Die Zauberin von Vreen (Prolog und 1. Kapitel)   314

Romane/Serien · Fantastisches

Von:    Robin van Lindenbergh      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 22. August 2007
Bei Webstories eingestellt: 22. August 2007
Anzahl gesehen: 1550
Seiten: 18

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Prinzen, Drachen, Kobolde, Elfen und die Studentin Fiona genau dazwischen und im Kampf gegen die Zauberin Igraine LeFey.



-- Prolog --

Nächtlicher Besuch



In einer Nacht Ende Februar sollte es in Westeuropa nicht heiß und schwül sein. Wahrscheinlich war es das auch nicht, aber trotzdem fühlte sie sich verwirrt und verschwitzt als sie aufwachte. Zumal es die völlig falsche Zeit zum Aufwachen war. Ein kurzer Blick auf das rot beleuchtete Display ihres Radioweckers bestätigte ihre Befürchtung – zwei Uhr in der Nacht. Sie musste doch morgen bei der Prüfung wach und ausgeruht sein. Es würde die wichtigste Prüfung ihres Lebens sein, die, die später darüber entscheiden würde, ob sie aus der riesigen Masse von Bewerbern ausgesucht werden würde, um einen Job zu machen, den sie liebte.

Also Augen zu und wieder einschlafen, damit sie morgen dem Prüfungsvorsitzenden nicht ins Gesicht gähnte. Sie drehte sich auf die Seite und versuchte wieder einzuschlafen, aber es nützte nichts, sie war hellwach. Resignierend drehte sie sich auf den Rücken und versuchte sich wenigstens daran zu erinnern, was sie zu so einer unmöglichen Zeit wach hielt. Prüfungsangst war es nicht, sie hatte geträumt und es war derselbe Traum – oder war es ein Albtraum? –, den sie in letzter Zeit häufiger gehabt hatte: eine Insel, eine Frau, deren Gesicht sie nicht sah, die aber teuflisch lachte, und ein Mann, an dessen Aussehen sie sich aber beim Aufwachen nicht mehr erinnern konnte. Er war verletzt und rief nach ihr, aber die Frau hinderte sie daran, ihm zu helfen. Ihr Lachen verfolgte sie bis in die Stille ihres Zimmers hinein.

„Na, prima Fiona, hast du es denn so nötig, dass du wegen irgendwelcher Phantasien von einem Kerl, deine Prüfung morgen versaust?“ sagte sie laut zu sich selbst, um die Stille zu durchbrechen. Das unheimliche Lachen verschwand, aber Schlaf fand sie dennoch nicht.

Viertel nach zwei – schon komisch, wie lange sich Minuten hinziehen konnten, wenn man die Digitalanzeige des Weckers beobachtete. Sie hatte sich gerade überlegt aufzustehen und wenigstens noch etwas Produktives mit der zusätzlichen Zeit anzufangen, als ein lautes Klopfen die Stille unterbrach. Fiona erschrak, sie wohnte alleine in einer Dachwohnung. Wer sollte bei ihr klopfen? Sie lauschte in die Stille, als sie plötzlich ein zweites Pochen hörte.
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Es war lauter als das erste und kam eindeutig vom Fenster.

Unfähig sich zu bewegen, saß sie aufrecht im Bett. Ein drittes Klopfen, noch lauter und dringlicher als die beiden zuvor. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und sie wagte kaum, zu atmen.

Ihr reichte es, irgendwer schien sich hier mit ihr einen Spaß zu erlauben. Wütend stapfte sie zum Fenster, bereit, sich mit jedem Störenfried anzulegen.

Mit einer heftigen Bewegung riss sie die Dachluke auf und taumelte zurück. Auch draußen war es fast stockfinster, aber der schwache, sichelförmige Mond warf sein Licht auf einen riesigen Schatten, der direkt auf die schmale Dachluke zusteuerte und sich an Fiona vorbei ins Zimmer schob. Sie spürte einen heftigen Windhauch, der ihr Gesicht streifte und hörte das rhythmische Schlagen von Flügeln.

Eine oder zwei Schrecksekunden brauchte sie, aber dann ließ sie sich endlich rücklings auf das Bett fallen und suchte den Lichtschalter ihrer Nachttischlampe, den Blick nicht von den bizarren Umrissen des Schattens lassend, der in der Nähe der Tür auf dem Boden gelandet war.

Als sie es endlich geschafft hatte, saß auf dem billigen Laminatboden vor ihr ein Falke, der sie aus großen braunen Augen musterte. Fiona lachte nervös um ihren Adrenalinspiegel wieder auf ein erträgliches Maß zu senken. Ihre Nerven und das Licht hatten ihr einen bösen Streich gespielt.

„Du hast mich vielleicht erschreckt. Los, husch, scht verschwinde. Das ist mein Zimmer.“

Mit ein paar energischen Handbewegungen versuchte sie den Vogel zu verscheuchen, aber das Tier blieb unbeeindruckt sitzen und beäugte sie weiter interessiert. War ein solches Verhalten normal für einen Raubvogel? Wahrscheinlich nicht, aber im Zeitalter von Lichtverschmutzung und Elektrosmog gab es wahrscheinlich kaum noch Tiere, die sich wirklich normal verhielten.

Noch nie war sie einem Falken so nah gekommen und wusste eigentlich auch nur aus einer Naturdokumentation aus dem Fernsehen, dass es sich bei dem Raubvogel um diese Spezies – genau gesagt um einen Turmfalken – handelte. Er war nicht so groß, wie die Schatten der Nacht ihr vorgemacht hatten, sondern hatte höchstens die Größe einer Gans.
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Sein Gefieder war seidig und braun schattiert bis hin zu den regelmäßigen, schwarzen Flecken auf seinem Rücken, die in den dunklen Schwanzfedern ausliefen. Im Fernsehen hatte der Falkner behauptet, diese Vögel seien intelligent und Fiona konnte ihm da nur zustimmen. In den Augen des Vogels lag ein Ausdruck von Verständnis und Wissen, dass sie fast glaubte, in die Augen eines Menschen zu sehen. Es wäre toll, ihn zu behalten, aber nein. Er war ein wildes Tier, das in die Wälder und Felder draußen vor der Stadt gehörte. Wahrscheinlich hatte er sich verflogen und litt panische Angst. Wenn sie ihn nicht selber wieder loswurde, musste sie den Tierschutzverein anrufen, damit der sich um ihn kümmerte.

