem Ständer und blauen Lippen, während sein Todesurteil unter seiner Dusche stand und sich einseifte. Ein Pulk von Fragen drehte sich in seinem Kopf. Was jetzt?



Der Wasserkocher schaltete sich brodelnd mit einem leisen „klack“ ab. Peter füllte einen Becher („Sukkubus – The Back From Hell-tour 2007“) und warf einen Teebeutel hinein. Das Rauschen der Dusche hatte aufgehört. Vorsichtig balancierte er die Tasse aus der Kochecke in sein kombiniertes Wohnschlafzimmer und stellte sie auf dem Couchtisch ab.
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Er hatte gerade in einem der beiden verschlissenen Sessel Platz genommen, als die Frau aus der Badezimmertür trat.



„Ich habe mir Ihren Morgenmantel ausgeliehen, ich hoffe, das geht in Ordnung.“ Peter sah sie an. Sie schien sich merklich beruhigt zu haben. Er schätzte sie auf Mitte 20, brünettes, leicht gelocktes Haar und tiefgrüne Augen. Ein etwas südlicher Teint. Eine sehr schöne Frau. Mit einer, soweit er es unter dem Frottee des Bademantels erahnen konnte, tollen Figur. Wie kam so ein schmieriger alter Sack wie der verblichene Berny zu einer solchen Frau? Sie setzte sich auf den anderen Sessel, zog die Beine an und nahm vorsichtig den heißen Teepot und nippte daran.



„Er ist tot, nicht wahr?“ Sie sagte das in einem Tonfall wie „heute regnet es, nicht wahr?“ Peter faltete die Hände und nickte. „Ja. Herzinfarkt, so, wie es aussieht.“ Er schaute zu Boden, wie er selbst feststellte, um nicht sie ansehen zu müssen. „Scheiße!“ entgegnete sie.



„Ich denke, wir sollten die Polizei rufen.“ Er sah die Frau an, sah in ihre tiefen, grünen Augen und spürte, wie sein Penis erigierte. Sie schüttelte den Kopf. „Bitte nicht, das würde mich in große Schwierigkeiten bringen.“ Peter war verblüfft. „Aber wir können ihn ja schlecht da drüben liegenlassen.“ „Nein“ sagte sie „aber wenn Sie die Polizei rufen, dann habe ich ein Problem.“ Sie tippte mit ihren gepflegten Fingernägeln auf die Teetasse. „Ich bin verheiratet und wenn mein Mann herausfindet, was ich getan habe, dann bringt er mich um.“



„Sagen Sie…“ Peter stellte erstaunt fest, dass er tatsächlich jetzt eine Erektion hatte „es geht mich ja nichts an, aber wie kommt es, dass Sie und Berny…“ Sie lächelte überraschend. Ein katzenhaftes Lächeln. „Internet. Wir haben uns über das Internet kennengelernt. Ein Forum.“ Als ob das alles erklären würde. Sie stellte die Tasse ab. „Ja, aber dass Berny Ihr Typ ist…“ „Ich war sein Typ, das alleine zählte.“ Wieder dieses Lächeln. Ihre Zähne waren blitzweiß. Plötzlich sackte sie wieder in sich zusammen, ließ die Schultern nach vorne fallen, wodurch der Morgenmantel einen Blick auf ihre Brüste freigab.
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„Jedenfalls danke ich Ihnen für Ihre Hilfe“ sagte sie tonlos.