Sie überlegte gerade ein Kissen nach ihm zu werfen, um ihn zu vertreiben, als etwas Unerwartetes passierte. Der Vogel hatte sich immer noch nicht gerührt und sah sie weiter aus diesen unheimlich menschlichen Augen an, als sein ganzer Körper plötzlich zu leuchten begann. Fiona glaubte zuerst an eine Sinnestäuschung, denn zunächst war es nur ein schwacher, weißer Schein, der auf den Federn ihres nächtlichen Besuchers erschien. Aber das Licht wurde immer heller und strahlte aus jeder Pore des Vogels. Es war so grell, dass sie versucht war, die Augen abzuwenden, aber sie war wie gebannt. Sie hatte keine Angst, sondern war einfach fasziniert.

Das Glühen hüllte ihn ein, umgab ihn, wie eine Aura und inmitten dieses Glanzes erkannte sie nur noch die Umrisse des Tieres, die sich zu verändern begannen. Es geschah langsam, aber doch deutlich merkbar, dass der Vogel wuchs. Der ganze Körper richtete sich auf, die ausgebreiteten Flügel wurden schmaler, das Federkleid verschwand. Endlich wurde die Gestalt eines Menschen sichtbar – eines Mannes, und je mehr er zu erkennen war, wurde auch das weiße Licht schwächer.

Als es schließlich ganz verschwunden war, stand er vor ihr mit einem gewissen selbstzufriedenen Ausdruck im Gesicht. Er hatte braunes Haar, das ein wenig altmodisch geschnitten war, aber er trug eine Jeans, ein schickes, braunes Baumwollhemd und Turnschuhe, sowie eine abgenutzte, braune Wildledertasche über der Schulter. Das Bemerkenswerteste an ihm war aber ein mannshoher, knochigen alten Wanderstab aus Holz – und natürlich die Tatsache, dass er nachts hier in ihrer Wohnung stand.

Fiona war wie erstarrt, hin und her gerissen zwischen Panik, Verwunderung, Angst und Unglaube.
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Deswegen entschied sich ihr Gehirn wahrscheinlich in diesem Moment dafür, auf völlige Leere umzuschalten. Sie war unfähig sich zu bewegen, zu schreien oder auch nur zu atmen.

Auch er rührte sich nicht, sondern sah sie weiter nur an. Aber er überwand seine Starre wesentlich schneller als sie und bevor sie sich versah, nahm er sie fast zärtlich in den Arm und drückte sie an sich.

„Du bist es wirklich. Endlich“, stieß er hervor. „Ich kann es gar nicht glauben, dass ich dich endlich gefunden habe, Milady.“

Es schien ihm nichts auszumachen, dass sie immer noch so leidenschaftlich wie eine Puppe reagierte. Dafür schob er sie wieder von sich und zog stattdessen eine goldene Uhr an einer Kette aus der Tasche seiner Hose hervor. „Zwei Uhr zweiundzwanzig. Den Göttern sei Dank, gerade noch rechtzeitig. Komm schnell, wir haben keine Zeit. Die Widersehensfeier müssen wir leider verschieben.“

Er zog sie mit Bestimmtheit vom Bett hoch und sie war viel zu verwirrt und geschockt, um sich zu wehren. Dann ging er zur Wand des Zimmers und zeichnete mit seinem Stock einen Ring auf die Mauer. Er klopfte dreimal in die Mitte und der Kreis leuchtete flammend auf. Das letzte, woran Fiona sich erinnerte war, dass er sie durch die Wand mit sich zog, dann wurde alles schwarz.



-- Teil I --



1. Die Reise nach Vreen



Was für ein verrückter Traum!

Fiona hörte Stimmen, hoch, quietschend, verzerrt, so als hätte man einen Kassettenrekorder auf doppelte Abspielgeschwindigkeit gestellt. Es waren grässliche Geräusche, die in den Ohren schmerzten, aber trotzdem öffnete sie noch nicht die Augen. Die einzige Station, die sie mit ihrem billigen Radiowecker rein bekam, spielte öfter experimentelle Musik von lokalen Größen und sie war es gewohnt, von Geräuschen von der Qualität von Fingernägeln auf Schultafeln geweckt zu werden. Außerdem stellte sie den Wecker sowieso immer zu früh ein. Meistens war sie angezogen, frisiert und zu recht gemacht, lange bevor der Bus Richtung Uni fuhr. Sie hatte Zeit und konnte noch ein wenig mit geschlossenen Augen dösen.

Die quietschenden Stimmen wurden lauter und langsam fiel ihr auf, dass dem vermeintlichen Lied jeder Rhythmus und jede Musik fehlte.
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Außerdem konnte sie nun auch mit geschlossenen Augen erkennen, dass es um sie herum hell war. Sonne fiel ihr durch die Lider.

Die Prüfung! Sie kam zu spät! Wieso war dieser blöde Wecker nicht früher losgegangen?

In voller Panik setzte sie sich auf und erschrak. Sie war definitiv nicht mehr in ihrem Zimmer!

Direkt vor ihr war ein uralter, knochiger Baum mit langen, verwachsenen und verdrehten Ästen, die sich bis über ihren Kopf erstreckten. Sie selbst saß im taufeuchten Gras einer Waldwiese, auf der überall Wildblumen wuchsen. Vorsichtig drehte sie den Kopf und erkannte dabei noch mehr Bäume um sie herum. Auf ihrer Rechten lag ein scheinbar uralter, undurchdringlicher Wald, aus dem lautes Blätterrauschen und Vogelstimmen kamen. Links von ihr erstreckte sich die Wiese, fiel ein wenig ab und bildete dann eine offene Lichtung, auf der riesige Steinquader standen und lagen. Es erinnerte sie an Stonehenge, denn auch hier hatte man aus den Blöcken Tore und Stelen gebaut.

Wie bloß war sie nach Stonehenge gekommen?

Wieder wurden die Stimmen lauter und Fiona schaffte es nun, sich ganz zu ihnen herumzudrehen. Ihr entfuhr ein Angstschrei, denn vor ihr auf ein paar flachen Felsen im Gras saßen fünf äußerst bizarren Geschöpfen. Sie waren höchstens so groß wie Hauskatzen, hatten lange, dünne Arme und Beine, graue Haut und verschlagen aussehende, schmale Augen. Einige hockten einfach so auf den Steinen, andere krochen langsam auf sie zu. Dabei beäugten sie sie von allen Seiten. Ein besonders Mutiger war ihr schon besonders nah und versuchte sogar mit seinen lagen, dünnen Fingern nach ihr zu greifen. Die Stimmen dieser Wesen waren hoch und quietschend und sie redeten ununterbrochen, obwohl keiner dem anderen zuzuhören schien.

„Schönes Menschlein, schönes Menschlein.“

„Eine Zauberin, ganz sicher eine widerliche, hinterhältige Zauberin. Pfui!“

„Hat Haare wie Kobold, das Menschlein.“

Der, der das gesagt hatte, war der, der schon die ganze Zeit mit seinen Händen immer näher kam. Jetzt war er anscheinend fest entschlossen endlich Fionas rotes Haar zu berühren und damit seine Neugier zu befriedigen. Sie war erstarrt und unfähig, sich dagegen zu wehren.
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Immer näher kamen die spinnenartigen Finger mit den spitzen Krallen, als plötzlich ein durchdringendes, bedrohliches Knurren ertönte.

Fiona löste sich von den grauen Monstern und wandte den Kopf in Richtung des Waldes, aus dessen Richtung das Geräusch gekommen war. Das dornige Unterholz krachte und knackte und dann brach daraus ein riesiges Wesen hervor. Mit einem Satz landete es direkt neben ihr und erinnerte in diesem Moment an einen gewaltigen Hund. Leider allerdings nicht an einen kleinen, niedlichen Rauhaardackel oder Pudel, sondern eher an eine Art Wolfshund. Er hatte braunes, glänzendes Fell und gewaltige Reißzähne, die nun angriffslustig gebleckt waren und aussahen, als könnten sie jedes der grauen Monster mit nur einem Biss verschlingen, aber ebenso leider auch ihren gesamten Unterarm. Drei lange, pfeilartige Schwänze peitschten hin und her und schienen ebenso als Waffe dienen zu können wie die Zähne.

Nicht nur Fiona war starr vor Schreck, sondern auch die Monster. Es kam ihr vor, als würde keins von ihnen noch atmen. Auch Fiora traute sich dies nicht, obwohl der gewaltige Hund keinerlei Interesse an ihr zu haben schien. Ganz im Gegenteil schritt er langsam knurrend und mit aufgestelltem Nackenfell zwischen sie und die Monster, als wollte er sie vor ihnen beschützen.

Es schien zu wirken, denn als er noch einen Schritt näher an die grauen Wesen herankam, löste sich endlich ihre Starre und sie stoben ängstlich quietschend auseinander und verschwanden zwischen den Bäumen. Er setzte ihnen nicht nach, sondern schien sich nur versichern zu wollen, dass tatsächlich alle verschwunden waren.

Als endlich keins der Monster mehr in Sichtweite war, atmete Fiona erleichtert durch, denn seltsamerweise hatten ihr diese fast mehr Angst gemacht als der gewaltige Hund. Zumindest bis jetzt, denn kaum hatte er seine Arbeit getan, drehte er sich zu ihr um. Sie wusste nicht viel von Hunden, aber von normalen Hunden kannte sie ihr Verhalten und Aussehen, wenn sie in Angriffsstimmung waren. Dieses Exemplar sah nun nicht mehr so aus. Seine Reißzähne waren zwar immer noch riesig und seine Krallen scharf, aber er hatte aufgehört zu knurren und auch sein Fell hatte sich wieder gelegt. Eigentlich betrachtete er sie nur, wenn auch sehr interessiert, aus dunkelbraunen Augen, in denen auch wieder etwas sehr Menschliches lag.
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Ein wenig erinnerte sie die Situation an den Vogel der vergangenen Nacht.

Trotzdem war sie sich nicht ganz sicher, ob er sie nicht doch anspringen würde, wenn sie sich nun bewegte. Sie hätte das auch ganz sicher nicht herausfinden wollen, aber ihr Arm, den sie beim Aufstehen zum Hochdrücken verwendet hatte, begann langsam einzuschlafen und dabei scheußlich wehzutun. Lange würde sie es in dieser Stellung nicht mehr aushalten.

Der Hund bewegte sich immer noch nicht, aber sie musste es nun doch. Sie hatte sich mal mit einem Schäferhundzüchter unterhalten, der behauptet hatte, dass man nur keine Angst zeigen dürfte und dabei die Augen des Hundes fixieren sollte, bis er wegsah.

Also versuchte sie genau das, aber dieser Monsterhund hatte leider nicht denselben Züchter gehabt. Gespannt beobachtete er, wie sie ganz langsam ihr Gewicht auf den anderen Arm verlagerte und sich vorsichtig zuerst in eine bequemere Sitzposition und dann in die Hocke hochstemmte.

Erneut kam er auf sie zu und war jetzt kaum noch zwei Meter von ihr entfernt. Er hatte nicht wieder angefangen zu knurren, aber dennoch hätte sie in diesem Moment wohl alles für eine Dose Pfefferspray getan. Vorsichtig tastete sie um sich, um vielleicht einen Stock zu finden, mit dem sie sich den Hund vom Hals halten konnte und berührte plötzlich mit ihren Fingern etwas Kaltes aus blankem Metall. Eilig tastete sie daran entlang und musste als erstes schmerzhaft feststellen, dass es ein sehr scharfer Gegenstand war. Vielleicht war es ein breites Messer oder – ihre Finger fanden einen Leder umwickelten Griff und sie zog es nach vorne – ein Schwert?!