Peter starrte wie gebannt in den Ausschnitt des Morgenmantels. Sie sah zu ihm auf. Ihre Augen schimmerten feucht. „Ich könnte jetzt etwas Trost gebrauchen.“ Sie schniefte. „Und meine Sachen habe ich auch noch drüben.“ Peter stand auf und setzte sich auf die Armlehne ihres Sessels. Wie selbstverständlich legte sie den Kopf an seine Brust. Er schlang den linken Arm um sie. „Die holen wir später“ sagte er und streichelte über ihr Haar, das überraschend gut roch. Er drückte sie an sich und spürte, wie sie nickte. Er legte seinen Kopf auf den ihren und genoss ihren Geruch. Er musste größenwahnsinnig sein, zu glauben, dass eine solche Frau, nach all dem, was sie gerade erlebt hatte…



Er merkte, wie eine Hand in seine Shorts griff und sein erigiertes Glied umfasste. Verdammt, während sie hier beide ihre Warteschleife auf das Kommende drehten, schien sich die Frau bei ihm auf ihre Art bedanken zu wollen. Ihr Kopf sank tiefer in seinen Schoß. Er spürte das Muskelspiel ihrer Lippen und ihrer Zunge, spürte ihre Wärme, ihren Geruch, spürte sie.



Sie hob den Kopf, ohne ihre Hand von seinem Penis zu nehmen, rutschte zur Seite und zog ihn so in den Sessel. Er streifte ihr den Morgenmantel ab, genoss den Blick auf ihren nackten Körper, auf diese wunderbaren, vollen Brüste mit den erigierten Spitzen und das leicht gekräuselte Schamhaar zwischen ihren Beinen. Sie war mit Abstand die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Ihre Lippen umschlossen seinen Mund, als sie sich auf ihn setzte und er in sie eindrang. Verdammte Hacke, sie ritt ihn, das Luder ritt ihn. Ritt ihn mit wilder Finesse. Ritt ihn mit wilder Leidenschaft. Er knetete ihre Brüste, küsste die Nippel, sie stöhnte, sie schrie, sie war heiß, sie war feucht, sie war geil, sie war BLOND. Sie war vorhin auf dem Bett BLOND gewesen! Peter riss den Kopf von ihren Brüsten, sah ihr ins Gesicht. Sah in eine dämonische Fratze mit gelben Augen, aus dessen scharfzähnigem Maul eine schwarze, gespaltene Zunge ihm entgegenzüngelte, deren fauliger Gestank ihm den Atem nahm. Er wollte sie wegstoßen, nur weg von ihr, weg von diesem Geist, der wie anbetoniert auf ihm saß und ihn ritt, er keuchte, er kämpfte, sie hielt seine Arme wie zwei Stahlklammern fest und schrie.
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Schrie kreischend, grell, triumphierend, seine Trommelfelle schienen zu platzen und während er in ihr kam, in dem letzten wilden und widerlichsten Orgasmus seines Lebens, während sich gleichzeitig sein Körper von Sperma, Urin und Kot entleerte, während sein Herz stehen blieb und ihm schwarz vor Augen wurde, schoss ihm ein letzter, sinnloser Satz durch den Kopf: „Sukkubus – Back From Hell-Tour 2007.“



Der Taxifahrer an der Würstchenbude hatte schon seinen Tag beendet, als diese heiße Blondine auf ihn zugekommen war. „Sie sind frei?“ hatte sie gefragt. „Für Sie fahre ich sogar in die Hölle“ hatte er geantwortet. Sie hatte gegrinst und gesagt: „Genau da will ich hin.“
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Kommentare zur Story:

  1. Der persönliche Hass des Autors, auf ältere korpulente Männer, springt einem förmlich ins Gesicht. Etwas arg krass, finde ich.
2. Warum konnte die Dame, welche eine Dämonin oder ähnliches ist, sich nicht selbst von den Fesseln befreien? In der Dämonenwelt lebt man doch nach dem Toyotaprinzip: "Nichts ist unmöglich".
3. Ansonsten gefällt mir die Geschichte, allein schon wegen dem Ende, mit dem nun wirklich nicht zu rechnen ist. Ich mag Geschichten die einem bis kurz vor Schluß das Gegenteil vorgaukeln und dann dem Leser das schockende Ende ins Gehirn prügeln.  
   OHEIM  -  16.11.08 04:19

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