Beinahe hätte sie wieder ihr Gleichgewicht verloren, denn in ihrer Hand lag ein langes, schweres Schwert aus blankem Metall. Seine Klinge war mit verschnörkelten Schriftzeichen in goldener Farbe verziert und auf dem Griff befand sich ein Muster aus verschiedenen Edelsteinen.

Der Moment der Verwunderung verging schnell, denn der riesige Hund hatte ihre Waffe auch bemerkt und wich einen Schritt zurück. Verständnislos sah er sie an. Sofort kam ihr Selbstbewusstsein zurück und endlich schaffte sie es, vollständig aufzustehen, das Schwert in beiden Händen.

„Jetzt versuch mal mich zu fressen, du Köter!“ drohte sie dem Hund.
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Immer noch musterte er sie mit demselben Blick und immer noch erinnerte sie die Szene an ihr Zusammentreffen mit dem Vogel in der Nacht zuvor. Besonders, da sich auch der Hund in diesem Moment in weißes Licht hüllte, das so grell war, dass Fiona die Augen zukneifen musste.

Kaum war das Licht verschwunden, stand wieder derselbe junge Mann wie am Abend zuvor direkt vor ihr. „Hey, was soll das? Ich dachte du magst Tarks lieber als Spriggans“, beschwerte er sich.

Sie ließ die Waffe nicht sinken. „Ich mag lieber was als was?“

„Ich verstehe ja, dass man Spriggans lieber schnell vergisst. Diese kleinen, grauen Mistviecher vermisst die Menschenwelt bestimmt nicht. Aber Tarks? Du weißt doch, groß, niedlich, wuschelig. Wedeln gerne mit ihren drei Schwänzen und haben Spriggans zum Fressen gern.“

Endlich verstand sie, was er meinte. Obwohl das nicht das Geringste erklärte und vor allem nicht, warum sie hier war und wo verdammt hier überhaupt war. Hatte man sie entführt? Aber was sollte man von ihr schon wollen? Sie war weder reich, noch waren ihre Eltern irgendwie bedeutend.

„Wer bist du? Wo bin ich und was mache ich hier?“

„Deinen Sinn für Humor habe ich wirklich vermisst. Und jetzt gib mir mein Schwert, bevor du dir wieder damit wehtust.“ Auffordernd streckte er die Hand aus.

Aber sie dachte gar nicht daran sich von ihrer einzigen Waffe zu trennen, obwohl sie nicht die geringste Ahnung hatte, wie man ein Schwert überhaupt zu halten hatte und außerdem wurde das Ding langsam schwer.

„Kommt gar nicht in Frage. Du hast mich schließlich entführt.“

Er zuckte mit den Achseln. „Unsere Widersehensfeier hatte ich mir anders vorgestellt, aber gut, behalt es, aber sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. Hast du Hunger, Milady?“ Das Schwert völlig ignorierend, begann er aus seiner Tasche Lebensmittel auszupacken und machte es sich dann am Stamm des alten Baumes gemütlich. „Komm setz dich, iss“, forderte er sie auf.

Eigentlich wollte sie nur nach Hause, hatte aber nicht die geringste Ahnung, wo das sein mochte. Sie sah sich um, aber ihr kam nichts auch nur annähernd bekannt vor.

Weit am Horizont hinter dem Steinkreis erkannte sie jetzt ein paar Gehöfte mit merkwürdig schiefen, Stroh gedeckten Häusern.
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Zu weit weg, als dass man sie gehört hätte, wenn sie um Hilfe rief. Aber jetzt, wo sie alle Trümpfe in der Hand hatte, konnte sie genauso gut versuchen herauszubekommen, was hier gespielt wurde.

Ihn nicht aus den Augen lassend setzte sie sich endlich wieder hin und war froh, ihre Hände vom Gewicht des Schwertes entlasten zu können. Jetzt hatte sie Zeit, sich ihren Entführer näher anzusehen. Eins musste sie zugeben, er sah gut aus. Wie auch als Vogel oder Tark hatte er als Mensch wunderschöne, tiefbraune Augen, die genau die Farbe seines Haares hatten. Sein Gesicht war fein geschnitten und seine Augen und sein Mund umspielte ein charmantes Lächeln. Er trug jetzt auch nicht mehr die Jeanshose und das Baumwollhemd der letzten Nacht, sondern einfache braune Kniebundhosen, hohe Stiefel, ein helles Hemd und darüber eine dunkelgrüne Weste. Überall sonst hätte er wohl in diesen Kleidern ausgesehen als wäre er fehl am Platze, aber nicht hier, er passte in diese mittelalterliche Landschaft.

„Das hat dich ganz schön mitgenommen, oder? Ich bin nur froh, dass wir es nicht auch noch mit ihren Spionen zu tun bekommen haben.“ Endlich hörte er auf, seine Tasche auszupacken und blickte sie sehnsuchtsvoll an. „Ich bin so froh, dass ich dich endlich wieder gefunden habe, Milady. Du warst zu lange fort.“

Auf jeden Fall bildete er sich ein sie zu kennen, obwohl er ihr wenig mehr als vage bekannt vorkam. Sie war hier an einem fremden Ort, mit einem fremden und wahrscheinlich verrückten Mann, seltsamen Wesen und – was ihr erst jetzt auffiel – trug Kleidung, die nicht ihre eigne war: Wildlederhosen, leichte Fellstiefel, ein beigefarbenes Hemd und darüber einen Lederwams. Ihre langen, lockigen, roten Haare waren zu einem Zopf geflochten. Verwundert sah sie an sich herunter.

„Ich hoffe, dir gefällt, was ich für dich als Reisekleidung gewählt habe, Milady“, sagte er, als er ihren Blick bemerkte und der Gedanke, dass er ihr das angezogen haben musste, beunruhigte sie seltsamerweise überhaupt nicht. Dann bekam er wieder denselben sehnsuchtsvollen Ausdruck. „Ja, es ist schön, dich endlich wieder gefunden zuhaben.“ Stürmisch schloss er sie in die Arme und für einen kurzen Moment ließ sie es sich sogar gefallen. Aber dieser Augenblick war schnell vorbei, denn schließlich hatte er sie gekidnappt.
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Wütend stieß sie ihn von sich, wofür sie einen verständnislosen Blick erntete.

Trotzdem hatte er ihre Unaufmerksamkeit genutzt und sich wieder das Schwert angeeignet. Langsam schob er es in eine schlichte Lederscheide an seinem Gürtel zurück.

Sie hatte ihre einzige Chance vertan. Jetzt war sie ihm ausgeliefert und das machte sie wütend. „Lass mich los! Wovon redest du denn überhaupt? Wieso wieder gefunden? Und wieso nennst du mich die ganze Zeit Milady?“

„Du machst keine Witze, oder?“ Sein Blick wurde plötzlich ernst. „Du meinst, du weißt gar nicht mehr, wer du bist?“

„Ich weiß genau, wer ich bin: ich bin Fiona DeWitt. Ich bin Studentin und verpasse deinetwegen gerade die wichtigste Prüfung meines Lebens. Und wenn du deine Milady gesucht hast, dann hast du die Falsche erwischt.“ Sie war laut geworden und merkte, dass sie hysterisch zu werden drohte.

„Ich würde dich doch nie mit jemandem verwechseln. Du bist es. Ich wusste nur nicht, dass sie dir auch deine Erinnerungen genommen hat. Jasmina hatte also doch Recht. Aber wie sonst hätte sie dich sonst so lange von hier fern halten sollen?“ Er schien mehr mit sich selbst als mit ihr zu reden.

„Wer meinst du denn, wer ich sein soll?“ fragte sie und versuchte sich wieder etwas zu fangen.

„Du bist Lady Fiora von Avalon, Erbin des Hauses Merlin, Oberste Magierin von Vreen und... Prinzessin dieser Insel“, erklärte er ihr.

„Mach mal halblang. Mein Name ist Fiona und nicht Fiora, Fiona DeWitt, und wie schon gesagt bin ich weder eine Lady, noch eine Prinzessin und eine Magierin bin ich schon dreimal nicht. Ich bin Studentin, ich will Anwältin werden.“

„Ich kann nicht glauben, dass du dich an gar nichts mehr erinnern kannst. Weißt du wenigstens, wo du hier bist?“

Sie schüttelte den Kopf. „Sieht aus wie in einem Märchenbuch.“ Tatsächlich sahen einige der knorrigen Bäume in der Nähe so aus, als würden sie jeder Zeit das Sprechen anfangen und ein Bild der Häuser hätte im Lexikon gut zum Eintrag „Hexenhaus“ gepasst.

„Fast, du bist hier in Vreen, auf der Insel der Magie.“

„Magie?“ Ihr Ton musste ungläubig klingen.
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„Mir scheint, dass ich wohl ganz weit ausholen muss, damit du dich wieder erinnerst. Du weißt hoffentlich noch, wer der Merlin und Morgain LeFey sind?“ Er lehnte sich gemütlich an den Baum hinter sich und schien sich damit auf eine längere Erklärung einzustellen.

„Merlin? Das war doch ein Zauberer in der Artussage und Morgain LeFey? War das nicht die böse Hexe in der ganzen Geschichte?“ Sie hatte diese alten Geschichten immer gemocht und eine kleine Märchenstunde konnte wohl nicht schaden.

„Soweit richtig“, begann er seine Erzählung. „Aber Morgain war nicht von Anfang an böse, denn sie war König Artus’ Schwester. Der Merlin traf sie daher in Camelot und erkannte ihr magisches Talent. Deshalb bildete er sie zu seiner Gehilfin aus und mit der Zeit verliebte er sich sogar in sie. Er liebte sie sehr und schließlich bekam sie Kinder von ihm, Zwillinge. Doch bei alldem erkannte er nicht, dass Morgain kaum etwas mehr liebte als Macht. Sie wollte herrschen und das um jeden Preis und sah nur in der dunklen Magie eine Chance das zu erreichen. Der Merlin und ihre Töchter Tara und Keyla sollten ihr dabei helfen erst Avalon und dann sowohl Vreen als auch die Menschenwelt unter ihre Kontrolle zu bringen, aber gerade noch rechtzeitig erkannte der Merlin was sie vorhatte und stellte sich ihr entgegen. Leider hatten die dunklen Mächte sie stark gemacht, aber er schaffte es dennoch ihr seine Tochter Tara zu entreißen und mit ihr hierher zu fliehen. Vreen ist eine Welt voller Magie und so gelang es Morgain nicht, es zu erobern oder hier ihr Kind aufzuspüren. Tara wuchs hier auf und wurde eine mächtige Zauberin. Zusammen mit den fünf Magiern von Vreen verteidigte sie das Reich gegen die Angriffe ihrer Mutter und ihrer Schwester. Morgain wollte Vreen und seine Macht besitzen und ihre Nachkommen wollen es heute noch.“ Er wartete, um zu sehen, ob sie ihm noch folgte oder sich ein Funken des Erinnerns zeigte.

„Und was hat das alles mit mir zu tun? Das muss doch ewig her sein“, fragte sie ungeduldig.

„Du hast Recht, das ist schon ein Weilchen her, so etwa 1500 Jahre. Tara ist hier in Vreen sesshaft geworden und hat eine Familie gegründet. Die Magie wurde dabei von Generation zu Generation weitergegeben und vermischte sich mit der Macht von Vreen. Du bist eine direkte Nachfahrin von Tara und damit Erbin der Macht des Merlins.
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Aber leider wurde auch die andere Seite immer stärker. Bei deinem letzten Kampf gegen die Zauberin Igraine,... erwischte sie dich... Sie konnte dich zwar nicht töten, aber sie konnte dich aus Vreen verbannen und in die andere Welt bringen und zwar genau für zwei Jahre, zwei Monate, zwei Tage, zwei Stunden und zwei Minuten. Also bin ich in die Menschenwelt gereist, um dich zurückzubringen. Gerade noch pünktlich habe ich dich gefunden, denn die zwei Jahre waren genau gestern Nacht um 2.22 Uhr vorbei. Ich habe so lange nach dir gesucht. Dass ich es überhaupt rechtzeitig geschafft habe, ist ein Wunder.“

„Aber ich kann mich an mein ganzes Leben erinnern. Auch an meine Kindheit und Jugend.“ Fiona wunderte sich über sich selbst, dass sie ihm so geduldig zuhörte, er war offensichtlich nicht ganz richtig im Kopf, ein verrückter Spinner, über die man so viel in der Zeitung las.

„Das ist Magie und nicht so einfach. Tatsächlich hast du bis vor zwei Jahren hier bei uns gelebt.“

Jetzt stand definitiv fest, dass er verrückt war. Wütend sprang sie auf und stapfte davon. „Bring mich sofort wieder nach Hause, du musst doch irre sein oder ist das ein blöder Scherz? Dann kann ich aber gar nicht darüber lachen.“

Fast erwartete sie, dass er ihr nachlief, aber er tat es nicht und ließ sie einfach gehen. Aber schon nach wenigen Schritten wusste sie auch warum. Sie hatte keine Ahnung, wohin sie gehen sollte. Zwar gab es diese Hütten am Horizont, aber die sahen nicht nach normalen Bauernhäusern aus. Was mochten dort erst für Leute oder Schlimmeres leben?

„Ich habe dir gesagt, dass das hier ein magischer Ort ist. Vieles ist nicht so, wie es auf den ersten Blick scheint“, rief er ihr nach als hätte er ihre Gedanken erraten.

Er hatte Recht und sie brauchte ihn, um wieder heim zu kommen. „Bring mich nach Hause“, forderte sie ihn nochmals auf.

„Kann ich nicht, denn du bist zu hause.“

„Bin ich nicht und jetzt bring mich sofort dahin, wo du mich entführt hast.“

„Selbst wenn ich wollte. Das Tor ist zu.“

„Zu? Was soll das heißen?“

„Es funktioniert nur alle zwei Tage, nachts um 2.22 Uhr. Darf ich jetzt bitte fortfahren, wir haben es eilig.“ Sie setzte sich vorerst wieder hin und er nahm das als Ja.
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„Also, i... wir haben gedacht, dass dir nur die magische Kraft geraubt worden ist, sonst hätte ich dich nie so einfach entführt, Milady. Aber jetzt, wo du dich an nichts erinnern kannst, ist die Lage ein bisschen komplizierter. Wir brauchen dich und deine Magie. Igraine kommt langsam wieder zu Kräften und ohne dich reicht die Macht der anderen Magier nicht mehr lange aus.“ Er sprang auf. „Wir müssen nach Vreen und die Magier um Rat fragen.“ Eilig begann er ihre Sachen einzupacken.

„Ich dachte, wir sind schon in Vreen“, wunderte sie sich.

„Wir sind auf Vreen Eilean, also der Insel Vreen und müssen nach Vreen Baile, unsere Hauptstadt“, erklärte er.

„Nehmen wir an, ich würde dir glauben“, sagte sie vorsichtig, „dann hätte ich noch eine Frage an dich... Wer bist du eigentlich?“

Er stoppte mitten in der Bewegung, als ihm klar zu werden schien, dass sie das ja auch nicht mehr wissen konnte. Mit einer tiefen Verbeugung stellte er sich vor: „Ich bin Leonas von Vreen. ... Man könnte wohl sagen, ich gehöre zum königlichen Hof. Stets zu Diensten, Milady.“

Die höfische Art und die tiefe Verbeugung ließen sie lächeln. Er war bestimmt der höflichste, irre Entführer aller Zeiten. „Es freut mich sehr deine Bekanntschaft zu machen – oder, wieder zu machen. Aber bitte, hör mit dem Milady auf.“

Völlig unverständig sah er sie an. „Früher hast du das gemocht.“

„Aber daran kann ich mich nicht erinnern und... es ist mir unangenehm. Nenn mich Fiona, oder von mir aus auch Fiora, wenn’s denn unbedingt sein muss.“



Nicht, dass Fiona ihrem merkwürdigen Entführer auch nur ein Wort glaubte. Zu seltsam und fragwürdig war seine Geschichte, eine Mischung aus der Artussage und den Legenden über Avalon. Aber auch sie hatte die Wesen gesehen, die er Spriggans genannt hatte, und konnte sich nicht erklären, wie sie an diesen merkwürdigen Ort gekommen war. Sie hatte noch nie von einem zweiten Steinkreis wie Stonehenge gehört und an dem Original in England war sie schon gewesen. Dort befand sie sich eindeutig nicht. Die Steine hier sahen neuer und gepflegter aus als die verfallenden Ruinen bei Salisbury.

Vielleicht war sie auf den Kopf gefallen oder man hatte sie unter Drogen gesetzt und dies war ein ganz seltsamer Trip, aus dem sie bald mit fürchterlichen Kopfschmerzen erwachen würde.
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So ähnlich wie damals auf der Mensaparty als Peter sie überredet hatte, einen Joint mit ihm zu rauchen. Auch damals hatte sie merkwürdige Bilder gesehen, aber nichts war ihr so real erschienen.

Außerdem wusste sie nicht, wo sie hin sollte, sie kannte ja weder das Land noch sonst irgendjemand, also entschloss sie sich, mit ihm zu gehen und im unwahrscheinlichen Fall, dass er doch die Wahrheit sagte, könnten sie diese mächtigen Zauberer sicher nach hause zurückbringen und dieses Tor wieder öffnen, sobald er merkte, dass er doch die Falsche entführt hatte.

Schnell hatte er ihre paar Habseeligkeiten in seiner Umhängetasche verstaut und führte sie dann auf eine staubige Straße, die sich in Richtung Nordosten davon schlängelte. Anfangs konnte sie gut mit ihm mithalten, aber nach einer Weile merkte sie, dass sie so viel Laufen gar nicht gewohnt war und fiel zurück. Er hatte die ganze Zeit nichts mehr gesagt und sie nicht angesehen, aber als er merkte, dass sie langsamer wurde, nahm auch er sein Tempo zurück.

„Gibt’s bei euch denn keine Autos?“ beschwerte sie sich.

„Autos? Ach ja, die Dinger habe ich gesehen. Nein, so was will hier keiner. Wenn man irgendwohin will, dann zaubert man sich dahin oder man reitet, nimmt eine Kutsche oder man geht zu Fuß.“

„Hast du denn keine Kutsche?“

„Ich hatte ja gedacht, du könntest uns nach Vreen zaubern und habe deshalb keine mitgebracht.“

„Und warum zauberst du uns nicht dahin, wo wir so dringend hin müssen?“

„Oh, ich bin kein Zauberer, ich habe nur vom Rat der Magier diesen Stab bekommen, um dich besser beschützen zu können.“ Er wies auf den mannshohen, knochigen Stab, den er schon in der Nacht zuvor bei sich gehabt hatte und den er jetzt geschultert hatte. „Er erlaubt es mir auch, mich zu verwandeln, um den Feind zu täuschen. Du bist das mächtigste magische Wesen dieser Insel, wenn du wolltest, könntest du uns in Sekunden zum Palast bringen.“

„Kannst du mir nicht zeigen, wie man zaubert? Vielleicht erinnere ich mich dann“, zog sie ihn auf.

Er begann laut zu lachen. „Das ist ein Witz. Wenn ich jemandem erzähle, dass Fiora von Avalon mich gefragt hat, wie man zaubert.
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Das glaubt mir keiner. Pelleas lacht sich tot.“

Wie konnte er es nur wagen, sie auszulachen? Fiona war beleidigt, denn schließlich war sie auf seine Geschichte eingegangen.



„Früher haben wir uns nie so lange angeschwiegen.“ Es war tatsächlich das erste, was er nach einer langen Zeit des gemeinsamen Schweigens sagte.

Die ganze Zeit waren sie einfach so nebeneinander hergegangen, während die Sonne weiter am Himmel emporstieg. Sie kamen gut voran, obwohl er sein Tempo ihretwegen hatte drosseln müssen und langsam hatte sich die Landschaft um sie herum etwas verändert. Aus lichten Wäldchen waren dichte und dunkle Wälder geworden, in denen sich hin und wieder kleine und große Tiere bewegten und die ab und an freien Lichtungen und Feldern wichen. Jenseits des Weges sah Fiona oftmals kleine Häuschen oder Siedlungen, aber nie begegnete ihnen ein Wanderer oder ein anderer Einwohner dieses Landes.

Manches kam ihr tatsächlich etwas bekannt vor, aber wahrscheinlich nur, weil es hier für eine Magierinsel schrecklich gewöhnlich aussah. Nirgendwo schwebten Elfen herum und kein Baum fing plötzlich an zu sprechen. Sollte sie tatsächlich in einer Zauberwelt sein? Dann war daran außer ein paar Giftzwergen jedenfalls nicht viel Magisches.

Leonas hatte sie aus ihren Gedanken gerissen. „Ich schweige dich nicht an, ich denke nach.“

Er lächelte hintergründig. „Ach ja, worüber denn?“

„Was denkst du wohl? Über dieses Land, diese Fiora, meine Entführung und meinen Entführer.“

Er blieb kurz stehen. „Du denkst über mich nach?“ Es klang erstaunt.

„Natürlich. Dir verdanke ich schließlich diesen ganzen Schlamassel und trotzdem weiß ich nicht mehr über dich als deinen Namen.“

„Es gibt kaum jemanden, der mehr über mich weiß als du.“

„Wenn ich recht habe, liegst du damit völlig falsch und ich sehe dich heute zum ersten Mal, und wenn du recht hast, dann müsste es zumindest wusste heißen und nicht weiß.“

„Du warst schon immer ein Besserwisser, schon als Kind. Und übrigens habe ich Recht.“

„Das werden wir ja noch sehen.“ Diese Zauberer in Vreen würden ihm schon noch beweisen, dass er sich irrte.
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„Aber bis dahin, möchte ich schon etwas mehr über meine Reisebegleitung wissen. Also, wer bist du, Leonas von Vreen? Bist du adelig?“

„Wie kommst du denn darauf?“

„Wegen diesem ‚von’.“

„Das bedeutet nur, dass ich in Vreen geboren wurde, genauso wie du von Avalon heißt, weil du dort zur Welt gekommen bist. Jeder heißt hier von. Was willst du noch wissen?“

„Alles. Was machst du beruflich, wenn du nicht gerade Frauen kidnappst? Hast du Hobbys? Hast du eine Freundin?“ Das letzte war ihr herausgerutscht, obwohl ihr auf einmal auffiel, dass es sie wirklich interessierte.

Er bemerkte es. „Mein Beruf? Ich arbeite, könnte man sagen, für den König und den Prinzen und in den letzten zwei Jahren hatte ich keine Freizeit, weil ich nach dir gesucht habe.“

„Und deine Freundin? Oder Frau?“

„Sagen wir es mal so, es gibt in meinem Leben eine Frau, die mir sehr viel bedeutet.“

Fiona war etwas enttäuscht, obwohl sie nicht wusste, warum. „Und wie ist sie so?“

Gerade setzte er zu einer Antwort an, als es direkt vor ihnen im Gebüsch zu rascheln begann. Zweige und Äste knackten und brachen und dann standen plötzlich drei zerlumpte Gestalten direkt vor ihnen auf dem Weg. Jetzt wusste Fiona, dass sie sich nicht mehr in ihrer Heimat befand, denn das, was da vor ihr stand, waren eindeutig keine Menschen.

Das erste Wesen war nur halb so groß wie sie und steckte in einer alten, stinkenden und zerrissenen Jacke, die früher wahrscheinlich einmal farblich zu ihrem zerbeulten Hut gepasst hatte. Jetzt war sie schmutzig grau-braun. Darunter schaute nur wenig von einem Körper heraus, der sehr an eine riesige Ratte erinnerte. Spitze Klauen, ein langer, unbehaarter Schwanz, und ein breites Maul, aus dem eine Pfeife heraushing, waren das einzige, das Fiona von ihm sehen konnte.

Auch so etwas wie das zweite Wesen war ihr noch nicht untergekommen. Es war riesig, bestimmt drei Meter hoch, und bis auf einen Lendenschurz war sein behaarter Körper völlig nackt. Dafür war es mit einer schweren Keule bewaffnet und grinste die beiden Wanderer mit spitzen Zähnen und böse funkelnden Augen an.

Nur das dritte Wesen kam Fiora bekannt vor, auch wenn sie sich einen Elf immer ganz anders vorgestellt hatte.
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Er hatte irisierend schimmernde Flügel, war aber fast so groß wie sie und hatte in keiner Weise einen magischen Schein an sich. Trotzdem hätte man ihn nach der Begegnung mit Wasser und Seife und vielleicht einer Bürste bestimmt als schön bezeichnet, denn sein Gesicht war unter einer dicken Schmutzschicht als sehr ebenmäßig und fein geschnitten zu erkennen. Er war mit einem langen Stab und mehreren Messern bewaffnet.

„Ich weiß, es klingt abgedroschen, aber Geld oder Leben!“ forderte das Rattenwesen, während der Elf und der Riese Leonas und sie mit ihren Waffen bedrohten.

„Keins von beiden, Fierdarg“, entschied Leonas und schob Fiona hinter sich.

„Leonas, was soll das, bist du lebensmüde?“ zischte Fiona, denn nach ihrer Einschätzung hatten sie keine Chance gegen die drei. Alleine die Fäuste des Riesen sollten ausreichen, um sie zu zerquetschen, von seiner Keule und seinen Freunden mal ganz abgesehen.

„Ja, Leonas, bist du lebensmüde?“ erkundigte sich der Elf mit einem dreckigen Grinsen.

„Lass mal, ich weiß schon, was ich tue“, versuchte Leonas sie zu beruhigen.

„Ach ja, hast du die Keule von dem Typen gesehen?“ Wollte er ihr etwas beweisen, oder hing man in Vreen einfach nicht so sehr am Leben?

„Ich würde denen ja gerne unser Geld geben, ich habe aber keins“, erklärte er stattdessen.

Das Wesen, das er Fierdarg genannt hatte, hatte es gehört. „Wie, du hast kein Geld?“

„Das macht Pel aber sauer“, sprach der Riese mit tiefer und unheimlich grollender Stimme.

„Verdammt, nicht schon wieder! Hat denn heute keiner mehr was dabei? Was ist denn nur los mit den Wanderern heutzutage?“ ereiferte sich der Elf.

„Jetzt reiß euch aber mal zusammen, Tanne, Pel“, fuhr der Fierdarg sie an. „Merkt ihr denn nicht, wenn euch einer hinters Licht führt? Schaut euch doch nur mal seine Waffe an.“

Die drei Straßenräuber begutachteten Leonas noch einmal genauer und blieben mit ihren Blicken an seiner Schwertscheide hängen, aus der der fein verzierte Griff der Waffe herausschaute.

„Hey, du hast recht“, freute sich der Elf und erleichterte Leonas augenblicklich um sein Schwert, das er sofort zu untersuchen begann.
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„Alleine dafür bekommen wir in Cres schon ein Vermögen.“

Jetzt hatten sie gar keine Chance mehr sich zu verteidigen. Fiona schwante Übles, nun würden die Räuber sie ganz sicher umbringen und ihre Überreste den Waldtieren als Nahrung hinterlassen. Ihr blieb jetzt nur noch die Hoffnung, dass sie sich tatsächlich in einem sehr irren Traum befand.

„Tja, jetzt hast du gar nichts mehr, um dich zu verteidigen“, wandte sich der Fierdarg an Leonas.

„Das ist so nicht ganz richtig“, korrigierte der ihn und wog seinen magischen Stab in der Hand.

Richtig, die Sache mit der Magie. Das hatte Fiona ganz vergessen. Ganz sicher konnte Leonas mit Hilfe des Stabes die drei Räuber in irgendetwas verwandeln oder sie sonst irgendwie aufhalten.

„Damit? Du willst dich und dein Weib damit verteidigen?“ Der Fierdarg betrachtete den Stab abschätzig und begann dann ein scheußliches Lachen, in das auch seine Kumpane einfielen. „Für was hältst du dich, einen Magier?“

„Nein, ich kann nur ziemlich gut mit solchen Dingen umgehen.“

Damit hatte Leonas nicht übertrieben. Schneller, als die drei Räuber überhaupt reagieren konnten, hatte er den Stab ergriffen und mit einem enormen Schlag dem Riesen die Keule aus der Hand geschlagen. Der war darüber so perplex, dass er völlig vergaß zu reagieren und nur dabei zusah, wie Leonas mit dem nächsten Hieb sein Schwert von dem Elfen zurückbekam. Eine letzte Drehung beförderte den Fierdarg ins nächste Gebüsch. Die beiden anderen starrten ihn weiter völlig fassungslos an, bevor sie sich entschieden, die feige Flucht zu ergreifen. Verfolgt von dem ramponierten Fierdarg schlugen sie sich wieder ins Unterholz.

Entschieden schob Leonas sein Schwert wieder in die Scheide. „Ich mag es nun mal nicht, wenn andere mein Schwert anfassen. Es ist ein Familienerbstück.“

Fiona starrte ihn einen Augenblick lang genauso an wie die Räuber eben. „Und ich dachte, so etwas gibt es nur im Film. Du hättest mir ruhig sagen können, dass du das kannst.“

„Ich dachte, du wusstest das“, sagte er grinsend. „Verrate bloß den Magiern nicht, wozu ich ihren Stab verwendet habe. Die machen dafür einen Spriggan aus mir.“

Ungerührt nahm er seinen Weg wieder auf.
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„Jetzt weiß ich auf jeden Fall eine ganze Menge mehr über dich“, stellte sie nach einer Weile fest.“

„Ach ja, was denn?“

„Ich weiß, dass du ziemlich gut mit Waffen umgehen kannst, dass du ein bisschen lebensmüde bist und dass du anscheinend gerne völlig ohne Geld auf Reisen gehst.“

„Tja, ich glaube viel mehr gibt es über mich gar nicht zu wissen.“
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